Neunundzwanzigstes Kapitel.

[393] Es war im Monat Februar, als ich, zusammen mit dreizehn andern Sträflingen, einem Kaufmann übergeben wurde, der nach Virginia Handel trieb. Gefängnisaufseher brachten uns an Bord des Schiffes, und der Eigentümer des Fahrzeugs muszte ihm eine Empfangsbescheinigung ausstellen. Von meinem Priester nahm ich vorher noch Abschied, doch sagte ich ihm natürlich nicht, wie gerne und mit welchen Hoffnungen ich Newgate verliesz und in die Kolonien ging; im Gegenteil, ich machte ihn glauben, es geschehe mit äuszerstem Widerwillen und tiefster Betrübnis.

Wir wurden in der ersten Nacht, die wir auf dem Schiff zubrachten, unter festem Verschlusz gehalten und so eng zusammengepfercht, daß ich schon fürchtete, aus Mangel an Luft zu ersticken. Am nächsten Morgen segelte das Schiff dann ein Stück themseabwärts nach einem Orte, der Bugby's Hole hiesz, damit uns nur ja jede Gelegenheit, zu entkommen, genommen wurde. Hier durften wir dann endlich auf Deck kommen, jedoch nicht auf den Teil, der für den Kapitän und für die eigentlichen Passagiere freigehalten wurde.[394]

Als ich an dem Schaukeln des Schiffes bemerkt und an dem Gelärm der Menschen auf Deck gehört, dasz wir unter Segel seien, war ich zuerst erschreckt und fürchtete schon, die wirkliche Reise habe begonnen, und man wollte verhindern, daß wir unsere Freunde noch einmal sähen. Doch schöpfte ich wieder Mut, als ich fühlte, daß wir bald Anker warfen, und ganz beruhigt war ich, als einer der Aufseher uns verkündete, am folgenden Morgen solle uns gestattet sein, den Besuch unserer Freunde zu empfangen.

Die ganze erste Nacht hindurch hatte ich auf der Erde gelegen, wie die anderen Gefangenen auch, jetzt jedoch teilte man allen, die ein wenig Bettzeug bei sich hatten, eine schmale Kabine zu und gestattete ihnen auch, einen Koffer oder Mantelsack mit Kleidern und Leinen zu verstauen, wenn man, nebenbei gesagt, einen hatte; viele der Gefangenen besaßen nämlich nur das, was sie auf dem Leibe trugen, und sonst keinen Pence. Doch konnten sie immerhin etwas verdienen, besonders die Frauen, die für die Seeleute wuschen und ihnen die Kleider in Ordnung brachten, sodaß sie sich des Lebens Nötigstes erstehen konnten.

Als wir nun am nächsten Morgen auf Deck kommen durften, fragte ich einen der Männer vom Schiff, ob ich nicht einen Brief schreiben und meine Freunde wissen lassen dürfte, wo wir lägen; sie wollten mir noch mehrere wichtige Dinge an Bord bringen. Es war ein Bootsführer, den ich angeredet, ein sehr höflicher Mann, der mir zu verstehen gab, er wolle mir jede Freiheit gewähren, die er mir ohne Gefahr zugestehen könne. Ich entgegnete ihm, ich habe keinen weiteren Wunsch; und er fügte noch hinzu, das Boot des Schiffes gehe mit der nächsten Flut nach London und solle meinen Brief mitnehmen.

Er kam dann auch ein paar Minuten vor Abfahrt des Bootes zu mir und fragte, ob das Schreiben fertig sei, er wolle den Brief besorgen. Ich hatte mir schon Feder, Tinte und Papier zu verschaffen gewußt und einen Brief an meine Pflegerin geschrieben, in dem ich ihr mitteilte, wo das Schiff[395] lag, und sie bat, die Sachen, die sie für meine Reise schon zurechtgepackt hatte, dorthin zu schicken. In diesem Briefe lag ein anderer an meinen Mitgefangenen eingeschlossen, den ich sie zu besorgen bat, ohne sie jedoch wissen zu lassen, daß der Betreffende mein Gatte sei.

