Fünfzehnter Abschnitt.

[236] Die Grotte.


Nachdem ich nun alle Sicherheitsanstalten getroffen hatte, ward ich etwas beruhigter, hielt mich aber viel eingezogener als ehemals, und verließ meine Wohnung selten anders, als um meinen täglichen Geschäften, welche die Jahrszeit mit sich brachte, nachzugehen. Auch war ich viel behutsamer, und nahm mich besonders mit Schießen in Acht, damit Niemand es hören möchte. Auch in dieser Rücksicht war es sehr gut für mich, daß ich mich mit einer zahmen Zucht von Ziegen versehen, und also nicht mehr nöthig hatte, sie in den Wäldern zu jagen, und wenn ich zur Seltenheit eine wilde Ziege fangen wollte, so machte ich Fallgruben, so daß ich in zwei Jahren meine Flinte kaum ein einziges Mal abfeuerte, obgleich ich niemals ohne selbige und zwei geladene Pistolen im Gürtel ausgieng; ausserdem trug ich an einem selbstverfertigten Gehänge einen Säbel, aber ohne Scheide. Nun setze man zu der vorherigen Beschreibung meines Aufzugs noch dieses Schwert und die Pistolen, so wird man gestehen müssen,[236] daß meine Figur in den Augen eines Jeden fürchterlich seyn mußte.

Als ich einst auf meinem Landsitze war, gieng ich von da weiter, und hielt mich mehr links, um an das Ende der südlichen Bergkette zu kommen, welches nicht ganz, wie ich vorher glaubte, bis an die See gieng, sondern ungefähr eine Meile davon sich süd-südwest umbog. Ich gieng ein paar Meilen über mehrere Hügel am Fuß des Gebirges weg, und es schien mir in einer Entfernung von drei oder vier Meilen an eine Bucht zu stoßen, die tief ins Land hineingieng; wahrscheinlich war dort die Mündung eines Flusses, der zwischen hohen Felsen, die längs der See nach Ost liefen, hervorströmte; gewiß kann ich's nicht sagen, denn weiterhin, und selbst auf diese Stelle bin ich nachher nicht wieder gekommen. Als ich auf die westlichste Spitze dieser Hügel zurückkam, und gegen die See hinaus sah, da dünkte mich, ein Boot auf der See zu erblicken; ich hatte zu meinem Verdrusse keines meiner Ferngläser bei mir, und die Entfernung war so groß, daß ich nicht recht erkennen konnte, ob es ein Boot war oder nicht, obgleich ich so steif und so lange hinsah, bis meine Augen es nicht länger auszuhalten vermochten. Ich nahm mir vor, in Zukunft niemals ohne Fernrohr auszugehen.

Als ich den Hügel herab und näher an den Strand kam, konnte ich gar nichts mehr davon sehen. Hier, wo ich vorher niemals gewesen war, ward ich bald überzeugt, daß es keine so seltene Sache seyn müsse, menschliche Fußtapfen anzutreffen, denn es ist unmöglich,[237] meine Bestürzung und mein Entsetzen sich vorzustellen, als ich das ganze Ufer mit Hirnschädeln, Händen, Füßen und andern Theilen, nebst halb und ganz benagten Knochen des menschlichen Körpers bestreut sah. Vorzüglich fiel mir ein Kreis in die Augen, den die Kannibalen in die Erde gegraben, darin ihr Feuer gemacht und ihre abscheuliche Mahlzeit zubereitet und verzehrt hatten.

