Einunddreißigstes Kapitel.

[422] Doch war mit alledem, mit unserer großen Plantage und unserer inneren Zufriedenheit, unser Glück noch nicht erschöpft.

Ich ging nämlich, wie ich ja auch von Anfang an beabsichtigt hatte, noch einmal über die Bucht zurück und fuhr den Potamack hinauf, um meinen Bruder und früheren Gatten aufzusuchen. Diesmal verlief die Reise günstiger und ich kam in verhältnismäßig kurzer Zeit an meinem Bestimmungsorte an.

Ich war anfangs fest entschlossen gewesen, gleich zu meinem Bruder hineinzugehen und ihm zu sagen, wer ich sei. Da ich jedoch nicht wußte, in welchem Zustand ich ihn antreffen, und ob er außer sich geraten würde, wenn ich so unvermutet vor ihm erschiene, beschloß ich, ihm zuerst einen Brief zu schreiben, um ihn wissen zu lassen, wer ihn besuchen werde, und daß ich nicht käme, um ihm unserer alten Beziehungen wegen Unannehmlichkeiten zu machen: ich wolle mich nur als Schwester an den Bruder wenden, um seinen Beistand zu erbitten und ihn zu veranlassen, mir in allem, was die Hinterlassenschaft meiner Mutter[423] anginge, mein Recht werden zu lassen. Ich sei überzeugt, er werde treulich mit mir verfahren, besonders wenn er sich sage, daß ich von so weit herüber gekommen sei, um diese Angelegenheit zu ordnen.

Ich sagte noch einige zärtliche Dinge über seinen Sohn, sagte, daß ich hoffe – da ich ja durch die Heirat ebenso wenig eine Schuld auf mich geladen wie er – er werde mir den leidenschaftlichsten Wunsch meines Herzens nicht versagen und mich das Kind sehen lassen, meinen einzigen Sohn; denn schwach wie jede Mutter, habe ich durch die Jahre hindurch eine heftige Zuneigung zu ihm bewahrt, ob ich mir gleich sagen müsse, daß er nie auch nur mit einem Gedanken sich meiner erinnert habe.

Ich glaubte, der Alte würde diesen Brief seinem Sohne zu lesen geben, da sein Augenlicht, wie ich schon erzählt habe, fast erloschen war; doch ging alles noch besser, denn er hatte seinem Sohne ein für alle Mal erlaubt, die Briefe für ihn in Empfang zu nehmen und zu öffnen; und zumal er, als mein Schreiben ankam, nicht zuhause war, geriet mein Brief in die Hände meines Sohnes; und dieser öffnete und las ihn.

Und als er ihn gelesen, rief er den Boten, der den Brief gebracht hatte, herein und fragte, wo die Frau sei, die ihm denselben übergeben. Der Bote nannte den Ort, der etwa sieben Meilen entfernt war. Darauf befahl mein Sohn, ein Pferd zu satteln, nahm zwei Diener mit, und eilte mit dem Boten zu mir.

Nun können Sie sich meine Bestürzung vorstellen, als mein Bote, der voraufritt, bei mir ankam und mir mitteilte, der alte Herr sei nicht zuhause gewesen, sein Sohn sei jedoch schon auf dem Wege zu mir und werde in wenigen Minuten eintreffen. Ich geriet ganz außer mir, denn ich wußte nicht, ob dies Krieg oder Frieden, Haß oder Liebe bedeuten sollte, noch wie ich mich zu benehmen habe.

Doch blieben mir nur wenige Augenblicke zum[424] Nachdenken, denn mein Sohn folgte dem Boten auf dem Fuße, und nachdem er gefragt, wo ich sei, und man ihn zu mir gewiesen, kam er sofort auf mich zu, umarmte mich, küßte mich und drückte mich fest an sein Herz; und ich fühlte, daß sich seine Brust hob und senkte – wie bei einem Kinde, das schluchzt und nicht weinen will.

Ich kann die Freude, die mich bis in die innerste Seele ergriff, nicht beschreiben, denn ich fühlte gleich, daß er nicht als ein Fremder kam, sondern als ein Sohn zur Mutter, und zwar als ein Sohn, der nie erfahren, was es heiße, eine Mutter zu haben. Bald weinten wir beide zusammen, und zum Schluß brach er in die Worte aus: »Meine liebe Mutter, du lebst also noch, ich hatte nicht mehr gehofft, dein Angesicht zu sehen!«

Ich aber konnte eine lange Zeit überhaupt kein Wort hervorbringen.

