Vierter Aufzug


[100] Bild: wie beim zweiten Aufzug. Doch ist jetzt die Bank mit dem angebundenen Michel quer auf zwei zusammengerückte Tische gesetzt, die rechts unter dem Laubengang stehn; und überhaupt sieht alles ziemlich verrattert aus. Hinter Michel, auf Stühlen zu ebner Erde, sitzen der Rotbart und Eckart, ebenfalls schlafend; und an dem langen Tisch links schläft der schwarze Karl, mit einer leeren Flasche im[100] Arm. Vorn, unten vor Michel, sitzt und wacht Lise Lied, noch immer als verschleierte Glücksfee; neben ihr steht der maskierte Bergrat, mit zwei Sektgläsern in der Hand. Die leise Musik im Saal dauert fort; man sieht, es wird eine Cotillontour getanzt, und ab und zu huscht ein Pärchen heraus in die Büsche.


EULENSPIEGEL prallt mit dem Vorhang an den Bergrat, sodaß dieser die Sektgläser fallen läßt.

Oh Pardon, Herr Rat!

DER BERGRAT.

O zum Teufel, Sie Tr –

EULENSPIEGEL.

Tr –?

DER BERGRAT

Sie – Traumspuk mein' ich!

EULENSPIEGEL.

Ah, danke höflichst, Sie Rr –

Sie Raumspuk mein'ich – und werde sofort das Glas neu erscheinen lassen;

unterdeß dürften Scherben nicht schlecht zu dem Fräulein Glücksfee passen.

DER BERGRAT.

Also zwei Gläser, bitte.

LISE LIED.

Nein, danke! Nichts mehr! nicht einen Tropfen!


Halblaut zum Bergrat.


Ach, ich fühle mein Herz schon rasch genug klopfen.[101]

EULENSPIEGEL.

Also eins, Herr Glücksrat?

DER BERGRAT.

Nein, danke gleichfalls! danke!

EULENSPIEGEL.

Also keins. Glückauf, Spuk!


Ab nach dem Saal.


DER BERGRAT Lisens Schleier fassend.

O diese schwarze Schranke,

wann wird sie endlich von dem klopfenden Herzchen weichen?!

O wüßt ich den Preis, spröde Fee, für dies Glück ohnegleichen!

LISE.

Nicht so stürmisch, Herr Ritter; Ihr werdet sogleich erschrecken.

Ihr habt den Preis nämlich in der Tasche stecken.

Ja, ja! Und er ist nur ein Blatt Papier.

DER BERGRAT seine Brieftasche herauslangend.

Aber Herz, natürlich! Wie hoch soll der Check sein? Hier!

LISE.

Check? was ist das? – Ach so! Hahahah! Nein, danke recht sehr;

ich meinte –


Plötzlich schreckhaft.


ogott! er hat sich gerührt!

DER BERGRAT.

Was! Wer![102]

LISE.

Na, Er! Wenn er aufwacht! Ach bitte, Herr Bergrat: schnell:

bringen Sie mich heim!

DER BERGRAT.

Ja natürlich, Schatz! In welches Hotel?

LISE.

Hotel? Nein, nach Hause!

DER BERGRAT.

Hause?

LISE.

Ja bitte! geschwind!

DER BERGRAT.

Hm – wer bist du denn?

LISE.

Ach, Herr Rat – blos dem Michel sein Pflegekind.


Die Tanzmusik setzt ab.


DER BERGRAT.

Ach so –! Hahahah! – Süßer Racker!

LISE.

Er darf mich hier nicht finden!

Will ihn blos noch rasch von der Bank losbinden.


Sie tut es.


EULENSPIEGEL erscheint im Hintergrund mit der noch immer maskierten Bürgermeisterin.

Bitte dort, schöne Frau; Sie sehn, man will schon verschwinden.[103]

DER BERGRAT Lisens Arm nehmend.

Also los!

DIE BÜRGERMEISTERIN nach vorn eilend, während Eulenspiegel zurück in den Saal geht.

Ah, monsieur, Sie treiben's ja rein schon zum

Skandal!

DER BERGRAT.

Oui, madame! drum verlass ich auch das Lokal.

Ihr Diener!

LISE.

Empfehl mich, Madam!

DIE BÜRGERMEISTERIN während die Beiden nach rechts verschwinden.

Sie Dirne! Sie freches Stück!

O, meine Nerven! – O Theodor, komm zurück!!! –


Sie ist dabei auf den Stuhl gesunken, auf dem vorher Lise gesessen hat. Die Tanzmusik setzt wieder ein.


