Achtundzwanzigster Abschnitt.

[128] Fortsetzung der Geschichte der Kolonie.


»Ungefähr neun Monate, nachdem man sie verbannt hatte, kamen sie eines Morgens alle Drei zum Schlosse, und verlangten mit Bescheidenheit, mit dem Gouverneur zu sprechen. Ich versammelte meine Landsleute, und ließ mich dann mit ihnen in Unterhandlung ein. ›Sie beklagten sich über ihren Zustand, der ihnen nicht erlaubte, sich alles Nöthige zu verschaffen, und ihres Lebens froh zu werden, so daß endlich der Mangel sie mit dem Hungertode bedrohe. Sie baten also, man möchte sie mit Waffen und Munition versehen, ihnen erlauben, eines der Boote zu nehmen, womit sie sich an's feste Land begeben könnten, wodurch dann die Kolonie von ihrer Gegenwart befreit wäre.‹ Freilich wären die Kolonisten hiermit höchst zufrieden gewesen, doch bewog uns die Menschlichkeit, ihnen vorzustellen,[128] sie würden auf dem festen Lande in's äusserste Elend gerathen, und gewiß zu Grunde gehen. Allein die Britten fielen uns gleich in's Wort: ›das würde auch hier unvermeidlich geschehen, und wenn sie erschlagen würden, wären sie aller Uebel frei, und mit einem Wort, sie wollten fort, wenn man ihnen auch keine Waffen geben wollte.‹ Hierauf versicherte ich sie, man würde ihnen, wenn sie auf ihrem Entschlusse beharrten, das zu ihrer Vertheidigung Nothwendige nicht verweigern, obgleich man selbst nur wenige Waffen und Munition besitze, rieth ihnen aber, doch die Sache noch erst zu überlegen. ›Das wäre schon überlegt und entschieden,‹ erwiderten sie. Man gab ihnen also zwei Flinten, ein Pistol mit einiger Munition, einen Säbel und drei Beile, nebst Vorrath auf einen Monat und einer lebenden Ziege. Hiermit setzten sie sich muthig in's Boot, obwohl sie bei vierzig Meilen zu schiffen hatten. Der Wind war günstig, das Boot mehr als groß genug, und obschon der Mast nur eine bloße Stange, und das Segel aus vier Ziegenfellen zusammengesetzt war, sie auch bessere Seeleute als Landbauer waren, fuhren sie lustig ab; wir wünschten ihnen gute Reise, und hofften, sie nicht wieder zu sehen. Sowohl die zurückgebliebenen Britten als wir Spanier, wünschten uns Glück, von diesen Unholden befreit zu seyn, lebten auch seit ihrer Abfahrt sehr zufrieden und ruhig, und nichts war uns daher unerwarteter und unerwünschter als ihre Zurückkunft, die schon nach drei Wochen erfolgte. Einer der Engländer war eben mit seiner Landarbeit beschäftigt,[129] als er drei Bewaffnete sich ihm nähern sah; er flüchtete sogleich im schnellsten Laufe, und berichtete die Spanier mit größtem Schrecken, daß Fremde auf der Insel gelandet seyen. – Aber welche Fremde? Sind es Wilde? – Nein, nein, es sind Bekleidete mit Feuergewehren. Nun dann, wenn es Europäer sind, so haben wir nichts zu fürchten, da sie uns eher nützlich als schädlich seyn werden. Während dem waren jene auch herangekommen, und riefen diesen zu. Man erkannte sogleich ihre Stimmen, und das erste Erstaunen machte einem andern Platz, da man die Ursache ihrer so schnellen Rückkehr nicht errathen konnte. Ehe man sie in's Schloß einließ, befragte man sie genau um alles, was diese veranlaßt haben mochte? wo sie gewesen wären, und was sie ausgeführt hätten? Hierauf antworteten sie: ›Nach zwei Tagen wären sie glücklich an jener Küste angelangt, an der eine außerordentliche Menge von Menschen sich ihrer Landung mit Spießen und Pfeilen zu widersetzen bereit war; sie wären daher dem Strand entlang weiter nördlich gefahren, und hätten dann befunden, daß das was wir für festes Land hielten, eine große Insel wäre, welche west- und nordwärts noch mit vielen andern Inseln umgeben war. Auf einer der westlichen Inseln hätten sie gelandet, und ein geselliges Volk angetroffen, das ihnen Wurzeln und Fische gegeben hätte; die Weiber wetteiferten mit den Männern, um sie mit Lebensmitteln zu beschenken, und wären oft genöthigt gewesen, solche weithin auf ihren Köpfen zu tragen. Dort wären sie vier Tage geblieben, und hätten sich[130] nach den Einwohnern der übrigen Inseln erkundigt, und vernommen, daß es grausame Menschen wären, die Menschenfleisch äßen, dies thäten sie aber nie, ausser ihre Kriegsgefangenen am Siegesmahle.‹ Auf die Frage: wann sie zuletzt ein solches gehalten hätten, zeigten sie den Mond indem sie zwei Finger ausstreckten, womit sie zwei Monate andeuten wollten, denn ihre ganze Unterhaltung geschah durch Zeichen. Sie setzten auf ähnliche Art hinzu: ihr großer König hätte noch 200 Gefangene, die man für ein künftiges Mahl mästete. Dies machte die Engländer neugierig, selbige zu sehen; die Wilden aber verstanden sie falsch, und glaubten, jene wünschten auch einige zu essen, und versprachen ihnen solche für den folgenden Abend, indem sie die Hand nach Ost ausstreckten und von da bogenweise nach West senkten. Dies verstanden die Britten erst damals recht, als jene ihnen fünf Weiber und eilf Männer zum Geschenk auf ähnliche Art herbeiführten, wie man Vieh zu Markte bringt. Obgleich nun diese Britten uns so große und vielfältige Beweise ihrer unmenschlichen Gefühllosigkeit gegeben, so erfüllte sie doch schon der bloße Gedanke, Menschenfleisch zu essen, mit Abscheu und Entsetzen, und dennoch fürchteten sie sich, die Wilden durch Weigerung, ihr Geschenk anzunehmen, zu erzürnen, obwohl die Anzahl der Opfer sie in nicht geringe Verlegenheit versetzte; sie entschlossen sich also selbige anzunehmen, und beschenkten jene mit einem Beile, einem alten Schlüssel, einem Messer nebst fünf Gewehrkugeln, was ihnen sehr zu gefallen schien, obschon sie deren[131] Gebrauch nicht kannten. Hierauf banden sie den Gefangenen die Hände rückwärts und die Wilden trugen sie selbst ins Boot. Aus Furcht, ihre Dankbarkeit durch Abschlachtung eines oder mehrerer derselben bezeugen zu müssen, eilten sie, sich vom Strande zu entfernen, nachdem sie durch Zeichen Abschied gekommen hatten. Auf einer der nächsten Inseln ließen sie acht von ihren Gefangenen laufen, weil ihre Anzahl zu groß und ihnen lästig war.