Als ich dem Bootsführer den Brief übergab, reichte ich ihm auch einen Schilling hin, als Lohn für den Dienstmann, der den Brief, sobald das Boot ans Land komme, an seine Adresse bringen solle, damit ich, wenn möglich, umgehend Antwort bekommen könne und erfahre, was aus meinen Sachen geworden sei. »Denn, mein Herr,« sagte ich, »wenn das Schiff abfahren sollte, ehe ich sie im Besitz habe, bin ich ganz armselig daran.«

Als ich ihm den Schilling übergab, trug ich Sorge, ihn sehen zu lassen, daß ich in besseren Verhältnissen lebe, als die anderen Gefangenen, daß ich eine Börse und sogar ziemlich viel Geld darinnen habe. Und ich bemerkte, daß mir der Anblick meiner Börse augenblicklich zu einer ganz anderen Behandlung verhalf, wie ich sie sonst hätte erwarten dürfen. Denn wenn er auch schon vorher in natürlichem Mitleid mit mir, als einer armen bedrängten Frau, sehr liebenswürdig gewesen, so war er es jetzt noch vielmal mehr; und er verschaffte mir auch eine bessere Behandlung vonseiten der Anderen auf dem Schiffe.

Er überbrachte den Brief übrigens meiner Pflegerin persönlich und nahm mir auch gleich deren Antwort mit. Als er mir ihr Schreiben reichte, gab er gleichzeitig den Schilling wieder zurück und sagte dabei: »da haben Sie auch Ihren Schilling wieder, ich habe den Dienstmann erspart und bin selbst gegangen.«

Ich war so überrascht, daß ich im ersten Augenblicke garnicht wußte, was ich antworten sollte. Nach einer Pause sagte ich jedoch: »Sie sind zu liebenswürdig, mein Herr, es wäre doch aber angebracht gewesen, sich in diesem Falle wenigstens einen Wagen zu gestatten.«[396]

»Nicht doch,« entgegnete er, »wer ist die Dame übrigens, bei der ich war? Ist sie Ihre Schwester?«

»Nein, Herr,« sagte ich darauf, »sie ist nicht mit mir verwandt, aber sie ist meine Freundin, die einzige, die ich in der Welt habe.«

»Nun,« sagte er, »solche sind überhaupt nicht häufig, aber die da weint nach Ihnen, wie ein kleines Kind.«

»Das kann ich mir denken,« meinte ich, »ich bin überzeugt, sie würde gern hundert Pfund geben, wenn sie mich dadurch aus meiner schrecklichen Lage befreien könnte.«

»Würde Sie das wirklich tun?« fragte er. »Ich glaube, ich könnte Ihnen Wege zeigen, auf denen Sie für halbsoviel Geld entwischen könnten.«

Dies letzte sagte er ganz leise, damit niemand sonst es verstehen solle.

»Ach, Herr,« sagte ich, »bei einer solchen Art von Befreiung könnte man mich aber wieder einfangen, und das würde mir mein Leben kosten.«

»Allerdings,« erwiderte er, »wenn Sie erst einmal außerhalb des Schiffes sind, müssen Sie selbst weiter sehen. Da kann ich nichts mehr tun.«

Damit beendeten wir unser Gespräch für diesmal.

Mittlerweile hatte meine Pflegerin, treu bis zum letzten Augenblicke, meinen Brief in das Gefängnis und zu Händen meines Gatten besorgt und auch schon eine Antwort erhalten. Sie kam am andern Tage selbst und überbrachte sie mir, mit allerlei nützlichen Dingen, als da ist ein Seebett, wie man es nennt, mit allem Zubehör und eine sogenannte Seekiste, wie sie fast jeder Seemann mit sich führt, und die sie mit allem gefüllt hatte, was man auf einer Überfahrt nötig hat. In einer der Ecken der Kiste befand sich eine geheime Schublade, in welcher mein Geld lag, das heißt so viel, als ich mitzunehmen beschlossen hatte; den einen Teil meines Kapitals ließ ich zurück, damit mir später dafür die Waren nachgesandt würden, die ich nach der Niederlassung nötig hatte. Bares Geld ist nämlich nicht von großem Nutzen in jenem Lande, wo man alle[397] Dinge für Tabak kauft. Man hat im Gegenteil immer einen großen Verlust, wenn man Kapitalien mit hinüber nimmt.