EULENSPIEGEL erscheint mit dem etwas schwankenden Bürgermeister.

Bitte dort, Herr Bürgermeister –


Entfernt sich wieder.


DER BÜRGERMEISTER gleichfalls noch immer maskiert, mit einigen Cotillon-Orden am Domino.

Aber Wally, was sollen die Leute denken!

so mitten aus dem Cotillon abzuschwenken!

ich bitt dich!

DIE BÜRGERMEISTERIN schluchzend.

Ach, Männe![104]

DER BÜRGERMEISTER.

Ach, laß das Getu!

DIE BÜRGERMEISTERIN.

Was?! –


Kreischend.


Pfui, du Flaps! du elender Fatzke du!

Geh!!!

DER BÜRGERMEISTER.

Aber Frauchen!

DIE BÜRGERMEISTERIN.

Geh, sag ich! oder ich schrei!!!

DER BÜRGERMEISTER.

Um Gottes Willen –


Er schlägt sich nach rechts in die Büsche.


DIE BÜRGERMEISTERIN schluchzend.

So'n Stiesel! Und riecht noch nach Bier dabei! –

EULENSPIEGEL erscheint im Hintergrund mit dem Kaplan.

Bitte dort, Ehrwürden –


Dann wieder ab in den Saal.


DER KAPLAN auch schon ein bißchen schwankend.

Ei, teuerstes Beichtkind, ei:

so vereinsamt inmitten der Fröhlichkeit?


Er nimmt einen Stuhl und setzt sich dicht neben sie.


DIE BÜRGERMEISTERIN.

Ach, Ehrwürden, es giebt soviel Herzeleid!

DER KAPLAN ihre Hand nehmend.

Ei, ei –[105]

DIE BÜRGERMEISTERIN.

O fühlen Sie, wie ich zittre und bebe –


Sie drückt seine Hand an ihren Busen, während Michel oben hinter ihnen erwacht und unbemerkt sich allmählich auf seiner Bank zurechtsetzt.


Ach –

DER KAPLAN.

Ach –

DIE BÜRGERMEISTERIN.

O hätt ich etwas, wofür ich lebe!

mir ist manchmal so schwach, so unbeschreiblich schwach!

DER KAPLAN.

Ja, ich fühl es –

DIE BÜRGERMEISTERIN.

Ach, wie das wohltut – ach –

wie das wonnig klang, als Sie sagten: Ei, ei –

DER KAPLAN weiterfühlend.

Ei, ei –

DIE BÜRGERMEISTERIN.

Ach, mir wird auf einmal so anders, so frei!

wie das himmlisch ist, so getröstet zu werden!

DER KAPLAN.

Ja, da fühlt man das Paradies auf Erden –

DIE BÜRGERMEISTERIN.

Ach – wenn ich auch etwas abgehärmt scheine –

DER KAPLAN.

O – das sind ja gottgesegnete Beine –[106]

EULENSPIEGEL erscheint im Hintergrund mit dem Pastor.

Bitte dort, Herr Pastor –

MICHEL von oben herab zu dem Pärchen.

Ihr Schweine

DIE BÜRGERMEISTERIN.

Huch –


Läuft nach rechts davon.


DER KAPLAN ruhig aufstehend.

Was! Er Säufer erfrecht sich, hier fromme

Gespräche zu stören?

MICHEL über die Stühle vom Tisch niedersteigend.

Platz da, Pfaff!

DER ROTBART UND ECKART von Eulenspiegel wachgemacht, treten aus dem Laubengang.

Platz! Platz!

DER KAPLAN vor Michel zurückprallend.

Ah! Er Soll von mir hören!

Wart Bursch!


Ab in den Saal mit dem Pastor zusammen, der im Hintergrund gewartet hat.


EULENSPIEGEL.

Nun, hehrer Helde? zurück aus dem Geisterland?

wie steht's?

MICHEL ganz mit sich beschäftigt, schlägt nach der Troddel der Zippelmütze.

Verdammtes Gebammel!


Und reißt sie sich vom Kopf.
[107]

EULENSPIEGEL.

O aber! Solch Ehrenpfand,

das schlägt man doch nicht!

MICHEL die Mütze anstarrend.

Was ist das? was soll das? – Hee:

wer tat das, Schwarzer?!

DER SCHWARZE KARL von Michel gerüttelt.

Hilfe! mein Portepee!

Josef-Maria –


Ist aufstehend über seinen Degen gestolpert, fällt unter den Tisch und schläft weiter.


MICHEL.