Während ihrer Rückreise suchten sie sich mit ihren übrigen Gefangenen zu verständigen, kannten sich aber ihnen gar nicht begreiflich machen, indem die Erwartung, geschlachtet zu werden, sie so sehr ängstigte, daß alles was sie hörten, ihnen nur darauf Bezug zu haben schien, und sie erhoben ein entsetzliches Geschrei, besonders die Weiber, als man ihre Bande lösete, weil sie jetzt den Augenblick ihres Todes vorhanden glaubten. Sogar wenn man ihnen Nahrung reichte fürchteten sie sich eben so sehr, weil sie sich einbildeten, man suche dadurch bloß sie zu mästen, und wenn der Blick eines Engländers auf den Einen oder Andern fiel, so bildete er sich ein, er sey besonders zum Schlachtopfer bestimmt, und noch eine Zeitlang, nachdem sie auf unserer Insel angelangt, und mit Milde behandelt wurden, wähnten sie noch täglich, bald zum Frühstuck bald zum Abendessen dienen zu sollen.

Als die drei Abentheurer ihren Reisebericht geendet hatten, fragte ich nach ihren mitgebrachten Gefangenen, und sie antworteten: daß sie solche in einer ihrer Hütten gelassen, und nur hergekommen waren, um Lebensmittel,[132] die ihnen gänzlich mangelten, zu erhalten. Ich entschloß mich, selbst dahin zu gehen, und alle Spanier, die beiden andern Engländer und sogar Freitags Vater begleiteten mich. Wir fanden selbige gebunden, weil ihre Gebieter dies nöthig gefunden hatten, um zu verhindern, daß jene nicht mit dem Boote entfliehen möchten. Sie saßen ganz nackt am Boden; die drei Männer waren rüstig und gewandt, 30 bis 35 Jahre alt, und die fünf Weiber waren recht wohl gebildet, hatten angenehme Gesichtszüge, waren aber sehr braun von Farbe, zwei davon 30 bis 40, zwei andere 25 bis 26 Jahre alt und die fünfte ein junges Mädchen von ungefähr 16 Jahren; zwei wären selbst in London für schön gehalten worden, wenn ihre Farbe weiß gewesen wäre. Sie hatten etwas sehr Angenehmes in ihrem Gesichte, und eine Haltung voll lieblicher Bescheidenheit, das besonders auffiel, nachdem man sie bekleidet hatte, obschon die Kleidung eben nicht geeignet war, ihre Schönheit zu erhöhen.

Die Spanier, welche durchaus Männer voll Sanftmuth, Redlichkeit und Bescheidenheit waren, errötheten bei dem Anblick dieser Nuditäten, und hatten Mitleiden mit diesen armen Geschöpfen, die voll Angst und Furcht waren, und jeden Augenblick für den letzten ihres Lebens zitterten. Um sie wo möglich zu beruhigen, erhielt Freitags Vater Befehl, zu sehen, ob er mit jemand von ihnen sprechen könne; nur eine der Frauen vermochte ihn einigermaßen zu verstehen; dies war hinlänglich, sie durch die Versicherung, daß ihre Eigner Christen wären, welche niemals Menschenfleisch äßen, von[133] ihrer Angst zu befreien, und daß sie ihres Lebens ganz sicher seyn könnten; dies versetzte sie sogleich in das größte Entzücken, das sie durch tausend Sprünge und manchfaltige possierliche Gebehrden und Ausrufungen ausdrückten, woraus sich ergab, daß sie von verschiedenen Stämmen waren.

Die Frau, welche die Dollmetscherin machte, mußte den Uebrigen die Frage vorlegen: Ob sie, als Sklaven, für diejenigen arbeiten wollten, die sie hergebracht hatten, um ihnen das Leben zu retten? Diese Fragen beantworteten sie dadurch, daß sie herumtanzten, bald dies, bald jenes in die Hände nahmen, und von einem Platze zum andern trugen, womit sie zeigen wollten, daß sie zu allen Diensten bereit wären.

