Sechster Abschnitt.

[128] Die Krankheit.


1.-4. August. Schon seit einiger Zeit bemerkte ich zu meiner großen Betrübniß, daß mein Brodvorrath stark auf die Neige gieng, und ich schränkte mich auf ein einziges Stück Zwieback täglich ein. Dies setzte mich nur desto mehr in Thätigkeit, eine zweite Saat vorzunehmen, da auch die Regenzeit heranzunahen schien, denn es war mir leicht gewesen, zu entdecken, daß die Hitze der trockenen Jahreszeit der wahre Grund und gewesen war, daß ich meine erste Saat einbüßte. – Ich suchte mir also ein fruchtbares Stück Erdreich aus, nämlich ungefähr 100 Schritte rechts von meiner Mauer, am Abhange des Hügels, wo die Nähe der Felsenquelle, ohne gerade darüber zu fließen, die Erde hinlänglich befeuchtete und erfrischte. Ich grub ein kleines Stück um, und besäete einen Theil mit Getreide, den andern mit Reis, behielt aber doch, aus Furcht Alles zu verlieren, auf den schlimmsten Fall noch ein Drittel meines Saamens zurück. Da ich ihn nun einige Zeit vor der Herbst-Nachtgleiche säete und diese Saat nun die Regenmonate September und Oktober zur Befeuchtung hatte, so gieng sie lustig auf und gab zu seiner Zeit eine sehr gute Erndte.

5.-9. August. Die Witterung ward rauh, was mir für die Jahrszeit und diesen Himmelsstrich anfangs[129] ungewöhnlich schien; es fiel ein dünner kalter Regen, der mir nicht wohl bekam. Ich fühlte Frost und Kopfschmerzen, brachte die Nächte unruhig und schlaflos zu, oder ward in oft unterbrochenem Schlummer durch grausende Träume aufgeschreckt. Bei Tage quälte ich mich mit traurigen Vorstellungen über meinen verlassenen Zustand und über den Ausgang meiner Krankheit. Seit jenem Sturm zu Yarmouth betete ich heute zum erstenmale zu Gott, wußte aber kaum, was ich sagte, denn meine Gedanken waren in der größten Verwirrung.

10. August. Heute war ein förmliches Fieber da, der Paroxismus heftig und dauerte ganzer sieben Stunden, abwechselnd Frost und Hitze mit darauf folgendem ermattendem Schweiße.

11. August. Ich fühlte mich viel besser aber äusserst schwach, dennoch mußte ich auf die Jagd gehen, weil ich nichts zu essen und doch großen Hunger hatte, wie das bei kalten Fiebern gewöhnlich ist. Ich schoß eine Ziege und schleppte sie mit größter Anstrengung meiner Kräfte nach Hause, wo ich sie zerschnitt, mir einige Stücke bratete und sie mit großem Appetit verzehrte. Ich hätte sie lieber gedämpfet und eine Brühe darüber gemacht, hatte aber keinen Topf. Die Kessel der Schiffsmannschaft waren zu groß und mir jetzt zu schwer, sie aus dem Magazin zu holen.

12. August. Das Fieber war heute heftiger als nie, so daß ich den ganzen Tag ohne Speise noch Trank zu Bette lag und vor Durst fast verschmachtete, denn ich war viel zu schwach, um aufzustehen, über die Mauer zu steigen und mir frisches Wasser zu holen.[130] Während drei ganzen Stunden that ich nichts als ausrufen: »Gott erbarme dich! – Herr hilf mir! – Gott stehe mir bei!« Als die Heftigkeit des Anfalls nachließ, schlief ich vor Entkräftung ein, wachte erst in tiefer Nacht wieder auf, fühlte mich sehr erfrischt, aber von Durst gequält, und hatte doch keinen Tropfen Wasser zu meiner Labung. Gegen Morgen schlief ich wieder ein, und ward durch einen fürchterlichen Traum aus dem Schlummer aufgeschreckt.