Viehklumpen! – Und Ich?? – O Vieh, Vieh, Vieh!!!


Die Mütze zerfetzend und zu Boden schleudernd.


Schandlappen verfluchter! da lieg, du Infamie!

O, ich Narr! ich Stadtnarr!!!


Er faßt seinen Kopf mit beiden Händen; die Tanzmusik setzt wieder ab.


Halt, Michel! halt!

besinn dich, Mensch! –


Er blickt scheu nach dem Rotbart und Eckart hinüber, tastet an seiner Brust herum, holt das Vertragspapier aus der Tasche, entfaltet es, starrt es kopfschüttelnd an.


EULENSPIEGEL nimmt unterdessen Eckart beiseite.

Excellenz –


Und da dieser ihm rasch den Mund zuhält.


ah, Pardon – aber gehn wir nicht bald?

wir könnten leicht den rechten Moment verpassen.

DER ROTBART ist zu ihnen getreten.

Nein, wir dürfen den Mann nicht in seinem Zorn verlassen.[108]

EULENSPIEGEL.

Wie's beliebt, gnädiger Herr – –

MICHEL.

Wo ist er? Er soll mir heraus!

DER ROTBART

Wer, Michel, wer?!

MICHEL.

Dem ich hier mein Haus

vorhin verschrieb ohne Sinn und Verstand!


Er zerknautscht das Papier, will es wegwerfen, hält plötzlich inne und steckt's in die Brusttasche.


EULENSPIEGEL.

Der, Herr Vetter, ist leider inzwischen kurzerhand

mit deiner Glücksfee durchgebrannt.


Die Tanzmusik setzt wieder ein.


MICHEL nimmt seinen Hut und Stock von dem Tisch unter der Bank.

Ihr Herren! Ich bin nur ein Mann in geringem Kleid

und mit Ehrfurcht im Leibe; aber was ihr auch seid,

ich schätz mich zu wert, euern Schabernack einzustecken!

Ich bin kein Hanswurst für naseweise Gecken,

und im Wirtshaus ist jedermann nichts als Zechkumpan!


Auf die zerrissene Mütze deutend.


Wer hat mir den Schimpf da angetan?!

EULENSPIEGEL.

Da mußt du den dort fragen, Freund Grobian.


Er zeigt nach hinten, wo eben der maskierte Landrat erscheint, ganz mit Cotillon-Orden bepflastert, begleitet vom Kaplan und vom Pastor, alle drei den

Hut auf dem Kopf und nicht mehr vollkommen fest auf den Beinen.
[109]

MICHEL sich gleichfalls den Hut aufstülpend.

Ahh, Herr!

DER LANDRAT sich mit dem Taschentuch fächelnd.

Äh –: Ah –? was Ah?!

MICHEL.

Ich fordre Aufklärung, Herr!

DER LANDRAT.

Pahahäh! Ist ja gottvoll! – Na also, Sie Aufklärererr:

erst mal Hut ab, wenn Sie hier um was bitten!

MICHEL.

Mit Verlaub: mein Hut kehrt sich ganz nach Anderleuts Sitten!

EULENSPIEGEL.

ja Sitten!

DER ROTBART UND ECKART.

Sitten!

DER LANDRAT.

Himmelkreiz, Ruhe! – Das ist ja -äh- unerhört!

DER KAPLAN UND DER PASTOR.

Unerhört! Unerhört!

DER LANDRAT.

Er besoffner Flegel, merk er sich: Wenn er das Fest weiterstört[110]

MICHEL den Hut kurz lüftend.

Um Verzeihung, Herr Landrat: Wer ist hier besoffen?

Ich für mein Teil hab meinen Rausch ausgeschloffen.

DER LANDRAT immer heftiger fächelnd.

Ruhe!!!

MICHEL wie vorher.

Sehr gern, Herr Landrat. Nur bitt ich noch diese

Nacht

um Antwort: Wer hat mich besoffen gemacht?!

Und im Übrigen bitte: hier leg ich hin,

was ich etwa irgendwem dafür schuldig bin!


Er langt eine Handvoll Geld aus der Hosentasche und wirft sie dem Landrat vor die Füße.


DER LANDRAT etwas zurückweichend.

Aber das ist ja ein ganz -ä- ganz unglaubliches Vieh!

DER KAPLAN.

Ja, ein Vieh!

MICHEL.

Ahh!!!


Hebt in heller Wut seinen Stock.


DER ROTBART UND ECKART.

Halt, Michel! Halt!

MICHEL bezwingt sich.

