Fünfter Abschnitt.

[116] Das Erdbeben.


Nun war mein Hausrath und meine Wohnung in der besten Ordnung, und eigentlich fieng ich erst jetzt an, bequem zu leben und mein Tagebuch zu halten, so wie der vorhergehende Auszug zeigt. Ich setzte dieses Tagebuch, worin ich Alles auf's genaueste anmerkte, so lange fort, als mein Vorrath von Tinte, der in einer nicht vollen Flasche bestand, dauerte, die endlich durch vieles Zugießen von Wasser so blaß wurde, daß es mit dem Schreiben ein Ende hatte, denn frische[116] Tinte konnte ich nicht zuwege bringen, und alle Versuche mißlangen.

26. Junius. Als ich diesen Morgen von meinem gewöhnlichen Spaziergang nach Hause kam und an der Quelle einen wahren Labetrunk gethan hatte, bemerkte ich einige Schritte davon zehn bis zwölf Aehren Gerste und eben so viel Waizen, beides so schön und vollkommen, als die, so ich je in England gesehen habe. Ausser diesen waren noch zwanzig bis dreißig Halme Reis da, die ich gleich erkannte, weil ich bei meinem Aufenthalte in Afrika denselben kennen gelernt hatte. Meine Verwunderung, mein Erstaunen gieng über jeden Ausdruck, da ich hier, in einem Klima, wo sonst kein Getreide und kein Reis wächst, beides fand, und ich fieng an, auf den Gedanken zu kommen und mich glücklich zu preisen, daß Gott um meinetwillen ein Wunder gethan und in dieser Wildniß ohne ausgestreute Saat Reis und Getreide zu meinem Unterhalt wachsen ließ. Dies rührte mich so sehr, daß ich weinte. Ich hatte bisher wenig an Religion gedacht, und Alles, was mir begegnet war, blos für einen Zufall oder höchstens für eine Schickung Gottes angesehen, und es war mir nie eingefallen, darüber nachzudenken.

27.-28. Junius. Auf mehreren Spaziergängen, wo ich beinahe jeden Winkel durchsuchte, um mehr Getreide oder Reis zu finden, war es mir unmöglich, nur ein Körnchen zu entdecken, und dies bestärkte mich desto mehr in dem Glauben an die unmittelbare Einwirkung Gottes, der diese Aehren mir so nahe[117] aufsprossen ließ, damit ich sie desto leichter fände. Meine Gedanken waren ausschließlich auf diesen Gegenstand gerichtet. Endlich erinnerte ich mich, daß ich während der Regenzeit das Säckchen mit dem Rest gemischter Gerste und Waizen, wobei denn auch die von mir unbemerkten Reiskörner waren, an dieser Stelle ausgeleert hatte, weil ich das Säckchen zu etwas anderm brauchen wollte. Das Wunder hörte sogleich auf und mit ihm meine Dankbarkeit, da ich darin nur etwas ganz Gewöhnliches fand. Indessen war es doch, in Ansehung meiner, eben so sehr ein Zeichen der besondern Güte Gottes gegen mich, als ob ein wirkliches Wunder geschehen wäre, da sie es veranstaltete, daß noch so viele Körner unversehrt blieben, und gerade zur rechten Säezeit und an der rechten Stelle ausgeschüttet werden mußten, wo es unter dem Schatten der Felswand aufkeimen und gedeihen konnte, da es sonst an einer weniger günstigen Stelle von der Hitze verbrannt oder verderbt worden wäre.

29. Junius. Ich vernachläßigte meine kleine Erndte nicht, und sammelte selbige heute mit größter Sorgfalt ein, um ja kein Körnchen zu verlieren, in Hoffnung, mit der Zeit einen hinlänglichen Vorrath an Getreide zu Brod und an Reis zu andern Speisen zu erhalten. Sie bestand in drei Händen voll Getreide und noch einmal so viel Reis, und da ich glaubte, daß gerade jetzt die beste Zeit zum Säen wäre, so grub ich mit meiner hölzernen Schaufel ein kleines Stück Erdreich um, welches ungefähr dreißig Schritte links von meiner Wohnung lag, wo die Grasebene sich zu[118] senken anfieng. Unter der Arbeit fiel mir ein, daß es wohlgethan seyn möchte, nicht Alles auf einmal zu säen, da ich doch nicht gewiß war, ob jetzt die rechte Säezeit wäre; ich säete also nur zwei Drittel, und das war mein Glück, denn von der ganzen Saat gedieh nicht ein einziges Körnchen; sie schoß zwar anfangs lustig auf, aber die Hitze der trockenen Jahreszeit, wo keine Feuchtigkeit den Wachsthum beförderte, war Schuld, daß Alles verdorrte.