13. August. Mir träumte, ich säße ausser der Mauer, an der Stelle, wo ich das Ende des Erdbebens erwartete. Da stieg aus schwarzen Wolken ein Riese in glänzender Rüstung auf die Erde, die unter seinen Tritten erbebte; die ganze Luft um ihn her leuchtete von Flammen und schlängelnden Blitzstrahlen, vernichtend war sein Blick und drohend seine Anrede: »Stirb, Fühlloser! den nichts zur Buße erweckt!« – Bei diesen Worten schwang er seinen Speer gegen mich, und lange nach meinem Erwachen bebte ich noch vor Entsetzen, da ich mir doch schon bewußt war, daß es nichts als ein Traum sey.

Ein dunkles Selbstgefühl bestätigte die Wahrheit dieser Anklage, und war vermuthlich Ursache des Traums. Der Religionsunterricht, den ich bei Hause empfangen, die liebevollen Ermahnungen meines Vaters, waren durch einen achtjährigen Umgang mit Seefahrern, Mauren, Pflanzern und Kaufleuten, durch eine Reihe sonderbarer Ereignisse, durch den Drang der Umstände und durch das unruhige Streben meines Hangs zum Herumschwärmen längst verdrängt worden. Als ich in[131] das Elend der Sklaverei kam; als ich mich davon befreite; bei meiner gewagten Fahrt längs den Küsten von Afrika; bei meiner Rettung durch den menschenfreundlichen portugiesischen Kapitän; während meinem Aufenthalt in Brasilien; bei meinem letzten Schiffbruch an dieser Insel: fiel es mir gar nicht ein, daß meine widrigen Schicksale eine wohlverdiente Strafe meines Betragens seyen; ich hatte nicht das geringste Gefühl von Furcht vor Gott in Gefahren, noch von Dankbarkeit für seine Hülfe. Das Entzücken über meine Lebensrettung im Augenblicke, da meine Gefährten alle ertranken; die Rührung bei dem Anblick des so unerwartet aufgewachsenen Getreides; der Eindruck des Erdbebens: waren nichts als vorübergehende Gefühle, die sich in einer gewissen Betäubung der Seele verloren.

Jetzt aber, als meine Lebensgeister unter den Schmerzen einer schweren Krankheit erlagen, als die Natur von der Heftigkeit des Fiebers erschöpft war, und die Schrecken des Todes sich mir naheten, jetzt fieng das erwachte Gewissen an, mir Vorwürfe über meinen vorigen Lebenswandel zu machen, der wie ein schlammichter Strom, durch Leidenschaften und Stumpfsinn getrübt, dahinfloß, und mich in zeitliches und ewiges Verderben fortriß. Diese Betrachtungen preßten mir während meiner Krankheit Worte der Angst aus, die einem Gebete ähnlich waren. Besonders jetzt, da ich durch den Traum tief bis in mein Innerstes erschüttert war, stieg meine Bangigkeit auf's höchste. »Jetzt« – rief ich – »sind die letzten Worte[132] meines guten Vaters erfüllt; ich habe seinen treuen Rath nicht befolgt und habe jetzt Zeit zur Reue, aber Niemand zu meiner Rettung. – O Gott! sey du meine Hülfe, denn ich bin in großer Noth.« Dies war das erste Gebet, das ich seit vielen Jahren gethan, das von Verlangen und Hoffnung begleitet, wirklich diesen Namen verdiente.

