Achtundzwanzigstes Kapitel.

[380] Mein Gatte wurde, wie ich schon erzählte, mit seinen Kameraden in einem besseren Teile des Gefängnisses gefangen gehalten.

Hier verblieben sie, ich weiß nicht aus welchem Grunde, fast drei Monate lang, ehe ihnen der Prozeß gemacht wurde. Ich glaube auch, sie hatten es fertig gebracht, einige Zeugen zu »kaufen,« so daß es jetzt an Beweisen gegen sie fehlte. Nach einigem Zögern konnte die Anklage gegen zwei von ihnen jedoch zur Verhandlung gebracht werden. Mein Gatte aber lag noch immer in Untersuchungshaft. Eine Zeugenaussage gegen ihn hatte beigebracht werden können, da das Gesetz aber zwei verlangte, konnte man ihm einstweilen nichts anhaben; immerhin liesz man ihn nicht los, da man noch immer hoffte, die fehlenden Zeugen herbeizuschaffen;[381] man hatte zu diesem Zwecke eine Bekanntmachung erlassen, der und der Wegelagerer sei gefangen genommen worden, es könne jeder kommen und ihn im Gefängnis betrachten.

Ich nahm diese Gelegenheit wahr, um meine Neugierde zu befriedigen, sagte, ich sei in der Dunstablepost einmal beraubt worden und wolle nun den Wegelagerer sehen. Worauf man mir die entsprechende Erlaubnis gab.

Es war aber sofort im ganzen Gefängnis bekannt geworden, Moll Flanders beabsichtige, gegen einen der Wegelagerer als Zeugin auftreten und werde dadurch wahrscheinlich an der Verschickung vorbeikommen.

Auch mein Gatte hörte davon und verlangte nun seinerseits ebenfalls, die Moll Flanders, die ihn kenne und gegen ihn aussagen wolle, zu sehen.

Ich kleidete mich also zur bestimmten Stunde in meine besten Kleider, doch zog ich eine Hülle über den Kopf, so daß man mich nicht erkennen konnte, und ging in seine Zelle hinüber.

Er sagte erst sehr wenig und fragte mich nur, ob ich ihn wirklich kenne.

Ich antwortete ihm: ja, ich kenne ihn sehr gut.

Dabei machte ich auch meine Stimme unkenntlich, so daß er tatsächlich nicht erraten konnte, wen er vor sich hatte.

Er forschte weiter, wo ich ihn denn gesehen habe, und ich antwortete: »zwischen Dunstable und Brickhill.« Darauf wandte ich mich an den Wärter, der bei uns stand, und fragte ihn, ob ich den Mann nicht einen Augenblick allein sprechen könne.

»Gewiß,« sagte der Wärter und zog sich höflich zurück.

Kaum war er gegangen, so schloß ich die Türe hinter ihm, warf meine Hülle ab, brach in Tränen aus und sagte: »O du mein lieber Jemmy, erkennst du mich denn nicht?«

Er wurde bleich und stand sprachlos da, wie vom Blitz gerührt, und war lange nicht fähig, sich zu fassen. Dann sagte er: »laß mich sitzen,« sank[382] auf einen Stuhl, stützte das Haupt in die Hand und starrte unbeweglich zu Boden.

Ich weinte jedoch so heftig, daß auch ich lange Zeit kein Wort hervorbringen konnte. Dann, als meine Bewegung sich ein wenig gelegt hatte, wiederholte ich: »Mein Lieber, jetzt erkennst du mich doch?«

Er antwortete dumpf »ja« und verharrte wieder eine Zeitlang in Schweigen.

