Vierundzwanzigstes Kapitel.

[337] Das Glück hatte mir nun schon so lange gelächelt, und ich sowohl wie meine alte Pflegerin, die ja von jedem Erwerb ihren bestimmten Teil erhielt, hatten nun soviel zurückgelegt, daß jetzt selbst die letztere davon zu reden begann, wir möchten uns von unserem Beruf zurückziehen, mit dem Erworbenen uns zufrieden geben, und ihn in Ruhe genießen. Aber nun war ich es, die, ich weiß nicht von welchem bösen Geiste getrieben, von solchen Vorschlägen nichts wissen wollte ... so wenig wissen wie meine alte Pflegerin früher, wenn ich ihr mit ähnlichem gekommen. Ja, ich glaube, ich gab innerlich überhaupt jeden Gedanken daran auf, daß ich mich von meinem Berufe zurückziehen könnte und je würde. Immer verwegener wurde mein Wagemut, immer härter mein Gewissen, und meine Erfolge machten meinen Namen so berühmt, wie es ein Dieb nur werden kann.[338]

Um nur eines zu erwähnen: ich ging jetzt sogar so weit, daß ich ein und denselben Streich – wenn auch natürlich stets in anderem Kostüm – an ein und demselben Orte wiederholte. Ich wußte, daß das unklug, ja, wahnsinnig war. Aber ich tat's. Und nicht ein einziges Mal schlug mir's übel aus.

Ich will Ihnen jetzt noch einige weitere Abenteuer erzählen:

Es war Sommerszeit. Die besten Herrschaften hatten London verlassen, Fremde kamen nach England herüber, Tunbridge, Epsom und derartige Orte waren sehr besucht, in der Stadt aber waren die Menschen, wie angedeutet, dünn gesäet und mein Gewerbe litt darunter naturgemäß, wie jedes andere. Ich schloß mich deshalb gegen Herbst einer Bande an, die gewöhnlich jedes Jahr nach Sturbridge und von da nach Bury zum Jahrmarkte ging. Wir versprachen uns alle goldene Berge; als ich mir die Lage der Dinge jedoch an Ort und Stelle ein wenig näher und in ihrer Wirklichkeit ansah, wurde mir sehr bald klar, daß hier einfach so gut wie nichts zu holen sei. Außer kleinen Taschendiebereien war überhaupt keine Möglichkeit da, etwas zu erwischen; und wenn man nun glücklich so eine lumpige Beute gemacht hatte, so war es obendrein noch sehr schwer, sie glücklich beiseite zu bringen. Der ganze Ertrag der Reise war denn auch nur eine einzige goldene Uhr auf dem Jahrmarkte zu Bury und ein großes Paket Leinwand in Cambridge.

Mit diesen beiden Abenteuern verhielt sich's so:

In Cambridge kaufte ich in dem Laden eines Leinwandhändlers ein Stück feines holländisches Leinen, im Werte von ungefähr 7 Pfund, und ließ es in das Gasthaus schicken, in dem ich am Morgen unter der Angabe Wohnung genommen, ich wolle dort übernachten. Dem Verkäufer sagte ich, er möge mir die Sachen dann und dann in mein Gasthaus schicken, ich würde sie dort bezahlen, da ich nicht so viel Geld bei mir hätte. Zur bezeichneten Stunde wurden sie denn auch gebracht, und als die Magd des Wirtes den Boten, einen jungen Burschen, zu[339] mir führte, sagte ihm vor meiner Zimmertür eine Angehörige unserer Bande, die die Rolle meiner Magd übernommen hatte, ich hätte mich gerade niedergelegt und schlafe; wenn er jedoch die Sachen dalassen wolle, könne er in einer Stunde wiederkommen: dann wäre ich wach und würde ihn bezahlen. Der Bursche ließ das Paket auch bereitwilligst da und ging seiner Wege. Ich aber machte mich sofort mit dem Paket und meiner »Magd« auf und davon, und kam noch am selbigen Abend mit dem fälligen Postwagen, der glücklicherweise nicht ganz besetzt war, in Bury an. Dort hatte ich dann in einem kleinen Tanzhause mein Abenteuer mit der goldenen Uhr. Die gute Dame, der ich sie abnahm, war nicht nur ganz verboten lustig, sondern sogar ein wenig beschwipst, was mir meine Arbeit natürlich wesentlich erleichterte.

