Fünfter Aufzug


[130] Bild: wie beim ersten Aufzug. Am Gartentisch sitzt Lise mit dem noch immer maskierten Bergrat; Beide klatschen mit den Händen den Takt des Liedes. Sie hat den Schleier zurückgeschlagen, und ihr Wünschelstab steht an die Haustür gelehnt. Es ist noch erstes Morgengrauen; später wird der Himmel hinter den Bäumen heller und färbt sich schließlich mit goldner Röte.
[130]

LISE singt weiter.

Klapp klapp, sie lädt dich ein zum Tanz;

nur hol erst deinen goldnen Kranz,

Trab Trab!

Wer zu ihr will, muß früh aufstehn;

wer's tut, dem patscht sie auf die Zehn,

schwapp!


DER BERGRAT ihre Hände fassend.

Schwapp, gefangen! Jetzt fordr'ich Lösegeld.

LISE.

Das kann doch keiner zahlen, dem man die Hand festhält?

DER BERGRAT sie freigebend.

Ach, Fräulein Lise: wirklich: Sie machen mich rein zum Kind.

Sie tun ja viel stachliger, als Sie sind.

LISE.

So? Wie bin ich denn?

DER BERGRAT.

Sie sind so zum küssen nett,

so wie Dornröschen in ihrem moosgrünen Bett,

als endlich der Ritter kam und sie nannten sich Du –

LISE.

Halt, Herr Ritter: so spornstreichs geht's nur im Märchen zu.[131]

DER BERGRAT.

Aber ich bitte doch schon die ganze Nacht so heiß

wie ein Glühwurm, Schatz!

LISE.

Herr Glühwurm, erst für den Schatz den Preis!

DER BERGRAT.

Aber Kind, du liegst ja wie'n Füchslein danach auf der Lauer.

LISE.

Ja, Herr Fuchs; sonst bleiben die Trauben sauer.

DER BERGRAT.

Liebes Fräulein Lise: hier, bitte, sehn Sie mein ehrlich Gesicht!


Er will sich die Maske abnehmen.


LISE ihn nasenstübernd.

Nein, lieber nicht.

Ich finde die meisten Herren maskiert viel netter.

DER BERGRAT.

Alle Wetter! –

Ja aber: du Satansmädel:

was spukt dir im Schädel!

solch Grundstück ist doch kein Puppenlappen!

LISE.

Ja aber, Herr Satan, ich bin doch auch ein recht schmucker Happen.[132]

DER BERGRAT.

Und blos, weil der – Vormund das Haus behalten soll?

LISE.

Was dachten Sie denn?

DER BERGRAT.

Mädel, mach mich nicht toll!

Sag, wo hast du den Schlüssel?!

LISE.

Nein wahrhaftig, den haben die Raben;

ich muß ihn im Stadtpark verloren haben.

DER BERGRAT.

Liebes goldenes Mädel, ich hüll dich in Samt und Seide!

LISE.

Lieber toller Herr Bergrat: bitte, drei Schritt vom Kleide!

Sonst zieh ich gleich wieder den schwarzen Schleier vor

und stopf mir moosgrüne Watte ins Ohr.

DER BERGRAT das Vertragspapier aus der Brusttasche nehmend.

Nun – dann hier, Fräulein Lise. Der Fuchs ist zwar manchmal ein Dieb,

aber immer ein Ritter.

LISE.

O, das – nein, ist das aber lieb!

Nein wirklich: das ist einfach lieb von Ihnen!

DER BERGRAT.

Und die Trauben?[133]

LISE.

Oh – die werden vielleicht noch Rosinen.

Hier schenk ich Ihnen meinen aller- aller- unsauersten Kuß.


Sie küßt ihm die Hand und springt rasch weg; steckt das Vertragspapier dann ins Mieder.


DER BERGRAT.

Das war aber ein sehr, sehr vormundhafter Genuß.


Auf ihr Mieder deutend.


Darf ich nicht wenigstens beim Verschluß der Schatzkammer helfen?

LISE.

Nein, das dürfen vorläufig nur im Mondschein die Elfen.

DER BERGRAT.

