Der Pirat

[86] Nach José de Espronceda.


Mit zehn Kanonen blank an Bord,

mit vollen Segeln vor dem Wind,

die flink wie Mövenflügel sind,

streicht eine Barke durch die Flut:

die Barke des Piratenherrn,

auf allen Meeren er gekannt

von einem bis zum andern Strand,

der »Hai« getauft für seinen Mut.


Im dunkeln Wasser hüpft der Mond,

im Tauwerk seufzt und pfeift der Wind,

ein langer Silberstreifen rinnt

breit durch die blaubewegte Flut.

Und der Piratenkapitän

sitzt singend hoch an Steuers Rand,

links Asiens, rechts Europens Strand,

und sitzt und singt und schwenkt den Hut:


»Fliege, mein Segler du, fliege,

unverzagt;

fliegst und segelst zum Siege!

Spottest der Stürme, der Klippen und Riffe,[87]

der Himmelstücken, der feindlichen Schiffe,

weil dein Herr sein Leben wagt!

Zwanzig Prisen

haben wir gemacht,

haben die Staatsmützen

ausgelacht;

hundert Nationen

liegen und grüßen hier

mit ihren Flaggen

zu Füßen mir.

Denn meine Barke ist mein Reichtum,

denn mein Gesetz ist mein Begehr,

mein Gott der Wind und meine Freiheit,

mein einzig Vaterland das Meer.


Könige streiten dadrüben

in blinder Gier

um ein paar Aecker Rüben.

Sehet, ich lache! Meine Gefilde

reichen, soweit das weite wilde

Meer entrollt sein frei Pannier.

Da ist kein Wimpel,

wie er auch glänze,

da keine Küste,

wo sie auch grenze,

die nicht Salut gethan

meinem Geschlecht,

die nicht erkannten

mein Hoheitsrecht.

Denn meine Barke ist mein Reichtum,

denn mein Gesetz ist mein Begehr,

mein Gott der Wind und meine Freiheit,

mein einzig Vaterland das Meer.
[88]

Kaum schrein vom Mars die Jungen:

Schiff in Sicht!

rennt's schon mit vollen Lungen,

hoi alle Segel breit, Fersengeldsegel,

rennt es und rennt es; denn diese Flegel

lieben den König der Meere nicht.

Aber wie Brüder

Ich und Ihr,

meine Getreuen,

teilen die Beute wir.

Ein einzig Eigentum

nehm ich für mich

ohne Rivalen:

dich, Schönheit, dich!

Denn meine Barke ist mein Reichtum,

denn mein Gesetz ist mein Begehr,

mein Gott der Wind und meine Freiheit,

mein einzig Vaterland das Meer.


Verdammt zum Höllenfeuer,

zum Tod am Strick,

sitz'ich und lache euer!

Hütet euch, Schufte: wen ich mir lange,

den häng'ich auf an der Segelstange,

vielleicht von seiner eignen Brigg!

Und wenn ich falle:

was ist das Leben!

Hab es schon damals

verloren gegeben,

als ich die Kette brach,

als ich, ein Held,

mir schuf mein eigen Recht,

mir meine Welt.[89]

Denn meine Barke ist mein Reichtum,

denn mein Gesetz ist mein Begehr,

mein Gott der Wind und meine Freiheit,

mein einzig Vaterland das Meer.


Melodieen wie brausend

Orgelgewühl

spielt mir im Nachtsturm, sausend,

meiner geschüttelten Taue Gestöhne,

meiner Kanonen Donnergedröhne

und des schwarzen Meeres Gebrüll.

Von ihren tobenden

Liedern umschnoben,

geh ich zur Ruhe,

wogenumwoben,

jubelnde Zungen

rund um mich her,

in Schlaf gesungen

vom Meer, vom Meer.

Denn meine Barke ist mein Reichtum,

denn mein Gesetz ist mein Begehr,

mein Gott der Wind und meine Freiheit,

mein einzig Vaterland das Meer!«


Im dunkeln Wasser hüpft der Mond,

im Tauwerk seufzt und pfeift der Wind,

ein langer Silberstreifen rinnt

breit durch die blaubewegte Flut.

Und der Piratenkapitän

lehnt schweigend hoch an Steuers Rand,

links Asiens, rechts Europens Strand,

tief in die Stirn gedrückt den Hut.
[90]

Mit zehn Kanonen blank an Bord,

mit vollen Segeln vor dem Wind,

die flink wie Mövenflügel sind,

streicht seine Barke durch die Flut:

die Barke des Piratenherrn,

auf allen Meeren er gekannt

vom einen bis zum andern Strand,

der »Hai« getauft für seinen Mut.

Quelle:
Richard Dehmel: Aber die Liebe. München 1893, S. 86-91.
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