Ja, wahrhaftig: für die,

die Biester da, ist mein Stock zu gut.[111]

Aber eh ich ihn heimtrag, ihr Kröten-und-Unkenbrut,

soll euch doch mal erst, und müßt ich den Hals drum wagen,

eine Menschenstimme ans Trommelfell schlagen!


Der Landrat holt Notizbuch und Bleistift heraus.


Ja, notieren Sie's nur! ich stell's gerne auch noch unter Eid!

O, mit welchem Brustkorb voll Feiertagsgläubigkeit

kam ich heut auf dies Fest, dies Volksfest, her in die Stadt!

Wie hatt ich mein einsames altes Waldnest satt!

wie sah ich die Welt hier von neuen Lichtern leuchten,

die mir alles Leben weiter und größer zu entfalten deuchten!


Halb zum Rotbart und Eckart hingewendet.


wie war ich willens – die Herren da sind mir Zeugen –

jedem überlegnen Geist mich mit Kopf und Kragen zu beugen!

wie glaubt ich, daß hier, wo Männer zum Wahlkampf rüsten,

die rechten, aufrechten Vorbilder ragen müßten,

einen Kerl wie mich zu vornehmer Art anzuleiten!

Und was fand ich?


Zornschluchzend.


Lauter Gemeinheiten!

ECKART dumpf.

Gemeinheiten.

EULENSPIEGEL.

Na heul nicht, Michel!

DER ROTBART.

hast höhere Obrigkeiten!

DER LANDRAT.

Was?! Schwerebrett ja, was unterstehn Sie sich!

Ich verbitt mir, meine Herrn da – wer sind Sie eigentlich?![112]

wie heißen Sie?!


Inzwischen hat sich im Hintergrund ein Haufen maskierter Leute versammelt, darunter das Bürgermeisterpaar Arm in Arm, und ein lärmender Wirrwarr drängt gegen den Rücken des Landrats.


DREI BENGELSTIMMEN plärren aus dem Gedränge.

Fritze! Peter Paul! Ludewich! –

DER LANDRAT.

Himmelkreizrudiment, Herr Kaplan, da soll man nicht fluchen?!


Drei Kobolde kommen plötzlich zum Vorschein, der erste ohne Mütze und mit flennender Miene.


MICHEL.

Träum ich?

DER LANDRAT.

Verflixte Bengels, was habt ihr hier noch zu

suchen!

Ehrwürden hat euch doch extra vorhin zu Bett gejagt!

DER PASTOR.

Ich auch, Herr Landrat!

ERSTER KOBOLD weinerlich.

Ich will meine Mütze!

DER LANDRAT.

Waas?

ZWEITER UND DRITTER KOBOLD

Mütze!

ERSTER.

Ja –! Mutter hat gesagt:

Fritze, hat sie gesagt –[113]

ZWEITER UND DRITTER.

Dusselfritze!

ERSTER.

Dusselfritze –

ZWEITER.

erst gehst du und holst deine Zippelmütze!

ERSTER.

Zippelmütze –

DRITTER.

Da liegt sie!

DER LANDRAT sich wegdrehend.

Ä – bitte, Herr Bürgermeister!


Er nimmt ihn beiseite, gestikuliert mit ihm.


ERSTER KOBOLD hat die Mütze vom Boden genommen.

Kaputt –


Und läßt sie wieder fallen.


MICHEL.

Na heul nicht, Fritze. Kuckt, kleine Geister,

was hier liegt!

DIE KOBOLDE.

Geld! richt'ges Geld!

MICHEL.

und'n ganzer Haufen!

Da grappscht! da könnt ihr zehn neue für kaufen.


Während sie aufsammeln.


Und sagt eurer Mutter: der deutsche Michel läßt grüßen,

und die alte Schlafmütz, die hat er heut Nacht zerrissen.

So; nu geht zu Bette![114]

ERSTER KOBOLD.

Dank schön.

ZWEITER.

Hurrra!

DRITTER.

der deutsche Michel soll leben!

ERSTER UND ZWEITER.

leben! leben!

EULENSPIEGEL während die Kobolde verschwinden.

So, Herr Vetter; nun könnten wir uns auch wohl ins Nest begeben!


Die Tanzmusik macht wieder Pause.


MICHEL.

Wir? – Ich hab meine Rechnung hier noch nicht klapp!

DER LANDRAT.

Ist geschenkt! Er kann jetzt abschwirren. Ab!

Man kennt ihn!

MICHEL.

Man soll ihn noch mehr kennen lernen!

DER PASTOR.