Da ich befürchtete, daß diese Weiber neue Streitigkeiten und Schlägereien veranlassen möchten, so fragte ich die drei Britten, was sie mit denselben vorzunehmen Willens wären, und ob sie solche als ihre Weiber oder Sklavinnen behalten wollten? Sie erwiederten: Sowohl für's eine als das andere. Ich bemerkte hierauf: daß ich sie daran nicht zu verhindern gedächte, doch schien es mir, um Unordnung zu vermeiden, es wäre besser, daß sich Jeder mit einer Frau begnügte, ohne sich mit den übrigen einzulassen. Dieser Vorschlag ward ohne Schwierigkeit genehmigt, und die drei Engländer boten sogar den Spaniern die zwei überzähligen Weiber an, die aber solches aus verschiedenen Beweggründen ablehnten; Alle bezeigten Abneigung, Nichtchristinnen zu heirathen. Die fünf Engländer theilten sie daher unter sich, und dabei war nichts so[134] sehr zu verwundern, als die Leichtigkeit und Friedfertigkeit, womit die Wahl unter diesen rohen Seefahrern getroffen wurde, da es sich doch leicht hätte fügen können, daß zwei das nämliche Weib gewählt hätten. Zwar, um dies zu vermeiden, ward das Loos gezogen, wer zuerst, und in welcher Ordnung die Wahl statt finden sollte, und hier zeigte sich eine neue Sonderbarkeit, indem derjenige, der zuerst wählen konnte, nicht die schönste, sondern die älteste sich zueignete, worüber die Andern sich nicht wenig lustig machten; aber Atkins war klüger, als sie Alle, denn er sah weniger auf die Annehmlichkeiten, als auf die nützlichen Eigenschaf ten seiner künftigen Gehülfin. Auch bestätigte der Erfolg seine Erwartungen. Als er seine Erwählte abholte, ward sie, ungeachtet aller vorhergegangenen Versicherungen, mißtrauisch, und befürchtete, zum Abschlachten abgesondert zu werden; sie erhob daher ein entsetzliches Geschrei, wozu die Andern heulend einstimmten, das sie eben so wenig wußten, was man mit ihnen vorhatte, und sie beruhigten sich nicht eher, als bis Freitags Vater ihnen das Räthsel lösete. Nachdem diese Nachricht ihr Wehklagen in Jubel verwandelt, und die Wahl beendigt war, bezog Jeder wieder seine Wohnung. Die Spanier mit Freitags Vater und drei Sklaven, die sie den Wilden genommen, blieben auf der Burg, die sie ansehnlich erweitert hatten, und die als der Hauptort der Kolonie anzusehen war. Die beiden Engländer führten ihre Frauen in ihre schon bewohnten Hütten, wozu sie noch einige neue erbauten. Die drei Abentheurer bezogen ebenfalls ihre verlassenen[135] Hütten südöstlich des Pfahls; da diese aber mit ihren Geräthen angefüllt waren, so erbaueten sie sogleich fünf neue Hütten, die nördlich von den übrigen lagen, so daß nun die erste Anlage zu drei abgesonderten Ansiedelungen vorhanden war.

Als ich diese Niederlassungen besuchte, waren sie schon im besten Zustande, doch die der beiden Britten weit blühender, obgleich die ihnen zugefallenen Weiber in Thätigkeit und Anstelligkeit den drei andern weit nachstanden; übrigens waren alle fleißige, gute Geschöpfe, aber es war ein Glück für die drei arbeitsscheuen Britten, daß ihre Weiber sie zum Theil zu ersetzen vermochten, denn sonst wären ihre Besitzungen sehr vernachläßigt worden. Ihre bessern Landsleute hatten ihre Wohnungen mit einer ungeheuern Menge von Bäumen umpflanzt, dadurch verborgen, und beinahe unzugänglich gemacht, und obschon ihre Pflanzungen einmal durch die drei Abentheurer und ein andermal durch die Wilden waren verheert worden, so fand ich sie dennoch im blühendsten Zustande. Ihre Weinreben waren so schön angebaut, als in den besten Weinländern, und die Trauben, obwohl wegen jenen Verheerungen zuletzt gezogen, waren so vortrefflich als die vorzüglichsten der Insel. Ausser dem Anbau ihrer Felder hatten sie im tiefsten Dickicht des Waldes eine Höhle ausgegraben, um ihnen zum Zufluchtsorte zu dienen, die nur durch labyrintische Fußsteige zugänglich und ihnen bei einem Ueberfall der Wilden nachher vom größten Nutzen war, um sich, ihre Weiber, ihre Ziegen und Geräthe zu verbergen.[136]

Die drei andern Engländer, obwohl ihre Sitten durch die Veränderung in ihrer Lebensart bedeutend gemildert worden, behielten doch ihren Hang zur Faulheit; sie hatten freilich, mit Beistand ihrer Weiber und Sklaven, die aber nicht mehr zu thun verstanden, als was ihnen angezeigt wurde, Erdreich eingezäunt, bebaut und besät, aber kaum konnte man die Früchte von dem vielen Unkraut unterscheiden. Erst nachdem die Weiber allerlei Kenntnisse im Anbau des Landes von den beiden andern Britten erlernt hatten, gieng es damit, so wie mit der Haushaltung, besser, die Männer aber schwärmten herum, jagten, fischten, suchten Schildkröten, deren Eier und die von Tauben, thaten alles, nur das nicht, was nützlich und nöthig war.

So weit war der Zustand der Inselbewohner gediehen, als eines Morgens fünf bis sechs Kanots voll Wilder an der Nordwestküste der Insel landeten. Dies verursachte, als eine sehr gewöhnliche Sache, wenig Aufsehens, da diejenigen, welche die Wilden entdeckten, die übrigen Kolonisten davon benachrichtigten, wo sich dann alle verborgen hielten, bis jene sich entfernt hatten. Aber diesmal trat der Umstand ein, daß man nach der Abfahrt der Wilden drei derselben am Ufer schlafend fand, die sich vielleicht verirrt hatten, und zu spät zurückgekommen waren. Das sie kein Boot hatten, um fortzukommen, so waren die Kolonisten in nicht geringer Verlegenheit, was mit ihnen vorzunehmen sey. Nach vielen Berathungen entschloß man sich, sie zu wecken, und da man sie nicht tödten wollte, zu Gefangenen zu machen, um zu verhindern, daß sie bei[137] fernerm Herumstreifen durch die Insel die Hütten und Pflanzungen nicht entdeckten. Diese armen Wilden waren sehr bestürzt, als sie sich von Unbekannten von fremdartigem Aussehen umringt und gebunden sahen; sie befürchteten, wie alle diese Stämme, geschlachtet und verspeiset zu werden. Mit Hülfe der andern Sklaven beruhigte man sie deßhalb, und führte sie zuerst zum Landhause, und nachher zu den Hütten der beiden Britten, die am nächsten lagen, denen man sie als Gehülfen überließ. Nach einiger Zeit ward einer derselben vermißt, und man hörte nichts weiter von ihm. Er mußte wahrscheinlich von seinen Landsleuten angetroffen haben, und mit ihnen zurückgekehrt seyn. Diese Vermuthung verbreitete viele Besorgnisse unter den Kolonisten, weil es den Wilden nun nicht länger verborgen bleiben konnte, daß die Insel bewohnt sey. Zum Glück hatte der Flüchtling nur das Landhaus und die Hütten der beiden Britten, auch nur wenige der übrigen Einwohner gesehen, wußte nichts von den Feuergewehren, noch von den Grotten und Zufluchtsörtern, wohin man sich zurückziehen konnte, so daß er nur sehr unvollständige Nachrichten zu geben vermochte.