Dann hob er endlich seine Augen zu mir auf und fragte mich: »Wie konntest du nur so grausam sein?«

Ich verstand nicht, wie er dies meinte, und fragte: »Wie kannst du mich grausam nennen?«

»Weil du mich an diesem Orte aufsuchst,« antwortete er. »Ist das nicht eine fürchterliche Kränkung? Und dann, ich habe Dich doch gar nicht beraubt – wenigstens nicht bei so einem Raubzug.«

Ich begriff nun, daß er nicht wußte, in welch elender Lage ich mich selbst befand, und daß er glaubte, ich hätte erfahren, daß man ihn festgenommen, und käme nun, um ihm vorzuwerfen, daß er mich verlassen. Ich hatte jedoch selbst zu viel zu bekennen, um beleidigt sein zu können, und sagte ihm mit wenigen Worten, ich sei weit entfernt davon, ihn kränken zu wollen, und sei im schlimmsten Fall gekommen, um uns beide zu beklagen. Das werde er mir glauben, wenn ich ihm sagte, meine Lage sei schlimmer als die seinige, vielmals schlimmer.

Er sah mich überrascht und doch wieder erschrocken an und fragte mit mattem Lächeln: »Wie wäre das möglich, du siehst mich in Newgate, im Kerker, zwei meiner Kameraden sind schon hingerichtet, was könnte da schlimmer sein?«

»Höre, mein Lieber,« sagte ich, »wir hätten ein gut Teil Arbeit zu tun, wenn ich dir meine unglückselige Geschichte erzählen wollte, und wenn du zuhören solltest. Jedenfalls würdest du dann aber selbst gestehen, daß meine Lage übler ist, als die deine.«

»Wie wäre das möglich?« antwortete er, »ich[383] habe demnächst meine Verhandlung und vielleicht mein Todesurteil zu erwarten.«

»Es ist doch möglich,« entgegnete ich »und du wirst es bald einsehen, wenn ich dir jage, daß ich in der drittvergangenen Verhandlung zum Tode verurteilt worden bin. Ist nicht meine Lage nun schlimmer als die deinige?«

Er saß nach dieser Eröffnung wieder starr und schweigend, bis er nach einer kleinen Weile auffuhr. »Oh wir Unseligen, wir beide,« rief er aus, »wie konnte dies geschehen?«

Ich nahm ihn bei der Hand: »Bleib sitzen, mein Lieber,« sagte ich, »wir wollen unsere Sorgen und unseren Schmerz vereinigen. Auch ich bin Gefangene in diesem schrecklichen Hause, und zwar in schlimmeren Umständen als du, und du wirst mir wohl glauben, wenn ich dir Einzelheiten erzähle, daß ich nicht gekommen bin, um dich zu beleidigen.«

Wir setzten uns darauf beide nieder, und ich teilte ihm von meiner Geschichte mit, was ich für passend hielt, behauptete, an meinem ganzen Elend sei nur meine Armut schuld, und die böse Gesellschaft, in die ich geraten und die mich verführt habe, bei einem Einbruchsdiebstahl mitzuhelfen. Ich habe an der Tür stehen müssen, sei von einer Magd ergriffen und ins Haus geschleppt worden. Aber ich selbst habe weder ein Schloß erbrochen, noch irgend etwas weggenommen, nichtsdestoweniger habe man auf Schuldig erkannt und mich zum Tode verurteilt, man habe die Richter jedoch bewogen, mildernde Umstände anzuerkennen, worauf ich zur Verschickung begnadigt worden sei. Man habe mich im übrigen im Gefängnis für eine gewisse Moll Flanders gehalten, eine berühmte Diebin, von der schon ein jeder gehört, die jedoch noch nie jemand gesehen habe. Er selbst wisse nun ja aber, daß ich nicht so heiße. Mein Unglück habe jedoch gewollt, daß man mich um dieses Namens willen wie eine alte Übeltäterin behandelt, obgleich ich zum ersten Male vor Gericht gestanden hätte. Und nun erzählte ich ihm ausführlich, was mir alles begegnet sei, seit ich ihn zum[384] letzten Male gesehen. Von diesem letzten Male wisse er allerdings nichts, und ich erzählte weiter, wie ich in Brickhill gesehen habe, daß er verfolgt worden sei, und daß sich auf meine Aussage hin, er sei ein ehrlicher und reicher Mann, das Geschrei gelegt und der Konstabler die Verfolgung in anderer Richtung fortgesetzt habe.