Mit dieser geringen Beute begab ich mich, nachdem ich mich von unserer Bande getrennt hatte, nach Ipswich und von da nach Harwich, wo ich mich in einem Gasthaus unter der Angabe einlogirte, ich sei eben von Holland angekommen. Ich zweifelte nicht, daß die Fremden, die dort täglich landeten, mir Gelegenheit zum Erwerb bieten würden. Ich fand jedoch, daß sie keinerlei Wertsachen bei sich hatten, oder wenigstens nicht an sich trugen; sie mußten dieselben wohl in ihren Reisesäcken mit sich führen – und diese waren leider stets von einem aus der Dienerschaft bewacht.

Trotzdem gelang es mir, einen dieser Säcke an mich zu bringen, und zwar war es ein Gepäckstück, das einem Herrn zugehörte, der das Zimmer, das neben meinem lag, bewohnte. Als dieser Herr nämlich einmal für einige Stunden ausging, nahm der Diener die Gelegenheit wahr, um sich sinnlos zu betrinken. Die Tür des Zimmers stand halb offen und als ich zufällig vorüber kam, sah ich, wie dieser Kerl von Diener laut schnarchend am Boden neben dem Gepäck lag. Ich schlüpfte nun schnell in das Zimmer und schleppte den größten Sack mit vieler Mühe und auch einigem Geräusch in mein Zimmer hinüber.[340]

Darauf begab ich mich auf die Straße, um zu sehen und zu überlegen, ob sich nun auch eine Möglichkeit böte, den Reisesack aus dem Gasthaus hinaus und nach London zu schaffen.

Die Stadt war klein und ich vollständig fremd in ihr. Nachdenklich wandelte ich durch ihre Straßen: es wollte und wollte sich kein Ausweg auftun. Und schon gedachte ich Kehrt zu machen und den Sack dem betrunkenen Diener wieder ins Zimmer zurückzuschaffen, als ich zufällig hörte, wie ein Mann einige Leute zur Eile antrieb: die Flut sei da und gleich gehe das Boot ab.

Ich fragte schnell: »Welches Boot?«

Worauf er antwortete: »die nach Ipswich bestimmte Wherry.«

»Wann fahrt ihr denn ab?«, fragte ich weiter.

»Gleich! sofort!« entgegnete er, »wollen Sie noch mit?«

»Gewiß,« erwiderte ich, »wenn ich noch Zeit genug habe, meine Sachen zu holen.«

»Wo sind die denn, Madam?«, fragte er.

»In dem Gasthause zu den drei Raben« sagte ich.

»Dann will ich schnell mit Ihnen gehen und sie holen, so viel Zeit haben wir noch,« bot er sich sehr höflich an.

»O, das träfe sich ja sehr schön« sagte ich, und nahm ihn mit mir.

Die Leute in meinem Gasthause waren alle sehr beschäftigt, denn eben war das Paketboot von Holland eingelaufen und zwei Postwagen waren mit Passagieren von London gekommen; diese Reisenden wollten von hier am folgenden Tage mit dem dann abgehenden Boote nach Holland hinüber, und die beiden Kutschen hinwiederum sollten die eben gelandeten Reisenden aus Holland und die Post ins Land hinein bringen. In diesem Trubel nun ging ich schnell zum Schenktische, bezahlte der Wirtin meine Rechnung und sagte ihr, ich werde mit der nächsten Wherry nach Hause reisen.

Diese Wherrys sind große Boote und wohl eingerichtet, Passagiere aufzunehmen; obgleich sie[341] Wherrys heißen, wie man ja auf der Themse kleine zweiruderige Boote nennt, können diese Schiffe sehr gut zwanzig Passagiere und zehn bis fünfzehn Tonnen fassen; so groß und zugleich so seetüchtig sind sie. All dies hatte ich schon am Abend vorher in Erfahrung gebracht, als ich mich erkundigte, wie ich am besten nach London zurückgelangen könne.