Nachdem wir beide uns ein wenig gefaßt hatten, er zählte er mir, wie die Dinge lägen. Er habe meinen Brief seinem Vater noch nicht gezeigt und auch noch nicht mit ihm darüber geredet. Was seine Großmutter mir hinterlassen, befinde sich in seinen Händen, und es sei selbstverständlich, daß mir volle Gerechtigkeit widerfahren solle. Sein Vater sei alt und gebrechlich, launenhaft, aufgeregt und fast blind, und es sei fraglich, ob er in dieser Angelegenheit richtig gehandelt haben würde, deshalb sei er auch selbst gekommen, sowohl um mich zu sehen, als auch um mich selbst urteilen zu lassen, ob es überhaupt angebracht sei, mich seinem Vater zu entdecken oder nicht.

Dies war sehr klug und weise gedacht und gehandelt, und ich sah bald ein, daß mein Sohn ein Mann von Verstand war und keinerlei Leitung von mir nötig hatte.

Ich sagte ihm, es setze mich nicht in Verwunderung, daß er den Vater launenhaft und eigensinnig genannt, denn der Kopf des alten Herrn sei schon angegriffen gewesen, ehe ich nach England zurückgekehrt. Diese geistige Störung sei wohl entstanden,[425] weil ich mich geweigert habe, als Gattin bei ihm zu bleiben, nachdem ich gehört, er sei mein Bruder. Da er aber den jetzigen Zustand seines Vaters besser kenne als ich, würde ich die ganze Angelegenheit gern ihm überlassen. Es liege mir auch wenig daran, seinen Vater wiederzusehen; und er hätte mir nichts günstigeres sagen können, als daß die Hinterlassenschaft seiner Großmutter seinen Händen anvertraut worden, und ich zweifle nicht, daß er mir, wie er ja auch selbst betont, vollständige Gerechtigkeit widerfahren lassen würde. Ich fragte dann, wie lange meine Mutter noch gelebt habe, wo sie gestorben sei, und erzählte ihm selbst soviel Einzelheiten aus unserem Familienleben, daß er nicht zweifeln konnte, daß ich wirklich und wahrhaftig seine Mutter sei.

Mein Sohn erkundigte sich darauf, wo ich mich jetzt aufhalte, und unter welchen Umständen ich lebe.

Ich erzählte ihm, ich wohne in Maryland an der Bucht, auf der Plantage eines Bekannten, der in demselben Schiff mit mir von England gekommen. Auf dieser Seite der Bucht hätte ich keine Wohnung.

Er sagte darauf, ich solle mit ihm nachhause gehen, und wenn es mir gefiele, mein Leben lang bei ihm wohnen. Sein Vater erkenne niemanden mehr und würde nie auch nur auf die Vermutung kommen, wer ins Haus gekommen.

Ich dachte zum Schein ein wenig darüber nach und entgegnete dann: obwohl es mich nicht wenig bekümmere, so weit entfernt von ihm zu leben, könne ich doch nicht sagen, daß es mir angenehm wäre, mit ihm in einem Hause zu wohnen und die unglückselige Ursache des fürchterlichsten Mißverständnisses stets vor Augen zu haben. Wenn es mich auch freuen würde, in seiner Gesellschaft zu leben, so sei es doch ganz unmöglich für mich, in dem Hause zu bleiben, in dem ich mich jeden Augenblick verraten würde, sobald ich mich nur mit ihm unterhalte, was dann die unangenehmsten Folgen haben könne.[426]

Er sah ein, daß ich recht hatte, und meinte nur: »Dann bleibe aber so nah wie möglich bei mir, liebe Mutter.«

Worauf ich einging und er mich zu Pferde auf eine Plantage geleitete, die dicht bei der seinigen lag, und wo ich so gut wie in seinem eigenen Hause aufgehoben war.

Er selbst begab sich zurück und sagte, er wolle am folgenden Tage das Geschäftliche regeln. Er nannte mich seine Tante und gab den Leuten, die seine Pächter zu sein schienen, den Auftrag, mich mit aller nur möglichen Obacht zu behandeln, und zwei Stunden später schickte er mir eine Magd und einen Negerknaben zu meiner Bedienung, mit einem fertig hergerichteten Nachtmahl.