Er hörte mir sehr aufmerksam zu, lächelte bei den Einzelheiten, als ich jedoch von Brickhill sprach, war er sehr überrascht und gerührt. »Du warst es also, meine Liebe,« rief er aus, »die den Pöbel in Brickhill beruhigte? Man hat mir das später erzählt!«

»Gewiß war ich es,« entgegnete ich ihm.

»Dann hast du mir das Leben gerettet,« sagte er, »und ich bin froh, daß ich dir das Leben verdanke. Auch will ich diese Schuld jetzt bezahlen und dich aus deiner Lage befreien, und wenn ich bei dem Versuche umkommen sollte.«

Ich aber sagte, das möge er nur ja nicht tun. Die Gefahr sei zu groß, und das fragliche Leben der Rettung nicht wert.

Er entgegnete, mein Leben sei ihm die ganze Welt wert, es habe ihm ja einst ein neues Dasein geschenkt; »denn ich war niemals,« fügte er hinzu, »wieder in solch großer Gefahr, wie damals.« Er habe nämlich nicht angenommen, daß man ihn auf dem von ihm eingeschlagenen Wege verfolgen werde, da er erst auf allerlei Zickzackwegen, die nur ein Zufall den Verfolgern verraten haben konnte, nach Brickhill gelangt sei.

Nun erzählte er mir seine Abenteuer, die eine seltsame und sehr unterhaltende Geschichte ausmachen würden, erzählte, daß er schon seit zwölf Jahren vor unserer Heirat ein Abenteurerdasein führe. Die Frauensperson, die ihn Bruder genannt, habe zu ihrer Bande gehört und meist in London gelebt, da sie dort Bekanntschaften hatte, die die Bande ausnutzen konnte. Sie habe ihnen immer Berichte über die Personen geliefert, die die Stadt verließen, und sie hätten mit ihrer Hilfe manchen[385] guten Fang getan. So habe sie auch geglaubt, ihm in mir eine gute Partie zu verschaffen, bis sich herausgestellt, daß sie sich getäuscht, woraus man ihr aber keinen Vorwurf habe machen können. Wenn ich wirklich Vermögen oder ein Gut besessen hätte, so würde er seine Abenteurerlaufbahn daran gegeben haben, um ein neues Leben zu beginnen. Er habe dann eine Amnestie abwarten oder vielleicht auch versuchen wollen, durch Geld ein besonderes Pardon zu erhalten, um auf diese Weise sein vergangenes Leben ganz auszulöschen. Als sich jedoch meine Armut herausgestellt habe, sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als seinem alten Gewerbe wieder nachzugehen.

Weiter erzählte er mir einzelne seiner Abenteuer. Besonders interessant war eins, bei dem sie die Westchester Postkutsche bei Lichfield beraubt und eine große Beute gemacht hatten. Dann habe er auch einmal fünf Viehhändler ausgeplündert, die zum Jahrmarkt nach Burford in Wiltshire gingen, um dort Schafe einzukaufen. Er habe bei diesen beiden Gelegenheiten so viel erbeutet, daß er mich damals – es waren Abenteuer nach dem mit mir – gerne gefunden hätte, um, wie ich es vorgeschlagen, mit mir nach Virginia zu gehen, oder sich in einer anderen englischen Kolonie in Amerika als Pflanzer niederzulassen. Er habe mir denn damals auch drei Briefe geschrieben und an die von mir bezeichnete Adresse gesandt, doch nichts von mir gehört. Ich wußte, daß dies der Wahrheit entsprach, diese Briefe waren mir nämlich in der ersten Zeit meiner Verheiratung mit dem Bankbeamten richtig zugegangen, da es mir aber unmöglich war, auf seine Vorschläge einzugehen, konnte ich nichts besseres tun, als ihm einfach keine Antwort geben, und ihn so glauben machen, ich habe die Briefe nicht erhalten.