Die erste Gewißheit, daß ihre Vermuthungen und Besorgnisse nicht ungegründet waren, war die Entdeckung, daß zwei Monate nachher, kurz nach Aufgang der Sonne, sechs Kanots, jedes mit acht bis zehn Wilden bemannt, an der Nordküste, ungefähr eine Meile von der Stelle wo sich die Wilden eine Schlacht geliefert, und den Wohnungen der beiden Britten, angelegt hatten. Wenn die ganze Kolonie sich in dieser Gegend befunden[138] hätte, wäre das Uebel nicht groß gewesen, und wahrscheinlich keiner der Gelandeten entwischt, aber es war unmöglich, daß zwei Männer deren fünfzig mit Vortheil bekämpfen konnten. Zum Glück hatten die Beiden, die in der Gegend ein frühes Geschäft hatten, ihre Feinde schon auf der See in bedeutender Entfernung wahrgenommen, und benutzten die kostbaren Augenblicke, die beiden Gefährten des Flüchtlings zu binden, und durch zwei der Sklaven, die mit den Weibern gekommen waren, nebst den vorzüglichsten Haus- und Ackergeräthen nach der Grotte bringen zu lassen. Zu gleicher Zeit sandten sie den Dritten zu den Spaniern, um ihnen die Gefahr anzuzeigen, und Hülfe zu verlangen. Während dem trieben sie die Ziegenheerde in den Wald, um die Wilden glauben zu machen, daß es wilde Ziegen wären, zogen sich dann ebenfalls nach der Grotte, wo sie ihre Gewehre luden und den Erfolg erwarteten. Als sie auf ihrem Rückzuge einen Hügel bestiegen, entdeckten sie, daß die Wilden gerade auf ihre Hütten anrückten, welche auch nach kurzer Zeit, zu ihrem Schrecken, in Flammen aufgiengen, denn dies war auf lange Zeit ein großer Verlust für sie. Nach Abbrennung der Hütten verbreiteten sich die Wilden überall hin, nach Beute suchend, und vorzüglich um die Einwohner zu entdecken. Da die Grotte zu sehr verborgen, das Gebüsch zu dicht und unzugänglich war, so setzten die beiden Unglücksgefährten ihren Rückzug etwas weiter fort, gegen die Seite hin, woher ihnen Beistand kommen mußte, in Hoffnung desto eher unterstützt zu werden, und je mehr die Wilden sich zerstreuten, mit desto[139] kleinern Haufen streiten zu müssen. Sie stellten sich endlich am Eingange eines dichten Gehölzes auf, wo ein großer, von Alter ganz hohler Baum sie in Schutz nahm. Nach kurzer Zeit sahen sie schon zwei Wild gerade auf sie zu kommen; etwas weiter hin folgten drei, und in noch größerer Entfernung noch fünf andere, die alle den gleichen Weg einschlugen. Auch bemerkten sie noch andere Trupps, die in verschiedenen Richtungen fortzogen, als ob sie Gewild auftreiben wollten. Beide Britten waren unentschlossen, ob sie sich noch weiter zurückziehen oder Stand halten wollten. Die Furcht, daß, wenn sie den Wilden zu viel Zeit liessen, es ihnen doch noch gelingen möchte, die Grotte zu entdecken, entschied sie zur Gegenwehre, und da die zwei nächsten Wilden zur Seite ablenkten, so feuerte der eine auf die drei folgenden, besonders da sie ihren entlaufenen Sklaven unter ihnen erkannten, der auch nebst einem Andern auf der Stelle todt niederfiel; der dritte ward leicht an der Schulter verwundet, aber der Schrecken und der Schmerz machten, daß er mit lautem Heulen zur Erde viel. Die fünf noch Kommenden, mehr über den Knall erstaunt als mit ihrer Gefahr bekannt, blieben sogleich stehen. Der Schuß hatte eine Menge von Geflügel aufgescheucht, das mit vielstimmigem Gekreische verwirrt herumflatterte. Als die Wilden sahen, daß es etwas stiller ward, und unwissend was vorgefallen war, näherten sie sich furchtlos bis zu ihren gefällten Kameraden; hier aber drängten sie sich um sie her, und befragten den Verwundeten, was ihnen denn begegnet sey, ohne zu vermuthen, daß sie im[140] nächsten Augenblicke der gleichen Gefahr bloßgestellt wären. Der andere Britte feuerte nun auch in diesen Haufen, davon Einer tot und Einer verwundet niederfiel; auch die drei Andern stürzten vor Schreck zur Erde, daher die Britten glaubten, sie wären alle getroffen, und waren so unvorsichtig, ohne vorher zu laden, auf ihre Feinde loszugehen, fanden aber zu ihrer großen Bestürzung noch fünf lebend, davon freilich einige, doch nicht schwer, verwundet waren; sie fielen sogleich über sie her und schlugen sie mit den Kolben nieder, ausser einem, der vor ihnen auf die Knie gesunken, und mit bittenden Gebehrden und Worten um Gnade flehte; sie banden ihn mit einem Stricke an den Fuß eines Baumes, luden dann schnell ihre Gewehre, und setzten den zwei Ersten nach, die die Furcht in Lauf gesetzt hatte; sie erblickten solche schon in bedeutender Ferne gegen das Meer zu, was sie sehr beruhigte, denn sie hatten befürchtet, daß sie nach ihrem eigenen Zufluchtsorte fliehen und denselben entdecken möchten. Sie kehrten also nach dem Baume zurück, waren aber nicht wenig verwundert, den gebundenen Wilden nicht mehr zu finden; die Stricke lagen aufgelöset am Boden, und weit umher war kein Wilder zu sehen, so daß sie verlegen waren, wohin sie sich wenden sollten. Die Besorgniß für ihre Weiber entschied sie, erst zu ihrer Höhle zu eilen; auf dem Wege dahin fanden sie Spuren, daß die Wilden bis in die Nähe derselben gekommen waren, doch ohne solche zu entdecken, weil der angepflanzte Wald zu dicht war. Das ferne Feuern hatte die Weiber sehr erschreckt, nun aber beruhigten sie sich[141] desto eher, da auch sieben Spanier zu Hülfe herbeikamen; die zehn andern, mit Freitags Vater und ihren Sklaven, waren zu dem Landhause gegangen, wo sie ihr Vieh und ihre Vorräthe in Sicherheit gebracht hatten, um sie nöthigenfalls zu vertheidigen; die Wilden waren aber nicht bis dahin gekommen, und sie fanden alles in Ordnung. Die beiden Engländer, verstärkt und ermuthigt durch die Ankunft der sieben Spanier, bei denen sich auch der an sie abgeschickte Sklave und der durch sie an den Baum gebundene Wilde befanden, ließen diesen wie der binden, und durch zwei Spanier nach der Höhle abführen und daselbst bewachen, giengen dann mit den fünf Uebrigen weiter, um die Wilden zu verfolgen, denn es galt jetzt Krieg auf Ausrottung derselben. Als sie jenen Hügel erreicht hatten, wo sie noch ihre abgebrannten Hütten rauchen sahen, aber keine Wilde entdeckten, giengen sie weiter vorwärts, wo sie die See und Küste sehen konnten, und bemerkten, daß die Wilden sich eiligst in ihre Kähne warfen, um die ihnen so gefährliche Insel zu verlassen, dessen jene höchst erfreut waren. Zwei Tage nachher entdeckten wir drei an der Küste gestrandete Kähne, und zwei ertrunkene Wilde, woraus wir folgerten, daß, wo nicht alle, doch die meisten der Feinde zu Grunde gegangen wären, was freilich das Beste gewesen seyn würde, weil auch nur wenige der Geretteten ihre Landleute zu einer neuen Unternehmung antreiben konnten, obwohl, da der erste entwichene Sklave gleich zu Anfang erschossen worden, und sie, soviel bekannt, keinen der Kolonisten erblickt hatten,[142] so konnten sie das Wenige, was jener ihnen erzählte, bezweifeln, und die Lage der Insel im Innern nur sehr unvollkommen beurtheilen.