Ach, liebstes Fräulein Lise, sein Sie doch gut zu mir!

LISE.

Ach, liebstes Herrlein Bergrat –

DER BERGRAT.

Racker, ich sage dir:

mach mich nicht wild, ich hau dich!

LISE.

Erst kriegen! erst kriegen!

DER BERGRAT ihr nachsetzend.

Na wart du! ich werd dir die Hexenbeinchen schon biegen!


Zugleich erscheint von links Michel Michael; hinter ihm Eulenspiegel, der Rotbart und Eckart. Lise sieht es und läßt sich vom Bergrat fangen.
[134]

MICHEL kraß auflachend.

Hahahah, ich – – heut lern ich noch blocksberghoch fliegen – –


Dumpf.


O Lise – –


Zum Bergrat.


Weg jetzt!!! Marsch aus dem Garten, Sie –

DER BERGRAT ihm ruhig nähertretend.

Sie –?

MICHEL.

Scheren Sie sich! Hier bin Ich Herr!!!

DER BERGRAT.

Wie –?

MICHEL zusammenzuckend, sich abwendend.

Ja so! – Verflucht ja –

DER BERGRAT.

Ja – jetzt bin Ich es –

LISE halblaut.

So –?

DER BERGRAT.

Ach so; verdammt ja –


Wendet sich gleichfalls ab.


MICHEL reckt sich wieder.

Ich sag Ihnen, Mensch, sein Sie froh,

daß mein Stock schon Arbeit gehabt hat heute Nacht.

Aber nehmen Sie trotzdem, rat' ich, Ihr Corpus juris in Acht:

bis zum Räumungstermin ist das Haus noch Mein!

Also Marsch jetzt!!![135]

LISE.

Aber Michel!

MICHEL.

Schweig jetzt! Pack dich hinein!

Wo ist der Schlüssel?!

LISE.

Futsch.

MICHEL.

Quatsch nicht!!!

LISE.

Verloren.

MICHEL.

Lüg nicht noch obendrein!!!

LISE.

Wie werd ich denn das dem Herrn Vormund zu bieten wagen?

MICHEL an der Türklinke rüttelnd.

Himmelkreuz –


Will Lisens Stab zerschmeißen.


LISE.

Nicht, Michel! nicht meinen Glücksstab

zerschlagen!

o bitte, nicht wüst sein –


Entwindet ihm den Stab.


DER BERGRAT den Hut lüftend.

Fräulein Lise, ich will jetzt gehn;

aber ich hoffe

MICHEL.

auf Nimmerwiedersehn!!![136]

DER BERGRAT.

Das dürfte wohl nicht von Ihnen abhängen, denke ich.

LISE halblaut.

Wer weiß, Herr Traubenräuber –

DER BERGRAT.

Ah! – Hüten Sie sich!

Der Ritter Fuchs könnte leicht seine Zähne demaskieren.

EULENSPIEGEL kitzelt ihn hinterrücks mit dem Gugelzipfel am Ohr.

Dürft ich bitten, Herr Ritter, das mal dort drüben zu probieren?!


Er weist höflichst zum Rotbart und Eckart hinüber, die sich nach rechts begeben haben.


Inzwischen, schönste Glücksfee, gratulier ich zum Luftschloßbefund;

vielleicht, Herr Vetter, paßt mein Geheimschlüsselbund.


Sie machen vergebliche Versuche, die Tür aufzuschließen; Lise schneidet dem wütenden Michel Gesichter dabei.


DER BERGRAT hat seinen Spazierstock vom Gartentisch geholt, tritt nun sehr förmlich vor die beiden Vermummten.

Die Herren wünschen? Und mit wem hab ich die Ehre?

DER ROTBART gedämpft, aber wuchtig.

Wir wünschen, daß Niemand des Michel Michaels Hausstand versehre.[137]

DER BERGRAT.

Aber ich muß doch sehr bitten –

ECKART.

Wir wünschen zum zweiten,

daß Niemand uns nötige, unverhüllt einzuschreiten.

Hier bitte – zur steten Erinnerung –


Er überreicht ihm zwei Visitenkarten und hebt einen Augenblick die Kapuze.