Er erzählte mir nun weiter, daß er nach dieser Enttäuschung sein altes Gewerbe ununterbrochen weitergeführt, doch stets, wenn er genügend Geld besessen, sich nicht in gefährliche Unternehmungen eingelassen habe. Mehreremale habe es harte und[386] verzweifelte Kämpfe mit Kaufleuten gegeben, die sich nur sehr schwer von ihrem Gelde hätten trennen können; und dabei zeigte er mir verschiedene Narben, die er davongetragen. Zwei Wunden mußten wirklich ganz fürchterlich gewesen sein, eine von einer Kugel, die ihm den Arm zerschmettert hatte, und eine andere von einem Schwerthiebe, die quer über den Leib lief, da er jedoch keine edleren Teile getroffen, konnte er wieder hergestellt werden. Einer seiner Gefährten war ihm so treu ergeben, daß er ihn damals, als ihm der Arm zerschmettert wurde, etwa achtzig Meilen weit reitend trug, und ihn, um jeden Verdacht zu vermeiden, weit vom Tatorte entfernt zu einem Wundarzt brachte, dem sie vorredeten, sie seien auf der Reise nach Carlisle von Wegelagerern angegriffen worden, und einer der Hallunken habe ihn in den Arm geschossen. Der Freund habe diese ganze Sache so wohl vorgebracht, daß sich nicht der geringste Verdacht erhoben und sie den Verlauf der Heilung ruhig abwarten konnten. Verschiedene seiner Abenteuer setzte er mir so genau und possierlich auseinander, daß ich nur mit Widerstreben von einer Erzählung derselben absehe. Doch soll dies ja meine Geschichte sein und nicht seine.

Dann fragte ich ihn um seine jetzigen Verhältnisse aus und was für einen Urteilsspruch er zu erwarten habe.

Er sagte, man habe keine Zeugen gegen ihn. Von den drei Räubereien, die man ihm und seinen Genossen zur Last gelegt habe, sei er zum Glück nur bei einer beteiligt gewesen, und man habe auch nur einen Zeugen aufbringen können. Das genüge aber nicht zur Verurteilung; immerhin müsse er damit rechnen, daß sich noch andere Zeugen einstellen könnten; so habe er, als er mich zuerst gesehen, fest geglaubt, ich komme, um dem Gericht Beweise gegen ihn zu liefern. Wenn sich aber niemand mehr einstellen sollte, hoffe er, noch einmal glatt vorbei zu kommen; auch habe man ihm angedeutet, wenn er in eine Verschickung willige, so könne er vielleicht überhaupt einer Verhandlung entgehen. Daran[387] dächte er jedoch nicht im geringsten, fügte er hinzu, und er glaube, lieber noch lasse er sich hängen.

Ich tadelte ihn, wegen dieses letzten Ausspruches, erstens, weil ihm, einem wagemutigen Manne, ja tausend Wege offen ständen, wieder zurückzukommen, ja vielleicht könne er sogar zurückkommen, ehe er gegangen.

Er lächelte und sagte, das würde ihm allerdings das liebste sein. Denn er habe einen wahren Abscheu vor dem Gedanken, in die Kolonien verschickt zu werden, wie die Römer ihre Sklaven in die Minen schickten; er halte den Übergang vom Diesseits ins Jenseits am Galgen für viel anständiger; und das sei die Ansicht aller wirklichen Gentlemen, die ihr Unglück dazu triebe, auf der Landstraße ihr Brot zu suchen. Die Hinrichtung bedeute wenigstens ein schnelles Ende aller gegenwärtigen Übel, und was das Weitere anbeträfe, so könne ein Mann ebenso gut die letzten vierzehn Tage seines Lebens unter den Schrecken des Urteils und in der Gesellschaft der übrigen zum Tode Verurteilten Reue erwerben, wie in den Wäldern und der Wildnis Amerikas. Dienstbarkeit und harte Arbeit seien Dinge, zu denen sich ein Gentleman nie herablassen könne; es zwänge sie nur, ihr Urteil selbst an sich zu vollstrecken, was ja noch viel schrecklicher sei: »Überhaupt,« schloß er, »ich mag an die ganze Sache gar nicht denken!«