Nachdem ich dadurch beruhigt und die Angst über meinen Traum vorüber war, fühlte ich mich durch den Schlaf ein wenig gestärkt, und da ich auf den folgenden Tag einen neuen Anfall des Fiebers befürchten mußte, so stand ich auf, um für den jetzigen und künftigen Hunger und Durst zu sorgen. Das Erste, was ich that, war, aus dem Flaschenfutter eine große viereckigte Flasche zu nehmen, sie auszuspülen, mit frischem Wasser zu füllen, und um diesem das Kalte und Rauhe zu benehmen, ein wenig Rum beizugießen. Dann setzte ich sie auf den Tisch und diesen an mein Bette, damit ich sie ohne Mühe erreichen könnte. Hierauf bratete ich mir ein Stück Ziegenfleisch, konnte aber, meines Hungers ungeachtet, nicht viel davon essen; dies war der erste Bissen, bei dem ich mich erinnern kann, daß ich Gott von Herzen um seinen Segen dazu anrief. Dann gieng ich ein wenig in meinem Hofraume, wo meine zahme Ziege weidete, umher, war aber sehr schwach und traurig über meinen Zustand. Mein Hund schien Theil an meinem Leiden zu nehmen und war immer bei mir. Ich gab ihm ein rohes Stück Ziegenfleisch und Wasser, worüber er hastig herfiel; auch die[133] Ziege ließ sich das Wasser wohl schmecken und hüpfte munter herum. Des Abends bratete ich mir einige Schildkröteneier in der Asche, und aß sie aus der Schale. Da ich noch nicht die geringste Neigung zum Schlafe fühlte, so zündete ich meine Lampe an, setzte mich neben mein Bette und war einige Zeit in Nachdenken verloren, besonders ängstigte mich der Anfall des Fiebers, den ich auf morgen erwartete. Da erinnerte ich mich, daß die Brasilianer den Taback als eine Universal-Arznei gegen alle Krankheiten gebrauchten, und ich besaß einen ziemlichen Vorrath davon, der theils roh, theils schon ganz zubereitet war. Ich schlich in den Keller, um ihn aus der Kiste zu holen, wo ich ihn aufbewahrte. Der Himmel selbst schien mir das eingegeben zu haben, denn in eben dieser Kiste fand ich ein Rettungsmittel nicht nur für meinen Leib, sondern auch für die Seele, denn hier fand ich neben dem Taback auch die Bücher, die ich aus dem Schiff gerettet hatte, unter welchen, nebst einigen katholischen Gebetbüchern und andern portugiesischen Büchern, die meinen Schiffsgefährten zugehört hatten, auch drei sehr gute Bibeln, die mir aus England nach Brasilien waren geschickt worden, in die ich aber noch keinen Blick gethan hatte. Eine derselben, nebst dem Taback, brachte ich in mein Zimmer, und legte sie auf den Tisch.

Wie ich den Taback bei meiner Krankheit gebrauchen sollte? ob er gut oder schädlich wäre? wußte ich gar nicht, doch machte ich damit verschiedene Versuche. Ich kauete ein Stückchen von einem Blatte im Munde,[134] legte ein anderes etliche Stunden in Rum, um davon beim Schlafengehen zu trinken, legte endlich ein Blatt auf Kohlen und zog den Dampf mit Mund und Nase bis zum Ersticken ein, und ward so berauscht davon, daß ich, noch ehe die dritte Operation beendigt war, das Lesen nicht aushalten, sondern nur folgende Worte, die mir beim Aufschlagen der Bibel zuerst in die Augen fielen, bemerken konnte: »Rufe mich an in der Noth, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen.« – Diese Worte, die so ganz auf meine Lage paßten, machten einen so starken Eindruck auf mich, daß ich selbst in meinem durch die heftige Arznei betäubten Zustande davon innigst gerührt ward, auf meine Kniee sank, und zum erstenmal in meinem Leben mein Abendgebet verrichtete und Gott bat, mich nach seinem Versprechen, wenn ich ihn anriefe in der Noth, zu erretten. Nachdem ich so gebetet, trank ich von dem Rum, in dem der Taback lag, der kaum trinkbar und so stark war, daß er mir augenblicklich mit Heftigkeit zu Kopfe stieg, worauf ich auch sogleich zu Bette gieng, und in einen tiefen Schlaf fiel.

14. August. Ich wachte nicht eher auf, als bis es, dem Stand der Sonne nach, nicht weit von 3 Uhr Nachmittags seyn konnte, ich glaube sogar, daß ich diesen ganzen Tag verschlafen habe und erst den folgenden Tag erwacht bin, denn ich fand in der Folge, daß mir ein Tag in meiner Zeitrechnung fehlte. Bei meinem Erwachen befand ich mich so frisch und gestärkt und empfand einen so guten Appetit, daß mein Gemüth ganz froh und heiter wurde. Ich that eine kräftige[135] Mahlzeit von Schildkröteneier, die mir sehr wohl bekam.