Die beiden unglücklichen Britten, nun auf's Neue des Ihrigen beraubt, erhielten nicht nur von uns, sondern selbst von den ihnen sonst so feindseligen Landsleuten alle mögliche Hülfe und Unterstützung, so daß in wenigen Tagen ihre Hütten hergestellt, und sie im Stande waren, durch eigene Anstrengung ihren Zustand zu verbessern. Leider war diese Hoffnung von kurzer Dauer, denn noch fünf oder sechs Monaten sah man eine Flotte von achtundzwanzig Pirogen voll Wilder daher rudern, welche mit Bogen, Pfeilen, Wurfspießen, hölzernen Säbeln und Keulen bewaffnet waren; sie landeten an der Nordküste, und liefen in die Mündung des östlichern Flusses hinein; und ihre Menge belief sich auf wenigstens 250 Köpfe, so daß die ganze Kolonie in Furcht und Schrecken versetzt wurde. Es war ein Glück, daß die Landung des Abends und mehr als zwei Stunden von den nächsten Wohnungen, nämlich die der beiden Engländer, geschah, so daß die Kolonisten Zeit gewannen, die nöthigsten Sicherheitsanstalten zu treffen. Diese bestanden jetzt, mehr noch als das vorige Mal, darin, sich so verborgen als möglich zu halten. Demzufolge brachen sie die kaum neuerbauten Hütten ab, weil es mehr als wahrscheinlich war, daß die Wilden, welche keine andern Spuren von Wohnsitzen als diese kannten, wiederum dahin kommen, und das vorige Spiel erneuern würden. Vieh und Geräthe wurden nach der Höhle gebracht, wo sich[143] alle Kolonisten bewaffnet versammelten und beratschlagten, nachdem auch die andern Engländer und Spanier ihr Vieh theils nach dem Landhause, theils in die Grotte des Thals, theils auch zwischen die Einbägungen der Burg gebracht hatten, um, wenn auch ein Theil verloren gehen, doch der andere gerettet werden könnte. Der Erfolg bewies, daß sie richtig geurtheilt hatten, denn der ganze Haufe Wilder rückte in vielen kleinen Abtheilungen, ohne die geringste Ordnung, gegen jene Hütten vor.

Dieser bedeutenden Anzahl Barbaren hatte die Kolonie nur eine unverhältnißmäßig geringe entgegen zu stellen; sie bestand aus 17 Spaniern, 5 Britten, Freitags Vater, 4 Sklaven, welche mit den drei Engländern und den Weibern angekommen waren, und sich bisher treu bezeigt hatten, und endlich 3 andere Wilde, die man bei dem vorigen Angriffe gefangen hatte, und die seither den Spaniern als Sklaven dienen mußten; also im Ganzen 30 Mann gegen 250. Hierzu sind noch zwei Weiber zu zählen, die sich nicht wollten abhalten lassen, mitzukämpfen. An Waffen hatten wir eben so wenig Ueberfluß. Sie bestanden in 12 Musketen, 3 Jagdflinten, 5 Gewehren, die man zu Anfang den Britten abgenommen hatte, 5 Pistolen, 2 Säbeln und 3 alten Halparten, in allem 30 Stücke. Freilich konnte man noch die Aexte und andere Werkzeuge dazu zählen, und zur Verteidigung gebrauchen, so wie einige hölzerne Säbel, Bogen und Pfeile, die die Wilden zurückgelassen. Die Europäer behielten die Feuergewehre für sich; jeder nahm auch eine Axt,[144] und gab auch jedem Sklaven und den beiden Weibern eine, nebst den Bogen und Pfeilen. Ich war Oberbefehlshaber, und Atkins, obwohl sonst ein Erzbösewicht, befehligte unter mir, denn er war tapfer, klug, unternehmend, und leistete bei dieser Gelegenheit die größten Dienste. Er hatte sich mit sechs Mann vorwärts in einem Gebüsche postirt. Auch die Uebrigen waren bis gegen den Rand des Waldes vorgerückt und durch Gesträuche verdeckt.