In meinem Falle lag die Sache jedoch ein wenig anders. Es war unter keiner Bedingung angezeigt, ohne Geld und Waren hinüberzugehen. Kam jedoch ein armer Sträfling, der, sobald er an Land stieg, gewärtig sein mußte, verkauft zu werden, mit Gütern an, so mußte es Aufsehen erregen, und er lief Gefahr, seines Eigentums beraubt zu werden. Ich zog es also vor, einen Teil meines Kapitals so heimlich mit mir zu nehmen und den Rest meiner Pflegerin in Verwahr zu lassen.

Das treue Geschöpf brachte mir noch mancherlei andere Dinge mit, doch war es nicht angebracht, allzu wohl ausgestattet zu erscheinen, ehe ich wußte, mit welchem Kapitän ich es zu tun haben würde. Als sie das Schiff betrat, dachte ich, sie würde auf der Stelle sterben, so schwer schlugen ihr sichtlich die Gedan ken aufs Herz, sich von mir trennen zu müssen und mich in dieser Lage bald hilflos und allein zu wissen; sie weinte so fürchterlich, daß ich eine ganze Zeitlang überhaupt nicht mit ihr reden konnte.

Ich nahm diese Zeit wahr, um den Brief meines Mitgefangenen zu lesen, der mich ziemlich erschreckte. Er schrieb mir nämlich, er werde wahrscheinlich nicht früh genug entlassen werden, um das Schiff, in dem ich verschickt wurde, noch erreichen zu können; ja, was schlimmer sei, er zweifle, ob man ihm gestatten werde, ein beliebiges Schiff zu nehmen, wenngleich er sich freiwillig einschiffe. Wahrscheinlich werde ihm das Schiff bestimmt und er dem Kapitän wie jeder andere Sträfling übergeben werden; sodaß er schon verzweifle, mich eher als in Virginia selbst wiederzusehen; und diese Vorstellung sei ihm gar fürchterlich, denn wenn er mich etwa drüben nicht fände, weil mich ein Unfall auf See oder der Tod hinwegenommen, so sei es auch um ihn geschehen.

Solche Nachricht kam mir allerdings gänzlich unerwartet, und ich wußte nicht, was ich beginnen[398] sollte. Ich erzählte meiner Pflegerin dann auch etwas von der Geschichte mit meinem Mitauswanderer, und sie drängte mich heftig, ihn doch zu Weiterem zu veranlassen, doch ich hatte dazu noch keine Lust, bis ich wußte, ob mein Gatte oder vielmehr mein Freund, wie ich ihn meiner Pflegerin gegenüber nannte, mit mir gehen konnte, oder nicht. Zum Schluß blieb mir nichts anderes übrig, als ihr meinen ganzen Plan mit Virginia in allen Einzelheiten klarzulegen, nur verschwieg ich nach wie vor, daß der Betreffende mein Gatte sei. Ich sagte ihr nur, ich habe ein bestimmtes Abkommen mit ihm getroffen, wenn es eben möglich sei, in demselben Schiffe mit ihm überzufahren. Auch habe ich bemerkt, daß er Geld besitze. Weiter erzählte ich ihr, was ich zu tun vorhabe, sobald ich angekommen sei, wie wir pflanzen und anbauen wollten, um in kurzer Zeit ohne weitere Abenteuer reich zu werden. Und als großes Geheimnis vertraute ich ihr an, wir würden uns verheiraten, sobald wir an Bord zusammenträfen.

Als sie dies hörte, fand sie sich schon viel eher in die Trennung, und sie ließ es sich angelegen sein, alles zu versuchen, um ihm ein rechtzeitiges Einschiffen mit mir zu ermöglichen, was ihr denn auch endlich mit vieler Mühe gelang, und ohne alle die Förmlichkeiten erledigen zu müssen, die nötig gewesen wären, wenn es sich um einen regelrecht zu Verschickenden gehandelt hätte; das aber war er nicht, denn man hatte seinen Fall garnicht zur Verhandlung kommen lassen.