30. Junius. Heute war ich wieder in Gefahr, lebendig verschüttet zu werden. Ich war eben vor dem Eingange meiner Höhle, bereit auszugehen, und ward heftig erschreckt, als von der Decke des Mittelgewölbes wieder eine Menge Schutt herabfiel und die aufgestellten Stützen entsetzlich krachten. Aus Furcht, darunter begraben zu werden, flog ich gleich die Leiter hinauf und über die Mauer weg, aber kaum hatte ich aussen die Erde berührt, als ich deutlich merkte, daß ein schreckliches Erdbeben die Insel erschütterte, denn der Boden, wo ich stand, erbebte in weniger als acht Minuten dreimal durch eben so viel Stöße, die so heftig waren, daß die stärksten Gebäude eingestürzt wären; ein großes Felsenstück rollte, eine halbe Meile von mir, mit donnerndem Getöse von dem Gipfel des Berges, an dessen Fuß meine Wohnung stand, herab, die See gerieth in eine grausenerregende Bewegung, und die Erdstöße mochten unter der Wasserfläche wohl noch stärker als auf dem Lande gewesen seyn.

Meine Angst war desto größer, da ich nie ein Erdbeben erfahren hatte, und ich lag betäubt und beinahe[119] erstarrt unter einem Baum. Der weithallende Donner des herabgestürzten Felsens weckte mich aus der Betäubung, und erfüllte mich mit Entsetzen vor dem Gedanken, daß mein Zelt, mein Alles, unter dem eingestürzten Hügel begraben und ich ganz entblößt seyn werde. Die Bangigkeit preßte mir die Worte: »Gott erbarme dich meiner!« aus, aber ohne daß ich etwas dabei dachte. Als auf den dritten Stoß keine Erschütterung nachfolgte, faßte ich wieder etwas Muth, doch nicht genug, um es wagen zu dürfen, in meine Wohnung zurückzukehren; ich blieb trostlos und niedergeschlagen auf der Erde sitzen, ohne zu wissen, was ich anfangen sollte, und bemerkte, daß der Himmel sich bewölkte und sich ein starker Wind erhob, der in weniger als einer halben Stunde zum schrecklichsten Orkan ward, den man sich denken kann. Die See ward ganz mit Schaum bedeckt, die Brandung brach sich heulend am Felsenstrand, entwurzelte Bäume schleuderte der Sturm weit von ihrer Stelle, und die ganze Natur schien im Aufruhr zu seyn. Erst nach drei Stunden ließ das Toben nach, und es fieng nun an, sehr stark zu regnen. Da fiel mir endlich ein, daß dieser Sturm und Regen natürliche Folgen des Erdbebens wären, dieses also vorüber seyn müßte und ich mich nun wohl nach Hause wagen dürfte. Der Regen trieb mich noch mehr dahin und ich kam ganz durchnäßt daselbst an, setzte mich in mein Zelt und lebte gleichsam neu auf, als ich sah, daß der Schaden ganz unbedeutend war. Der Regen war so heftig, daß er mich in mein Mittelgewölbe zurückzugehen nöthigte, obgleich ich noch immer[120] bange war, es möchte über mich zusammenstürzen; als ich aber nichts Abschreckendes mehr bemerkte, so ward ich ruhiger, und um meine Lebensgeister wieder zu stärken, nahm ich einen Schluck Kordialwasser, mit dem ich, so wie mit dem Rum, sehr sparsam war, weil ich wußte, daß keiner mehr zu haben wäre, wenn dieser alle seyn werde.