Meine Wirtin war sehr höflich, nahm das Geld dankend in Empfang und wurde in demselben Augenblick abgerufen, da in dem überfüllten Haus an allen Ecken und Enden zu tun war. Ich nahm den Mann, der sich mir zum Gepäcktragen angeboten hatte, mit in mein Zimmer hinauf, wickelte den Koffer oder vielmehr den Reisesack, der so groß war wie ein Koffer, in eine große Schürze, übergab ihm denselben – und fort ging es zu dem Boote, ohne daß uns jemand aufgehalten oder auch nur eine Frage gestellt hätte. Der betrunkene, holländische Diener schlief noch immer fest, und sein Herr saß jetzt, wie ich durch das Fenster sah, mit anderen Reisenden unten beim Abendessen und war sehr lustig und aufgeräumt. Ich aber gelangte glatt nach Ipswich, und die Leute im Wirtshause wußten nichts anderes von mir, als daß ich mit der Wherry nach London gefahren sei, wie ich meiner Wirtin gesagt hatte.

In Ipswich belästigten mich die Zollbeamten, die meinen Koffer festhielten, ihn öffnen und durchsuchen wollten. Ich sagte ihnen, es sei mir ganz recht, doch habe mein Gatte, der noch in Harwich sei, den Schlüssel. Das tat ich, um ihnen jeden Argwohn zu benehmen, falls sie beim Öffnen Dinge finden sollten, die nur einem Mann und nicht einer Frau gehören konnten. Sie bestanden darauf, den Koffer aufzubrechen, und ich willigte endlich darein ein, das heißt, ich gestattete, daß sie das Schloß entfernten, was nicht allzuschwer war.

Sie fanden nichts Verzollbares, denn der Koffer hatte die Grenze schon einmal passiert, dafür aber allerlei Dinge, deren Anblick mich mit Zufriedenheit erfüllte, zum Beispiel ein Päckchen Geld in französischen[342] Goldmünzen, ein paar holländische Dukaten, zwei teure Perücken, Leibwäsche, Rasiermesser, Parfüm und andere für einen vornehmen Herren notwendige und nützliche Dinge, die also alle, wie ich angab, meinem Gatten gehören sollten.

Es war noch sehr früh am Morgen und noch nicht ganz hell, und ich überlegte, was weiter zu tun sei. Ich sagte mir, daß man mich wahrscheinlich verfolgen werde, und beschloß, entsprechende Maßregeln zu ergreifen.

Ich ging vor aller Augen mit meinem Koffer in ein Gasthaus und übergab ihn dort der Wirtin mit dem Auftrag, wohl Obacht auf ihn zu geben und ihn sicher zu verwahren, bis ich wiederkäme. Dann ging ich wieder hinaus auf die Straße.

Als ich nun ein Stück von dem Wirtshaus entfernt war, traf ich eine alte Frau, die aus ihrer Haustür herausguckte, und fing mit ihr ein Gespräch an. Ich stellte ihr eine ganze Menge krauser Fragen, die sie gar nicht auf meine Absicht und daß ich eine Diebin sei, schließen lassen konnten, so daß sie mir, ohne es zu wissen, die Lage der Stadt beschrieb, mir sagte, diese Straße führe nach Hadly, jene an den Strand, eine andere da mitten in die Stadt hinein, und die da nach Colchester und folglich nach London.

Nachdem ich dies alles erfahren, machte ich meinem Gespräche mit der Alten ein schnelles Ende, denn ich hatte ja bloß wissen wollen, wo die Landstraße nach London laufe, und eilte so rasch wie möglich von dannen. Nicht daß ich beabsichtigte, zu Fuß nach Colchester oder gar nach London zu gehen – ich wollte nur möglichst rasch und unauffällig von Ipswich wegkommen.

Ich ging zunächst ein wenig außerhalb der Stadt spazieren und traf dabei auf einen grauhaarigen Land mann, der auf dem Felde irgend eine Arbeit vollführte. Diesen redete ich ebenfalls an und erzählte ihm, nachdem ich ins Gespräch mit ihm gekommen, ich sei auf der Reise nach London, habe die Post jedoch so besetzt angetroffen, daß ich keinen[343] Platz mehr bekommen. Vielleicht könne er mir sagen, wo ein Pferd zu mieten sei, das zwei Personen und etwas Gepäck zu tragen vermöge; und ob er nicht einen ehrlichen Mann wisse, der mich und mein Gepäck nach Colchester bringen würde, wo ich meine Reise mit der Post fortsetzen wolle?