Ein Diener des Friedens rät Ihnen, sich zu entfernen,

Herr Michael. Wahrlich, Sie mißbrauchen

DER LANDRAT.

Schon gut, Herr Pastor; den muß man anders anhauchen.

Marsch nach Hause, Bursche!


Michel zuckt auf.


Und sollt er sich weiter erfrechen,

dann –


Er gibt dem Bürgermeister ein Zeichen.
[115]

DER BÜRGERMEISTER.

Sofort, Herr Landrat!


Geht eilends ab.


MICHEL den Hut lüftend.

Herr Pastor, ich will den Herrn Bergrat sprechen;

wo ist er.

DER LANDRAT.

Er hat hier garnichts zu wollen!

MICHEL.

Wo ist er?!

DER LANDRAT zurückweichend, etwas torkelnd.

Kreuzschwerebrettnichnochmal, er soll sich nach Hause trollen!

verstanden?!

DER ROTBART.

Michel Michael, halt deine Hand im Zaum!

ECKART.

Bleib deiner mächtig, Mann; alles Andre ist Traum.

MICHEL.

Wo ist der Bergrat?! Er wird mir Rede stehn;

er versteht mit uns Volk menschlich umzugehn.


Die Tanzmusik setzt wieder ein.


DER LANDRAT.

Meine Herren und Damen! ich rufe Sie sämtlich zu Zeugen:

ich habe -ä- Alles getan, um Exzessen vorzubeugen.

Hab ich, meine Herren?[116]

CHOR DER HERREN.

Jawohl, Herr Landrat! Alles!

DER KAPLAN.

fast übergebührlich!

DER LANDRAT.

Meine Damen?

CHOR DER DAMEN.

Jawohl, Herr Landrat!

DIE BÜRGERMEISTERIN.

schon beinah unnatürlich!

DER LANDRAT.

Demnach -ä- warn ich den Delinquenten zum letzten Mal:

derselbe hüte sich hierorts, in diesem -ä- städtischen Festlokal,

vor Widerstand gegen die Staatsgewalt!

MICHEL.

Wie? – Ich seh hier nur Leute in allerhand Maskengestalt.

DER LANDRAT.

Ruhe!!!

DER KAPLAN.

Wenn Sie wünschen, Herr Landrat, bin ich im Amtskleid erbötig

MICHEL.

Ja: Euresgleichen hat keine Maske erst nötig!

EINE DAME.

Hihihi –[117]

EINIGE HERREN.

hähähä – hahahah –

DER KAPLAN.

Un-er-hört!

DER PASTOR.

Es scheint, Herr Collega, der Ärmste ist geistig gestört.

DER LANDRAT.

Ja! Sag er mal, Wertster: ihm brennt's wohl im Kopp, das Stroh?!

MICHEL.

Darauf, Allerwertster, darauf antwort ich so – –


Er kehrt ihm den Rücken und schlägt sich aufs Hinterteil; die Tanzmusik bricht quietschend ab, und ein langer starker Baßton erfolgt.


DIE HERREN.

Ha!

DIE DAMEN.

Oh – –


Man fährt mit den Taschentüchern zur Nase und wendet sich ruckhaft von Michel weg.


DER LANDRAT.

Aber das schreit ja zum Himmel mit dem Rüpel da!

Ist denn kein Gummiknüppel da?!

Herr Bürgermeister!!!

DER BÜRGERMEISTER vom Hintergrund her.

Sofort, Herr Landrat!

DER LANDRAT.

Ja bitte, fix!

Platz da, meine Damen![118]

DER BÜRGERMEISTER.

Vorwärts, Leute! da steht der Taugenix.


Drei Polizisten marschieren auf.


EULENSPIEGEL mit der Pritsche klappend.

Halt! Vorsicht! hier riecht's nach Dynamit!

DER LANDRAT.

Ruhe!!! Vorwärts, Kerls! Losungswort: Moabit!

Los!

DER BÜRGERMEISTER.

Los, Leute!

MICHEL mit beiden Händen seinen Stock aufstemmend.

Halt!!! Noch steh ich Gewehr bei Fuß;

aber wer den Michel anrührt, den haut er zu Muus!

DER LANDRAT.

Also Achtung! Plempen raus! Hoch das Bein! Immer druff!

DIE POLIZISTEN blank ziehend und vorrückend.

Immer druff! immer druff! immer druff –

MICHEL.

druff! knuff!!!


Rennt sie mit quergenommenem Stock übern Haufen.


DIE DAMEN.