Dieser Anblick hatte mich so sehr ausser Fassung gesetzt, daß ich an keine eigene Gefahr dachte, und wahrscheinlich in Ohnmacht gefallen wäre, wenn die Natur sich nicht durch ein heftiges Erbrechen geholfen hätte, wodurch ich mich etwas erholte. Ich konnte es nicht aushalten, noch einen Augenblick länger an diesem Orte zu verweilen, sondern wandte mein Gesicht von diesem Scheusal ab, und eilte, so geschwind ich konnte, nach meiner Sommerlaube zurück. Als ich eine halbe Meile gegangen war, stand ich plötzlich, wie vom Blitz berührt, stille. Der Gedanke an diese Unmenschlichkeiten erfüllte mich mit Entsetzen über eine solche Ausartung der menschlichen Natur. Wenn ich gleich schon oft davon reden gehört hatte, so war ich doch der Sache nie, und zwar so unerwartet, nahe gewesen. Als ich ein wenig von meiner Bestürzung zu mir selbst kam, blickte ich mit der tiefsten Rührung und mit thränenden Augen zum Himmel, und dankte Gott, daß er mich in einem Theil der Erde ließ geboren werden, wo eine so gräßliche Gewohnheit, Men schen zu fressen, unerhört war, und selbst die grausamsten mit Abscheu[238] erfüllte. Ich dankte ihm, daß er mich an derjenigen Seite der Insel stranden und mich ansiedeln ließ, wo höchst selten, vielleicht gar nie, die Wilden landeten, daß bei meinen Entdeckungsreisen und sonst bei meinen öftern Hin- und Hergängen ich sie nie angetroffen, sie mich nie gesehen, und mein Boot nicht gefunden hatten, aus dem sie geschlossen hätten, daß Einwohner auf der Insel wären, und vielleicht weiter nach mir gesucht hätten. Ohne Zweifel waren sie schon lange vorher, ehe ich die Spur im Sande entdeckte, und auch seither öfters am Ufer gewesen, und ich konnte nicht ohne Entsetzen daran denken, was aus mir geworden seyn würde, wenn ich auf sie gestoßen oder sonst von ihnen entdeckt worden wäre, da ich noch nackt und ohne Waffen, oder ehe ich noch in Sicherheit war, oder da ich mit einer Vogelflinte, die nur mit Vogeldunst geladen war, unbesorgt überall herumlief, und mich durch öfteres Schießen selbst verrathen konnte, oder endlich da ich mit dem Entladen des Schiffs, mit meinem Festungsbau, mit meiner Laube und andern Arbeiten beschäftigt war. Wie sollte mir zu Muthe gewesen seyn, wenn ich, statt eines menschlichen Fußtapfens, unvermuthet fünfzehn bis zwanzig Wilde auf einmal erblickt, sie mich verfolgt und eingeholt hätten? Ich würde wahrscheinlich nicht Geistesgegenwart genug gehabt haben, das zu thun, was ich hätte thun können und sollen. Endlich lösten sich alle diese Fragen und Vorstellungen in Dankbarkeit gegen die Vorsehung auf, die mich so liebevoll vor dergleichen Unfällen bewahrt, von denen ich mich desto weniger hätte retten können,[239] da ich kaum eine schwankende, unerklärbare Furcht vor Menschen und Thieren hatte.

In einer solchen dankbaren Gemüthsverfassung kam ich zu meiner Laube und des andern Tags nach meiner Burg zurück. Allein die Unruhe nahm bald wieder überhand, denn der Abscheu vor dem, was ich gesehen, hatte einen so tiefen Eindruck gemacht, daß ich zwei Jahre lang immer tiefsinnig und traurig blieb; welches mir mein Leben viel mehr verbitterte als selbst in den ersten Tagen meines Hierseyns, wie sich ein Jeder leicht vorstellen kann, der da weiß, was eine fortdaurende, beständige Angst und Furcht ist. Ich wagte es kaum, einen Nagel einzuschlagen, aus Besorgniß, man möchte das Geräusch davon hören; vor allen Dingen war ich in tausend Aengsten, daß der Rauch von meinem Feuer, den man bei Tage so weit sehen kann, mich verrathen möchte. Deßwegen, wenn ich Brod zu backen, Töpferwaare zu brennen oder andere Arbeiten zu verrichten hatte, wozu ein starkes Feuer erforderlich war, bediente ich mich der Holzkohlen. Ich kam nämlich auf den Einfall, wie ich mich noch erinnerte, in England gesehen zu haben, Holz unter Torferde anzustecken bis es zu Kohlen würde, dann löschte ich das Feuer, trug die Kohlen nach Hause, und bediente mich derselben statt des Holzes, ohne Gefahr durch den Rauch mich zu verrathen.

