Gethsemane

[113] Lautlos steht der starre Hain der Palmen,

tiefe Schatten schaun aus Busch und Halmen,

ihre blauen Thränen weint die Nacht.

Nur von dumpfen Menschenlauten schauert

der verstummte starre Hain, und schauert;

einsam stöhnt und stöhnt und trauert

auf den Knien ein Mann in Betteltracht.


Höre, höre, Geist der Wahrheit,

meinen Zwiespalt, meine dunkle Schuld:

der ich wandelte in Kampf und Starrheit,

Liebe lehrt' ich und Geduld.

Ach! ein Baum, der Licht gab, wollt' ich leben,

übermächtig der Natur;

nur mein Glaube war mir Leben.

Ach, sie sahn nicht auf mein Streben,

sahn die That, des Baumes Schatten nur.
[114]

Uebermenschlich hab' ich mich vermessen,

und sie haben fromm gemeint:

Ich, ich lebte selbstvergessen.

Einer, Er nur – Judas! Freund!

warum willst du mich verraten?!

O zertrennte mich doch mein Gebet,

daß ich zwiefach lebte Wort und Thaten,

Menschen menschlich irrend zu beraten,

auch dem Zweifel ein Prophet!


Und zum Mond die Arme wild gebreitet

und die Augen in die Nacht geweitet,

läßt er seine dunkeln Blicke irr'n.

Und er sieht die Schaaren seiner Qualen,

durch das Dickicht brechen bleiche Stralen,

und sie bohren ihm die fahlen

Dolche gierig in die glühende Stirn.


Wehe, wehe, Geist der Liebe:

voller Reinheit schwebst du klar und hoch,

doch dein Pfad ist Nacht und kalt und trübe,

und mich kettete die Erde doch!
[115]

Schwerter stieß ich in die weichsten Herzen:

Allen wollt' ich liebend glühn,

aber meiner Mutter mach' ich Schmerzen

und mit sehnsuchtwundem Herzen

weint um mich die Magdalenerin.


Nackt und bloß, und nur ein Menschensohn,

wollt' ich trösten all mein arm Geschlecht;

doch im Mitleid glimmt die Rache schon,

auch der Reichste hat auf Liebe Recht!

Judas, Judas, kommst du mich zu richten?

ist Entsagung, ist Gewalt mein Loos?

Muß denn diese Welt sich erst vernichten,

um das Reich des Friedens aufzurichten?

Freiheit, lebst du im Gewissen blos?!


Und verzagt aufs Antlitz hingezwungen,

spürt er heftiger die Anfechtungen,

seine zarte Stirne trieft von Schweiß.

Und er fühlt wie Blut die großen Tropfen

von den Schläfen in die Gräser tropfen,[116]

seine brennenden Pulse klopfen

an die Erde hart und laut und heiß.


Geist des Lebens: Klarheit, Klarheit!

wird denn Sieg um Opfer nur gewährt?

Sieh, es kommt der Jünger Meiner Wahrheit:

hier der Todesbecher, hier das Schwert!

Selig, meiner Inbrunst mich zu töten,

eine Lebensleuchte wollt' ich stehn,

aber jetzt in Todesnöten

sieh mich zittern, sieh mich beten:

laß den Kelch an mir vorübergehn!


Allzu willig war mein Fleisch dem Geist!

weh: entbrächen meines Glaubens Gluten.

Sollen Tausend um mich Einen bluten?

Wer nach Meinem Wandel lebt, verwaist.

Nein, ich fühl es: nicht wie Ich will, Vater,

dunkler Geist, der alle Seelen speist,

allen Fleisches Schöpfer und Berater,

Du des Lebens, Du des Todes Vater,

Deiner Hand befehl ich meinen Geist!
[117]

Und er horcht, und sieht die Nacht erglühen,

starrer stehn die Bäume, Fackeln sprühen

auf, und dumpfe Menschenlaute nahn.

Und verzückt den Seherblick gehoben,

steht und hört er seine Häscher toben,

und ein Lächeln schluchzt nach Oben:

Judas, komm! ich schreite nur voran –


Quelle:
Richard Dehmel: Weib und Welt, Berlin 1896, S. 113-118.
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