DER BERGRAT jetzt gleichfalls die Stimme dämpfend und vollkommen seine Haltung ändernd.

O bitte tausendmal um Entschuldigung! –


Mit tiefer Verbeugung, erst vorm Rotbart, dann etwas knapper auch vor Eckart.


Hätten Hoheit ahnen lassen, oder Excellenz,

dies bescheidne Volksfest werde Sie aus der Residenz

an unsern aufblühenden Industrieplatz locken –

DER ROTBART.

Nein, wir wünschen wiegesagt keine großen Glocken.

DER BERGRAT.

Zu Befehl, Hoheit.

ECKART.

Und wünschen, daß aus dem Wetterschacht

dieser spaßhaften Nacht

keinerlei ernsthafte Schläge übertag entstehn;

Sie lassen, Herr Bergrat, mir darüber Bericht zugehn.

DER BERGRAT.

Zu dienen, Excellenz.[138]

ECKART.

Dann auf glückhaftes Wiedersehn – –


Er gibt dem Bergrat gemessen die Hand; dieser verneigt sich zweimal zum Abschied, zieht dann auch vor der Haustürgruppe den Hut, wofür Lise ihm eine Kußhand zuwirft, und verschwindet mit saurem Lächeln nach links.


EULENSPIEGEL seinen Schlüsselbund einsteckend.

Ja, Gevatter, es scheint, du mußt bis zum Räumungstermin

in dein Luftschloß entweder durch den Rauchfang ziehn,

oder du nimmst hier den Garten als Himmelbett.

LISE.

Oder

MICHEL.

Still, du Maulaff!

LISE.

Gern, Herr Vormund; mein Maul ist

nämlich sehr nett.


Sie geht und setzt sich an den Gartentisch, während Michel dem Bergrat nachstarrt.


DER ROTBART hat sich mit Eckart wieder dem Haus genähert.

Oder, Michel, stimmt dich die Stadt da so tief beschaulich?

EULENSPIEGEL.

Sie deucht dir heute wohl ziemlich morgengraulich?

ECKART über den Garten zum Himmel hin weisend.

Schau lieber dorthin, wo sich aus höhern Gründen

reinere Lichter aufs neue entzünden![139]

MICHEL.

Ja, ihr Herren! Und Nein! Euch will ich's gerne verkünden.

Ihr habt mir beigestanden in dieser Sommerwendnacht,

und die hat mein Grünjungengetreide reifer gemacht.

Ja, ich sehe ein neues Frührot entbrennen;

aber drum, grad drum will ich nicht mehr ins Blaue rennen.


An seine Brusttasche schlagend.


Ich will mich mit meiner papiernen Habe aufmachen

und nicht ruhn, bis auch Andre aus ihrem Papiertraum erwachen.

Ich werde uns erdwüchsig Volk zusammenraffen,

wir werden uns jeder Haus und Hof wieder schaffen,

Erde, auf der wir mit Lust arbeiten

und unsern Kindern ein greifbar Stück Vaterland bereiten;

bis in die Städte hinein wird Garten an Garten einst prangen,

wird aller Schöpfergeist edleren Boden empfangen,

Frucht gegen Frucht tauschen, Saat gegen Saat,

Tat für Tat.

Und will er dazu sein Handlangervolk befrein,

dann soll auch der rote Karl mir willkommen sein:

jeder, der ankommt mit einer lichtfrohen Kraft,

bis wir das ganze Erdreich erleuchten, wir Neubauernschaft!

EULENSPIEGEL.

die den alten Dunst aus der Pfeife pafft!

MICHEL.

Wie??[140]

EULENSPIEGEL.

O Vetter! dein Luftschloß wird immer – hm –

allgemeiner.

Du redst ja wie'n Buch von Hertzka oder Oppenheimer.

LISE vom Gartentisch her.

Ja – solch Mundwerk wie der Herr Vormund hat Keiner.

DER ROTBART.

Michel Michael! willst du plötzlich auf Andre bauen?

ECKART.

Wo blieb heut um Mitternacht dein Menschenvertrauen?

Es war so zerfetzt wie dein Mützenflaus.

MICHEL.