Eine Art Vortrupp zerstreuter Wilder, gegen 50 Mann stark, rückte gegen den Wald vor, ohne etwas Feindliches zu bemerken. In einiger Entfernung folgten die übrigen, und bildeten nach und nach einen dichten Haufen. Nachdem jene vorbei und entfernt waren, ließ Atkins drei seiner Leute, die, wie Alle, ihre Gewehre mit mehrern Kugeln geladen hatten, auf den gedrängten Haufen feuern; die Zahl der Getödteten und Verwundeten war sehr bedeutend, und der Schrecken unbeschreiblich über das eben so unbekannte, als unerwartete Getöse. Aber ohne sie zu sich selbst kommen zu lassen, feuerten die drei Andern gleichfalls in das verwirrte Gedränge und mit ähnlichem Erfolge, und da die drei Ersten sogleich wieder geladen, wie auch die Letztern thaten, so feuerten jene noch einmal, und wechselten so einige Mal mit diesen ab. Zum Unglück war der große Haufen der Spani er zu entfernt, um den Vortrab zu unterstützen, denn hätten sie Alle vereint gefeuert, so wären wahrscheinlich die Feinde in kurzer Zeit alle aufgerieben worden. Das Wiederladen der Gewehre mit mehrern Kugeln nahm Zeit weg, und nur drei Schüsse[145] jedesmal war nicht hinlänglich, um eine so große Menge zu überwältigen, ehe die Kolonisten entdeckt wurden. Die Wilden des Vortrupps kamen auf das Knallen der Gewehre und den Tumult der Ihrigen zurück, und entdeckten Jene, die, statt sich, wie ihnen befohlen war, auf den Haupttrupp zurückziehen, immer fort feuerten, ohne die zurückkehrenden Wilden zu bemerken, die, sobald sie sahen, daß sie mit bloßen Menschen und nicht mit blitzenden Göttern zu streiten hatten, auch sogleich mit Bogen und Pfeilen selbige angriffen, so daß in Kurzem ein Spanier und ein Britte getödtet und Atkins verwundet wurde; auch einer der Sklaven, der mehrere Wilde erschlagen hatte, ward erschossen, dergestalt, daß Atkins nur noch drei Streiter bei sich hatte. Das nun ausser diesem Angriff von der Seite der große Haufe von vorn her eindrang, so zogen die Kolonisten auf ihre Hauptmacht, und nachdem diese mehrmals gefeuert hatten, mit dieser zugleich noch weiter zurück, da sie dem Andrang nicht zu widerstehen vermochten, und postirten sich auf einem Hügel im Walde, wo sie durch Gesträuch geschirmt waren, und dennoch mit Vortheil feuern konnten. Als sich jene zurückzogen, hatten sie ihre Todten liegen lassen. Die Wilden fielen wüthend über selbige her, zerstümmelten sie auf's abscheulichste; sie glaubten auch bereits einen vollständigen Sieg erfochten zu haben, begnügten sich ihnen wolkendicht Pfeile nachzuschicken, ohne sie zu verfolgen, bildeten einen Kreis und stießen zweimal ihr Siegesgeschrei in die Luft. Aber die Freude über ihren Sieg verminderte sich gar bald, als immer mehr[146] und mehr ihrer Verwundeten am Blutverlust dahin starben. Unter diesen Umständen war die Nacht eingebrochen, die jedoch durch Mondschein ziemlich hell war. Die Wilden schienen jeder weiteren Absicht unbewußt und unfähig zu seyn, und liefen in größter Verwirrung umher, ohne sich weit von ihren Verwundeten und Todten zu entfernen. Atkins hatte, obschon verwundet, sogleich nach ihrer Vereinigung mit dem Haupttrupp, darauf gedrungen, unverzüglich über die Wilden mit vereinigten Kräften herzufallen. Ich fand es aber besser, die Nacht zu erwarten, weil diese unsere geringe Anzahl verbergen, und durch gleichzeitige Angriffe von verschiedenen Seiten uns einen Anschein von Uebermacht geben konnte. Als nun die Nacht eingebrochen, theilten wir uns in drei Haufen, jeder von 8 und 6 Mann. Der eine umgieng die Wilden westwärts, der andere gegen Süd, während der Haupttrupp von vorn her ganz nahe auf sie eindrang; und ehe wir noch bemerkt wurden, gab der erste derselben Feuer, dessen Wirkung schrecklich war. Die andern beiden Trupps feuerten ebenfalls nach einigen Augenblicken, und so fuhren sie abwechselnd fort, während der eine feuerte, luden die andern wieder, und überschütteten die Feinde mit Kugeln und Schroot, so daß eine große Menge derselben todt oder verwundet umherlagen, die Uebrigen aber dergestalt in Schrecken und Verwirrung verzweifelnd herumliefen, nicht wissend, wohin sie sich retten sollten, und die Gegend mit ihrem Geheul erfüllten. Jetzt glaubten die Kolonisten sey die rechte Zeit über sie herzufallen, und drangen von drei Seiten mit lautem[147] Feldgeschrei auf die Wilden ein. So lange diese nur das Feuer gesehen und gehört hatten, das im Dunkeln weit schrecklicher schien, wußten sie nicht, gegen wen sie streiten sollten; da nun aber die Kolonisten sichtbar wurden, ermuthigten sich jene, und schlugen tapfer mit Keulen und hölzernen Säbeln auf ihre Feinde los, schossen auch wieder mit Pfeilen, so daß mehrere Kolonisten und auch Freitags Vater verwundet wurden, aber der Verlust der Feinde, der über 180 betrug, verbreitete dennoch einen solchen Schrecken unter ihnen, daß ihr Widerstand nur kurz war, denn die Kolonisten erschlugen fortwährend eine Menge mit den Gewehrkolben, Säbeln und Aexten, und feuerten auch dazwischen, so daß die Flucht bald allgemein auf allen Seiten sich ausdehnte, weil sich Jeder durch schnellen Lauf zu retten suchte. Natürlich suchten sie an den Strand zu gelangen, wo ihre Kähne lagen, die sie auch, theils durch Umwege, theils geradezu erreichten, da die Kolonisten zu sehr abgemattet waren, um sie zu verfolgen, aber ein heftiger Wind, der eine starke Brandung gegen die Küste verursachte, setzte ihrer Abfahrt ein unübersteigliches Hinderniß entgegen, denn die steigende Fluth hatte ihre Kähne theils so hoch auf den Strand geworfen, daß sie nicht ohne unsägliche Mühe wieder flott gemacht werden konnten, theils wurden sie an einander oder an den Felsen zertrümmert. In dumpfem Hinbrüten lagerten sich die Wilden, die sich noch gegen 90 Mann belaufen mochten, auf einen Haufen, das Kinn auf die Kniee und den Kopf auf die Hände gestützt,[148] ohne Bewußtsein, wie sie sich aus ihrer bedrängten Lage ziehen könnten.