15. August. Ungeachtet heute mein guter Tag war – wie ich glaubte – so fühlte ich dennoch einen kleinen Anfall von Fieberfrost und große Schwäche. Es war heute ein schöner Tag; ich nahm meine Flinte, gieng etwas in's Freie, schoß ein paar Seevögel, und setzte mich dann sehr ermüdet in den Sonnenschein, der mir sehr wohl that. Als ich nun die vor mir liegende Insel mit ihren Thälern, Hügeln und Felsen, die vor mir wallende, unbegränzte See erblickte, so fragte ich mich: Wer hat die Erde, das Meer, die Sonne erschaffen? oder sind sie durch sich selbst entstanden? Unmöglich! Eine höhere Macht gab ihnen das Daseyn, und eben diese Macht erhält und regiert sie, folglich kann nichts ohne ihr Wissen und Willen geschehen, und sie weiß also, daß ich hier, daß ich einsam und verlassen bin. Dies beruhigte mich und ich gieng getröstet und vertrauensvoll auf die Vorsehung nach Hause. Diesen Abend wiederholte ich meine Tabackarznei, aber nicht so stark und nicht so lange, wie das erstemal. Dies machte mich wieder schläfrig, und nachdem ich meine Lampe angezündet und Wasser in meiner Flasche geholt hatte, gieng ich früh zu Bette und schlief sehr wohl.

16. August. Ich verspürte nichts mehr von meiner Krankheit als eine völlige Entkräftung; wahrscheinlich hatte mich die Arznei so heftig angegriffen, denn erst nach mehreren Wochen sammelte ich meine Kräfte so ganz wieder, wie vorher, fühlte aber ein gewisses Wohlbehagen, wie während der Genesungszeit gewöhnlich ist.[136]

17.-26. August. Ich war jetzt im Anfang der Regenzeit, doch gab es noch einzelne schöne Tage, die ich nie vorbei ließ, ohne des Morgens und Abends auszugehen, doch immer nur auf kurze Zeit, wie ein Mensch der sich von einer schweren Krankheit erholt. Ich lernte daraus, daß nichts Nachtheiligeres für die Gesundheit ist, als bei'm Regenwetter viel auszugehen, besonders ausser der eigentlichen Regenzeit, weil der Regen, der in den trockenen Monaten fällt, fast immer mit Stürmen begleitet ist, welche die schwüle Luft plötzlich abkühlen.

27.-31. August. Wie trostvoll ist doch die Religion! wie seelerhebend das Gebet! wie groß ist ihre Macht! Doch Niemand fühlt es so sehr, wie der Verlassene. Wenn keine Hülfe von Menschen zu hoffen ist, so sinkt der Einsame zutrauensvoll der Vorsehung in die Arme, sie hebt ihn aus dem Staube empor, ist ihm unendlich mehr als alle menschliche Weisheit.

Indem ich allmählig wieder neu auflebte, und nicht mehr so düster auf meine Lage hinblickte, beschäftigte mich vorzüglich der Gedanke an den Bibelspruch: »Rufe mich an in der Noth, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen.« Da die Noth der Krankheit vorüber war, so machte ich die Anwendung von dem Versprechen der Rettung auf die Befreiung aus dieser Insel, und je unmöglicher mir diese schien, desto größer ward meine Sehnsucht, wieder zu Menschen zu kommen. Oft aber erscheinen ungesucht und unerwartet Augenblicke der Erleuchtung. Mir fiel ein, daß ich mich durch jene ungeduldige Sehnsucht zu[137] sehr hinreissen ließ, daß ich die Rettung von meiner Krankheit, die durch Entbehrung jeder menschlichen Hülfe noch weit bedauernswürdiger und gefahrvoller war, ganz vergesse. Um diese Rettung hatte ich ja Gott angerufen und Gott habe mich auch wirklich gerettet, aber ich hätte ihn nicht darum gepriesen. Auf's innigste gerührt, sank ich sogleich auf meine Kniee und dankte Gott laut und mit thränenden Augen für meine Genesung. Jetzt fieng ich an mir von jenem Trostspruche eine weit richtigere Auslegung zu machen. Mein einsames Leben kam hierbei selten mehr in Betracht, und selbst meine Genesung war späterhin nicht mehr der Hauptgegenstand, auf den ich ihn anwandte.