Huch –


Flüchten samt den Herren nach hinten; zugleich aber kommen drei andre Polizisten von rechts aus

dem Laubengang gestürzt, fallen Michel in den Rücken und nehmen ihn fest.
[119]

DIE POLIZISTEN.

Du Luder! du Mistvieh! du Aas! Lumpenhund!

Uff, Kanalje! Uff jetzt! Na warte: wir drehn dir die Knochen schon rund!


Sie zerren Michel vom Boden und drücken ihn in die Kniee; zwei Mann halten seine Füße gepackt, je zwei seinen rechten und linken Arm.


DER LANDRAT wieder nähertretend.

Stillgestanden! – So,Bursche: jetzt wird er wohl kirre sein.

Legt ihm Handschellen an!

MICHEL aufbrüllend.

Nein!!! Nein, schrei ich! Nein!

Beim ewigen Gott: lieber hackt mir die Arme vom Rumpf!

DER LANDRAT.

Ruhe!!!

MICHEL.

Ich will Alles, was ich habe, mein Haus, Stiel und Stumpf,

der Staatskasse schenken!

DER LANDRAT.

Schluß jetzt!


Zu den Polizisten.


Tut eure Pflicht!

DER ROTBART.

Halt! Das wird nicht geschehen! dem Mann da nicht!

ECKART.

Trage Jeder, der richtet, Scheu vor höherm Gericht!

DER LANDRAT

Waas! – Ja zum Teufel, da soll doch – das ist ja wahrhaftigen Gott[120]

das reine Anarchistenkomplott!

Herr Bürgermeister!!!

DER BÜRGERMEISTER.

Herr Landrat? –

EULENSPIEGEL während die Beiden erregt zusammen tuscheln und Michel sich wild gegen die Polizisten wehrt.

Gnädiger Herr, ist's erlaubt,

die Narrheit loszulassen gegen ein närrisches Haupt?

DER ROTBART.

Tu, Schalk, was dein Witz und – dein Herz dir erlaubt!

EULENSPIEGEL.

Dank, Herr –


Er verneigt sich und eilt nach links davon.


DER BÜRGERMEISTER vor Michel und seine Häscher tretend.

Halt, Leute! – Arrestant Michel Michael,

wir wollen Rücksicht nehmen auf Ihren submissen Gnadenappell

und Sie einfach abführen lassen, ohne Verwendung von Handschellen,

unter der Bedingung: Sie nennen Ihre Spießgesellen.

MICHEL.

Wie??

DER BÜRGERMEISTER auf den Rotbart und Eckart hinüberweisend.

Wer sind diese Herren, mit denen Sie sich nicht scheuten,

unsre vaterländische Feststimmung unziemlich auszubeuten?[121]

MICHEL Stier vor sich hin.

O Deutschland –

DER LANDRAT.

na wird's bald?!

STIMME DES ROTEN KARLS.

man stopp!!!

IMMER MEHR STIMMEN VON DRAUßEN HER.

man stopp! man stopp! man stopp!


Zugleich wird wieder das dumpfe Geräusch der

stampfenden Maschine hörbar.


DER LANDRAT sich die Ohren zuhaltend.

Himmelkreizsackerment, tanzt denn heute der Deibel Galopp?!


Von links erscheinen Eulenspiegel, der rote Karl in seiner Militär-Uniform, jetzt aber mit Schlapphut und ohne Gesichtsmaske, und die maskierten Bergknappen; die meisten etwas angezecht, alle mit leeren Sektflaschen, die sie bedrohlich wie Keulen schwingen.


DER ROTE KARL während Eulenspiegel mit seinem Schellenzipfel den Takt dazu klingelt.

Stopp! Hie Knappschaft!

DIE BERGKNAPPEN.

Knappschaft!

DER ROTE KARL.

Glückauf!

DIE BERGKNAPPEN.

Glückauf![122]

DER ROTE KARL.

Jeder Knappe im Schacht

nehm sich vor falschen Wettern in Acht!

Licht aus!!!


Er haut seine beiden Flaschen aneinander zu Scherben; sofort erlöschen die elektrischen Ampeln.

In der Dunkelheit geben jetzt nur die Laternchen an den Tschackos der Bergknappen spärliches Licht. Man sieht, wie sich Michel von seinen Häschern losreißt, seinen Stock ergreift und um sich schlägt. Dazu Gerassel von Säbeln und zerschmissenen Flaschen, Geschrei der flüchtenden Damen und Herren, und Eulenspiegels Pritschengeknalle.


DIE BERGKNAPPEN durch den Tumult hin und her trottend.