Ich befand mich plötzlich wie in einer neuen Welt und wünschte beinah schon, ich hätte meinen Gatten aus Lancashire überhaupt nicht mitgebracht. Doch kam mir dieser Wunsch nicht ganz von Herzen, denn ich liebte ihn und hatte ihn immer geliebt; und er verdiente es auch. Aber das alles nur nebenbei gesagt!

Am nächsten Morgen, als ich kaum aufgestanden war, besuchte mich mein Sohn wieder. Nach einigen Worten zog er einen wildledernen Beutel heraus, der fünfundfünfzig Pistolen enthielt, und sagte, das sei eine Vergütung für meine Auslagen, denn obgleich es ihm nicht anstehe, nach meinen Verhältnissen zu fragen, glaube er doch, daß ich nicht allzu viel Geld mitgebracht habe. Dann brachte er das Testament meiner Großmutter hervor und zeigte mir, daß sie mir am Yorkriver eine Plantage mit Dienstboten und Vieh hinterlassen und sie meinem Sohne zur Verwaltung übergeben hatte, bis er etwas von mir oder meinen Erben höre. Im Falle ich keine Erben habe, dürfe ich nach meinem Gutdünken über diesen Besitz verfügen. Das Einkommen von dem Gute solle, bis ich mich melde, meinem Sohne zugute kommen, und falls man nichts mehr von mir höre, mein Erbteil auf ihn und seine Erben übergehen.[427]

Diese Plantage, fuhr er fort, habe er nicht verpachtet, obgleich sie ziemlich weit von seinem Besitztum entfernt läge, sondern er lasse sie, wie eine andere, die seinem Vater gehöre, von einem Verwalter bewirtschaften und gehe jährlich selbst drei- oder viermal dahin, um nach dem Rechten zu sehen.

Ich fragte ihn, was die Plantage nach seiner Schätzung wert sei.

Er antwortete, wenn man sie verpachte, werde sie wohl jährlich sechzig Pfund eintragen; wenn ich sie jedoch selbst bewirtschafte, könne sie wohl hundertundfünfzig Pfund jährlich einbringen. Da ich aber nun einmal die Absicht hätte, mich an der anderen Seite der Bucht niederzulassen oder vielleicht sogar wieder nach England zurück wolle, biete er sich an, mein Verwalter zu sein, und er glaubte, er könne mir wohl jährlich soviel Tabak schicken, daß ich hundert Pfund, vielleicht sogar mehr, dafür zu lösen vermöge.

Dies waren unerwartete Neuigkeiten, an die ich nicht zu denken gewagt; und mein Herz blickte ernstlicher und dankbarer als je zur Vorsehung auf, die solche Wunder für mich getan – für mich, die ich vielleicht das größte Wunder von Verderbtheit gewesen, das jemals in dieser Welt gelebt. Und ich musz hier noch einmal bemerken, daß mir mein böses und verworfenes Leben nie so abscheulich vorgekommen, und daß ich nie mit gröszerem Entsetzen auf dasselbe zurückblickte und mir bitterere Vorwürfe machte, als wenn mir – wie an diesem Tage wieder einmal – zum Bewusztsein kam, daß die Vorsehung mich mit ihrer Güte überhäufte, während ich ihr dieselbe mit solchen niederträchtigen Handlungen dankte.

Doch überlasse ich es dem Leser, diese Gedanken besser und weiter auszuspinnen, und erzähle die Tatsachen weiter. Das zärtliche Betragen meines Sohnes und seine gütige Dienstwilligkeit rührten mich zu Tränen, und ich muszte, solange er sprach, das Weinen mit Mühe zurückhalten. Ich konnte nur hin und wieder, wenn ich meine Erregung ein[428] wenig bemeisterte, einige Worte reden. Dann sagte ich ihm, wie glücklich es mich mache, daß man die Verwaltung meines Erbes den Händen meines eigenen Kindes anvertraut habe. Ich hätte auszer ihm kein Kind mehr in der Welt, und wenn ich mich auch noch einmal verheiraten sollte, so würde ich doch keine Kinder mehr haben. Ich bäte ihn deshalb, ein Schriftstück aufsetzen zu lassen, in dem ich meinen Besitz nach meinem Tode ihm und seinen Erben zum Eigentum vermachte.