Da unser Schicksal nun bestimmt, wir beide an Bord und nach Virginia eingeschifft waren, und zwar in der verächtlichen Eigenschaft als verschickte Sträflinge, die als Sklaven verkauft werden sollten, ich für acht Jahre, und er unter dem Verbot, überhaupt wieder nach England zu kommen, fühlte er sich sehr niedergeschlagen. Das Gefühl, als gewöhnlicher Sträfling an Bord gebracht worden zu sein und dort festgehalten zu werden, wirkte schmerzlich auf ihn, besonders noch, da man ihm anfänglich[399] versprochen, er dürfe sozusagen freiwillig und als Gentleman hinübergehen. Allerdings sollte er nicht verkauft werden, weswegen er ja auch dem Kapitän seine Überfahrt bezahlen mußte. Im übrigen aber wußte er so wenig wie ein Kind, was er nun eigentlich mit sich beginnen sollte.

Es hatte dabei noch drei volle Wochen gedauert, ehe ich überhaupt bestimmt wußte, ob mein Gatte mit mir reisen dürfte oder nicht; und infolgedessen war ich auch nicht näher auf den Vorschlag des biederen Bootsführers eingegangen, was diesem offenbar sehr seltsam vorkam.

Nach Verlauf der drei Wochen kam mein Gatte dann endlich an Bord. Er sah wütend und grimmig drein, weil ihn zwei Wärter von Newgate wie einen Sträfling an Bord geschleppt brachten. Sein Freund beklagte sich auch laut darüber, doch wies man ihn mit dem Bemerken ab, daß sowieso Gnade genug erzeigt worden sei. Man habe zudem, nachdem man ihm die Verschickung bewilligt, noch Dinge gehört – kurz und gut, der Verschickte habe Grund, sich für sehr gut behandelt zu halten, wenn man die Verfolgung gegen ihn überhaupt einstelle. Diese Antwort brachte Alle zum Schweigen, denn namentlich Jemmy wußte, was sich hätte ereignen können, und was ihm noch blühen gekonnt, wie man zu sagen pflegt; und nun sah er auch ein, welch guten Rat ich ihm gegeben, als ich ihm zuredete, das Anerbieten anzunehmen, das ihm sein Jugendfreund verschafft, und in eine Verschickung zu willigen. Nachdem seine Wut über die Höllenhunde, wie er die Wärter nannte, verraucht war, sah er denn auch bald ein wenig gefaßter drein, ja er wurde sogar heiter, und als ich ihm dann versicherte, wie froh ich sei, daß ich ihn noch einmal aus den Klauen der Verfolger befreit habe, nahm er mich in seine Arme und bekannte immer wieder mit großer Zärtlichkeit, ich habe ihm den besten Rat von der Welt gegeben. »Liebste,« sagte er dabei, »du hast zweimal mein Leben gerettet; ich will es von jetzt ab dir allein widmen und stets auf deine Stimme hören.«[400]

Das nächste, was wir taten, war: unsere Geldmittel zu überschlagen. Jemmy war sehr ehrlich und erzählte, sein Besitz sei ziemlich groß gewesen, als man ihn ins Gefängnis geworfen. Da er jedoch dort wie ein Gentleman gelebt und sich auch habe Freunde verschaffen gemußt, sei er genötigt gewesen, seine Börse ziemlich stark in Anspruch zu nehmen, kurz, alles, was er sein eigen nenne, belaufe sich jetzt noch auf hundertundacht Pfund, die er in Gold bei sich trage.

Ich zählte ihm ebenso ehrlich auf, was ich besitze, das heißt, ich nannte nur das, was ich mitgenommen hatte; denn ich war fest entschlossen, was sich auch ereignen würde, das Zurückgelassene für alle Notfälle aufzusparen. Im Fall, daß ich zum Sterben käme, hatte er genug an dem, was ich bei mir trug; und was zurückgeblieben, das sollte dann meiner Pflegerin gehören, die es wohl um mich verdient hatte.