1. Julius. Der Regen dauerte die ganze Nacht und den größten Theil des heutigen Tages, so daß ich nicht an's Ausgehen denken konnte. Ich hatte also Zeit, über meine Lage nachzudenken. »Wenn die Insel öftern Erdbeben ausgesetzt ist«, – dachte ich, »so muß ich durchaus eine andere Wohnung suchen, mir eine leichte Hütte oder ein Zelt aufrichten, sie mit einer Mauer, wie hier, umgeben, denn in dieser Höhle werde ich über kurz oder lang mein Grab finden.« Die Furcht, lebendig begraben zu werden, verscheuchte mir den Schlaf, und doch erlaubte mir die Besorgniß vor wilden Thieren nicht, ausser meinem Walle zu schlafen. Ich dachte hin und her, wohin ich meine Wohnung verlegen sollte. Wenn ich aber um mich her Alles in der schönsten Ordnung, mich so versteckt und vor jeder andern Gefahr gesichert sah, so kam es mir gar zu schwer an, diesen Aufenthalt mit einem andern zu verwechseln, besonders wenn ich an die unsägliche Mühe und Beschwerlichkeiten dachte, die ich erlitten und die mir auf' s neue bevorstanden. Der Umstand, daß ich dennoch in dieser Wohnung bleiben müßte, bis die neue fertig wäre, welches eine desto längere Zeit erforderte, da ich einen ganzen statt nur eines halben Kreises mit[121] Pfählen einschliessen mußte, beruhigte mich eine Zeit lang, so daß ich die Ausführung auf eine unbestimmte Zeit verschob, wozu denn ein anderes Geschäft auch noch das Seinige beitrug. Ich beschäftigte mich den ganzen Tag, den herunter gefallenen Schutt herauszuschaffen, womit ich auch fertig wurde, denn es war nicht so viel als ich vor Schrecken glaubte.

2. Julius. Als ich längs dem Seestrande von der Jagd zurückkam, sah ich bei niederm Wasser etwas im Sande liegen, das mir wie eine Kiste vorkam; ich gieng dahin und fand eine kleine Tonne und einige Trümmer von dem gescheiterten Schiffe, die der letzte Sturm an's Ufer getrieben hatte. Der Wrak selbst hatte seine Lage völlig verändert, denn der Vordertheil, der vorher tief im Wasser gelegen hatte, lag jetzt auf dem Sande, wenigstens 6 Fuß über der Wasserfläche; der Hintertheil hingegen war zertrümmert, von dem Uebrigen getrennt und lag umgekehrt auf der Seite, wobei sich eine Menge Sand aufgehäuft hatte, so daß ich zur Ebbezeit trockenen Fußes dahin gehen konnte, da ich sonst eine Viertel Meile dahin zu schwimmen hatte. Darüber verwunderte ich mich sehr, dachte aber, daß das Erdbeben diese Veränderung verursacht habe. Da nun durch eine solche Gewalt das Schiff noch mehr auseinander gebrochen war, so spühlte die Fluth täglich eine Menge Sachen an das Land. Ich fieng meine Arbeit damit an, die Tonne weiter auf den Strand zu wälzen und dann zu untersuchen, wo ich dann fand, daß sie Pulfer enthielt, aber Wasser geschöpft hatte, so daß, wie bei einem der drei zuerst an's Land[122] gebrachten, das äusserste Pulfer hart wie ein Stein zusammen gebacken und dabei keine Gefahr zu besorgen war, so stellte ich es zu dem andern unvertheilt in's Magazin. Auch was ich von den Trümmern am Ufer fand, trug ich so weit hinauf, daß es bei der Fluth nicht weggeschwemmt werden konnte, und gieng dann auf dem Sande an das Schiff, um zu sehen, ob noch etwas daraus zu holen seyn möchte; hier gab ich mir viele Mühe, in das Fahrzeug selbst zu kommen, doch das war weit schwerer, als ich vermuthet hatte, weil das Schiff ganz mit Sand angefüllt war. Ich begnügte mich, heute einen guten Theil des mir im Wege liegenden Sandes aufzuräumen, und das oben erwähnte Tönnchen nach Hause zu bringen.

3. Julius. Ich gieng früh mit einigen Werkzeugen zum Wrak und sägte einen Deckbalken des Baks durch, und konnte nun den Sand besser wegräumen. Dann lösete ich drei Bretter, und bekam verschiedene Bolzen und anderes Eisenwerk; da aber die Fluth anzuströmen begann, so sah ich mich genöthigt, mit der Arbeit aufzuhören. Das Eisenwerk trug ich an's Ufer, und mußte schon bis an die Knie im Wasser waten; die Balken und Bretter ließ ich an's Land treiben, und schichtete sie an einer Stelle, wo sie nicht weggespühlt werden konnten, auf, um sie trocknen zu lassen, wodurch sie an ihrem Gewicht verloren, und also leichter wegzutragen waren.