O, ihr Herren, ihr kennt mich noch lange nicht aus!

Hab ich nicht Euch, ihr Unbekannten, vertraut?

Ich sag euch: Hundert Menschheiten stecken in jeder Haut! –

Seht dort: noch deutet der Himmel erst schüchtern mit Funken an,

daß da eine Sonne auflodern will und kann!

Horcht hier: noch rührt sich kein Vogelruf im Wald:

in einer Stunde schmettert alles und schallt!

So wird, wenn Einer erst wagt, Haupt und Herz zu erheben,

dieser Eine viel Andre mitbeleben,

bis Alle aufglühn zu immer hellerem Geist,

wie's im Liede heißt:

Auf Erden ist immerfort jüngstes Gericht –[141]

LISE singt halblaut nach, in derselben Melodie wie zu Anfang des Spiels.

jüngstes Gericht –

unter Tag.

MICHEL.

Aus Schutt wird Feuer, wird Wärme, wird Licht –

LISE etwas lauter.

wird Wärme, wird Licht –

über Tag.

MICHEL.

Weiter!!!

LISE mit immer vollerer Stimme.

Wir schlagen aus jeglicher Schlacke noch Glut;

Glückauf!

Wir ruhn erst, wenn Gottes Tagwerk ruht;

Glückauf! –


MICHEL.

Ja, Herren! –

EULENSPIEGEL.

Ja, laß dir nur gründlich die Ohren vollsingen!

Das wird dich auf immer gottvollere Sprünge bringen;


Durch die hohle Hand.


man opfert fürn Nachthäubchen schließlich den rosigsten Morgen.[142]

MICHEL.

Dafür, Herr Haubenmatz, laß mich nur selber sorgen!

Ich weiß jetzt mein Tag- und Nacht-Gebet,

das keine Lichtmaschine mir mehr verdreht.

So wird's auch manch ander Manns- und Weibs- Herze wissen,

das heut emporbegehrt aus den Zwielicht-Dämmernissen.


Nach der Stadt weisend.


Und wenn da unten die Herrschaften etwa dagegenfackeln,

dann solln schließlich ihnen die Zippelmützen wackeln!

EULENSPIEGEL.

Dann wird's wohl Zeit, edler Helde, dir endlich Lebwohl zu sagen;

sonst geht's womöglich erst mal Uns an den Kragen.

LISE.

O, der Herr Vormund kann sich manchmal auch artig betragen.

MICHEL nach einer Drohgeberde zu ihr hinüber.

Freilich wüßt ich gerne: wem bin ich zu Dank verpflichtet?

Ihr Herren habt mich aus schwerer Schmach aufgerichtet.

DER ROTBART.

Dann mag deine Glücksfee dich weiter so dankbereit halten.

ECKART.

Schutzgeister müssen geheimnisvoll walten.


Von rechts her ein Schnurr-und-Knattergeräusch.
[143]

EULENSPIEGEL.

Auch lockt uns plötzlich ein Zaubermaschinenduft:

unser Kraftwagen verdirbt deine Morgenluft.

Also, hehre Fee, bitte segne den Schicksalslauf!

LISE.

Glückauf, ihr Geister!

DIE DREI sind inzwischen nach rechts geschritten.

Glückauf! Glückauf! Glückauf!


Sie verschwinden nacheinander im Wald.


STIMME EULENSPIEGELS.

Ich wünsch dir, Michel, noch manche erbauliche Luftschloßbestrebung!

STIMME ECKARTS.

Nur zerstör nicht den Himmel mit deiner Erdreichbelebung!

STIMME DES ROTBARTS.

Denn, Michel: das Erbgut der Menschheit heißt Erhebung! – –


Nochmals das Kraftwagen-Geräusch.


MICHEL ist an der Gartenpforte stehen geblieben, nähert sich nun dem Gartentisch.

Na, du Grasaff?

LISE.

Na, Herr Vormund?

MICHEL.

Dir fällt wohl's Stehn heute schwer?[144]

LISE.

Nein, Herr Vormund –


Erhebt sich.


MICHEL.

So –


Aufstampfend.