Die Summe, die ich mitnahm, betrug etwa zweihundertsechsundvierzig Pfund und ein paar Schillinge, so daß wir im ganzen dreihundertvierundfünfzig Pfund unser Eigen nannten, doch kann ich Ihnen versichern: nie wurde mit einem auch nur ähnlich übel erworbenen Vermögen ein neues Leben begonnen.

Außerdem hatte ich noch ein paar Wertgegenstände bei mir, meine beiden goldenen Uhren, meine Ringe und sonstigen Schmuck – alles gestohlenes Gut. Mit meiner Kleidung war es dagegen schlecht bestellt: ich hatte alles, was ich nach Newgate mitgenommen, an diesem schmutzigen Orte so gut wie aufgetragen.

Da ich jedoch noch eine große Anzahl guter Kleider und auch Wäsche im Überfluß besaß, wollte ich mich ihrer nicht gerne entschlagen und ließ sie, samt meinem Silbergerät, in zwei große Kisten packen, auf dem Schiffe verstauen, und – nicht als mein Eigentum, sondern als Güter an meine wirkliche Adresse, das heißt an meinen wirklichen Namen – nach Virginia schicken. Die Frachtscheine hatte[401] ich in meiner Tasche. In diese Kisten brachte ich zur besseren Sicherheit auch all meine übrigen Wertsachen unter, nur das Geld nicht, das sich, wie schon erwähnt, in einer Schublade in meiner Seekiste befand, aus der es ein Unbefugter nur herausholen konnte, wenn er die Kiste selbst kurz und klein schlug.

Das Schiff wurde nun nach und nach besetzt. Es kamen mehrere Passagiere an Bord, die in der mit vielen Bequemlichkeiten ausgestatteten Hauptkajüte untergebracht wurden, während wir Sträflinge irgendwo unten hingesteckt werden sollten. Als mein Gatte aber an Bord kam, sprach ich mit dem Bootsführer darüber. Ich sagte ihm, er habe mir schon eine Liebenswürdigkeit erwiesen, für die ich mich eigentlich noch nicht einmal erkenntlich gezeigt habe, und steckte ihm damit eine Guinee zu. Nun sei mein Gatte an Bord gekommen, und trotzdem wir uns jetzt in so erbärmlicher Lage befänden, seien wir früher in ganz anderen Verhältnissen gewesen, als einer der Elenden, die nun unseresgleichen seien. Wir möchten so gerne wissen, ob der Kapitän nicht zu veranlassen wäre, auch uns an einigen Bequemlichkeiten teilnehmen zu lassen, wir würden ihm gerne dafür jede beliebige Entschädigung zahlen. Er nahm die Guinee offenbar mit großer Genugtuung zu sich und versicherte, er wolle alles tun, was in seinen Kräften stehe, um mir bei Erfüllung meiner Wünsche behilflich zu sein.

Dann sagte er, er zweifle nicht, daß der Kapitän, der einer der gutmütigsten Menschen auf Gottes Erdboden sei, leicht dazu bestimmt werden könne, uns entgegen zu kommen. Jedenfalls wolle er gleich morgen, bei der nächsten Flut, zu ihm gehen und mit ihm Rücksprache nehmen.

Am nächsten Morgen schlief ich zufällig ein wenig länger als gewöhnlich; und als ich aufstand und herumging, sah ich den Bootsführer mit den anderen Seeleuten eifrig bei seiner Arbeit. Ich wurde ein wenig niedergeschlagen, weil ich dachte, er sei nicht fortgefahren, und ging auf ihn zu, um[402] mit ihm noch einmal zu reden. Er erblickte mich und näherte sich mir ebenfalls.

Ich redete ihn jedoch zuerst an und sagte traurig: »Ich sehe, mein Herr, Sie haben uns vergessen.«

Er erwiderte rasch: »Kommen Sie mit und hören Sie.«

Damit führte er mich in die Hauptkajüte, in der ein Herr saß und schrieb, eine große Menge von Papieren und Schriftstücken vor sich.