Die Kolonisten benutzten, ihres Sieges froh, die Flucht ihrer Feinde, um sich durch Speise, Trank und Ruhe etwas zu erholen, und entschloßen sich, nach kurzer Berathung, an die Küste vorzugehen, wo die Feinde gelandet und sich nun wahrscheinlich hingezogen hatten. Ihr Weg führte sie über die Gegend, wo der heftigste Kampf vorgefallen, und noch viele Verwundete umherlagen, deren Aechzen und Stöhnen sie mit Mitleid erfüllte. Da aber keine Hoffnung zu ihrer Rettung war, so machten sich die Sklaven über sie her, und schlugen sie mit Aexten völlig todt, um ihren Leiden ein Ende zu machen. Als sie sich den Feinden auf zwei, drei Schußweiten genähert hatten, ließ ich zwei Flintenschüsse ohne Kugeln abfeuern, um zu erproben, was die Wilden beginnen würden, und dem zufolge meine fernern Entschlüsse zu nehmen. Gleich bei'm ersten Schusse erhoben sie sich mit großem Geschrei, und flüchteten in die Wälder mit größter Schnelligkeit. Die Kolonisten hätten freilich lieber gesehen, daß der Wind sich gelegt oder gegen die See gewendet hätte, um die Flucht der Wilden zu begünstigen. Aber Atkins, der ungeachtet seiner Wunde immer thätig geblieben war, behauptete, man müsse den Zufall benutzen, um die Wilden von ihren Fahrzeugen abzuschneiden, diese zerstören und dadurch verhindern, daß auch nur Einer sein Land wieder erreiche, um mit neuen und zahlreichen Verstärkungen zurückzukommen, denen die Kolonie endlich unterliegen müßte. Einige wendeten[149] zwar ein: Die Wilden würden im Lande herumschwärmen, die Pflanzungen zerstören, die Heerden vernichten, und um dies zu verhüten, würde man Tag und Nacht wachen, auf die Wilden Jagd machen, und sie aufreiben müssen, statt die nöthigen Landarbeiten zu verrichten. Aber Atkins erwiederte: es sey, besser, mit Hunderten als mit Tausenden zu streiten, und dies schien so einleuchtend und entscheidend, daß einstimmig der Entschluß genommen ward, die Boote der Feinde zu verbrennen, was auch sogleich geschah. Als die Wilden dies sahen, liefen viele derselben mit kläglichem Geheule herbei, fielen auf die Kniee, und rangen die Hände; und ob man gleich ihre Worte nicht verstehen konnte, so war doch aus ihrer bittenden Stellung leicht der Schluß zu ziehen, daß sie um die Erhaltung ihrer Kähne und die Erlaubniß flehten, in ihr Land zurückkehren zu dürfen. Aber die Kolonisten waren zu sehr von der Nothwendigkeit überzeugt, ihren Vorsatz vollziehen zu müssen, und ruhten nicht, bis der letzte Kahn vernichtet war. Die Wilden verdoppelten ihr Jammergeheule, und liefen im Wahnsinn der Verzweiflung umher. So gelangten sie zufällig zu dem Landhause, das sie von Grund aus zerstörten, die Vorräthe vernichteten, die Erndte verheerten, die dorthin gebrachten Ziegen tödteten, ohne das Geringste davon zu ihrem Nutzen und Unterhalt zu verwenden. Zum Glück hatten sie die übrigen Wohnstätten nicht entdeckt.

Aber die Möglichkeit, daß es noch geschehen könnte, setzte die Kolonisten in die größte Verlegenheit. In den ersten Tagen verfolgten sie die Wilden, die zwar ihre[150] Waffen verloren hatten, sich aber zu zwei und drei vereinzelten, und durch die Schnelligkeit ihrer Füße leicht in die Wälder entschlüpften, da sie bemerkten, daß die Kolonisten den größern Haufen vorzüglich nachsetzten, und mehrere töteten. Der Zustand der Wilden war höchst beklagenswerth, aber die Kolonie war ebenfalls in völliger Zerrüttung, da ein Theil der Erndte, der Vorräthe und des Viehes vernichtet war, und die Feldarbeiten ganz vernachläßigt bleiben mußten. Ihr gegenwärtiger Zustand war weit ungünstiger als der Ihrige zu der Zeit war, als Sie schon gesäet, geerndtet und Ziegen erzogen hatten, obwohl Sie allein und keines Feindes bewußt waren. Die Kolonisten waren freilich nicht allein, sondern ihrer mehrere, hatten aber auch eine größere Anzahl Feinde, von denen sie alles Unheil zu erwarten hatten. Wie berathschlagten oft über die Art, wie unsere Lage zu einem endlich günstigen Ausgange zu bringen sey. Auf diese Art verliefen einige Wochen, während dem sich die Wilden vom Landhause immer mehr westwärts zurückzogen, und täglich sich verminderten, das sie von Hunger und Elend aufgerieben wurden. Die Kolonisten entschlossen sich, jene ganz in die Felsengebirge der südwestlichen Gegend hinzudrängen, um ihnen alle Gemeinschaft mit den allfällig landenden neuen Ankömmlingen abzuschneiden, und die Uebrigbleibenden wo möglich zu unterwerfen, und zu einem gewissen Grade von Civilisation zu bringen, damit sie sich durch den Anbau eines ihnen zu überlassenden Landstriches auf eine angemessene Art erhalten, und eines glücklichern Daseyns geniessen möchten, als vorher.[151]