Wenn ich nun meine jetzige beängstigte Lage, in der ich meines Lebens nicht mehr froh werden konnte, mit dem angenehmen Zustande verglich, in dem ich vor der Entdeckung des Fußtapfens lebte, so erbitterte[240] mich dies so sehr gegen die Wilden, die mich meiner Ruhe beraubt hatten, daß ich mich entschloß, eine blutige Rache an ihnen zu nehmen. Ich könnte viele Bände anfüllen, wenn ich alle Anschläge herzählen wollte, die ich in meinen Gedanken ausbrütete, entwarf und wieder verwarf, um diese verhaßten Feinde meines Wohlseyns zu vertilgen, oder wenigstens sie so zu erschrecken, daß ihnen die Lust, wieder zu kommen, auf immer vergehen sollte. Bald wollte ich unter dem Platz, wo sie ihr Feuer anmachten, eine Grube machen, fünf bis sechs Pfund Pulfer hinein thun, und wieder mit einer dünnen Schichte Erde zudecken, damit wenn sie ihr Feuer angesteckt haben würden, die Mine sich plötzlich entzünden und Alles in die Luft sprengen möchte. Bald wollte ich mich mit meinen drei doppelt geladenen Flinten, zwei Pistolen und meinem Säbel an einem bequemen Ort in Hinterhalt stellen, sie belauschen, und mitten in ihrem blutigen Gastmahl auf sie losfeuern, wo ich dann gewiß zu seyn glaubte, mit jedem Schuß zwei bis drei zu tödten oder zu verwunden, und wenn ich dann mit Säbel und Pistolen über sie herfiele, sie ohne Zweifel alle, wenn ihrer auch zwanzig wären, umzubringen. An diesen Entwürfen ergötzte ich mich einige Wochen, und war so voll davon, daß ich nicht nur im Traume auf sie feuerte, sondern wirklich ganze Tage damit zubrachte, vortheilhafte Stellen aufzusuchen, wo ich mich in Hinterhalt stellen konnte. Um mich noch mehr zur Rache anzufeuern, überwand ich meinen anfänglichen Abscheu, gieng oft zu dem Platze, wo die Spuren der Unmenschlichkeit[241] umherlagen, und fand an der Seite eines Hügels einen schicklichen Ort, wo ich sie unbemerkt landen sehen, mich durch das dichte Gebüsch heranschleichen, in einem hohlen Baum verbergen und lauern konnte. Hier wollte ich meine Plane ausführen. Die Musketen lud ich jede mit drei bis vier kleinen Kugeln und ein paar Stückgen zerhackten Eisens, die Flinte mit einer Hand voll des gröbsten Schroots und die Pistolen ebenfalls mit drei bis vier kleinen Kugeln; so ausgerüstet und mit Pulfer und Blei zu mehrern Ladungen versehen, machte ich mich zu meinem Kriegszuge bereit. Was die Mine betrifft, so unterließ ich sie gänzlich, denn für's Erste wollte ich nicht aufs Ungewisse so viel Pulfer auf einmal wagen, da mein ganzer Vorrath kaum noch in 50 Pfunden bestand; zweitens konnte ich nicht sicher seyn, ob die Wilden gerade an der Stelle, wo die Mine lag, Feuer machen würden, oder wenn dies auch geschähe, ob sie sich gerade zu rechter Zeit entzünden und Tod und Verderben unter sie verbreiten würde; denn wenn das Feuer ihnen nur ein wenig die Haare versengte und nicht genug erschreckte, daß sie den Ort auf immer verliessen, so stand die Wirkung mit dem Werthe meines Pulfers in keinem Verhältniß.

Nachdem ich nun meine Entwürfe in's Reine gebracht, und in der Einbildung schon ausgeführt hatte, gieng ich jeden Morgen bald auf meine Warte, bald auf einen Hügel, der ungefähr drei Meilen von meiner Burg entfernt war, um die See zu beobachten, ob keine Boote an der Insel landeten. Als ich drei bis vier Monate täglich meine Wache gehalten hatte, ohne das Geringste,[242] weder am Ufer, noch auf der grenzenlosen See, so weit als meine Fernröhre reichte, zu entdecken, so ward ich dieser beschwerlichen Sache überdrüssig.

