Venus Mea

[132] Der Himmel gähnt, der Tag ist auferstanden,

ich habe nun genug geschaut nach Osten;

die Seele will in ihren Abendlanden

Vollendung kosten.

An dem Tor des neuen Evagartens

steht ein knöchernes Gerippe,

mit dem Ausdruck des Erwartens,

aber nicht mehr in der Faust die Hippe.


Sein Scheitel schimmert; eine Phönixfeder

ragt aus der Rechten steil zum Sonnenrand,

die spiegelt flammenfarbig, was je Jeder

war und empfand.

In der Stunde einer Liebesfrucht

sprüht ein Strahl aus diesem Spiegel;

dann erlischt die Wonnesucht,

keusch empfangt der dunkle Keim sein Siegel.


Schon dämmert Glanz; kristallne Ketten hängen

klar her zu dir aus väterlichen Sphären.

So sollst auch Du dich aus der Dämmrung drängen

und dich verklären,[132]

Seele, bis dein grau Gehirn sich lichtet,

wie die Sonne scheint durch Eis,

und dir deine Brunst beschwichtet

und im Traum selbst deinen Willen weiß.


Noch flimmert's erst; tief lockt die alte Nacht

mit ihrer Schaar verworrner Muttergluten.

Doch du wirst weiterstrahlen! du bist Macht!

sieh, rings sind Fluten:

wenn zwei Liebende zusammensinken,

durch dein Glanzbild einst begeistert,

und im Rausch dann blind ertrinken,

wird ihr Keim von Deinem Geist gemeistert.


So tagt es. Mit dem Ausdruck des Verächters

sollst du dem alten Garten kalt entschreiten;

dir weist die Phönixfeder unsres Wächters

Unsterblichkeiten ...


. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


Nun verblich der Stern der Frühe;[133]

meine Augenlider brennen.

Und die Sonne kann mit Mühe

die gefrornen Nebel trennen.


Mich verdrießt mein nächtlich Brüten.

Drüben an den Häuserwänden

sprießen diamantne Blüten.

Meine Prüfung kann nun enden.


Dieser Keller: dumpfer Zwinger!

Auf die dunstbelaufnen Scheiben

will ich breit mit steifem Finger

Venus Rediviva schreiben!


Denn ich weiß, du bist Astarte,

deren wir in Ketten spotten,

Du von Anbeginn, du harte

Göttin, die nicht auszurotten.


Ich jedoch war weich wie glühend Eisen;

darum sollst du mich in Wasser tauchen,

bis mein Wille läßt sein siedendes Kreisen

und der Stahl wird, den wir brauchen.


Nicht mehr will ich meine Brunst kasteien,[134]

bis sie mit berauschter Durstgeberde

wünscht, daß unsre Lüste fruchtbar seien

und ein Wurm zur Göttin werde.


Nach der Nacht der blinden Süchte

seh ich nun mit klaren bloßen

Augen meine Willensfrüchte;

denn ich bin wie jene großen


Tagraubvögel, die zum Fliegen

sich nur schwer vom Boden heben,

aber, wenn sie aufgestiegen,

frei und leicht und sicher schweben.


Glitzernd harrt mein Horst. Du Eine,

die ich liebe: Ja und Amen:

heute komm ich! heut soll meine

Klarheit deinen Schooß besamen!


Schon errötet dort ein Giebel;

Sonne, mach ein bißchen schneller! –

Tolstoi, bring mir meine Stiebel,

heut verlass ich deinen Keller! –

Quelle:
Richard Dehmel: Gesammelte Werke, Band 6, Berlin 1908.
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