Vierter Klasse

[191] Es rollt und rüttelt und dröhnt und stampft

und klirrt und rasselt und schnaubt und dampft;

an kreisenden Feldern vorüber im Flug

durch Pommerns Ebne saust der Zug.
[191]

Ich schaue und schaue und weiß es kaum;

ich lausche nur immer in stolzem Traum,

wie donnernd um Axe und Axe kreist

in Form gegossen der Menschengeist ...


Da schreit ein Kindchen neben mir;

der Traum entweicht, es bangt mich schier.

Das Weinen klang so weh, so lind;

so zart, so mager ist das Kind.


Im Wagen trüb die Dämmrung graut,

das Gaslicht fahle Schatten braut;

aus rotgewürfeltem Bettchen sticht

so blaß heraus das kleine Gesicht.


Von Kisten und Kasten eingeengt,

von Säcken und Päcken eingezwängt,

bringt schaukelnd die Mutter ihr Kind zur Ruh'

und summt ein Wiegenlied dazu.


Und rings umher ein müd Geschwirr

gebrochener Laute, rauh und wirr;

und Mienen, knochig, derb und stumpf;

und Menschendünste, dick und dumpf.


Zusammengehockt mit zagem Mut,

mit ihrem letzten dürftigen Gut,

aus Posen und Preußen sitzen sie da

und wollen nach – Amerika.


Nur wenn das Wörtchen »Drüben« fällt,

ein Hoffnungsschein ihr Auge hellt;

und Alle atmen tiefer dann,

und Alle sehn sich nickend an.
[192]

Doch durch ihr Seufzen, ihr murrend Gestöhn,

durch Rädergescholler und Eisengetön

wie ew'ger Hoffnung Stimme zieht

der Mutter leises Wiegenlied.


O Heil'ger Stall von Bethlehem!

dein Wunder ist noch heut zu sehn,

wenn arm und schwach ein Weib beglückt

ihr Kind ans bange Herze drückt! –


Nun schläft's, nun deckt sie's ein recht warm

und legt's behutsam aus dem Arm

und schmiegt an ihren Mann sich dicht

und schaut ihm liebreich ins Gesicht;


und Er versteht den Mutterblick

voll Sorge, Furcht und Mißgeschick,

und mit der starken Schwielenhand

zeigt er hinaus ins finstre Land:


»Sei ruhig, Marie! du wirst schon sehn,

da drüben wird Alles anders gehn;

da schaff' ich uns eigen Feld und Vieh,

da ist's genug, wenn Ich mich müh';


Du kannst dich ruhen manche Stund',

ihr werdet Beide wieder gesund;

und unser Kind hat, wenn es groß,

im neuen Land ein besser Loos!«


Und Sorge, Furcht und Mißgeschick

zerschmelzen in dem Einen Blick,

mit dem sich diese Bauernseelen

von ihrem Kinde stumm erzählen ...
[193]

Es rollt und rüttelt und stampft und staucht

und dröhnt und rasselt und keucht und faucht;

durchs wirbelnde Dunkel in rasendem Flug

saust weiter und weiter der jagende Zug.


Ich horche und horche und weiß es kaum;

ich träume einen gläub'gen Traum,

wie hoffend und liebend Aufwärts kreist

zu neuen Formen der Menschengeist ...


Im Wagen schweigend schwebt die Nacht,

der Schlaf schwingt seine Spindel sacht;

die Bäurin auch – ist eingenickt,

aufs Knie des Mannes hingebückt.


Der sitzt noch wach mit mir allein;

wir gucken uns still in die Augen hinein,

bis bald von der Zunge ein Wörtchen sich dreht

und hin und her das Flüstern geht.


Und Er erklärt mir, wie es kam,

daß sie verkauften ihren Kram

und dem Agenten sich verdingt,

der nun sie in den Urwald bringt.


Es war kein neues Wort dabei,

es war die alte Litanei

von saurem Schweiß und Hungerlohn,

an der nur neu des Jammers Ton! –


Und wie dann gar noch Weib und Kind

ihm schwach und krank geworden sind,

da hätten sie endlich das Schwerste gewagt,

dem Dörfchen Lebewohl gesagt.
[194]

»Und hat sie auch zuerst geweint,

so hat sie doch zuletzt gemeint:

fällt's uns auch schwer, wenn nur das Kind

ein ander Loos als wir gewinnt!«


So schwinden Stationen im Fluge vorbei

und Glockensignale und Kellnergeschrei,

und bleicher tanzen die Lichter schon:

der Morgen steigt auf seinen Thron.


Und um uns her bewegt es sich

und reckt und dehnt und regt es sich,

und langsam werden Alle wach

und blinzeln in den jungen Tag.


Ein Tag von jenen, glanzgeküßt,

an denen jeder Halm uns grüßt

und jeder Sonnenstrahl das Herz

zum Lachen zwingt – trotz Not und Schmerz.


Die Fenster nieder! schallt's im Chor,

und Alle drängen sich freudig vor

und zeigen hinaus, wo stromumblinkt

mit Türmen und Masten Hamburg winkt.


Die Mutter aber, still bewegt,

ihr Kindchen an die Brust sich legt

und nimmt das Tuch ihm vom Gesicht

und – – Himmel, was stiert sie und küßt es nicht?


was stiert und stiert sie, daß mir graut –?

Da winselt leis ein Klagelaut,

da liegt's im Schooß ihr starr und tot.

Der Vater, der stammelt: Barmherziger Gott –!
[195]

Im Wagen plötzlich wird es stumm,

die Bauern sehen scheu sich um,

manch blödes Auge schwimmt und flimmert.

Mein Kind, mein Kind! die Mutter wimmert ...


Es kreischt die Maschine, es stockt der Lauf;

die Schaffner reißen die Thüren auf.

Ich stehe im hallenden Bahnhofsraum,

da braust das Leben, es gilt kein Traum;


es gilt, daß man sich's ganz gesteh',

wie unbekümmert um Glück und Weh

in ewig eigenen Bahnen kreist

schaffend und formend der Menschengeist!

Quelle:
Richard Dehmel: Erlösungen, Stuttgart 1891, S. 191-196.
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