1.-15. September. Ich hatte es mir zum Gesetze gemacht, alle Morgen und Abend eine zeitlang in der Bibel zu lesen, ohne mich eben an eine gewisse Ordnung und Anzahl von Kapiteln zu binden; im Gegentheil schlug ich sie meistens von ungefähr auf, und die erste Stelle, die mir auffiel, bewog mich entweder weiter zu lesen oder Betrachtungen darüber anzustellen, vorzüglich wenn sie besondere Beziehung auf meinen Zustand hatte. So geschah es daß ich mich dieser Tage an jenen schreckenvollen Traum und an den Vorwurf erinnerte: »daß nichts mich zur Buße erweckt habe.« Bei'm Oeffnen der heiligen Schrift fiel mein Auge auf die Stelle: »Gott hat ihn erhöhet zum Fürsten und Heiland, zu geben Buße und Verzeihung der Sünden.« Ich rief, Herz und Hände emporgehoben: »O Jesus, du erhöheter Fürst und Heiland, verleihe Du mir Buße!«[138] Von dieser Zeit an kann ich sagen, daß ich mit einem Gefühle meines Zustandes und mit der wahren, schriftmäßigen Zuversicht auf Gottes Verheissung betete, und Hoffnung hatte, Gott werde mich erhören. Obgleich nun meine äußere Lage sich immer gleich blieb, so war doch nun mein Inneres viel beruhigter als vorher, meine Gedanken waren durch das öftere Lesen der Bibel und durch das Gebet auf höhere Dinge gerichtet, und ich fühlte einen Trost und Muth, die mir vorher ganz unbekannt waren. Jetzt fühlte ich lebhaft, daß die Errettung von Sünden eine viel größere Wohlthat und Glückseligkeit sey, als Rettung von Leiden und Gefahr.