Der alte Knabe sah mich darauf ernsthaft an, sprach eine halbe Minute lang kein Wort, schließlich kratzte er sich hinter dem Ohr und sagte:

»Ein Pferd wollen Sie, und nach Colchester? Ja, wissen Sie, Fräulein, Pferde können Sie genug bekommen, wenn Sie dafür bezahlen wollen.«

»Lieber Freund,« entgegnete ich, »Sie können sich darauf verlassen, ich dachte nicht, eins ohne Geld zu mieten.«

»Na, Fräulein,« sagte er darauf, »wieviel wollen Sie denn geben?«

»Ich weiß nicht was man hierzulande dafür verlangt,« erwiderte ich ihm, »ich bin hier fremd, aber wenn Sie ein Pferd wissen, so mieten Sie es so billig wie möglich, ich will Ihnen auch etwas für Ihre Mühe geben.«

»Das ist geradeaus gesprochen,« sagte der Landmann.

»Vielleicht doch nicht so geradeaus, wie du annimmst, guter Mann,« dachte ich bei mir.

»Also, Fräulein,« redete er weiter, »ich habe selbst ein Pferd, das zwei Personen und noch etwas Gepäck tragen kann; und es würde mir nicht viel ausmachen, Sie nach Colchester zu bringen.«

»Das soll mich freuen,« entgegnete ich, »ich will Sie auch nach Gebühr bezahlen.«

»Etwas Ungebührliches verlange ich auch gar nicht,« meinte er, »aber fünf Schilling muß ich haben, für mich und das Pferd, denn ich werde kaum heute Abend wieder zurückkommen können.« Damit war ich einverstanden und mietete also den ehrlichen Mann samt seinem Pferd, worauf wir mein Gepäck holten und abzogen.

Als wir jedoch auf halbem Wege in eine Stadt kamen – den Namen habe ich vergessen, sie liegt[344] an einem Flusse – tat ich, als fühlte ich mich unwohl und abgespannt, und sagte, ich könne heute Abend unmöglich weiter reisen, er möge bis zum folgenden Tage mit mir in der Stadt bleiben, ich wollte von Herzen gern für ihn und sein Pferd bezahlen.

Ich tat dieses, weil ich fürchten mußte, die holländischen Herren und ihre Dienerschaft heute auf der Landstraße anzutreffen, denn ich wußte, daß sie ihre Reise entweder mit der Post oder zu Pferde fortsetzen wollten, und erklärlicherweise trug ich kein Verlangen danach, von dem betrunkenen Diener oder irgend sonst jemand aus Harwich gesehen zu werden. Ich durfte jedoch annehmen, daß am folgenden Tage der ganze Schwarm vorübergezogen sei.

Wir blieben also die Nacht über in diesem Städtchen und brachen auch am folgenden Morgen nicht sehr früh auf, so daß es fast zehn Uhr war, als wir Colchester erreichten.

Mit nicht geringem Vergnügen sah ich die Stadt wieder, in der ich so viele fröhliche Tage erlebt hatte, und stellte mannigfache Erkundigungen nach meinen früheren Freunden und Bekannten an, doch konnte ich nicht viel erfahren; sie waren alle entweder tot, oder hatten den Ort verlassen. Die jungen Damen hatten sich samt und sonders nach London verheiratet. Der alte Herr und seine Gattin, meine erste Wohltäterin, waren längst gestorben. Auch der junge Herr, mein erster, mein allererster Liebhaber und späterer Schwager, war tot. Seine beiden Söhne dagegen, die nun mittlerweile auch schon Männer geworden, waren ebenfalls nach London verzogen.