4. Julius. Ich sägte mehrere Balken des Wraks entzwei, und lösete mehrere Deckplanken ab, die ich mit der Fluth an's Land treiben ließ, und nachher zu den[123] andern brachte und aufschichtete. Vorher hatte ich aber viel Sand wegeräumt, so daß ich hoffen konnte, noch eint und anderes zu bekommen.

5. Julius. Da ich wegen der Fluth nicht immer am Wrak arbeiten konnte, wie ich denn heute früh noch zu viel Wasser fand, indem die Ebbe noch nicht abgelaufen war, so kehrte ich wieder nach Hause, und holte meine Angelschnur, wenn ich sie so nennen darf, denn es war keine Angel daran, sondern nur ein Stückchen gekrümmter Eisendraht. Die Schnur bestand aus zusammengedrehtem Segelgarn, ich hatte sie mir den vorigen Abend zurechte gemacht, weil ich bei meiner Arbeit auf dem Schiffe eine Menge Fische gesehen hatte. Nach langem Harren fieng ich einen kleinen Delphin, den ich sehr gut fand. So hatte ich nun wieder eine neue Speise zum Abwechseln, und gieng nachher öfters fischen, trocknete die meisten an der Sonne, und aß sie dann gedörrt. Indessen hatte mich der Fischfang so lange aufgehalten, daß ich nur einige Bretter losmachen konnte, die ich zu den andern legte.

6.-8. Julius. Ich fand, daß der Wrak durch seine eigene Schwere eingesunken war, weil ich mehrere Deckbalken entzwei gesägt hatte; viele Stücke lagen los und der innere Raum zum Theil offen, so daß ich hineinsehen konnte. Zum Theil aber war er noch mit Sand und Wasser gefüllt. Als dieses verlaufen war, räumte ich jenes vollends weg. Ich hatte Hebeisen mitgenommen, und spürte verschiedene Kisten, die ich los arbeitete, aber nicht fortbringen konnte.

9. Julius. Heute entdeckte ich die Bleirolle[124] wieder, die durch ihre Schwere und Gestalt tief in den Raum gesunken war; ich lief nach Hause, um zwei Beile zu holen und wollte versuchen ein Stück davon abzuhauen, indem ich die Schärfe des einen darauf setzte und mit dem andern darauf schlug; da es aber bereits Fluthzeit und das Blei anderhalb Fuß unter Wasser war, so konnt ich keinen sichern Schlag thun, der das Beil eingetrieben hätte.

10.-15. Julius. Ich arbeitete alle diese Tage, wenn ich von der Jagd zurück gekommen war, auf dem Wrak, und machte ungefähr 100 Pfund Blei in vielen größern und kleinern Stücken los; wäre die Rolle nicht zu schwer zum Umwälzen gewesen, so hätte ich mit weit weniger Mühe das ganze Stück aufrollen und nach und nach wegbringen können. Ich bekam auch viel Zimmerholz, Bretter und zwei- bis dreihundert Pfund Eisen. Alles das brachte ich nicht nach Hause, sondern nur dahin, wo ich das Holz aufgeschichtet hatte.

16. Julius. Diese Nacht war ein starkes Ungewitter, von einem ziemlich heftigen Wind begleitet. Auch fand ich den Wrak noch mehr eingesunken und am Strande verschiedene Stücke Holz, die der Wind und die Fluth dahin getrieben hatten. Ich machte mit dem Hebeisen noch mehrere Balken und Bretter los. Als die Fluth mich hinderte weiter zu arbeiten, gieng ich auf die Jagd, und schoß ein paar Tauben.

17.-25. Julius. Bis heute hatte ich keinen Tag versäumt, auf dem Wrak zu arbeiten, nur die Zeit ausgenommen, wenn ich während der Fluthzeit auf[125] die Jagd gieng; sobald aber die Ebbe kam, war ich gleich wieder an der Arbeit. Anfangs hatte ich fortgefahren, mit dem Hebeisen, mit Beil und Sägen überall Stücke loszumachen, so daß endlich das Fahrzeug völlig auseinander fiel, und die Fluth verschiedene Fässer mit Lebensmitteln, die aber insgesammt durch das Meerwasser verdorben waren, ferner mehrere Kisten, die der Schiffsmannschaft gehört hatten, vorzüglich aber eine große Menge Bretter und Zimmerholz, woran sich zum Theil noch Eisen befand, an das Land schwemmte, welches alles ich in Empfang nahm, und höher an's Ufer hinauf zu meinem aufgestapelten Holzhaufen brachte, der nun so groß war, daß ich mir ein hinlängliches Fahrzeug hätte bauen können, wenn ich nur das Bauen verstanden hätte.