»Hier,« sagte der Bootsführer, »hier ist die Frau, von der Ihnen der Kapitän gesprochen hat.«

Dann wandte er sich zu mir und sagte: »Ich habe Sie so vergessen, daß ich schon längst in der Frühe zu dem Kapitän gegangen bin und ihm Ihre Bitte um ein paar Bequemlichkeiten vorgetragen habe. Und der Kapitän hat diesen Herrn, den Steuermann, heruntergeschickt, damit er Ihnen alles zeige und Sie hier zu Ihrer Zufriedenheit einquartiere, und läßt Ihnen weiter versichern, daß Sie nicht als das behandelt werden sollen, als was Sie hierher gekommen, sondern mit der gleichen Hochachtung, die den anderen Passagieren erzeigt wird.«

Dann begann der Steuermann zu reden. Er ließ mir keine Zeit, mich bei dem Bootsführer zu bedanken, und versicherte mir ebenfalls, wie gern der Kapitän sich angenehm und liebenswürdig zeige, besonders denen gegenüber, die sich im Unglück befänden. Dann zeigte er mir mehrere Kajüten, von denen einige sich in den Nebenräumen befanden, jedoch in die Hauptkajüte hinausgingen, und ließ mich unter ihnen wählen. Ich entschloß mich für eine Kajüte ganz außerhalb der Hauptkajüte, die groß genug war, um unsere Kisten und Kasten zu fassen, und auch für einen Esztisch Platz bot.

Der Steuermann erzählte weiter, der Bootsführer habe mich und meinen Gatten so günstig beschrieben, daß er den Befehl habe, uns das Anerbieten zu machen, während der ganzen Reise zum gewöhnlichen Preise mit ihm zu speisen. Wenn es uns gefiele, dürften wir frische Vorräte mit einlegen,[403] wenn nicht, wolle er die Vorratskammer für uns mit füllen, und wir sollten unseren Teil daran haben. Diese Botschaft erfüllte mich nach so viel Bedrängnis mit neuem Leben. Ich dankte ihm und sagte, der Kapitän möge uns nur seine eigenen Zahlungsbedingungen stellen, ich wolle jetzt schnell gehen und meinem Gatten die Nachricht bringen; er fühle sich nicht recht wohl und sei noch nicht aus unserer Kabine herausgekommen.

Ich ging also und suchte ihn auf. Der Zorn und der Kummer über die unwürdige Behandlung, die er erleiden mußte, hatten ihn so niedergeschlagen, daß er gar nicht mehr er selbst war. Als ich ihm nun erzählte, wie wohl wir auf dem Schiffe leben würden, wurde er plötzlich wieder ein anderer Mensch, und der Ausdruck von Kraft und Mut kehrte in sein Gesicht zurück. So wahr ist es, daß die kräftigsten Geister, wenn Trübsal sie überwältigt, der größten Niedergeschlagenheit ausgesetzt sind. Nach einer kleinen Pause nun hatte sich mein Gatte wieder so weit gefaßt, daß er mit mir heraufgehen und dem Steuermann für seine Liebenswürdigkeit danken konnte. Dann wollte er die Überfahrt und die anderen Vergünstigungen im voraus bezahlen. Der Steuermann sagte jedoch, der Kapitän komme am Nachmittag selbst an Bord, und all diese Dinge regele man am besten mit ihm persönlich. Nachmittags erschien der Kapitän denn auch, und wir fanden in ihm wirklich den höflichen und liebenswürdigen Mann, als welchen der Bootsführer ihn dargestellt hatte. Die Unterhaltung mit meinem Gatten gefiel ihm so wohl, daß er uns nicht in der etwas abgelegenen Kajüte, die ich gewählt hatte, lassen wollte, sondern uns eine von denen anwies, die, wie ich schon vorher erwähnte, in die Hauptkajüte hinausgingen. Die Zahlungsbedingungen waren auch sehr mäßig und der Mann überhaupt nicht danach angetan, uns auf Kosten zu treiben. Denn er berechnete für die ganze Überfahrt und für die Pension an seinem Tische fünfzehn Guineen, und dazu war die Verpflegung eine ausgezeichnete. Der Kapitän[404] wohnte übrigens ebenfalls in einer Kajüte, die wie die unsere gelegen war, da er sein Rundhaus, wie man es nennt, einem reichen Pflanzer überlassen hatte, der mit Frau und drei Kindern überfuhr und sich selbst beköstigte. Außerdem waren noch einige andere Passagiere an Bord und in guter Kajüte einquartiert. Unsere eigentlichen Genossen aber, die Sträflinge, wurden nach wie vor tief unten unter festem Verschluß gehalten und kamen nur sehr selten auf Deck.