Ich entließ meinen Landmann mit seinem Pferde, blieb unter irgend einem falschen Namen drei oder vier Tage hier in Colchester und nahm mir dann einen Platz in einem Wagen, der gelegentlich nach London ging, denn ich wagte noch immer nicht, die Post von Harwich zu benutzen; obgleich diese Vorsicht eigentlich übertrieben war, denn in Harwich kannte mich niemand als die Wirtin, und es war[345] nicht anzunehmen, daß sie mich, die mich nur einmal und zwar in einem Augenblick, da sie von allen Seiten in Anspruch genommen war, und noch dazu nur ganz flüchtig und bei Kerzenlicht, gesehen hatte, jemals wieder erkennen werde; ganz abgesehen davon, daß sie, wenn man mich wirklich verfolgte, kaum die Verfolger begleiten dürfte.

So kam ich also glücklich wieder nach London zurück, und obwohl mir dies letzte Abenteuer etwas Beträchtlicheres eingebracht, trug ich doch kein Verlangen mehr nach weiteren Fahrten aufs Land. Ich glaube, ich hätte es auch nicht mehr gewagt, und wenn ich bis ans Ende meiner Tage dem Hochstapler- und Diebesgewerbe treu geblieben wäre.

Meiner Pflegerin stattete ich einen genauen Bericht über meine Reise ab. Das Geschäft, das ich in Harwich gemacht, bereitete ihr viel Vergnügen, und sie machte bei diesem Gespräche die Bemerkung »da der Dieb ein Geschöpf ist, das aus der Nachlässigkeit und Trägheit anderer Leute Vorteil zieht, so muß sich einfach einem jeden, der wachsam und fleißig ist, mancherlei Gelegenheit zum stehlen darbieten, und jemand, der so kühn und kaltblütig zu Werke geht, wie du, Moll Flanders, kann eigentlich überhaupt keine Mißerfolge haben.«

Infolgedessen kann denn auch meine Geschichte anderseits, wenn man sie richtig betrachtet, allen ehrlichen Leuten sehr von Nutzen sein; denn sie lehrt sie, aufmerksam und rege zu sein und sich vor allen derartigen Übertölpelungen zu schützen, lehrt sie, ihre Augen offen zu halten, wenn sie mit Fremden irgendwelcher Art zu tun haben; dieweil es nämlich die Regel ist, daß ihnen von denen irgend eine Falle gestellt werden soll. Ich überlasse es aber jedem Leser, sich seine Moral aus meiner Geschichte selbst zu ziehen, sein gesunder Menschenverstand und sein Urteilsvermögen werden ihm dabei zu Hilfe kommen. Ich bin nicht die geeignete Person, um anderen zu predigen; ich wünsche nur, es möge die Erfahrung einer ganz verdorbenen und elenden[346] Kreatur jedem, der lesen kann, Abschreckung und Warnung sein.

Ich komme nun allmählich dem Ende, das meine Diebeslaufbahn nahm, immer näher. Es wurde eingeleitet durch folgendes Abenteuer, das wie eine letzte Warnung war und das ich deshalb erzählen muß.

Am zweiten Weihnachtstage war ich wieder einmal »ausgegangen«, um zu sehen, ob es irgend etwas zu tun gäbe. Als ich nun an dem Laden eines Silberschmiedes vorüber kam, bot sich denn auch eine Gelegenheit, der kein Mensch meines Gewerbes widerstanden haben würde: es war nämlich niemand im Laden, und eine große Menge losen Silbergeschirres lag im Fenster und auf dem Verkaufstische des Besitzers, der, wie ich vermutete, vielleicht in dem Stübchen hinter dem Laden arbeitete, oder auch überhaupt ausgegangen war.

Ich trat dreist ein und wollte schon ein Silbergerät einstecken; und ich hätte es auch glücklich beiseite gebracht, ohne daß der Eigentümer das geringste gemerkt hätte; aber es hatte mich da ein allzu diensteifriger Mensch, der an der Türe des gegenüberliegenden Hauses stand, eintreten sehen, und da er wohl wissen mußte, daß der Laden leer war, faßte er Verdacht, kam schnell über die Straße geschossen, packte mich und schrie die Leute aus dem Hause zusammen.

