Vierzehnter Auftritt.

[241] Elise auf dem Kanapee. Der Landrath wird zur Thür herein gestoßen. Martin und der Bauer von außen.


MARTIN. Da hinein, Spitzbube, wir holen Dich bald zur Execution ab. Sie schlagen die Thür zu.

ELISE. Was ist denn das?

LANDRATH hat sich das Tuch abgerissen. So hört doch nur, ihr unsinnigen Menschen! Hört doch!

ELISE. Die Stimme ist mir bekannt.

LANDRATH. Ich sprenge die Thür!

MARTIN. Oho! versuch's einmal.

ELISE. Mein Gott! das ist Vetter Adolph!

LANDRATH am Fenster. Wahrhaftig, sie haben die Thür verrammelt. Ich springe zum Fenster hinaus. Er öffnet es.

MARTIN schlägt von außen den Fensterladen zu. Wart' ein Bischen!

LANDRATH. Verwünscht! Er will zum andern Fenster.

BAUER schließt den andern Laden, man hört von außen die Läden verrammeln.

LANDRATH. So bin ich wirklich eingesperrt.

ELISE. Nun ist's stockfinster. Was bedeutet denn das?

MARTIN. So ist alles fest, Peter, nun komm in's Schloß.

LANDRATH gegen die Thür. So laßt euch doch bedeuten! Martin! Hört doch nur! – Sie sind wirklich fort![242]

ELISE. Was ist das nur für ein wunderlicher Vorgang? Ob ich mich zu erkennen gebe?

LANDRATH. Ich breche die Thür ein. – Doch nein, soll ich auch noch die Spuren solcher Raserei hier zurücklassen? Ich kann ja wohl, um das Maaß des heutigen Tages voll zu machen, ein halb Stündchen hier Gefangener seyn.

ELISE. Welch ein Zusammentreffen her im finstern Gartenhause. Was thu ich? Am besten, ich halte mich still, er wird mich in der Dunkelheit nicht bemerken. Der Bediente muß ja bald kommen, mich abzuholen.

LANDRATH. Mein Unstern grenzt heut an's Fabelhafte; so bin ich denn noch zu guter Letzt, wie ein ungezogener Bube, in eine finstere Stube gesperrt! – Das gäbe wieder etwas zu lachen für Elise. – Nun lauge kann der Mißverstand doch nicht dauern und meine Pferde sind ja gesattelt. – So will ich mich wenigstens setzen. – Wo steht nur das Kanapee? Ich kann mich gar nicht zurecht finden, so geblendet bin ich noch.

ELISE. Er kommt hierher. Wenn er mich findet, was soll er denken, daß ich mich nicht sogleich gemeldet habe? –

LANDRATH. Aha, hier ist es! Er setzt sich in die hintere leere Ecke.

ELISE drückt sich in der vorderen zusammen. Welche lächerlich peinliche Lage!

LANDRATH. Jetzt fange ich auch schon an, die Gegenstände[243] hier zu unterscheiden. Ein heller Blitz leuchtet durch die Spalten der Fenster und Thüre, der Donner folgt unmittelbar.

ELISE thut unwillkührlich einen unterdrückten Schrei.

LANDRATH. Was war das?

ELISE. O weh, da habe ich mich verrathen.

LANDRATH. Ich höre es deutlich – Laut. Ist noch jemand hier? Er tastet mit der Hand, fährt zurück als er Elisens Kleid berührt, steht auf. Ein Frauenzimmer!

ELISE kleinlaut. Ja, ich bin es, lieber Vetter!

LANDRATH. Cousine, mein Gott, wie kommen Sie hierher?

ELISE. Ja das frage ich Sie. Ich hatte mich vor dem Regen hierher geflüchtet, als Sie hereinkamen und Thür und Fenster geschlossen wurden; wie hängt denn das zusammen?

LANDRATH. Ja wer das enträthseln könnte! der Gärtner und ein vierschrötiger Bauer haben mich im Garten als einen Blumendieb ergriffen und all meiner Protestationen ungeachtet hier eingesperrt.

ELISE lachend. Also im Ernst eingesperrt? o – das ist lustig! Sehn Sie, Vetter, das ist die gerechte Strafe, weil Sie mir heut' an's Leben wollten.

LANDRATH. Kann denn alles Leid, das mir widerfährt, nichts als Ihre Spott- und Lachlust erregen?

ELISE. Sie werden doch Ihre Gefangenschaft nicht ernsthaft nehmen wollen? – Freilich ist Ihnen heut viel Unrecht geschehn und das thut mir wahrhaftig leid.[244] Auch mein dummes Lachen verdrießt mich, aber sagen Sie selbst, war Ihr Fall heut, dann der Feldzug mit der Heugabel – Sie sucht das Lachen zu verbeißen.

LANDRATH. O lachen Sie dreist heraus, legen Sie sich keinen Zwang auf, lachen Sie sich recht satt, vielleicht vermögen Sie es dann über sich, mich einmal ernsthaft anzuhören. Es ist wohl das letztemal, daß ich zu Ihnen rede.

ELISE. Was sagen Sie?

LANDRATH. Ich war im Begriff, ohne Abschied abzureisen, als man mich anhielt, und daß uns der Zufall hier noch einmal zusammen führt, nehme ich für eine heilige Aufforderung: ein letztes, ernstes Wort zu Ihnen zu sprechen.

ELISE. Sie wollten wirklich fort? Vetter, sind Sie gescheidt!

LANDRATH. Wahrscheinlich nicht. Ich habe schon alles Vertrauen zu mir verloren, daß ich jemals noch etwas Gescheidtes und Geziemendes zu Stande bringe. Kann seyn, daß diese Flucht vor der Lächerlichkeit, die ich doch mit mir trage, wieder sehr lächerlich ist, aber das kann ich nicht in Erwägung ziehen, aus tiefster Seele schreit es in mir, daß ich fort solle, meine Lächerlichkeit in alle Welt tragen, oder vielmehr in den unbekanntesten Winkel, nur hier, nur hier sie nicht mehr zur Schau stellen, wo meine Seele dadurch auf's allertiefste zerrissen wird.[245]

ELISE. Aber bester Vetter, Sie übertreiben.

LANDRATH. Ja sehn Sie wohl, da übertreibe ich nun wieder, aber nun kann ich nicht mehr helfen, ich habe nun einmal das Gebiß auf den Zähnen, nun mag alles über mich ergehn.

ELISE. Seyn Sie doch nicht so ungestüm und nicht so hart gegen mich, mein kindisches Lachen verdient freilich Zurechtweisung. –

LANDRATH. Ob glauben Sie nicht, daß ich es verdamme, es steht Ihnen so reizend, ich habe es immer bezaubernd gefunden, auch wenn es mich gedemüthigt hat, aber – lassen Sie sich nicht zu weit von Ihrer Spottsucht hinreißen, dämpfen Sie diesen liebenswürdigen Uebermuth, der sich leicht an dem Heiligsten Ihrer schönen Seele vergreifen könnte.

ELISE. Fürchten Sie das, Vetter?

LANDRATH. Lassen Sie sich durch meine Aufrichtigkeit nicht beleidigen, erlauben Sie mir noch einmal den ernsten Freundeston unsers Briefwechsels anzuschlagen. Er setzt sich wieder zu ihr.

ELISE. O thun Sie es, warum haben Sie ihn jemals aufgegeben, warum hat sich unser persönliches Verhältniß so ganz anders gestellt, als es in unsern Briefen war?

LANDRATH. Weil – in dieser Stunde kann ich es ohne Scheu sagen – weil ich Ihre Augen nicht ertragen kann. Hier in der Dämmerung habe ich Muth zu reden,[246] aber wenn ich ihn behalten soll, so sehn Sie mich auch hier nicht an, noch in diesem Halbdunkel verwirrt mich der Glanz Ihres Blickes.

ELISE. O Vetter, geh'n Sie, hab' ich Katzenaugen?

LANDRATH. Spotten Sie nur, jetzt sollen Sie mich nicht mehr stören Alles vom Herzen herunter zu reden. Mich faßt eine unnennbare Angst um Ihre schöne, reine Seele. Ihr reicher Geist, Ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit sind Ihre schlimmsten Feinde; denn sie verlocken zu Eitelkeit, zu Selbstsucht, zum Abfall von der reinen Begeisterung für die Tugend.

ELISE. Ob glauben Sie mir –

LANDRATH. Nein, bitte, sehn Sie mich nicht an; ich habe Ihnen noch mehr zu sagen und bedarf meiner Fassung. Fliehen Sie das Leben in der großen Welt; bei Ihren glänzenden Eigenschaften muß es für Sie ein klippenvolles Meer, ein Quell endloser Versuchungen seyn. Bewegen Sie Ihren künftigen Gemahl auf dem Lande zu bleiben, Sie müssen ja in allem Guten eine unwiderstehliche Gewalt über ihn ausüben können. –

ELISE. Aber Sie nehmen da so bestimmt an –

LANDRATH. Ich bitte Sie um Gotteswillen, sehn Sie mich nicht an, ich bin gleich zu Ende. Ich habe keine Rechte auf Sie, ich maße mir keine an, aber den heilig menschlichen Antheil an dem unaussprechlichen Reiz Ihres süßen Wesens, den gönnen Sie mir ungetrübt. Lassen[247] Sie mich den Glauben mit mir nehmen, daß ein reiches, hochbegabtes Wesen die Welt überwinden kann, auch ohne klösterliche Beschränkung, in der rechten Freudigkeit des Herzens, im dankbaren Vollgenusse seiner Vorzüge. – Wenn ich dann von Zeit zu Zeit Kunde von Ihrem Leben erhalte, so lassen Sie mich meine Ueberzeugung stets neu bestätigt finden, Ihr Bild wird dann, bis an das Ende meines trüben Lebens hin, meine Seele mit seinem ewigen Blüthenzauber erquicken. – Wollen Sie Ihrem Freunde das versprechen? Sie schweigen – habe ich wieder etwas Ungeschicktes gesagt? –

ELISE lehnt mit dem Kopf auf der Sophalehne, schluchzt in ihr Schnupftuch.

LANDRATH. Elise! Mein Gott, Sie weinen, habe ich Sie gekränkt, erzürnt?

ELISE reicht ihm die Hand. Nein, mein Freund, nein, nein, Ihre Strenge ist gerecht. – Ich weiß, wie sehr ich eines festen Lenkers bedarf, ich fühle wie schwach und fehlbar ich bin; aber nun wollen Sie mich verlassen, Sie, um den es mir allein der Mühe werth schien, gut und edel zu werden?

LANDRATH. Elise!

ELISE. Sie zeigen mir in der Scheidestunde ein Herz voll der wahrsten und schönsten Liebe, nur um es mir zu entziehen und mich einsam zu lassen; – müssen denn die edlen Männer immer so stolz und hart seyn? Adolph, warum wollen Sie mich verlassen?[248]

LANDRATH losbrechend. Elise, weil ich ein Mensch bin, weil ich Sie nicht lieben kann, ohne Sie zu begehren, weil ich rasend werde, wenn ich Sie in eines Andern Arme sehen muß.

ELISE. Sie werden es nie. Ich liebe ja nur den Einen, der mich verkennt, der mich verlassen will.

LANDRATH. Elise, darf ich Sie verstehen? Darf ich diese Hand behalten für's Leben?

ELISE. Die Hand, das Herz und meine ganze Seele, auch über das Leben hinaus! Sie fällt an seine Brust.

LANDRATH. Du himmelsüßes Wesen, ist es denn wahr? Pause.

ELISE. Darf ich Sie nun ansehn, Adolph?

LANDRATH. Ja ja, meine süße Braut, und wenn ich nun vergehen müßte an diesen Blicken, nun stürb' ich gern.

ELISE. O nein, das sollen Sie nicht, nun da Sie mir Ihre ganze Liebenswürdigkeit gezeigt, die Sie mir so lange, so hartnäckig verhehlt. Stimmen von außen.

LANDRATH. Still! man kommt, hören Sie wohl?

ELISE. Man wird uns aus unsrer Gefangenschaft erlösen.

LANDRATH. Die meinige ist nun für das Leben entschieden.

ELISE. Das wird verwunderte Gesichter geben. – Sie lacht. Wir wollen uns nicht sogleich zeigen. Sie tritt hinter das Kanapee, der Landrath hinter den Kaminschirm.


Quelle:
Eduard Devrient: Dramatische und dramaturgische Schriften, Leipzig 1846, S. 241-249.
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