Das geeignetste Mittel hierzu schien zu seyn, einen oder ein paar Gefangene zu machen, sie durch ihre Sklaven, die sich so treu bewiesen hatten, von den Absichten der Kolonisten unterrichten, und ihn dann wieder zu seinen Landleuten gehen zu lassen, um ihnen alles mitzutheilen, damit endlich zwischen beiden Theilen eine Uebereinkunft getroffen werden könne, wodurch die Ruhe der Kolonie und das Leben der Wilden gesichert würde. Um diesen meinen Vorschlag zu vollziehen, bedurfte es geraumer Zeit, denn die Wilden waren so scheu geworden, daß das geringste Geräusche sie in die unzugänglichsten Gegenden trieb. Endlich konnte man sich Eines derselben bemächtigen, der aber so furchtsam und erschrocken war, daß er anfangs weder essen noch trinken, noch auf das Zureden der Sklaven antworten wollte, bis er endlich, erst nach mehrern Tagen, durch die gütige Behandlung sich nach und nach beruhigte und erholte. Besonders gelang es Freitags Vater, der natürlich am meisten in den europäischen Sitten gefördert war, den Wilden zum Verständniß zu bringen und ihn zu überzeugen, daß man keine andere Absicht habe, als nicht nur ihm, sondern auch allen seinen Gefährten das Leben zu erhalten, ihnen einen Bezirk dieser Insel unter billigen Bedingnissen zu übergeben, und daß man ihnen, bis zu der Zeit wo sie so weit ge kommen wären, sich selbst zu erhalten, Lebensmittel, Sämereien, Werkzeuge, kurz alles Benöthigte liefern werde. Mit diesen Anerbietungen sandte man ihn an die Seinigen ab, mit dem Beifügen, daß, wenn sie in einer bestimmten Zeit selbige nicht annehmen würden, man gezwungen wäre, sie bis[152] auf den letzten Mann aufzureiben. Freilich war diese Drohung ein Zwangsmittel, aber bei solchen Menschen unvermeidlich, und zielte zu ihrem eigenen Besten. Sie waren sehr gedemüthigt und bis auf einige dreißig Köpfe vermindert; sie nahmen die Vorschläge und Bedingnisse willig an, und baten vorerst nur um Lebensmittel, die man ihnen auch sogleich verabfolgen ließ. Freitags Vater und drei Sklaven trugen ihnen Brod, Reiskuchen und Ziegenfleisch zu. Zehn Spanier und zwei Engländer, wohlbewaffnet, begleiteten sie dahin, wo die Wilden sich jetzt befanden. Man befahl ihnen, sich am Fuße eines Hügels zu setzen, um mit einander zu speisen, was sie denn auch mit gutem Appetit und vieler Erkenntlichkeit thaten.

Nachdem sie hinlänglich gesättigt waren, machte man ihnen die Bedingnisse bekannt, unter welchen man sie dulden und unterstützen werde. Nämlich für die bereits versprochenen Vortheile mußten sie sich verpflichten: 1) Den ihnen angewiesenen Bezirk ohne Erlaubniß nie zu verlassen; 2) die Wohnungen, Pflanzungen, Werkzeuge und Heerden der Kolonisten nie zu beschädigen oder zu entwenden; 3) wenn Letztere ihre Hülfe verlangten, solche unweigerlich zu leisten; 4) wenn sie andere Wilde entdeckten, sich in's Innerste ihrer Wohnungen zurückzuziehen, ohne mit jenen zu sprechen; 5) an einem bezeichneten Orte ein verabredetes Zeichen aufzustellen, daß Wilde gelandet seyen, oder daß sie selbst Hülfe oder Rath bedürften, die man ihnen dann auch nicht verweigern werde. Sie zeigten sich in der Folge als sehr gewissenhafte Beobachter dieser Bedingungen.[153] Sobald dies berichtigt war, führte man sie durch eine Schlucht der südlichen Gebirgskette ungefähr eine Wegstunde vom Landhause in ein von allen Seiten von Felsen umgebenes, fruchtbares Thal, das drei bis vier englische Meilen lang und anderthalb breit war. Man half ihnen sogleich eine hinlängliche Anzahl Hütten bauen, unterrichtete sie dann, die Ziegen zu melken, Brod zu backen, das Feld zu bestellen, Werkzeuge verfertigen, als Schaufeln, Körbe u. dgl., kurz alles was ihnen nützlich war. Man beschenkte sie mit zwölf Aexten, fünf Messern, einem Dutzend Ziegen, einigen Böcken und etwas Hausrath. So fiengen sie an, recht ordentlich sich einzurichten, und nach und nach in ihre Lage zu schicken; sie lebten friedlich unter sich, und arbeitsamer als sonst Wilde zu werden pflegen. Es fehlte ihnen nur an Weibern, um bald ein glückliches Völkchen zu bilden.

Nachdem dieser Krieg beendigt und diese neue Ansiedelung eingerichtet war, blieb die Kolonie in ungestörtem Frieden, bis zu meiner Ankunft, welche zwei Jahre nachher erfolgte. Zwar landeten von Zeit zu Zeit Kähne mit Wilden, um ihre Siegesmahlzeiten zu halten, aber ohne sich weiter um das ihnen unbekannte Innere der Insel zu bekümmern, da ihnen das Schicksal ihrer verunglückten Landsleute unbekannt geblieben, oder sie selbst von andern Stämmen waren, die von der ganzen Unternehmung nichts wußten.«

Quelle:
[Defoe, Daniel]: Der vollständige Robinson Crusoe. Constanz 1829, Band 2, S. 128-154.
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