Ich hatte aber noch nichts im Laden angerührt, sondern als ich jemanden über die Straße rennen sah, flugs die schon ausgestreckte Hand wieder zurückgezogen und voll Geistesgegenwart mit dem Fuße laut und mehrmals gegen den Fußboden gepocht, als wollte ich nach dem Besitzer des Ladens rufen – da aber packte mich der Bursche schon.

Wenn die Gefahr am größten, war auch immer mein Mut am größten: so tat ich denn auch diesmal, frech wie ich nun war, außerordentlich entrüstet und behauptete keck, ich sei gekommen, mir ein halbes Dutzend silberne Löffel zu kaufen; denn zum Glück machte dieser Silberschmied nicht nur[347] Waren für andere Geschäfte, sondern verkaufte auch selbst solche. Der Bursche lachte aber bloß und wollte seinem Nachbar durchaus den Dienst und den Gefallen erweisen, einen Dieb für ihn abgefangen zu haben. Er schrie in einem fort, ich sei durchaus nicht gekommen, um zu kaufen, sondern nur um zu stehlen, und er trommelte wahrhaftig eine ganze Menge Menschen zusammen. Mittlerweile wurde auch der Besitzer des Ladens nebst seiner Frau, die beide, wie sich zeigte, in ein Haus der Nachbarschaft gegangen waren, herbeigeholt; und ich wandte mich gleich an ihn und sagte, es sei ganz nutzlos, Erörterungen über den Fall anzustellen; der Bursche da habe gesagt, ich sei gekommen, um zu stehlen, das solle er jetzt beweisen, ich bestehe darauf, daß wir alle ohne weitere Worte vor den Richter gingen. Ich hatte nämlich meine Lage schnell überschaut und gesehen, daß es Menschen waren, denen ich wohl gewachsen war.

Der Besitzer des Ladens und seine Frau benahmen sich durchaus nicht so heftig, wie der Bursch von der anderen Seite der Straße; und er, der Silberschmied, sagte sogar: »Sie mögen ja wohl in ganz guter Absicht in den Laden gekommen sein, doch können Sie sich zum mindesten denken, wie es verdächtig sein muß, in ein Geschäft, wie das meinige, einzutreten, wenn niemand darinnen ist; und ich kann leider mei nem aufmerksamen Nachbar nur Gerechtigkeit widerfahren lassen und anerkennen, daß sein Vorgehen wenigstens nicht ganz unberechtigt gewesen; obwohl ja, wie gesagt, anderseits nichts dafür spricht, daß Sie tatsächlich irgend etwas Böses im Schilde führten ... ja, und da weiß ich denn wirklich nicht, was ich in dieser Sache tun soll.«

Ich bestand nun immer dringender darauf, er möge mit mir vor den Richter gehen, und wenn man mir das geringste beweisen könne, wolle ich mich jedem Urteilsspruche unterwerfen, wenn nicht, so wolle ich Genugtuung haben.

Während wir noch so redeten und sich immer mehr Menschen vor der Türe versammelten, kam[348] gerade Sir T.B., der Friedensrichter, vorüber; und als der Silberschmied es hörte, bat er seine Hochedlen, doch hereinzukommen und den Fall zu entscheiden.

Ich muß gestehen, daß der Silberschmied die Geschichte mit viel Gerechtigkeit und Mäßigkeit vortrug, während der Bursche von gegenüber die Sache mit so viel Hitze und törichter Leidenschaftlichkeit hinstellte, daß auch sein Bericht mir nur zum Vorteil gereichte. Schließlich wurde ich aufgefordert, zu sprechen; und ich erzählte seiner Hochedlen, ich sei in London fremd und erst neulich aus dem Norden gekommen. Ich wohne da und da, sei zufällig diese Straße gegangen und in den ersten besten Laden getreten, um ein halbes Dutzend silberne Löffel zu kaufen. Zum großen Glück hatte ich mir zu diesem Abenteuer – ich hatte es nämlich an dem Tage auf einen solchen Laden abgesehen gehabt – einen alten Löffel mitgenommen und in meiner Tasche; den zog ich nun heraus, wies ihn vor und sagte, ich habe ihn mitgebracht, um die Größe der neuen Löffel bestimmen zu können, die zu anderen, die ich zu Hause hätte, passen müßten. Da ich niemanden im Laden gesehen, hätte ich mit dem Fuße aufgeklopft und auch laut gerufen. Es läge allerdings allerlei Silberzeug im Laden umher, doch könne niemand sagen, daß ich es auch nur angerührt habe. Im Augenblick, da ich gerufen, sei ein Bursche über die Straße gelaufen, in den Laden eingetreten und habe mich ganz wütend und heftig angefaßt; wenn er wirklich die Absicht gehabt hätte, seinem Nachbar einen Dienst zu leisten, so hätte er ja erst in einiger Entfernung stehen bleiben und unbemerkt zusehen können, ob ich etwas anrühren oder gar nehmen werde oder nicht – und mich dann auf frischer Tat ertappen.