Sobald mein Eifer nachließ, fieng meine Meinung, in Rücksicht der Handlung, an sich zu ändern, und ich begann mit kälterm Blute zu überlegen, welches Recht und welchen Beruf ich hätte, mich zum Richter und Rächer über diese Menschen aufzuwerfen. Sie wissen nicht, daß sie ein Verbrechen begehen, und halten es für kein größeres Unrecht, Kriegsgefangene zu tödten, als wir einen Ochsen zu schlachten. Wer ihr Feind ist, wird von ihnen bekriegt, umgebracht oder gefressen; das ist nun einmal ihr Kriegsrecht und eine Sitte, die die jetzt Lebenden nicht erfunden, sondern von ihren Vätern gelernt, und diese von ihren Vorfahren seit undenklichen Zeiten ererbt haben. Hieraus folgte ganz natürlich, daß im Grunde diese Menschen eben so wenig Mörder wären, als die Christen, welche oft Kriegsgefangene niederhauen, nachdem sie bereits ihre Waffen weggeworfen und sich ergeben haben. So grausam diese Wilden einander behandeln, so käme dies doch in gar keine Vergleichung mit den Greueln, welche die Spanier in Mexiko und Peru verübt, und ganze Stämme und Völker ausgerottet hätten, so daß alle Nationen in Europa und in Spanien selbst nur mit dem äussersten Entsetzen von dem empörenden und fühllosen Betragen dieser blutdürstigen Eroberer sprechen, und sie verabscheuen. Diese Betrachtungen entwaffneten meine Rachbegierde, und ich fand es unbillig, diese Wilden feindselig anzugreifen, so lange sie mich nicht beleidigten[243] und zur Selbstvertheidigung nöthigten, denn in Rücksicht auf mich wären sie unschuldig und die Verbrechen, die sie gegen einander ausübten, giengen mich nichts an.

Ueberdas mußte ich mir selbst gestehen, daß meine Anschläge gar nicht geeignet wären, mich von den Wilden zu befreien, sondern vielmehr mich in das Verderben zu stürzen, das ich eben vermeiden wollte. Was konnte ich einzelner Mensch gegen sie ausrichten, wenn deren zwanzig bis dreissig mit ihren Wurfspiessen, Bogen und Pfeilen, womit sie so gewiß als wir mit einer Flinte treffen, auf mich losstürmten? Ausserdem dürfte ja nur ein Einziger von ihnen entkommen, der seinen Landsleuten das Vorgegangene erzählte, so würden sie zu Tausenden zurückkehren, um den Tod ihrer Gefährten an mir zu rächen. Ich folgerte hieraus, daß weder die Menschlichkeit noch die Klugheit mir erlaubte, mich mit diesen Wilden auf irgend eine Art einzulassen; im Gegentheil mußte ich mich auf das sorgfältigste verbergen, und alles vermeiden, was sie auf die Vermuthung leiten könnte, daß ein menschliches Geschöpf die Insel bewohnte.

Die Religion unterstützte diese Vernunftschlüsse, so daß alles sich vereinigte, um mich zu überzeugen, daß die blutdürstigen Entwürfe, die ich gegen diese Fremdlinge gefaßt hatte, meinen Pflichten geradezu entgegen wären. Diese Betrachtungen rührten mich so sehr, daß ich Gott knieend dankte, daß er mich abgehalten habe, eine That zu begehen, die ich jetzt für keine geringere Sünde als einen vorsetzlichen Mord[244] hielt, und ich flehte ihn, mich nicht in ihre Hände fallen, noch weniger mich verleiten zu lassen, die meinigen an sie zu legen, es wäre denn, daß die Selbstvertheidigung es mir zur Pflicht mache. In diesen Gesinnungen blieb ich fast noch ein ganzes Jahr, und war so wenig streitsüchtig gestimmt, daß ich nicht ein einziges Mal auf den Hügel gieng, um die Wilden auszuspähen, damit ich nicht in Versuchung gerathen möchte, meine feindseligen Anschläge gegen sie zu erneuern.

