Dritter Auftritt.

[155] Elise durch die Seitenthür. Der Kommerzienrath mit vielen Zeitungen. Der Bediente bringt Kaffee und entfernt sich wieder. Ernestine nimmt hinter dem Tische Platz und schenkt ein. Landrath. Hr. v. Kiel.


ELISE. Guten Morgen, meine Herren!

KOMMERZIENRATH. Guten Morgen! guten Morgen! Begrüßungen.

HERR VON KIEL. Wie haben Sie geschlafen, mein Fräulein, nach diesen Tanzstrapazen?

ELISE. O vortrefflich, obschon mir noch im Schlafe der Kopf rundum ging.

KOMMERZIENRATH zum Landrath. Liebster Vetter, nur einen Blick hab' ich in die Parlaments-Debatten gethan, steht alles wieder anders, alles anders.[155]

HERR VON KIEL. Ja ja, dem dicken Oberamtmann schien auch der Kopf rundum zu gehen; vom Tanze nun wohl nicht. –

ELISE lachend. Seine Frau war in großer Noth, wie sie ihn nach Haus schaffen werde.

KOMMERZIENRATH zum Landrath. Sage Ihnen, nicht acht Tage hält sich das Ministerium noch, nicht acht Tage, denken Sie an mich.

ELISE. Wollen wir uns nicht setzen? –


Elise und der Kommerzienrath setzen sich auf das Sopha, der Landrath auf einen Stuhl Elisen gegenüber. Hr. v. Kiel nimmt eine Tasse und steht damit an Elisens Seite an das Sopha gelehnt, man frühstückt.


ELISE. Und wie gefiel Ihnen denn der Flor unserer Landdamen?

HERR VON KIEL. Ganz artig, wahrhaftig, über meine Erwartung; bis auf einige Toiletten aus längst vergessenen Modejournalen. Ich wäre ganz à mon aise gewesen, hätten Sie nicht unter diesen Wiesenblümchen gestrahlt. Ihre Tournüre, Ihre Toilette freilich rücken Einem immer den höchsten Maaßstab vor.

ELISE. O so muß ich bedauern, daß meine Vortrefflichkeit Ihr Vergnügen gestört hat.

HERR VON KIEL. Im Gegentheil, sie hat ihm den pikantesten Reiz verliehen, ich fand die Ueberzeugung bestätigt, daß die Königin meines Herzens alle Reiche der Anmuth und Schönheit beherrscht.

ELISE. Ah! das hat Sie auch wohl bei der Aufführung des gestrigen Cotillons so begeistert? – Die[156] Touren machen Ihnen viel Ehre, Herr von Kiel, Sie hatten vortreffliche Einfälle.

HERR VON KIEL. Es waren electrische Blitze, die ich durch die Fingerspitzen meiner rechten Hand von meiner Tänzerin empfing.

ELISE. O Sie sind heut zu galant. Wie schön sind aber diese Sommerbälle! Man tanzt bei offenen Fenstern, geht nach dem Tanze zur Erquickung in die laue Sommernacht hinaus, während aus den hellen Fenstern Musik und Geschwirr herunter schallen. Wie schade, Vetter, daß Sie nicht mit uns gefahren sind, das hätte Ihnen gewiß gefallen.

LANDRATH. Sicherlich. – Indeß – es waren wohl viele fremde Leute dort?

ELISE. Fürchten Sie sich denn vor fremden Gesichtern?

LANDRATH. Ich meine nur, wenn man ohne gemeinsames Interesse sich an einander vorüberdrängt, voll Müh' sich gegenseitig zu unterhalten – dann nichts Gescheidtes hervorbringt, – so ängstigt und quält man sich und trennt sich verdrießlich und gelangweilt.

ELISE. O Vetter, Sie machen eine klägliche Beschreibung von unsern Lustbarkeiten.

HERR VON KIEL. Es gehört zu Allem Talent; auch zu Genuß und Vergnügen.

ELISE. Und was thaten Sie denn den langen Abend über?[157]

LANDRATH. Ich hatte Papiere von meinem Gute erhalten und war mit Rechnen und Verfügen vollauf beschäftigt; dann fielen auch beim Ordnen meiner Papiere Ihre Briefe mir in die Hände. –

ERNESTINE. Darüber haben Sie wohl so lange gesessen? Ich sah noch Licht in Ihrem Zimmer als ich Nachts aufwachte.

LANDRATH verlegen. Ich mochte mich wohl etwas vertieft haben, die ältesten Erinnerungen hatten mich wie mit einem goldnen Netze übersponnen. Ich dachte unsrer frühesten Kinderzeit, als während des Krieges Frau von Kiel und meine Mutter sich mit uns hierher zu der Ihrigen geflüchtet hatten, und wir drei ein ganzes Jahr in heitrer Spielgenossenschaft verlebten, das muß eine schöne Zeit gewesen seyn. – Als vor drei Jahren unser Briefwechsel sich entspann, war mir's doch, als ob die Erinnerung dieser Kindertage mich wie die erste Frühlingsluft anwehte.

ELISE. Unser Briefwechsel hatte einen traurigen Anlaß.

LANDRATH. Der Tod Ihrer vortrefflichen Mutter hatte mich so ergriffen, daß es mir Bedürfniß war, an Sie zu schreiben.

KOMMERZIENRATH. Kinder, Kinder, laßt die Todten ruhn, bringt nicht gleich so triste Gedanken in den hellen Morgen hinein.

ELISE. Warum, lieber Onkel, sollten wir nicht an[158] jedem Tage unsrer geliebten Todten gedenken? Mir wird der Tag darum nicht trüber. Und Erinnerungen sind meine liebsten Genossen, heitre und trübe; ich weiß nicht welche ich lieber habe.

LANDRATH lebhaft, ohne Elise anzusehn. Sie sind ja auch das Einzige, was wir vom Leben davontragen. Die Zukunft gehört uns nur in Träumen an, die Gegenwart verrinnt schon unter unsern Händen zur Vergangenheit, so sind – Er stockt, da er bemerkt, daß Elise ihn aufmerksam ansieht. so ist – so besteht unser wahres Eigenthum – darin –

ELISE endlich ergänzend. In der Erinnerung.

LANDRATH. Ja, in der Erinnerung.


Hr. v. Kiel ist gelangweilt um den Kaffeetisch herum nach der Mitte der Bühne gegangen, hat sich dort neben den Landrath gesetzt und schaukelt mit dem Stuhle. Ernestine geht zu ihm, eine Tasse, Zucker und Milch auf dem Theebrette in der einen, das Kuchenkörbchen in der andern Hand.


ERNESTINE halblaut zu Hrn. v. Kiel. Warum sprechen Sie denn niemals mit, wenn etwas Ernsthaftes geredet wird?

HERR VON KIEL ebenso, indem er sich bedient. Weil es grenzenlos ennüyant ist; wir wollen von Ihren schönen Augen reden, Sie sollen sehn, da geht mir der Faden nicht aus.

ERNESTINE. Ich bitte, nehmen Sie.

LANDRATH im Gespräch fortfahrend. Ich habe gewiß keinen Umstand aus unserer Kinderzeit vergessen.

ELISE. Erinnern Sie sich wohl meines weißen Täubchens, das ich so lieb hatte?[159]

LANDRATH. Wie sollte ich nicht? –

ELISE. Wissen Sie wohl, Herr von Kiel, Sie wollten es einmal von mir haben und da ich es Ihnen nicht anvertrauen mochte, schlugen Sie mich mit einer stachlichten Ruthe blutig.

HERR VON KIEL. O, that ich das?

ERNESTINE. Ja und der Herr Landrath prügelte Sie deshalb so sehr.

HERR VON KIEL. Woher wissen Sie denn das?

ERNESTINE. Mein Fräulein theilt mir bisweilen angenehme Jugenderinnerungen mit.

LANDRATH gutmüthig ihm die Hand reichend. Das find so Jugendstückchen.

HERR VON KIEL. Bitte, bitte! Aber erinnern Sie sich auch, Fräulein Elise, wie das Täubchen Ihnen einmal von der Hand flog und der Herr Landrath, als Sie es wieder haben wollten, danach lief, aber dabei in die Pfütze fiel, daß er als Mohr wieder aufstand? Man hatte lange an ihm zu waschen. Elise lacht.

LANDRATH verlegen. Ja, ich hatte von jeher Unglück.

HERR VON KIEL. Das sind so Jugendstückchen.

ERNESTINE heimlich zu ihm. Wissen Sie immer nur Schlimmes von Ihrem Nächsten zu sagen?

HERR VON KIEL ebenso. Er ist nicht mein Nächster, Sie sind es und von Ihnen weiß ich auch so viel Liebes zu sagen! – Er hält sie am Arm, sie windet sich los, laut. Mamsell[160] Ernestine! Sie steht still. ich habe noch keinen Kuchen. – Sie reicht ihm das Körbchen von Weitem, setzt sich dann wieder hinter den Tisch, stellt das Körbchen in des Landraths Nähe.

KOMMERZIENRATH lesend. Die sagen sich da wieder schöne Sachen.

HERR VON KIEL. Wer – wir?

KOMMERZIENRATH. Die Deputirten in der Kammer – wie auf dem Fischmarkt schimpfen sie sich – und lachen sich aus – es ist prächtig! –

LANDRATH. Wie oft haben die Erinnerungen an diese heitren Scenen mich nachher in der finstern Klosterschule beschäftigt, sie schienen mir einem Fabellande anzugehören. Und später bei meinem grämlichen Oheim – Die Tasse in der Hand, greift er in den Kuchenkorb.

ELISE. Sie haben ein trübes Leben hinter sich.

LANDRATH. Vielleicht auch vor mir.

ELISE nimmt lächelnd den Korb. Lieber Vetter, der Korb ist leer. Ernestine!

LANDRATH. Ja so, ich bemerkte es nicht.

ELISE zu Ernestine, welche zu ihr gekommen ist. Es fehlt an Kuchen.

ERNESTINE halblaut. Ja freilich, Herr von Kiel hat zuvor den Hund damit gefüttert.

ELISE ebenso. Immer hast Du etwas auf ihn zu sagen.


Ernestine zur Seite ab.


Quelle:
Eduard Devrient: Dramatische und dramaturgische Schriften, Leipzig 1846, S. 155-161.
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