Schockwetter, laß das Gesperr,

du dumme Lise! – Was hast du dir denn gedacht

mit deinem Gejachter, so in der Nacht?!

LISE.

Ich hab mir gedacht, so in der Nacht,

ob der dumme Michel wohl endlich einmal aufwacht

und alldas still mit nach Hause bringt,

wovon die dumme Lise Lied immer singt.

Und weil er so lange ist werweißwo geblieben,

hab ich mir eben derweil ein bißchen die Zeit vertrieben.

MICHEL.

Mit solchem unstatthaften Patron!

LISE.

Ist doch eine ganz stattliche Mannsperson.

MICHEL.

Der – getaufte Jud!

LISE.

Ist doch ein sehr altmächtig, erdstark, auserwählt Blut.


Mit bebender Frage.


Weißt du nicht mehr:

ich kam ja auch wohl aus fernem Süden einst her –

MICHEL indem sein Stock ihm entfällt.

Lise!!![145]

LISE.

Michel – –


Unsägliche Umarmung.


MICHEL stammelnd.

O, du all mein einziges, ewiges Herzbegehr –

O, wie lange hast du mich nach dir suchen lassen –

LISE.

O, wie lange konnt ich's selber nicht fassen –

MICHEL.

Und nun stehn wir, wie's einst am Anfang war:

im Garten Eden, das erste Menschenpaar.

Du meine Welt, du liebe Unruh du!

LISE.

Du meine Heimat, meine Ruh.

MICHEL.

Ach, Lise, ich hab so wundervoll heute von dir geträumt!

LISE sich halb aus seinen Armen lösend.

Und hast beinahe dabei dein wirkliches Wunder versäumt.


Sie schreiten allmählich aus dem Garten vors Haus.


Aber vielleicht ist's wahr, das Sprichwort –

MICHEL.

ach, sei kein Schaf –

LISE küßt ihn.

ja: den Schafen gibt's der Himmel im Schlaf.

Weißt du, wo jetzt die Schwelle zu unserm Luftschloß steckt?[146]

MICHEL.

Na sag's mal!

LISE auf ihre Brust tippend.

Hier!

MICHEL.

Ja, Herze! das hab ich eben entdeckt.

LISE.

Nein, wirklich!

MICHEL.

Wirklich?

LISE am mittelsten Miederknopf drehend.

Ja, hier!

MICHEL.

Da? –


Scheu.


in deinem Mieder?

LISE.

Ja –! Vielleicht findst du da – auch den Schlüssel wieder.

Such mal!

MICHEL.

Ach, Lise –

LISE.

Sieh mal, das macht man so –:


Sie nimmt seine Finger und öffnet damit zwei Knöpfe.


Siehst du, da ist er – ganz warm –


Sie drückt ihm den Schlüssel in die Hand.


MICHEL an ihr niedersinkend.

O Lise! – Oh! –[147]

LISE.

Na, darum fällt man doch nicht gleich um in der Welt?!


Auf das Vertragspapier deutend, das zu Boden geflogen ist.


Sieh: das Beste hast du noch garnicht gesehn, du Held!

Komm, steh auf!


Sie bückt sich und gibt ihm das aufgeschlagene Papier.


MICHEL sich erhebend.

Was?! Wie?! Ja, wie hast denn Du das erfuchst?!

LISE.

Ja, das hat der Grasaff dem Traubenfuchs abgeluchst.

MICHEL.

Du, Du –!

LISE fast streng.

Nein, Michel; gut sein!


Küßt ihn.


MICHEL.

Du unbezahlbarer Racker!

LISE.

Nicht wahr: mein Maul versteht sich aufs Gold-im- Munde-Gegacker?!

MICHEL.

Dann wolln wir aber das Teufelspapier gleich in tausend Stücke zerreißen

und die Fetzen allen guten Geistern zuschmeißen!


Er tut es; sie klatscht in die Hände dazu.


Und meins hier auch!


Er holt sein zerknautschtes Papier aus der Tasche und reißt die Zippelmütze dabei mit heraus.
[148]

LISE nimmt sie vom Boden auf, während Michel das Papier zerreißt.

Nanu, du: was ist denn daas?

MICHEL.

O – das ist blos so'n kleiner Traumgeisterspaß –

LISE.

Na, dann schließ mal auf, du! Ich werd sie dir flicken!

MICHEL den Schlüssel ans Türschloß setzend.

In Unserm Haus, Du –

LISE.

Du –! nicht wieder gleich in die Kniee knicken!

MICHEL die Tür breit aufsperrend.

Aber den Trauerschleier erst ab!


Er tritt von der Schwelle zurück zu ihr, nimmt ihr hastig Diadem und Schleier vom Haar, will beides auf die Erde werfen.


Der soll heute Morgen für immer ins Grab!

LISE.

Aber der Stern, der muß in mein Kämmerlein!


Sie wirft lachend das Diadem in den Hausflur.


Und mein Glücksstab, Michel, hinterdrein!


Sie schleudert den Stab, den sie bis jetzt immer festhielt, in hohem Bogen durch die Tür; man hört ihn auf der Treppe poltern.


So! –


Sie hebt winkend die Zippelmütze –: läßt plötzlich schreckhaft den Arm wieder sinken, da Michel wie entgeistert zurückweicht, die eine Hand aufs Herz pressend, die andre vor die Stirn schlagend.


Aber was denn, Michel?! Was träumt dir?![149]

MICHEL.

Nein –

Nein! – Sehr wirklich! – Dieses Haus ist nicht mein!

Du sollst mich nicht zu Unehr mit deinem Gewinke verführen;

lieber will ich nie wieder ein Glied von dir berühren!

Ich habe mein Wort, du, meinen Handschlag dem Mann da verpfändet;

das wird nicht durch Weiberfingerspiel umgewendet!


Auf die Papierfetzen weisend.


Da die Schrift da, die kann der Wind verwehn;

hier das Wort in mir, das bleibt ewig stehn!

Und will mich der Bergrat noch heute aufs Straßenpflaster jagen,

ich werde gehn, und müßt ich den ganzen Kram drin zerschlagen!

Das ist einfach meine verfluchte Pflicht,

schlicht und richt;

ich hab sie mir selber zuzuschreiben.

LISE.

Aber

MICHEL.

Nichts aber! Willst du 'nen Hundsfott beweiben??

Und gesetzt selbst, wir wollten's so hündisch treiben:

ich sag dir: macht sich der Mensch mal gemein,

die Welt wird noch ixmal gemeiner dann sein.

Heute Nacht der Bergrat gab mir's sehr dürr zu kauen:

die Grubengesellschaft hat Alles hier sowieso in den Klauen.[150]

LISE für sich.

O Fuchs –

MICHEL.

Also bleibt's dabei: Neu Land wird beschafft,

wo keine Maulwurfshand uns die Wurzeln wegrafft!

wo wir Kraft haben dürfen wie unsre Erdschollen

und Luft und Licht schöpfen, soviel wir wollen!

Und gibt die Heimat kein solches Land mehr her:


Wild und weh.


dann, Lise, dann tragen wir Deutschland übers Meer!

Verstanden?!

LISE.

Dann, Michel, dann will ich nur beten,

daß unsre Schutzgeister gnädigst dazwischentreten,

du lieber, einziger, grenzenloser Mann!

Denn wenn sie's nichttun:


Beklommen.


wo soll denn dann

unsre – Hochzeitsfeier sein? und wann?

MICHEL.

Wann? – Wann?? –


Nimmt sie stürmisch auf beide Arme hoch.


LISE.

Nein, Michel, nicht!!!

MICHEL.

Nein?? –


Macht grimmige Miene, sie niederzusetzen.
[151]

LISE ihn bang umhalsend.

Ja, Michel, schnell – –


Er trägt sie über den schwarzen Schleier hinweg ins Haus; auf seinem Rücken baumelt in ihrer Hand die zerrissene Zippelmütze.


EULENSPIEGEL taucht aus dem Souffleurkasten auf, seinen Schellenzipfel schwingend.

Es lebe dein Stammhalter, Michel Michael!


Vorhang.


Quelle:
Richard Dehmel: Michel Michael. Berlin 1911, S. 130-152.
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