26. Julius. Schon seit einigen Tagen war die Witterung unbeständig und mit Regengüssen und Windstößen untermischt, die jedoch nur kurz, aber sehr heftig waren, so daß der Wrak völlig auseinander gieng, und da der Wind seewärts wehte, so trieb er die letzten Trümmer vom Ufer weg in die See hinaus, und ich bekam nichts mehr davon zu sehen, als ich diesen Morgen an den Strand gieng; dies war mir ganz gleichgültig, denn ich hatte es täglich so erwartet, es war auch nichts mehr darauf, das der Mühe, die ich mir gab, werth gewesen wäre, und ich war gewissermaßen froh, davon befreit zu seyn. Dafür ward ich auch auf eine angenehme Art entschädigt, denn ich fand die erste Schildkröte, die ich noch hier erblickt hatte. Ich brachte sie nach Hause, und fand ein Schock Eier in[126] ihrem Leibe, und ihr Fleisch schien mir das angenehmste und wohlschmeckendste, das ich je gegessen, da ich seit meiner Ankunft auf dieser Insel kein anderes als von Ziegen und Vögeln gespeiset hatte.

27.-31. Julius. Ich hatte bei den vielen Arbeiten meine Werkzeuge, besonders meine drei Aexte und meine Messer, beinahe ganz stumpf gemacht; auch die Beile waren größtentheils nicht mehr zur Arbeit tauglich, obgleich ich deren eine Menge hatte, weil wir sie zum Tauschhandel für die Neger mitgenommen hatten; aber theils durch meine Ungeschicklichkeit, theils durch das harte Holz meines Pfahlwerks und des Schiffsgebäudes waren sie so schartig geworden, daß es höchst nöthig war, sie zu schleifen. Nun hatte ich zwar einen Schleifstein, der aber kein Fußgestelle hatte, und den ich so nicht gebrauchen konnte. Es kostete mich nicht weniger Nachdenken als einem Staatsminister der wichtigste Punkt in der Politik. Doch kam ich damit zu Stande, und ersann mir ein Gestell mit einer Schnur und Fußtritt, daß ich den Stein mit dem Fuß drehen konnte, und beide Hände zum Schleifen frei behielt. Diese Arbeit kostete mich nicht weniger als fünf Tage Zeit, denn ich hatte vorher dergleichen niemals gesehen, wenigstens nie darauf gemerkt, wie sie gemacht waren. Mein Schleifstein drehte vortrefflich, und that mir sehr gute Dienste; ich benutzte die verlornen Stunden und besonders die Regenzeit, um meine Werkzeuge zu schleifen und stets brauchbar zu erhalten.

Die Vernunft ist das Wesen und der Ursprung der Meßkunst, und ein Jeder, der alles ihr zufolge abwägt,[127] abmißt und beurtheilt, kann durch Uebung ein Meister in allen mechanischen Künsten werden. Ich hatte vorher keines der verschiedenen Handwerke getrieben oder auch nur gesehen, wozu mich jetzt die Noth zwang, und doch fand ich mit der Zeit durch Nachdenken, Fleiß und Arbeit, daß ich alles machen konnte, was ich brauchte, und brachte oft bloß mit einem Beile und Messer eine Menge von Sachen zuwege, – freilich mit vieler Mühe und Zeit, – die sonst niemals auf die Art waren gemacht worden. Wenn ich z.B. anfangs eine Planke nöthig hatte, so war ich genöthigt, einen so dicken Baum zu fällen, als sie breit werden sollte, ihn dann auf beiden Seiten so lange zu bezimmern, bis er so dünn als nöthig war, und ihn endlich mit dem Hobel vollends eben zu machen; so bekam ich nun freilich aus der ganzen Dicke eines Baumes nur ein Brett, zu dem ich auf keine andere Art gelangen konnte als durch Arbeit, Geduld und Zeit, die aber auf diese Weise eben so gut als auf eine andere angewendet war, denn was hatte ich sonst zu thun? Späterhin fand ich jedoch Holz, das sehr gern und schnurgerade spaltete, so daß ich leicht viele Bretter aus einem Stamme verfertigen konnte. Auch lehrte mich oft der Zufall Dinge, die ich nie durch Nachsinnen und Fleiß erfunden hätte.

Quelle:
[Defoe, Daniel]: Der vollständige Robinson Crusoe. Constanz 1829, Band 1, S. 116-128.
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