Dreizehnter Auftritt.

[180] Vorige. Herr von Kiel.


HERR VON KIEL. Noch nicht Toilette gemacht? Mein Gott, was bringt Sie denn heut so ganz aus der Norm? Ich wollte Ihnen so eben einen Spaziergang proponiren.

ELISE. Und müßte ich dazu geputzt seyn?

HERR VON KIEL. Gewiß nicht, auch ungeschmückt führe ich Sie triumphirend durch Ihres Oheims Blumengarten und alle Blüthen werden beschämt die Köpfe senken.

ERNESTINE zu Elise. Haben Sie mir noch etwas aufzutragen?

ELISE. Ich wüßte nicht.

HERR VON KIEL zu Ernestine, die abgehen will. Mamsell Ernestine ist nicht von der Partie?

ERNESTINE. Verzeihen Sie, ich bin noch beschäftigt. Ab.

HERR VON KIEL. Mamsell Ernestine wird es wohl vorziehen, mit dem Herrn Landrath spazieren zu gehn.

ELISE. Wie das?

HERR VON KIEL. Haben Sie denn nicht bemerkt, welch[180] ein besondres tendre sie für ihn hat? Und er, vor dem Frühstück sah ich, wie er ihr ein Briefchen zusteckte.

ELISE. Von ihrem Bräutigam, ich weiß.

HERR VON KIEL. Ach Bräutigam, man kennt das.

ELISE. Sie hörten ja, er verheirathet sie an seinen Verwalter.

HERR VON KIEL leichtfertig. Nun so will er das droit du seigneur vielleicht bei ihr geltend machen.

ELISE unbefangen. Was ist denn das für ein Recht?

HERR VON KIEL. Hm, Sie kennen es nicht? Für sich. Die liebe Unschuld!

ELISE. Man sagt uns ja so wenig von Rechten, weil wir den Männern gegenüber immer rechtlos seyn sollen.

HERR VON KIEL. Sie haben wohl noch keine französische Oper gesehn?

ELISE. Niemals.

HERR VON KIEL. Ach, damit wird Ihnen überhaupt eine neue Welt der Erkenntniß aufgehn. Das ist die wahre Schule des eleganten Geschmackes. Außerdem was hätte die Residenz, die große Welt nicht für Reize Ihnen zu bieten, da Sie Geist, Witz und alle Gaben besitzen, um in ihr zu glänzen. Wahrhaftig, es ist ein Frevel, daß solche Eigenschaften sich auf dem Lande vergraben. – Wollten Sie sich doch nur entschließen, den Thron im Reiche der Anmuth des Geistes und der Eleganz einmal[181] einzunehmen, zu dem die Natur Sie berufen; wollten Sie es nur einmal versuchen.

ELISE. Nun denn, um auf ihre Thorheiten einzugehen. Sie nimmt den nächsten Stuhl und setzt sich in die Mitte der Bühne. Hier ist mein Thron, ich sitze, bereit, die Huldigungen der schönen Welt anzunehmen.

HERR VON KIEL. Und hier liegt sie zu Ihren Füßen. Er kniet.

ELISE. O stehen Sie auf, ist Ihre schöne Welt nicht schöner, so danke ich ab. Lassen Sie doch Ihr Reich der Anmuth und der Eleganz einmal reden, was sagt es, ist es der Langeweile werth, es zu beherrschen?

HERR VON KIEL. Was begehren Sie? In Ihrer Gegenwart, zu Ihnen sollte es reden? Es drängt sich stumm um Ihren Thron und lauscht auf Ihre Worte, man buhlt um einen freundlichen Blick, um eine gütige Miene von Ihnen.

ELISE. Ich soll also allein reden? Das wird eine sehr anstrengende Regierung werden, auch eine ganz außerordentliche, denn heut zu Tage will ein jeder mitreden.

HERR VON KIEL. Zu Ihren Füßen werden alle Radicale sich zu Absolutisten bekehren. – Hier fragt man um Ihr Urtheil über die neuste Oper, den beliebtesten Roman.

ELISE. Ich habe ihn nicht gelesen.

HERR VON KIEL. Was thut's! Sie sprechen das Urtheil, man fordert Ihnen keine Gründe ab.[182]

ELISE. Ah, nun fange ich an, meine Legitimität zu empfinden.

HERR VON KIEL. Hier mustern die Damen emsig Ihre Toilette, was Sie heut tragen, gilt morgen als neueste Mode. – Sehn Sie, nun lichtet sich das Gedränge um Sie her, der Prinz tritt hinter Ihren Stuhl Er thut es. und flüstert seine Huldigungen in Ihr Ohr.

ELISE. Zeige ich nun die Regentin oder die Unterthanin?

HERR VON KIEL. Durch eine angenehme Mischung von beiden würden Sie Ihrem Reiche den vornehmsten Unterthan gewinnen. Und nun sehen Sie hier Er springt auf die andre Seite des Stuhles. die Schaar von Gardelieutenants und Legationssekretairen, die sich um einen Tanz für den nächsten Carneval, um eine einzige Extratour im Cotillon bemühen. Bemerken Sie die alte Garde von fernschmachtenden Geheimeräthen, Gelehrten und verdienten Militairs. Jung und Alt richtet die Blicke auf Sie, man glaubt an Sie, man schwört bei Ihnen, Sie werden angebetet, wahrlich vor Ihrem Throne fehlt nichts als ein Betschemel – wir müssen ihn holen. Er läuft nach der Fußbank.

ELISE. O pfui, Ihre Possen werden frevelhaft!

HERR VON KIEL stellt die Fußbank neben ihren Stuhl. So lassen Sie ihn für einen Courschemel gelten, auf dem ich im Namen der ganzen männlichen Bevölkerung Ihnen[183] nach Rittersitte courtesire, wenn Sie dies süße Vorrecht mir vergönnen. Er setzt sich zu ihren Füßen.

ELISE. Sie lassen sich das Courmachen wenigstens sauer werden.

HERR VON KIEL. Möchte es Ihnen nur dadurch süß erscheinen, möchten Sie mir es vergönnen, alle Huldigungen der Welt, im Brennpunkte meines Herzens gesammelt, Ihnen darbringen zu dürfen. Die Regenten können nun einmal nicht die ganze Welt beglücken, wenn meine Königin sich begnügen wollte, das Glück der ganzen Welt auf ihren ergebensten Ritter auszuschütten und diese zarte weiße Segenshand zum süßesten Bande ihm zu reichen. Er hat ihre Hand schmeichelnd genommen.

ELISE. Regenten lassen sich nicht gern die Hände binden, Sie steht auf. ich ziehe mich in's Privatleben zurück. Sie entschlüpft ihm nach dem Canapee.

HERR VON KIEL nimmt ihren Stuhl, springt ihr nach und setzt sich ihr gegenüber. Um da ungehindert zu gewähren, was die Majestät verbietet, nicht wahr, liebenswürdige Elise?

ELISE. Nicht doch, ich steige ja vom Throne, um freier zu seyn, nicht gebundener.


Quelle:
Eduard Devrient: Dramatische und dramaturgische Schriften, Leipzig 1846, S. 180-184.
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