Es schien mir auch durch eine lange Erfahrung gewiß zu seyn, daß die Wilden diese Insel niemals in der Absicht besuchten, um etwas zu suchen, weil sie wahrscheinlich nicht erwarteten, etwas zu finden, indem sie in den waldigten oder felsigten und sandigten Gegenden, wo sie zu landen pflegten, und etwas tiefer einwärts mochten besucht haben, nichts antrafen, das ihnen angenehm oder dienlich gewesen wäre. Ich war nun über achtzehn volle Jahre hier gewesen, und hatte nichts mehr als einen Fußeindruck im Sande und die Ueberreste ihrer Blutmahlzeit angetroffen. Es schien also eine ausgemachte Sache zu seyn, daß ihre Besuche auf der Insel nicht häufig waren, und ich konnte hier noch achtzehn Jahre eben so verborgen als bisher bleiben, wenn ich mich nicht selbst ihnen entdeckte, wozu ich nicht die geringste Ursache hatte, da ich sie nicht mehr bekriegen wollte, und nichts mehr wünschte, als im Frieden ungestört zu leben.

Nachdem ich nun mit meinen Entschliessungen so weit gefördert war, schien mir, ausser meiner Eingezogenheit, zur völligen Sicherung meiner Lage und[245] Beruhigung meines Gemüths nichts mehr zu fehlen, als mein Boot von der Stelle, wo es mich verrathen könnte, in die von meiner Burg nicht weit entfernte Bay zu bringen. Ich begab mich daher eines Morgens frühe von meiner Laube, wo ich Geschäfte gehabt und die Nacht zugebracht hatte, dahin. Ich kann nicht läugnen, daß, als ich es bestieg, und nun damit vom Lande abtrieb, mich ein kleiner Schauer anwandelte und beinahe zurückgehalten hätte; allein die größere Gefahr überwand die geringere, da ich mich mit der Vorstellung stärkte, daß ich die Zeit der Ebbe und Fluth beobachtet und wohl berechnet hätte, und ohne Gefahr benutzen konnte. Das Wetter war herrlich; mit einem frischen Nordwind segelte ich der wachsenden Fluth entgegen; ich lenkte gerade nach Ost, wo die Sonne in voller Pracht über den Rand des Wasserspiegels empor stieg; dann steuerte ich Süd, und trieb endlich mit der Fluth in die Bay und die Mündung des kleinen Flusses hinauf; die Fahrt gieng ohne den geringsten Zufall glücklich zu Ende, und seit langer Zeit hatte ich keine so lebhafte Freude empfunden, als die war, da ich mein Boot mit Mast, Segel, Anker und allem was darin war, etwas höher als die Anfuhrt, wo ich ehemals mit meinen Flößen gelandet hatte, in eine kleine Bucht legte, wo es zwischen etwas hohen Ufern von Gesträuchen beschattet, vor Wind und Wellen und vor jedem Anblick sicher lag.

Ich glaubte nun für meine Sicherheit alles gethan zu haben, was menschliche Vorsicht und Klugheit zu erfinden vermöchten, und doch belehrte mich der[246] Zufall, daß es leicht sey, meine Sicherungsanstalten so sehr durch neue zu vermehren, daß ich beinahe aller vorigen hätte entbehren können; doch nicht Zufall, sondern ein neuer Beweis der alles zum Besten leitenden Vorsehung war es, daß ich eine Entdeckung machte, welche mir in der höchsten Noth eine letzte Zuflucht versprach.

Ich war eines Morgens unschlüssig, was ich unternehmen sollte; einerseits wandelte mich die Neugierde an, auf Beobachtung auszugehen, ob ich keine Spur fände, daß seit jenem Siegesmahle – von dem ich die Ueberreste gefunden, und die längst von Regen und Sonne gebleicht, theils auf dem Strande herum, theils durch die Winde und Wellen im Sande vergraben lagen – Wilde gelandet hätten. Anderseits fühlte ich die Nothwendigkeit, meinen erschöpften Kohlenvorrath zu ergänzen. Da nun die Neugier nicht so groß als das Bedürfniß war, so gieng ich in das felsigte Thal, wo meine kleinen Ziegenheerden waren, und wo ich Kohlen zu brennen pflegte, weil ich in dieser gebirgigten und waldigten Gegend weniger durch den Rauch verrathen zu werden zu befürchten hatte.

Indem ich nun hierzu Holz fällte, ward ich hinter dem Gesträuche, das ich zum Theil weggeräumt hatte, eine dunkele Oeffnung in der Felsenwand gewahr, die sehr tief hinein zu gehen schien, und in die gewiß kein Wilder oder irgend ein anderer Mensch einzutreten gewagt hatte, dem nicht, wie mir, jeder Ort, wo ich mich verbergen konnte, anlockend gewesen wäre. Auch war ich dreist genug, den Eingang vom Gesträuche[247] frei zu machen und hineinzugehen, aber ich war weit geschwinder heraus, denn als ich mich ein wenig umsehen wollte, erblickte ich ein Paar fürchterlich große Augen, die mir in der Dunkelheit wie zwei Sterne entgegen funkelten. Als ich wieder im Freien stand, und nichts weiter sah noch hörte, blieb ich stehen und faßte mich wieder; ich fieng an, mich vor mir selbst zu schämen, der beinahe zwanzig Jahre ganz allein auf einer öden Insel gelebt, so Manches erfahren und selbst ein furchtbareres Aussehen hatte, als Alles, was in der Höhle sich befinden mochte. Ich nahm also einen Feuerbrand und trat herzhaft drei oder vier Schritte in die Höhle, fuhr aber bald so erschrocken zurück, daß mir der Schweiß ausbrach, und meine Haare sich emporsträubten, denn ich hörte einen vernehmlichen Seufzer, wie von einem Menschen, der große Schmerzen leidet, darauf folgte ein unverständliches Geflüster, wie von halb ausgestoßenen Worten, und dann wieder ein lautes Stöhnen. Dennoch faßte ich von neuem Herz, erhob meinen Muth durch den Gedanken, daß Gott allmächtig und allgegenwärtig sey, daß er mich überall beschützen könne, und trat nun getrost in die Höhle, wo ich denn bei dem Leuchten meines Feuerbrandes fand, daß der Gegenstand, der mir einen so heftigen und wiederholten Schrecken eingejagt hatte, nichts weiter als ein großer Ziegenbock war, der eben vor Alter sein Leben aushauchte; doch glaubte ich ihn noch hinaus bringen zu können, rüttelte ihn, und er selbst strengte sich an aufzustehen, war's aber nicht im Stande; ich ließ ihn also liegen, indem ich dachte,[248] daß, so lange er lebte, er gewiß jeden Andern wie mich erschrecken würde, der in die Höhle zu gehen wagte.

Ich hatte mich nun von meiner Furcht völlig erholt, und konnte die Höhle in Augenschein nehmen, soviel das flackernde Licht meines Feuerbrandes erlaubte. Sie war zwölf Fuß weit und sechs hoch, aber von sehr unregelmäßiger Figur, so daß kaum zwei Männer neben einander gerade stehen konnten, indem die Natur allein, ohne Beihülfe der Kunst, sie geformt hatte. Ich bemerkte auch, daß zu hinterst eine Oeffnung noch tiefer hinein gieng, sie war aber so niedrig, daß man auf Händen und Füßen hineinkriechen mußte. Ich ließ es heute bei diesen Beobachtungen bewenden, und beschloß, den folgenden Tag mit Licht wiederzukommen; heute aber setzte ich meine Köhlerarbeit fort, richtete den Meiler – wenn ich ihn so nennen darf – zu, und steckte ihn an, dann melkte ich meine Ziegen und kam spät nach Hause.

Des andern Morgens kam ich mit sechs großen Talglichtern, die ich schon seit mehrern Jahren aus Bocksfett zu machen gelernt und eine weit bequemere und hellere Beleuchtung davon hatte, als von den Lampen. Davon steckte ich nun zwei an, und wollte in die Höhle gehen, ward aber durch den alten Bock gehindert, der noch so viel Kraft gesammelt haben mußte, um bis an die Oeffnung zu kommen, wo er todt blieb. Ich löschte also meine Kerzen wieder aus, machte eine Grube an der Seite des Eingangs, um den Bock daselbst zu begraben, welches mir endlich nach vieler Mühe gelang, denn das Thier war groß und schwer, und[249] die Grube tief, um meine Nase vor üblem Geruch zu sichern.