16.-29. September. In der ersten Zeit meines Aufenthalts war ich durch angestrengte Arbeit, die sich mir nacheinander aufdrängte, von traurigen Betrachtungen über meinen Zustand abgehalten worden, und das war mein Glück, denn diese würden meine Thätigkeit gelähmt und meine Lage verschlimmert haben. Zwar kann ich nicht läugnen, anfangs durch meine Verlassenheit ganz niedergebeugt worden zu seyn. Ich lief öfters, besonders bei meinen Spaziergängen, auf die Gipfel der Berge, um wo möglich ein Fahrzeug zu entdecken, bildete mir wohl gar ein, ich sähe in weiter Entfernung ein Segel, und wenn ich dann fühlte, daß meine Ungeduld mich getäuscht hatte, setzte ich mich hin, weinte wie ein kleines Kind und vergrößerte dadurch mein Elend. Doch die Furcht, daß ein Sturm das Schiff zertrümmern möchte, ehe ich die Ladung zu meinem Nutzen gerettet; der langdauernde Bau meines Pfahlwerks, die Ausgrabung meiner Felsenhöhle,[139] ließen mir keine Muße, an etwas anderes zu denken. Aber meine Krankheit gab mir hingegen Zeit, mich mit schwermüthigen Gedanken zu quälen, denen ich ohne Zweifel unterlegen seyn würde, wenn nicht die Hand der Religion mich der nahen Verzweiflung entrissen, emporgehoben hätte. Nun gewann die Vernunft die Oberhand über meine Kleinmüthigkeit. Ich konnte zwar das Unglückliche meines verlassenen Zustandes weder vergessen noch verkennen. Ich befand mich auf einer öden, einsamen Insel, die von allen Ländern gesitteter Nationen viele hundert Meilen entfernt und also keine Hülfe von daher zu hoffen war. Ich war einsam, ohne die Gesellschaft auch nur eines Menschen, ohne Beistand in Krankheit und Gefahr, und wenn der Vorrath von meinem Pulfer, von meinen Lebensmitteln und Kleidern erschöpft seyn wird, womit sollte ich mich vertheidigen, ernähren und kleiden? Wenn die Zeit, Regen, Stürme, Ungewitter und Erdbeben meine Wohnung verwüsten, meine Werkzeuge vernichten, meine Saat verheeren, wie soll ich mich dann vor Mangel, Blöße und Gefahr schützen? Das alles war gewiß sehr niederschlagend, allein die Betrachtung der guten Seite meiner Lage richtete mich auf. Die Insel schien zwar öde, denn ich hatte noch keine Spur von Menschen und von reissenden Thieren, die mir Gefahr droheten, entdeckt, dagegen lag sie in einem Klima, wo der Mangel an Kleidern nicht sehr fühlbar, der Boden aber sehr fruchtbar zu seyn schien. Ich hatte Werkzeuge und Fleiß, um die Erde zu bauen, mir alle Bequemlichkeiten zu verschaffen und zugleich die Zeit zu verkürzen.[140] Meine Vorräthe an Waffen, Munition, an geistigen Getränken, an Werkzeugen, waren hinreichend, mich zu beschützen und zu ernähren, bis meine Hoffnung auf eine Erndte erfüllt wäre, da ich mir bereits vorgenommen hatte, auf mehrerlei Art für die Zeit zu sorgen, wo meine jetzigen Vorräthe erschöpft seyn würden, so daß ich vor Mangel, so lange ich lebte, ziemlich gesichert wäre. Ich mußte mich glücklich schätzen, daß ich gerettet wurde, da doch alle Uebrigen ertranken, daß das Schiff von dem Orte wo es zuerst gestrandet, losgehoben, so nahe an das Ufer getrieben und so lange unzertrümmert blieb, daß ich Zeit gewann, alles daraus zu retten. Was hätte ich in dem entblößten Zustande, wie ich auf die Insel kam, anfangen sollen, wo mir alles, alles mangelte, Flinten, Pulfer, Lebensmittel, Kleider, Betten, Werkzeuge, und wie reichlich war ich jetzt damit versehen, wie schön, wie ordnungsvoll lag alles um mich her? Diese Betrachtungen trösteten mich, und ich zog daraus den Schluß, daß in der Welt kaum ein Zustand so elend sey, der nicht etwas wirklich Gutes, oder wenigstens eine Befreiung von andern Uebeln enthalte.

30. September. Sobald ich den Werth der Religion erkannte, so machte ich es mir zur Pflicht den Sonntag zu feiern, den ich bisher so sehr vernachläßigt hatte. Ich zählte daher sogleich die Kerben nach, und fand daß das Jahr meines Aufenthalts in wenigen Tagen zu Ende und demzufolge der Jahrstag meiner Ankunft auf dieser Insel nahe sey. Ich feierte ihn heute mit dankerfülltem Herzen, und flehete Gott um seinen fernern[141] Schutz. Erst nach Untergang der Sonne nahm ich einige Speise zu mir, und gieng dann zu Bette.

Quelle:
[Defoe, Daniel]: Der vollständige Robinson Crusoe. Constanz 1829, Band 1, S. 128-142.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Robinson Crusoe
Robinson Crusoe: Der Bücherbär: Klassiker für Erstleser
Robinson Crusoe: Erster und zweiter Band
Robinson Crusoe (insel taschenbuch)
Robinson Crusoe
Robinson Crusoe: Roman (Schöne Klassiker)

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Die Nächste und andere Erzählungen 1899-1900

Die Nächste und andere Erzählungen 1899-1900

Sechs Erzählungen von Arthur Schnitzler - Die Nächste - Um eine Stunde - Leutnant Gustl - Der blinde Geronimo und sein Bruder - Andreas Thameyers letzter Brief - Wohltaten Still und Rein gegeben

84 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon