[126] Du sahst durch meine Seele in die Welt,
es war auch Deine Seele: still versanken
im Strom des Schauens zwischen uns die Schranken,
es ruhten Welt und Du in Mir gesellt.
[126]
Dein Auge sah ich grenzenlos erhellt:
Erleuchtung fluteten, Erleuchtung tranken
zusammenströmend unsre Zwiegedanken,
in Deiner Seele ruhte Meine Welt.
Und ganz im Weltgrund, wo sonst blindgeballt
entzweite Lüste hausen voller Fehle,
enthüllten sich auf einmal unsre Hehle
vereint als lauter Liebeslustgewalt.
Denn Liebe ist die Freiheit der Gestalt
vom Bann der Welt, vom Wahn der eignen Seele.
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Das ist Liebe. Und mit leichtem Sinn
gäb'ich all mein ernstes Selbstbeschauen
spielbereit für Dein Empfinden hin,
du liebseligste der Frauen!
Ja, solch Spiel das ganze Leben,
Lieberes könnt ich nicht erwerben;
Frohsinn hast du mir gegeben![127]
Doch auch Du, auch Du wirst sterben.
Wild und wehe und zum letzten Mal
wird mein Herz an deinen Leichnam schlagen;
still in unserm Freudensaal
wird dein steinern Bildnis ragen.
Einsam werd'ich wieder dann erschauern
vor den wirren Weltgewalten;
oh Vernunft, sie überdauern
unser menschliches Gestalten.
Blaß im Leeren steht der Morgenstern,
nur noch wie ein überflüssiges Pünktchen;
und doch hängt sich immer wieder gern
jede Seele an dies Fünkchen.
Bis aufs Meer hin sieht mein Geist es stehn
über tausend angstbefahrenen Gleisen,
sieht's in teilnahmloser Bahn sich drehn
bis ans Ende aller Erdenreisen –
sieht die Schaaren der vom Sturm Umbrandeten,
die Myriaden der nach Rettung Winkenden,
der Gescheiterten, Gestrandeten,
der Verschmachtenden, Ertrinkenden –
sieht sich mitgequält von all der Qual:
Seele, Seele, stirbst du nicht vor Grausen?![128]
Aber da vertreibt den trüben Schwall
eine Stimme, sternhin ein Erbrausen:
Buchempfehlung
Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.
106 Seiten, 6.80 Euro
Buchempfehlung
1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.
396 Seiten, 19.80 Euro