Die Wahrheit

[27] Ein Traum.


Ich rang in Zweifeln schon die ganze Nacht.

Mich treibt ein Geist, und folgen muß ich ihm;

doch darf ich folgen? ist's ein Geist der Wahrheit?

ist's Eitelmut? so zagte meine Seele.

Und Furcht ergriff mich vor dem unverstandnen

Gebet der Kindheit: Nicht wie Ich will, Vater –

in deine Hand befehl' ich meinen Geist!

Und heft'ger rang ich, wie einst Jesus rang ...

Da führte mich der Geist hinweg. Ich stand

an eines Weltmeers sturmgeworfner Fläche.

Sehr finster war's. Doch fernher sah ich ragen,

im düstern Graulicht düstrer noch getürmt,

ein starr Gebilde wie ein Felseneiland.

Die Wogen rollten und die Tiefe brüllte,

und ich erkannte: eine Sintflut war's,

die eine alte Welt hinunterschlang.

In grauenhafter Ohnmacht mit den Wellen

zwei letzte Menschen rangen, Mann und Weib.

Ich sah sie sinken. Doch noch einmal tauchten

des Weibes Glieder krampfig zuckend hoch,

noch einmal ächzte sie: und ihrem Schooß

entwand im Schaume sich ein blühend Kind.

Aus Wolken plötzlich quoll der volle Mond,

die Fluten schwiegen und die Wellen hüpften,

und wiegend trugen sie das neue Leben

auf sanften Armen an das Felsgestade.

Und nun gewahrt' ich auf dem schroffen Gipfel

ein andres Weibeswesen. Schwarzverhüllt

in regungsloser Starrheit thronte sie;

sie saß, als ob ihr Haupt den Himmel rührte,

und Scheu befiel mich vor der Wundersamen.

Doch lächelnd langte nach ihr auf das Kind.[28]

Und nieder zu ihm neigte sich die Hohe

und nahm es mit gelassner Hand ans Herz

und säugte es – und küßte es – und schaute

ihm lang' ins Auge, und mit mildem Glanz

umfing ihr Blick des Kindes Angesicht;

es war, als wachte drin die Seele auf.

Und in dem Arm der Göttin wuchs das Kind

und wuchs und wuchs und – sprach das erste Wort.

Da nahm es von der Brust die Rätselhafte

und setzte mit gelassner Hand es wieder

hinab ans Ufer, wo ein neues Land

sich aus den Fluten hob, und – hieß es gehen;

mit stummem Wink wies in die Ferne sie,

dann saß sie ehern thronend wieder da.

Auf stand der Knabe, Scheu befiel auch ihn,

der erste Schmerz schlich über seine Stirne;

doch still gehorchend ging er, schritt und wuchs,

und immer wachsend schritt er weiter immer,

bis ich im Nebeldunst des Horizonts

ihn einem Schatten gleich verschwinden sah.

Nicht achtete das Weib des Wandrers mehr;

aus weitem Auge schaute sie ins Dunkel,

als harrte immer neuer Menschen sie,

aus ihrer Brust die Schmachtenden zu tränken.

Da wallte heiß in mir ein Sehnen auf:

nur Einmal wollt' ich ihr ins Auge sehen,

dies Zauberauge, das dort über mir

aus seiner Höhe jen der tiefen Flut

so rein und mild im Mondlicht schimmerte.

Und flehend hob ich zu ihr auf die Hände:

Oh, komm! komm her zu mir und sieh mich an,

wie du den Säugling ansahst! Einmal nur

thu mir das Wunder deiner Seele auf!

oh gieb mir Frieden! gieb mir deine Ruhe!

Da stieg sie dröhnend von dem Felsen nieder,[29]

vor ihren Schritten teilte sich die See,

und näher, näher, immer näher kam sie,

in trunknem Jubel wankt' ich in die Kniee:

Sie kommt! sie neigt sich mir! mir, Mir allein!

Verzückte Thränen schossen mir ins Auge,

in tausend Farben floß um mich das Licht, –

da stand sie vor mir, beugte sich herab,

mit bleierner Faust umspannte sie mein Haupt

und bog es hoch, aus meinen Thränen mußt' ich

ins Aug' ihr schauen und – und brach zusammen:

Stein war es! Stein! ein flimmernder Opal!

Laut schrie ich in die Nacht – und wachte auf;

da sah ich weinend in den vollen Mond.

Quelle:
Richard Dehmel: Erlösungen, Stuttgart 1891, S. 27-30.
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