Aus das Licht! Aus das Licht!

Irrwischfunken zünden nicht!

Sumpfgesindel! Unkenbrut!

fang mal Feuer, faules Blut!


DER ROTBART.

Aber Michel! Kerl! du verbläust ja mein Schwert!

MICHEL.

Immer druff! Meines Vaters Stock ist zehn Schwerter wert!!!

DIE BERGKNAPPEN.

Wert oder nicht, wert oder nicht,

schlagt in Stücken, was zerbricht!


MICHEL.

Sind zerbrochen alle Klingen,

kann man noch den Knüppel schwingen!

Sieg!!!


Man sieht im Hintergrund durch den Saal die letzten fliehenden Amtspersonen mit flüchtig aufflammenden Streichhölzchen rennen.
[123]

DIE BERGKNAPPEN.

Sieg! Hurra, Sieg!!!

DER ROTE KARL.

Glückauf, Genossen!

DIE BERGKNAPPEN.

Glückauf!!!

EULENSPIEGEL mit Schellengebimmel.

Es lebe der ganze, allbeglückende Volksfestverlauf! –

Nun, Held Michel, wie steht's? vollständig heil und gesund?

Laßt mal sehn!


Die Bergknappen nehmen die Tschackos ab und beleuchten ihn mit den Grubenlichtern.


MICHEL.

Mir fehlt blos ein guter Trunk zur Stund.

EULENSPIEGEL.

Ih! – Na, dann mal her den Rest von der Kesselbefeuchtung!

MICHEL.

Nein, Wasser!

EULENSPIEGEL.

Ah, Wasser!

DIE BERGKNAPPEN.

Hahahah! Pros't!

EULENSPIEGEL nochmals bimmelnd und nach draußen gewendet.

Heeda! Beleuchtung!

wo gibt's hier Wasser?! Licht an!!!


Die elektrischen Ampeln flammen neu auf; man sieht am Boden zerbrochene Flaschen, zertrampelte Zylinderhüte und zerrissene Maskenstücke liegen.
[124]

MICHEL.

Aber erst sag'ich Dank!

Roter Karl, ich werd's dir mein Lebenlang

nicht vergessen!


Er schüttelt ihm die Hand.


DER ROTE KARL.

Genossen, seht ihr?! was hab ich gesagt!

jetzt ist er Unser!


Klopft ihm gnädig die Schulter.


DIE BERGKNAPPEN.

Hurrra!

MICHEL zurücktretend.

Wie??

DER ROTE KARL.

Na, man unverzagt!

Hurra schrein wir blos noch so aus alter Gewöhnung.

MICHEL.

So –: Das also ist eure Menschenbruderversöhnung:


Draußen klappt plötzlich die eiserne Tür zu, und das Geräusch der Maschine verstummt.


einen Mann aus den Klauen der Überzahl glücklich rauszukloppen,

um ihn dann in euern Mehrheitsrachen zu stoppen:

die Sorte Brüderlichkeit, die ist mir zu gleich und frei!


Ein Maschinenheizer, unmaskiert, bringt ein Bierglas voll Wasser; Michel schiebt ihn unsanft beiseite.


Weg da! Bleibt mir vom Leibe mit eurer Nothelferei!

die könnt ich besser bei der Bergratsgesellschaft finden.

DIE BERGKNAPPEN.

Hoh! Frechheit! Haut ihn![125]

MICHEL.

Ja, haut ihn, den Plumpsackblinden!

Ihr habt viel gelernt von denen, die euch schinden,

aber eins, darin sind sie euch doch noch voran:

sie sehn blanke Pfennige nicht für Goldstücke an,

sie wissen Bescheid über ihre eigne erbärmliche Kleinheit –


Zu Boden starrend, halb für sich.


O Menschheit, dein Erbteil heißt Gemeinheit!

DIE BERGKNAPPEN zumteil vom Leder ziehend.

Was?! Lyncht ihn! spießt ihn! Du Scheißkerl! Schuft! Lausejunge!

DER ROTBART sein Schwert aus der Scheide reißend.

Zurück!!!

ECKART einen Revolver aus der Kutte langend.

Sonst ertönt hier eine noch lautere Zunge!

EULENSPIEGEL.

Und, meine Herren, Sektproppen knallen doch angenehmer.

Auch läßt sich der Rest der Ladung viel sicherer und bequemer

ohne Bratspießgefuchtel fürs Allgemeinwohl verwenden,

zumal da sich Spieße leicht umdrehn unter Geisterhänden.