Ich tat das Äußerste, um ihn zu meiner Ansicht zu bekehren und ließ es auch an der bekannten Frauenrhetorik, nämlich an Tränen, nicht fehlen. Ich stellte ihm vor, schmachvoll vor allem Volke hingerichtet zu werden, müsse einem wirklichen Edelmann doch schlimmer sein, als jede andere Demütigung. Willige er in die Verschickung, so liege es in seiner Hand, sein Leben, wie er wolle, zu gestalten. Nichts sei doch zum Beispiel leichter, als sich den Kapitän des Schiffes, das ihn hinüberbringe, günstig zu stimmen. Diese Kapitäne seien ja im allgemeinen ziemlich gutmütige Menschen; und wenn er gar noch ein wenig Geld aufbringe,[388] werde es eine Kleinigkeit sein, sich bei der Landung in Virginia freizukaufen.

Er blickte mich darauf eigentümlich an, und ich glaubte aus diesem Blicke zu entnehmen, er habe kein Geld. Ich irrte mich jedoch, und er wollte etwas anderes damit sagen. »Du meintest doch eben, meine Liebe,« fuhr er nämlich fort, »es werde sich vielleicht ein Weg finden lassen, zurückzukommen, ehe überhaupt gegangen sein müßte. Ich verstand es so, als wäre es nicht ausgeschlossen, sich schon hier loszukaufen. Und ich möchte wahrhaftig lieber hier zweihundert Pfund zahlen und gar nicht zu gehen brauchen, als mich dort mit hundert Pfund loskaufen.«

»Das sagst du nur,« erwiderte ich, »weil du das Land nicht so gut kennst wie ich.«

»Mag sein,« antwortete er, »und doch glaube ich, würdest du dasselbe denken wie ich, wenn nicht deine Mutter drüben lebte.«

Ich sagte ihm darauf, meine Mutter müsse schon seit langen Jahren tot sein; und die übrigen Verwandten, die ich vielleicht dort noch hätte, kenne ich gar nicht, denn ich habe, seit mich das Unglück verfolge, und das wäre nun schon viele Jahre, alle Beziehungen zu ihnen abgebrochen; auch könne er sich wohl vorstellen, daß ich nur eines sehr kühlen Empfanges gewärtig sein müsse, wenn ich als verschickter Sträfling wieder komme. Ich hätte aber garnicht die Absicht, sie drüben wiederzusehen, sondern verfolgte ganz an dere Ziele, die mir mein Los sehr erleichtern sollten. Und wenn auch er darein willigen könne, hinüberzugehen, so könne ich ihm mit ein paar Worten sagen, wie er es anzufangen habe, um in kein Dienstverhältnis zu kommen, besonders, da er ja über einiges Geld zu verfügen scheine, den mächtigsten Freund in solchen Verhältnissen.

Er lächelte und entgegnete, er habe mir ja garnicht gesagt, daß er Geld habe.

Ich fiel ihm ins Wort und sagte, er glaube hoffentlich nicht, ich beabsichtigte, ihn um irgendwelche Unterstützung anzugehen; wenn ich selbst auch[389] nicht sehr viel besitze, so sei ich doch durchaus nicht bedürftig und würde ihm sein Kapital eher vermehren als vermindern helfen. Wenn er verschickt würde, könne er sowieso nicht genug mitnehmen.