Dann lächelte ich und fragte, weshalb er denn noch Junggeselle sei?

Er antwortete schnell, in Virginia gäbe es ja so wenig Frauen, und da ich davon spreche, wieder nach England zurückzukehren, möge ich ihm eine Frau aus London schicken.

Über diese Dinge unterhielten wir uns während dieser Unterredung, am ersten Tage, dem heitersten Tage, der je in meinem Leben über meinem Haupte dahinzog und der mir die größte Genugtuung gewährte.

Er besuchte mich nun jeden Tag, brachte manche Stunde bei mir zu und führte mich bei mehreren seiner Freunde ein, die mich alle mit größter Achtung und Liebenswürdigkeit aufnahmen. Ich speiste auch mehreremal in seinem eigenen Hause zu Mittag, und er trug dann jedesmal Sorge, daß sein halbtoter Vater nicht zugegen war und ich ihn nicht sah. Ich machte meinem Sohn auch ein Geschenk mit einer goldenen Uhr, das einzige, was ich an Wert bei mir hatte, und sagte, er möge sie hin und wieder küssen zu meinem Angedenken. Ich fand es jedoch nicht nötig, ihm zu erzählen, daß ich sie einmal einer Dame in England abgestohlen hatte. Doch auch das nur nebenbei gesagt!

Er zögerte eine Weile, ob er sie annehmen solle oder nicht. Ich drängte ihn jedoch, und er wies sie dann auch nicht zurück. Sie war nicht viel weniger wert, als sein lederner Beutel voll spanischem Golde. Ja, wenn man sie in London abgeschätzt hätte, wäre sie zweimal so viel wert gewesen. Zum Schluß[429] nahm er sie also, wie gesagt, an, küßte sie und sagte mir, er wolle die Uhr stets als eine Schuld betrachten, an der er abtragen müsse, solange er lebe.

Nach ein paar Tagen brachte er auch das Schriftstück, das die Erbangelegenheit regeln sollte, mit. Ich unterzeichnete es und übergab es ihm mit herzlichen Küssen; denn niemals bestand zwischen einer Mutter und ihrem Kinde ein zärtlicheres Verhältnis. Am nächsten Tag brachte er ein von seiner Hand geschriebenes und gesiegeltes Schriftstück, in dem er sich verpflichtete, die Plantage für mich zu verwalten und mir die Einkünfte, wo ich auch immer sei, zukommen zu lassen. Dieselben sollten jedoch nicht unter einhundert Pfund jährlich betragen. Dann sagte er mir, da ich mein Eigentum verlangt hätte, ehe eingeerntet sei, gehöre der Ertrag des laufenden Jahres bereits mir, und bezahlte mir hundert Pfund spanischen Goldes aus.

Ich blieb fünf Wochen hier und hatte dann auch noch viele Mühe, mich loszureißen. Er wollte mich durchaus selbst über die Bucht bringen, dies gab ich aber nicht zu. Doch ließ er es sich nicht nehmen, mich in seiner eigenen Schaluppe, die wie eine Yacht gebaut war, hinüberfahren zu lassen. Nach den herzlichsten Ausdrücken der Zuneigung schieden wir dann, und ich kam in zwei Tagen sicher bei meinem Jemmy wieder an.

Ich brachte zum Gebrauch auf unserer Plantage drei Pferde mit Geschirr und Sattelzeug, einige Schweine, zwei Kühe und mancherlei andere nützliche Dinge mit herüber: Geschenke des treuesten und zärtlichsten Kindes, das eine Mutter jemals ihr eigen genannt. Ich erzählte meinem Gatten getreulich alle meine Reiseerlebnisse, nur nannte ich dabei meinen Sohn meinen Vetter, und behauptete, die Uhr verloren zu haben. Dann erzählte ich ihm, wie liebenswürdig dieser Vetter gegen mich gewesen sei, daß meine Mutter mir eine Plantage hinterlassen und er dieselbe, in der Hoffnung, noch einmal etwas von mir zu hören, für mich verwaltet hätte. Ich habe sie auch weiter seiner Bewirtschaftung[430] überlassen. Er wolle mir ihren Ertrag pünktlich zukommen lassen. Damit zog ich die hundert Pfund heraus und zeigte sie ihm als den Ertrag des ersten Jahres.