EINIGE BERGKNAPPEN.

Hahahah!

EULENSPIEGEL.

Ja, die Welt ist seit Alters voll scharfer Plempen;[126]

und wie bald, wie bald kann das Häuflein Gemeinheitskämpen,

das vor Unserm Gemeinsinn ausriß mit Hasenbeinen,

verstärkt als Werwolfshaufen wieder erscheinen!

Also, meine Herren, verzeihn Sie: ich möchte meinen –

DIE BERGKNAPPEN.

Hm – ja – verdammt ja – sehr wahr! – Weg!!! Kommt, Kinder! Weg!

Nach Hause!

DER ROTE KARL.

Still, Genossen!

DIE BERGKNAPPEN.

Hoh! ohoh!

DER ROTE KARL.

Aber Schwerenotdonnerblech,

so hört doch!

DIE BERGKNAPPEN ihre Degen einsteckend und torkelbeinig nach links abziehend.

Blech! marsch! halt die Schnauze! sonst

gibts'n Tritt!

komm unsern Sekt aussaufen! marsch! nach Hause! Komm mit!

DER ROTE KARL.

Dann sauft, Viecher –


Lauter.


Michel, wir sind noch nicht quitt! – –


Er schreitet langsam den Andern nach.


EULENSPIEGEL da Michel mit seinem Stock am Boden herumbohrt.

Nun, Gevatter Helde? du schaust ja so tiefsinnig nieder.[127]

Es scheint, deine Zippelmütze bezaubert dich wieder.


Indem er sie auflangt.


Sie ist zwar ein bißchen stark ramponiert;

aber vielleicht hast du jemand, der sie dir repariert? –

Bitte –


Er überreicht sie ihm.


MICHEL.

Ja –: zur Erinnrung an diese Geisternacht –

und zum Zeichen: der Michel ist aufgewacht! –

EULENSPIEGEL.

Ist er? –

DER ROTBART UND ECKART während der Vorhang sich schließt.

aufgewacht – –[128]


EULENSPIEGEL als Zwischenredner.


Von links kommend, klappt mit der Pritsche.


Hochgesinnte Gönner!


Bimmelt mit der Schelle.


sinnige Gönnerinnen!

der Akt der Rache kann jetzt beginnen.

Sie suchen wahrscheinlich bereits mit dem Opernglase

nach der wohlverdienten, gespenstisch langen Nase,

die ich unserm Dichter untertänigst in Aussicht stellte.

Jedoch ich frage Sie: wäre er dann der Geprellte?

Nein, diesen Kopfverdreher müssen wir noch verdrehter anfassen.

Er hat sich ohnehin zu Anfang gewiß nicht träumen lassen,

hier als Nachtmützenhüter für Michels Haushalt zu enden;

ich bitte ihm also Ihren wärmsten staatsbürgerlichen Beifall zu spenden,

das wird seinen Weltbürger-Größenwahn gründlich vernichten.

Er wollte drum – im Vertrauen gesagt – garnicht weiterdichten,

aber da kennt er die Traumweltgesetzgebung schlecht:

unser Herr und Meister, jeßt ist er unser Knecht!

Soll uns etwa, ihm zu Gefallen, der Weltgeist spurlos verschlingen

und die deutsche Geheimpolizei immer mehr in Mißkredit bringen?

Noch ahnt ja keine Seele, was wir in Wirklichkeit sind;

an Geistererscheinungen glaubt doch kaum noch ein Kind.

Vor allem sind wir – auf den Ausgang der Handlung gespannt;[129]

denn es ist doch für den Fortbestand

der christlich-germanischen Menschheit die unumgänglichste Pflicht,

daß der Michel seine Lise krigt.


Hinterm Vorhang rhythmisches Händegeklatsch.


Da! man klatscht schon! – Heiliger Pritschenschall,

das klappt ja, als wär bereits Hochzeitsball.

LISE LIED singt hinterm Vorhang, und Eulenspiegel spricht Zeile auf Zeile nach.

Tapp tapp, wer kommt da querfeldein?

Nur rasch, nur rasch, Herr Morgenschein,

Trab Trab!

Die Jungfer Tauduft putzt sich hier;

sie schlägt den Schleier auf vor dir,

klapp klapp!


EULENSPIEGEL rasch weitersprechend.

Sie schlägt vielleicht noch mehr auf, klapp;

da geh ich diskreterweise ab.


Er verschwindet nach links, den Vorhang mitwegziehend.


Quelle:
Richard Dehmel: Michel Michael. Berlin 1911, S. 100-130.
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