Er entgegnete darauf in zärtlichem Tone, er besitze zwar nicht viel, doch solle mir davon kein Pfennig vorenthalten bleiben, wenn ich Geld bedürfte. Er habe eben auch nicht aus der Befürchtung, ich möge ihn in Anspruch nehmen, so zurückhaltend gesprochen; nur – er wisse schon hier nicht, was er beginnen sollte, drüben aber sei er der hilfloseste Kerl von der Welt.

Ich sagte ihm, er stelle sich da allerlei Schrecknisse vor, die in Wirklichkeit garnicht existierten. Da er, wie ich zu meiner Freude hörte, Geld habe, könne er nicht nur der Dienstbarkeit, die ja sonst die Folge der Verschickung sei, aus dem Wege gehen, sondern sogar beginnen, sein Glück aufzubauen, was ihm, wenn er nur ein wenig Fleiß zeige, auch gelingen werde. Er möge sich doch nur daran erinnern, daß ich es ihm schon vor vielen Jahren empfohlen und die Auswanderung nach Virginia als Mittel vorgeschlagen habe, unsere zerrütteten Vermögensverhältnisse endgültig aufzubessern. Und um ihn davon zu überzeugen, daß ich mit der Art und Weise, dort Geld zu verdienen, völlig vertraut und der Wahrscheinlichkeit des Erfolges gewiß sei, werde ich mich zuerst von dem Zwang hinüberzugehen befreien und dann freiwillig mit ihm gehen. Ich könne soviel mitnehmen, daß auch er vielleicht ganz zufrieden sei; denn ich machte ihm mein Anerbieten nicht, weil ich nicht ohne seinen Beistand leben könnte, sondern weil ich glaubte, unser vergangenes Leben sei derart gewesen, daß uns beiden der Gedanke nur sehr angenehm sein könne, diesen Teil der Erde zu verlassen und in einem Lande zu leben, in dem uns niemand des Vergangenen wegen Vorwürfe zu machen habe, in einem Lande, wo uns die Angst vor dem Kerker nicht mehr zu verfolgen brauche, und von wo aus wir aufatmend auf die Gefahren des verflossenen Lebens zurückblicken könnten, wo wir uns[390] sagen dürften, daß unsere Feinde uns vergäßen, und daß wir als neue Men schen in einer neuen Welt lebten, in der wir niemandem und niemand uns mehr etwas zu sagen hätte.

Ich redete ihm so dringend zu und beantwortete all seine Einwürfe so wirksam, daß er mich zum Schluß umarmte und sagte, meine Anteilnahme an ihm rühre ihn fast zu Tränen; er wolle meinem Rate folgen und sich in der Hoffnung, solch eine treue Ratgeberin und Gefährtin im Unglück zu haben, in sein Schicksal ergeben; immerhin wolle er mich noch einmal daran erinnern, daß ich vorhin die Möglichkeit angedeutet, noch vor der Verschickung loszukommen, was ja viel besser sei.

Ich antwortete ihm, er könne überzeugt sein, daß ich mein Möglichstes tun werde, um unsere Befreiung zu erlangen. Wenn es mir aber nicht gelänge, würden wir unser Leben eben auf die vorhin besprochene Art einrichten.

Nach dieser langen Unterredung trennten wir uns mit so viel Bezeugungen der Zuneigung, daß, glaube ich, der Abschied in Dunstable vor vielen Jahren nicht inniger gewesen war. Jetzt erkannte ich allerdings, welchen Grund er damals gehabt, nicht mit mir nach London zu kommen, als er sagte, der Aufenthalt in dieser Stadt sei nicht ratsam für ihn, sonst würde er gerne mit mir dahingehen.