Hierauf steckte ich meine beiden Kerzen wieder an, und trat in die Vorhöhle, wo ich nichts Neues entdeckte; desto neugieriger war ich, die Oeffnung näher kennen zu lernen, die im Hintergrunde lag. Ich steckte also die eine Kerze in die Erde, und nahm die andere mit, kroch auf allen Vieren wohl zehn Schritte fort, und nachdem ich mich durchgearbeitet hatte, fieng die Decke an immer höher zu werden. Es war doch wohl dreist, so in ein enges Loch zu kriechen, wo ich ganz ohne Vertheidigung war, und nicht wissen konnte, wie weit es gieng und was ich etwa antreffen möchte; doch daran dachte ich jetzt gar nicht, so unähnlich ist sich der Mensch. Ein trotzig und verzagt Ding.

Auf der ganzen Insel habe ich nie einen so herrlichen Anblick gehabt als die Decke und die Seiten dieser innern Grotte, welche gewiß über zwanzig Fuß hoch war. Ich befand mich in der schönsten natürlichen Wölbung, deren Wände die Flamme meines Lichts tausendfach zurückstrahlten; alles schimmerte um mich her in hellem, vielfarbigem Glanze. Ob es Diamanten oder andere kostbare Steine oder Metalle waren, kann ich nicht sagen; Gold scheint mir das wahrscheinlichste. Der Boden war trocken und eben, mit feinem Kies bedeckt, nirgends keine Spur von Feuchtigkeit, schädlichen Ausdünstungen oder eckelhaften Thieren. Nur die Beschwerlichkeit des Eingangs und die dicke Finsterniß, die hier herrschte, fand ich anfänglich daran auszusetzen; bald aber, als ich überlegte, daß diese[250] Grotte ein Ort der Sicherheit und Zuflucht seyn sollte, war das ein desto größerer Vortheil. Diese Entdeckung machte mir die größte Freude, und ich faßte sogleich den Entschluß, diejenigen Sachen, die mir am liebsten und wichtigsten waren, ohne Aufschub hieher zu bringen.

Ich brachte einige Wochen mit dieser Beschäftigung zu, und brachte vorzüglich meine beiden Flinten, die ich nicht täglich brauchte, und die drei Musketen, die nicht auf Lafetten lagen, dahin. Bei dieser Gelegenheit mußte ich auch mein letztes Pulfertönnchen, das ich aus der See aufs Trockene gebracht hatte, öffnen, und ich fand, daß das Wasser zwei bis drei Zoll tief eingedrungen, und das Pulfer eben so weit zu einer harten Rinde zusammengebacken, das Innere hingegen, wie der Kern in einer Schaale, vollkommen gut erhalten war, so daß ich in der Mitte einige dreißig Pfund sehr gutes Pulfer bekam, welches ich, nebst noch etwa zwanzig bis dreißig Pfund vom übrigen Vorrath auf ähnliche Weise in der Grotte vertheilte, und niemals über fünf Pfund Pulfer in der Burg behielt. Auch das Blei, das mir übrig geblieben war, bewahrte ich, so wie das gerettete Geld und viele andere Dinge, die ich nicht oft brauchte, in der Grotte, wodurch ich auch Raum im Schlosse gewann. Wenn ich von fünfhundert Wilden angegriffen werden sollte, so war ich überzeugt, daß sie mich hier nie finden, und fänden sie mich auch, sich nicht unterstehen würden, in diese Höhle zu dringen. So hätte ich mich jenen alten Riesen vergleichen können, die, wie man erzählt, in Felsenhöhlen und Löchern wohnten, wo ihnen Niemand beikommen konnte.

Quelle:
[Defoe, Daniel]: Der vollständige Robinson Crusoe. Constanz 1829, Band 1, S. 236-251.
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