Ich konnte mich nicht enthalten, meine Pflegerin von dem Vorgefallenen sofort in Kenntnis zu setzen. Es war auch nur gerecht, daß sie, die sich so viel Kummer um meinetwillen gemacht, auch gleich an meiner Freude teil hatte. Außerdem brauchte ich ihre Hilfe, um mir einige Dinge zu verschaffen, die ich vorher niemanden sehen lassen wollte, wie Brandy, Zucker, Citronen usw., damit man auch einmal einen Punsch machen, und unseren Wohltäter, den Kapitän, dazu einladen könnte. Auch sonst bestellte ich noch mancherlei Gutes zum Essen und Trinken, auch ein größeres Bett und passendes Bettzeug dazu, so daß uns nichts abging.

Mittlerweile hatte ich jedoch noch nicht für alles das sorgen können, dessen wir unbedingt bedurften, wenn wir ankamen und Pflanzer werden wollten. Doch wußte ich sehr genau, was man unter solchen Umständen nötig hatte. Vor allen Dingen waren Werkzeuge und Geräte zum Bauen und zur Feldarbeit anzuschaffen und ebenfalls alle Arten von Haushaltungsgeräten, die, wenn man sie im Lande selbst kaufen wollte, das Doppelte kosten würden.

Ich sprach mit meiner Pflegerin darüber, und sie wandte sich gleich an den Kapitän und sagte ihm, sie hoffe, es würden sich Mittel finden, ihren beiden unglücklichen Verwandten die Freiheit wiederzugeben, sobald sie an Land kämen, und ließ sich in ein Gespräch über die Mittel und Wege ein, von denen ich an einem anderen Orte noch mehr erzählen werde. Nachdem sie so den Kapitän ein bißchen[405] auf die Probe gestellt hatte, ließ sie ihn wissen, daß wir trotz der unglückseligen Verhältnisse, die unsere Verschickung herbeigeführt, doch sehr wohl imstande seien, uns als Pflanzer niederzulassen. Der Kapitän bot nun bereitwilligst seine Hilfe an, sagte ihr, wie man es beginnen müsse, um drüben zum Ziele zu kommen, und daß es leicht, ja für fleißige Leute sicher sei, sich dort ein Vermögen zu erwerben. »Madame,« sagte er zum Schluß, »drüben hält man es nicht für eine Schande, auch unter schlimmeren Umständen als denen, in welchen sich jetzt Ihre Verwandten befinden, herübergekommen zu sein, vorausgesetzt nur, daß sie sich klug den Verhältnissen des Landes und ihrer neuen Arbeit anpassen.«

Meine Pflegerin fragte dann weiter, was für Dinge wir mit herübernehmen müßten; und er als verständiger Mann antwortete: »Madame, Ihre Verwandten müssen zu allererst jemanden ausfindig machen, der sie den Bedingungen ihrer Verschickung gemäß, pro forma, als Dienstboten kauft, dann können sie ja im Namen jener Person tun, was sie wollen. Sie können entweder eine schon bearbeitete Plantage kaufen, oder sich Boden von der Regierung anweisen lassen und zu arbeiten beginnen, wo es ihnen gefällt. Beides ist ganz vernünftig.«

Sie beredete nun noch mit ihm, wie die erste Bedingung zu erfüllen sei.

Er sagte, er wolle uns gerne dabei behilflich sein; und er hat denn hinterher sein Wort auch gehalten. Auch wolle er uns drüben an Leute empfehlen, die uns mit gutem Rat beistehen und sich unsere Unerfahrenheit nicht zunutze machen würden. Besseres konnten wir uns nicht wünschen.