Mein Gatte erwiederte darauf: »So wirkt also die Güte des Himmels für alle, die sich der Gnade nicht entziehen!« Dann hob er die Hände empor und rief in übermäßiger Freude aus: »Was tut doch der Herr für einen solch undankbaren Hund wie mich!«

Nun zeigte ich ihm, was ich sonst noch alles in der Schaluppe mit herübergebracht hatte: die Pferde, Schweine, Kühe und die anderen Vorräte, und seine Freude stieg und füllte sein Herz mit Dankbarkeit, und er war von der Zeit an so bußfertig, so reumütig und fromm, wie nur je ein büßender Wegelagerer oder Räuber geworden ist. Ich könnte eine längere Geschichte als diese mit dem Beweis für diese Behauptung füllen. Doch bezweifle ich, daß dieser Teil der Geschichte ebenso unterhaltend sein würde, als derjenige, in welchem ich unsere Bosheiten erzählt habe. Außerdem ist dies ja meine Geschichte und nicht die meines Gatten.

Ich kehre deshalb wieder zu mir zurück. Wir bewirtschafteten unsere eigene Plantage mit der Hilfe neugewonnener Freunde, und besonders des ehrlichen Quäkers, und wir hatten viel Erfolg. Da nun obendrein noch die hundert Pfund von der geerbten Plantage hinzukamen, konnten wir bald die Zahl unserer Dienstboten vermehren, bauten uns ein sehr gutes Haus und machten jährlich neue Landstrecken urbar. Im zweiten Jahr schrieb ich meiner alten Pflegerin, damit sie Teil an unserem Glück nehmen könne, und bat sie, für die zweihundertfünfzig Pfund, die ich ihr zurückgelassen, bestimmte Waren einzukaufen und uns zuzusenden. Sie erfüllte unsere Bitte mit ihrer gewöhnlichen Güte und Treue, und alles kam sicher bei uns an. Wir hatten nun einen Vorrat an guten Kleidern, und ich ließ es mir angelegen sein, besonders meinem[431] Gatten alles das zu verschaffen, was ihm Freude machte, zum Beispiel zwei schöne lange Perücken, zwei lange Degen mit Silbergriffen, drei Jagdflinten, einen Sattel mit Polstern und Pistolen, einen scharlachenen Reitermantel, kurz alles, was ihm, wie ich wußte, Freude machte und ihn als das erscheinen ließ, was er auch wirklich war – als einen Edelmann. Dann hatte ich auch eine Menge Haushaltungs- und Leibwäsche kommen lassen. Ich selbst hatte nur sehr wenig an Kleidern nötig, da ich noch von früher her sehr wohl ausgestattet war. Dafür hatte ich Pferdegeschirre, Handwerkszeug, Kleider für die Dienstboten, Wollstoffe, Futterzeug, Strümpfe, Schuhe und Hüte kommen lassen. Und die ganze Ladung gelangte, wie ich schon bemerkt habe, sicher in unseren Besitz, samt drei Dienstmägden, lustigen Weibsbildern, die meine alte Pflegerin für mich gemietet hatte, und die sich sehr bald in den Ort und in die Arbeit, die ihrer wartete, fanden. Eine kam sogar zwiefach und brachte uns sieben Monate nach der Landung einen prächtigen kleinen Burschen zur Welt.

Mein Gatte war, wie Sie sich denken können, sehr überrascht beim Anblick der ganzen großen Ladung und sagte eines Tages, als er sie sich im einzelnen betrachtete: »Ich fürchte meine Liebe, Du bringst uns in Schulden. Wann sollen wir dies alles bezahlen?«

Ich aber lächelte und sagte ihm, es sei alles längst bezahlt, und erzählte ihm dann, ich hätte nicht mein ganzes Kapital mit herübergenommen, um in einem Notfalle noch immer eine Hülfe zu haben. Da wir uns aber jetzt eine Existenz geschaffen, hätte ich es in diesen Waren herüberkommen lassen.

