Der Vogel Wandelbar

[40] Ein Spott- und Trost-Märchen.


War einst ein Vöglein Wandelbar,

an welchem Alles seltsam war.

Ein rechter Wildfang wollt' es sein

und hatte doch ein Humpelbein,

das arme lust'ge Vöglein.


Allein das Vöglein hatte auch

ein wundersam Gefieder;

das schillerte wie Purpurschaum,

und auf der Brust der weiche Flaum

wie ein Perlmuttermieder.


Vom vielen Zwitschern eigner Art

das Schnäblein ihm ganz silbrig ward,[40]

und seiner Aeuglein Scheinen

gar lieblich launisch wechselte

gleich blauen Edelsteinen.


So trug sich Vöglein Wandelbar

von Außen sonderlich fürwahr,

doch was das Sonderlichste war:

tief Innen trug's unwandelbar

ein Herz von lautrem Golde!


Und Alles war dem Vöglein gut,

wie's hüpfelte und glänzte, –

und Jeder nahm's in seine Hut:

solang 's im sichern Hofe saß,

er ihm das Nest umgrenzte.


Bis unser Vöglein langsam

sich wuchs zu einem Vogel aus;

da mußt' es aus dem warmen Haus

allein ins weite Land hinaus.

Das schien ihm, ach, so bangsam.


Die Andern liefen gar so schnell,

das Ihre zu erjagen;

da kommt mit seinem Wackelschritt

solch armes Entlein nicht gut mit,

und – muß den Spott noch tragen.


Sie fließen es und traten es

und rupften es gescheit,

und in dem wilden Drängen

blieb bald sein schutzlos Schimmerkleid

an Busch und Dornen hängen.


Zwar Mancher blieb auch stehen:

vermahnten dann und schalten[41]

den ungeschickten Wandelbar,

und wußten doch, daß lahm er war,

und – blieben selbst die Alten!


Doch endlich war es ihm geglückt,

mit letzten Kräften, arg zerpflückt,

ein Bäumlein zu erschwingen;

da dacht' er endlich auszuruhn

und sich in Schutz zu bringen.


Verwandelt war nun ganz und gar

der arme Vogel Wandelbar,

so funkelnd einst; nur hier und da

ein gleißend Federlein noch sah

aus seinem grauen Kittel.


Und auch der Aeuglein helles Licht

war blaß wie welk Vergißmeinnicht;

allein das Silberschnäbelein

war ihm geblieben noch vonklein,

wenn's auch nur schwach noch zirpte.


So saß er fern denn vom Gewühl

und sang mit bitterm Wehgefühl,

wie er so gar verlassen!

und wußte doch, daß Lahme nicht

zu soviel Schnellen passen.


Ein Rabe aber kam vorbei,

den ärgerte die Melodei

und auch das Silberschnäbelein,

er schrie: »Ich mag nicht solch Geschrei!

geh, packe dich vonhinnen!


ich will mir hier mein Nest herbau'n,

und für uns Beide ist kein Raum!«[42]

und stieß das Vögelchen vom Baum

und riß ihm aus dem Kleide

auch noch sein letzt Geschmeide.


Da war ihm aller Mut dahin,

der Mut sogar zum Klagen;

mit seinem müden Humpelbein

schlich matt und weinend es feldein

und dachte voll Verzagen:


»Jetzt nenne Garnichts mehr ich mein,

jetzt kann ich nur gleich sterben!

jetzt will ich in die Wüstenei,

wo Keinen störet mein Geschrei,

und still für mich verderben.«


Ja, garnichts garnichts mehr war sein

von all dem schönen bunten Schein;

sogar das Schnäblein hatte ganz

verloren seinen blanken Glanz

von all den vielen Thränchen.


Und als das Vöglein das gesehn,

ist fast sein Herz gebrochen;

zum Sterben hat sich's hingesetzt, – –

da kam der goldne Mond zuletzt

und hat zu ihm gesprochen:


»Du armes Vöglein Wandelbar,

was härmst du dich denn immerdar

um deine Tandjuwelen?

Du töricht Vöglein Wandelbar,

hast du vergessen ganz und gar,

was Keiner dir kann stehlen?!


Ward dir denn nicht viel mehr geschenkt

als blos der Prunk, an den sich hängt[43]

der Andern leeres Streben?

Was weinst du denn und machst dir Schmerz?

ward dir tiefinnen nicht ein Herz

von lautrem Gold gegeben?!«


Da ward dem Vogel Wandelbar

auf einmal Alles licht und klar;

da wußt' er bis an seinen Tod

unwandelbar trotz aller Not,

warum sich's lohnt zu leben!

Quelle:
Richard Dehmel: Erlösungen, Stuttgart 1891, S. 40-44.
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