Dann fragte sie, ob es nicht nötig wäre, uns mit Werkzeugen und Materialien zur Feldarbeit zu versorgen. Und er antwortete: »Oh gewiß, unter allen Umständen.«

Sie bat ihn, uns auch dabei behilflich zu sein, denn sie wolle uns mit allem Nötigen ausrüsten, was es auch kosten möge. Er stellte ihr darauf eine Liste der für einen Pflanzer nötigen Dinge auf, deren[406] Kosten sich auf etwa 80–100 Pfd. beliefen. Sie kaufte so geschickt ein, als sei sie ein alter in Virginia wohlbewanderter Kaufmann. Nur kaufte sie auf meinen Wunsch von allem zweimal soviel.

Diese Gegenstände ließ sie als ihr Eigentum an Bord schaffen, sich die Ablieferungsscheine übergeben, die sie meinem Gatten aushändigte.

Ich hätte noch erwähnen müssen, daß mein Gatte ihr sein ganzes Kapital von 108 Pfd. zu diesen Einkäufen zur Verfügung stellte. Auch ich schoß eine große Summe dazu, so daß sie das Kapital, das ich in ihren Händen zurückgelassen hatte, nicht anzugreifen brauchte, wir hatten zum Schluß immerhin noch 200 Pfd. in barem Gelde bei uns, was für unsere Zwecke mehr als genug war. Sehr erleichtert, ja über die glückliche Wendung der Dinge hocherfreut, fuhren wir von Bugbys Hole nach Gravesend, wo das Schiff noch zehn Tage liegen blieb und der Kapitän und alle Güter, die das Schiff befördern sollte, endgültig an Bord kamen. Hier machte uns der Kapitän ein Anerbieten, das wir nicht erwarten durften. Er stellte uns nämlich frei, an Land zu gehen, um uns ein wenig zu erfrischen, wenn wir ihm unser Wort geben wollten, uns wieder rechtzeitig einzustellen. Dieser Beweis von Zutrauen überwältigte meinen Gatten so, daß er antwortete, da er sich für diese Gunstbezeigung niemals genügend dankbar erzeigen könne, denke er auch nicht daran, dieselbe anzunehmen, auch könne er dem Kapitän nicht zumuten, sich unsertwegen vielleicht Unannehmlichkeiten auszusetzen. Nach einigen gegenseitigen Versicherungen aber übergab ihm mein Gatte eine Börse mit 80 Guineen und sagte dabei: »Da haben Sie ein Pfand, wenn wir nicht wieder zurückkehren, ist es Ihr Eigentum.« Und damit begaben wir uns an Land.

Der Kapitän hatte allerdings auch sonst Sicherheit genug und konnte überzeugt sein, daß wir zurückkehren würden, denn nachdem wir solche Einkäufe gemacht, durfte es ausgeschlossen sein, daß wir dies alles im Stich lassen würden, um unter Lebensgefahr[407] uns in England verborgen zu halten, wie wir es als geflohene Sträflinge hätten tun müssen.

Um kurz zu sein, wir begaben uns alle mit dem Kapitän an Land und speisten in Gravesend zu Nacht, wo es sehr lustig herging. Wir übernachteten in dem Hause, in dem wir gespeist hatten, und begaben uns am andern Morgen getreulich wieder an Bord zurück, nachdem wir noch zehn Dutzend Flaschen gutes Bier, eine Quantität Wein und etwas Geflügel und ähnliche Dinge gekauft, die an Bord sicherlich nicht zu verachten waren. Meine Pflegerin war die ganze Zeit über bei uns, ging auch wieder mit uns an Bord und kehrte später mit der Gattin des Kapitäns nach London zurück, nachdem wir glücklich abgefahren waren. Von dem Abschied will ich Ihnen nur das Eine sagen: daß es mir nicht schrecklicher gewesen wäre, mich von meiner eigenen Mutter zu trennen, als von meiner alten Pflegerin, denn ich wußte ja, daß ich sie nie wiedersehen würde.

Quelle:
Daniel De Foe: Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders. Berlin [1903]., S. 393-408.
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