»Das stimmt allerdings,« meinte der Friedensrichter und fragte dann den Burschen, ob es wahr sei, daß ich mit dem Fuße geklopft.

»Ja,« antwortete der, »das hat sie allerdings getan, aber wahrscheinlich nur, weil sie mich kommen gesehen.«[349]

»Aber,« fiel ihm hier der Richter ins Wort, »da widersprechen Sie sich doch selbst; denn Sie sagten vorhin, die Dame habe mit dem Rücken nach der Straße gewandt gestanden und Sie nicht gesehen, bis Sie sie angefaßt?«

Nun war allerdings richtig, daß mein Rücken der Straße zugewendet gewesen, da ich jedoch, wenn ich bei meiner Arbeit war, die Augen gewohnheitsmäßig überall hatte, so hatte ich wirklich in dem Moment, da er herüberkam, einen schnellen Blick auf die Straße geworfen, ohne daß er es bemerkt.

Als wir alle verhört waren, gab der Friedensrichter seine Meinung ab und sagte, der Nachbar habe sich offenbar geirrt, und ich sei unschuldig. Der Silberschmied und seine Frau beruhigten sich bei diesem Ausspruch und man bedeutete mich, ich könne gehen. Der Richter aber hielt mich noch ein wenig zurück und sagte: »Ich hoffe Madam, Sie werden dem Kaufmann den Irrtum seines Nachbarn nicht entgelten lassen und ihm ihre Kundschaft nicht entziehen.«

»O nein,« entgegnete ich schnell, »ich will die Löffel gerne kaufen, wenn er mir eine Garnitur zeigen kann, die zu meinem mitgebrachten Löffel paßt.«

Der Kaufmann brachte nun in Größe und Art völlig ähnliche herbei, wog sie und verlangte fünfunddreißig Schilling.

Ich zog darauf meine Börse heraus, um sie zu bezahlen und ließ dabei etwa zwanzig Guineen sehen, denn ich ging, wie Sie wissen, nie ohne eine größere Summe Geldes aus, was mir, wie hier, sehr oft gut zu statten kam.

Als der Richter mein Geld erblickte, sagte er: »Nun bin ich ganz überzeugt, daß man Ihnen Unrecht getan hat, Madam. Ich veranlaßte Sie, die Löffel zu kaufen, um zu sehen, ob Sie Geld genug bei sich trügen, um sie auch bezahlen zu können. Wären Sie dazu nicht imstande gewesen, so hätte man doch vielleicht annehmen gemußt, daß Sie nicht zum kaufen in den Laden gekommen wären. Im übrigen[350] aber dürften die Leute, die solche Absichten haben, wie man sie Ihnen eben unterschob, sehr selten so viel Gold besitzen, wie Sie.«

Ich lächelte und bemerkte seiner Hochedlen, ich verdanke einen Teil seiner Gunst also meinem Gelde, immerhin hoffe ich seinen gerechten Urteilsspruch auch auf meine Persönlichkeit zurückführen zu dürfen.

Er antwortete, gewiß dürfe ich das, der Anblick des Geldes habe ihm seinen Spruch nur bestätigt; er sei, wie gesagt, völlig überzeugt, daß mir Unrecht geschehen.

So kam ich also noch einmal mit heiler Haut davon und – zum letztenmale – glatt am Rande des Abgrunds vorbei.

Quelle:
Daniel De Foe: Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders. Berlin [1903]., S. 337-351.
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