Er war sehr erstaunt, stand eine Weile stumm da und zählte an seinen Fingern, und sagte, während er auf den Daumen wies: »Da sind zweihundertsechsundvierzig Pfund in Gold, zwei goldene Uhren und Diamantringe, hier,« sagte er und zeigte auf den Zeigefinger, »ist reichliches Silbergeschirr, und hier,« er zeigte auf den folgenden Finger, »liegt eine[432] Plantage am York River, die hundert Pfund jährlich einbringt, weitere hundertfünfzig Pfund in Geld, dann die Ladung einer Schaluppe die in Pferden, Kühen, Schweinen und Vorräten bestand, und nun,« er zeigte wieder auf den Daumen, »noch eine Ladung, die in England zweihundertundfünfzig Pfund, hier aber das doppelte wert ist.«

»Weshalb zählst du dies auf?«, fragte ich.

»Weshalb?« antwortete er, »wer sagte mir damals, ich sei betrogen, als ich mich in Lancashire verheiratete, ich glaube, ich habe damals eine ganz gute Partie gemacht, was?«

Kurz, wir befanden uns in sehr guten Verhältnissen, und unser Besitz nahm jährlich noch zu. Unsere neue Plantage gedieh zusehends, und in den acht Jahren, die wir auf ihr lebten, brachten wir sie zu solch einer Höhe, daß sie uns dreihundert Pfund jährlich einbrachte, das heißt, soviel war ihr Ertrag in England wert.

Nach einem Jahre fuhr ich wieder einmal über die Bucht, um meinen Sohn zu sehen, und vor allem, um mir den zweiten Jahresbetrag meiner Plantage abzuholen. Mit Überraschung hörte ich, daß mein ehemaliger Gatte gestorben und vor ungefähr vierzehn Tagen begraben worden sei. Dies war mir, ich muß es gestehen, nicht unangenehm, denn nun durfte ich verheiratet erscheinen. Ich erzählte deshalb meinem Sohne auch, ehe ich ihn verließ, ich hätte vor, mich mit einem Herrn, der eine Plantage ganz in der Nähe der meinigen besitze, zu verheiraten, was ich jetzt nach dem Tode seines Vaters ja dürfe. Mein Sohn behandelte mich mit größter Liebe, zahlte mir die hundert Pfund aus und schickte mich abermals reich mit Geschenken beladen nach Hause.

Nach einiger Zeit ließ ich ihn wissen, ich sei glücklich verheiratet, und lud ihn ein, uns zu besuchen. Auch mein Gatte schrieb ihm einen liebenswürdigen Brief, und er kam denn auch richtig. – gerade einige Monate, nachdem wir die erwähnte Ladung aus[433] England erhalten; und ich machte ihn glauben, sie gehöre meinem Gatten, und nicht mir.

Ich muß noch erwähnen, daß ich, nachdem der Alte tot war, meinem jetzigen Gatten die ganze Geschichte mit ihm aufrichtig erzählte, und ihm gestand, daß der junge Mann, den ich meinen Vetter genannt, in Wirklichkeit mein Sohn aus dieser unseligen Ehe sei.

Mein Gatte sagte darauf, das sei ihm alles ganz gleichgültig, und würde ihm auch gleichgültig gewesen sein, wenn er es vorher gewußt, bevor der alte Mann gestorben, »denn,« sagte er, »diese unnatürliche Heirat war ja weder deine Schuld, noch die seine, sondern nur ein Spiel des unabweisbaren Schicksales.«

So lebten wir denn, mein Jemmy und ich, in der größten Liebe und Zärtlichkeit miteinander weiter, ohne ein Mißtrauen zwischen uns zu haben.

Jetzt sind wir beide alt und grau geworden und haben eine längere Zeit, als die uns vorgeschriebene von acht Jahren, in Virginia zugebracht. Als wir dann wieder nach England und London zurückkehrten, war mein Jemmy achtundsechzig Jahre alt, und ich schon über siebzig.

Hier in London befinden wir uns, trotz all der schlimmen Zeiten, die wir jeder durchgemacht, bei guter Laune und in guter Gesundheit. Wir sind vermögende Leute und haben die gewisse Hoffnung, daß wir unsere Tage in aller Ruhe und Behaglichkeit, dabei ebenso reumütig und fromm, wie wir früher sündhaft und gottlos waren, beschließen werden.

Fußnoten

1 Die Glocke von St. Sepulchre, die bei Hinrichtungen läutet.


Quelle:
Daniel De Foe: Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders. Berlin [1903]..
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