Ich habe schon erwähnt, daß die Erzählung seiner Abenteuer einen unterhaltenderen Bericht abgeben würde, als die der meinigen. Es ist an sich ja schon seltsam genug, daß er sein Raubritterleben fünfundzwanzig Jahre lang hintereinander geführt, ohne gefaßt zu werden, daß er im Gegenteil so ungewöhnliche Erfolge gehabt und zuweilen ein oder zwei Jahre sehr bequem, mit seinem Diener in eine stille Gegend zurückgezogen, von dem Ertrag eines Raubzuges leben gekonnt. Auch hatte er, wie er lachend erzählte, sehr oft im Bierhause gesessen und die Leute, die er beraubt, sich über ihren Unfall unterhalten hören.

Zur Zeit, als er mich um meines angeblichen[391] Vermögens willen heiraten wollte, hatte er gerade wieder einmal einen guten Fang getan und lebte zurückgezogen in der Nähe von Liverpool. Wäre ich die Partie gewesen, für die er mich gehalten, ich bin überzeugt, er würde überhaupt ehrlich geworden sein. So aber hatte er sein wildes, verwegenes Leben fortsetzen müssen, und nun – nun hatte man ihn endlich doch gefangen.

Gut war – ein seltsames Glück im Unglück –, daß er bei dem betreffenden Raubzug nicht persönlich zugegen gewesen, daß man ihn nur vorher mit seinen beiden Kameraden zusammen gesehen hatte, und auch er mit ihnen zusammen ergriffen worden war. Der einzige Zeuge gegen ihn, ein tölplichter Bauer, beschwor nun freilich, er sei mit beteiligt gewesen; doch genügte diese Aussage nicht, wie ich erzählt habe; das Einzige, was befürchtet werden konnte, war nur, daß sich noch mehrere finden würden, die gerade so dumm und eigensinnig wie dieser Zeuge waren. Nach der Bekanntmachung zu urteilen, die erlassen worden war, hoffte man offenbar auch, es würden sich noch andere Zeugen gegen ihn melden – und aus diesem Grunde wurde er noch festgehalten.

Das Anerbieten aber, das man ihm gemacht: ihn ohne Verhandlung zu verschicken, verdankte er einer einflußreichen Persönlichkeit, einem Jugendfreunde, der ihm lebhaft einredete, es auch anzunehmen. Sie können sich denken, daß ich dasselbe tat und nichts unversucht ließ, um ihn zu einem solchen Entschlusse zu bestimmen.

Am Ende gab er denn auch seine Einwilligung. Da er jedoch nicht, wie ich, zur Verschickung verurteilt worden war, mußte er selbst für seine Überfahrt sorgen. Sein Freund aber verbürgte sich dafür, daß mein Gatte auch wirklich in die Kolonien gehen und nicht vor einer festgesetzten Zeit zurückkehren würde.

Diese Einwilligung seinerseits und auch der Umstand, daß sein Freund sich verbürgt, machte allen Plänen, wie ich selbst in Freiheit in England bleiben könnte, ein Ende. Denn trennen wollte ich mich[392] von meinem Jemmy nicht mehr, das stand fest, und niemals würde ich ihn allein nach Amerika übersiedeln lassen. Er aber schwor, daß er lieber am Galgen enden wolle, als allein in fremdem Lande sein Grab finden.

Quelle:
Daniel De Foe: Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders. Berlin [1903]., S. 380-393.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders
Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders
Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders
Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders
Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders
Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders, die im Zuchthaus geboren wurde, zwölf Jahre Dirne, acht Jahre deportierte Verbrecherin in Virginien war, schließlich ehrbar lebte und reuig starb .

Buchempfehlung

Meyer, Conrad Ferdinand

Das Leiden eines Knaben

Das Leiden eines Knaben

Julian, ein schöner Knabe ohne Geist, wird nach dem Tod seiner Mutter von seinem Vater in eine Jesuitenschule geschickt, wo er den Demütigungen des Pater Le Tellier hilflos ausgeliefert ist und schließlich an den Folgen unmäßiger Körperstrafen zugrunde geht.

48 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon