Funfzehnter Auftritt.

[249] Vorige. Hr. v. Kiel. Kommerzienrath. Ernestine. Martin anfangs von außen.


HERR VON KIEL. Nur fort mit der Stange, aufgemacht!

MARTIN. Nun ja doch, ja doch!

KOMMERZIENRATH. Die Thür ist ja völlig barrikadirt!

HERR VON KIEL. Wir kommen schon, Elise, verbannen Sie alle Furcht! Die Thür geht auf, Hr. v. Kiel, Elisens Mantel über dem Arm, ihre Schuhe in der Hand, in der andern den Regenschirm, stürmt herein. Wo sind Sie, Elise, hat man Sie beleidigt?

KOMMERZIENRATH tritt ein. Elise, wo bist Du?

ELISE. Hier!

MARTIN tritt mit der Laterne ein. Spitzbube, wo bist Du?

LANDRATH. Hier!

KOMMERZIENRATH UND HERR VON KIEL. Wo! Wo! Sie laufen gegen einander.

HERR VON KIEL. Halt da!

KOMMERZIENRATH. Wer da?!

HERR VON KIEL. Ach Sie sind es?

KOMMERZIENRATH. Bring' er doch die Laterne her![250]

ERNESTINE ist eingetreten. Wir wollen mehr Lichter anzünden. Sie thut es.

KOMMERZIENRATH. Ah, da bist Du ja, Elise! mein Gott, wie hab' ich mich geängstigt. Der Tölpel, der Martin, macht alles verkehrt. Sperrt einen gemeinen Spitzbuben zu Dir ein, es ist unerhört. Wo ist der Kerl denn nun? hat er Dich etwa attaquirt?

ELISE. Ja, das hat er freilich!

HERR VON KIEL. Ich schlage ihn zu Brei!

MARTIN. Ja, wir wollen ihn tüchtig kalaschen.

KOMMERZIENRATH. Halt er sein Maul!

MARTIN. Ja, Herr Kommerzienrath!

ELISE. O nein, böse werden Sie ihm deshalb nicht seyn, kann ich's doch selbst nicht.

KOMMERZIENRATH. I, Mädchen, was redest Du denn?

ELISE. Ja lieber Oheim, in dieser halben Stunde hat er Ihnen mehr gestohlen als in den ganzen vierzehn Tagen.

KOMMERZIENRATH. Was?

HERR VON KIEL. Wie?

ELISE. Kommen Sie nur hervor, lieber Herr Spitzbube! Der Landrath tritt hinter dem Kaminschirm hervor.

HERR VON KIEL. Der Landrath!

KOMMERZIENRATH. Vetter Adolph?

MARTIN. I, potz Sapperment![251]

LANDRATH. Ja, lieber Oheim, Ihre schönste, liebste Blume entführe ich Ihnen, Elise hat sich mir verlobt.

KOMMERZIENRATH. Ist's wahr, mein Herzenskind?

ERNESTINE. O mein himmlisches Fräulein! Sie liegen sich in den Armen.

HERR VON KIEL für sich. Mir gerade vor dem Munde weg? – Da schlag ein Donnerwetter drein! – Na chère maman wird auch eine kindische Freude haben.

ELISE verstohlen lachend zum Landrath, indem sie auf Kiel deutet. Jetzt sieht er doch auch einmal recht albern aus.

LANDRATH. O Liebe, keinen Spott!

HERR VON KIEL. Ich glaube, ich nehme mich sehr lächerlich aus, als abgedankter Liebhaber mit dem Gepäck hier. Warum halte ich denn das Zeug noch? Er wirft alles ärgerlich auf das Kanapee.

KOMMERZIENRATH. Na, nun seh' er einmal, Martin, den Landrath hat er hier eingesperrt.

HERR VON KIEL knufft ihm im Vorbeigehn. Ja, er Schafskopf!

MARTIN. Na na, sachte! bei Nacht sind alle Katzen grau.

ERNESTINE. Wir haben noch eine kleine Abrechnung, Herr von Kiel.

ELISE. Herr von Kiel wird Dir Abbitte leisten.

ERNESTINE. O das erlasse ich ihm, ich gebe ihm sogar ein Dokument zurück, das in meiner Hand ihm sehr[252] gefährlich werden könnte. Giebt ihm den Brief der Wirthstochter. Verlieren Sie so wichtige Papiere nicht wieder.

HERR VON KIEL. Was ist das? – Ich wüßte nicht –

MARTIN. I, das ist ja Karlinens Bettelbrief.

HERR VON KIEL. Halt er's Maul!

MARTIN. Ja.

KOMMERZIENRATH. Na, was ist es denn?

ERNESTINE. Lassen Sie, Herr Kommerzienrath; alles ist in Ordnung, auch ihr Blumendieb ist gehörig bestraft, er thut's gewiß nicht wieder.

HERR VON KIEL für sich. Du Katze!

KOMMERZIENRATH. Wie so denn aber? –

LANDRATH. O wenn ich diesem Blumendiebe doch danken könnte, er allein hat mir ja mein Glück verschafft.

HERR VON KIEL für sich. Es ist zum Rasendwerden!

ERNESTINE. Er erfährt es, Herr Landrath, dafür bürge ich, und wird Ihren Dank mit tief gerührtem Herzen annehmen.

HERR VON KIEL für sich. Die Wetterhexe!

LANDRATH. Ihre Geschicklichkeit, Herr von Kiel, hätte eigentlich den Preis verdient; über mich mußte sich ein günstiger Zufall erbarmen. Seyn Sie mir nicht böse. –

HERR VON KIEL. O keineswegs, ich bitte! –

LANDRATH. Aber das sind so die Wechselwirkungen des Lebens.

HERR VON KIEL. Freilich, freilich! Für sich. Die rechten[253] Wechselwirkungen werde ich in vier Wochen zur Verfallzeit erfahren.

KOMMERZIENRATH. Seyn Sie nicht verdrießlich, Herr von Kiel, wer's Glück hat, führt die Braut nach Haus. Das ist nicht anders, aber Ihr Tag wird auch kommen, es heißt: »heute mir und morgen dir.«

ELISE. O trösten Sie nicht mit Sprüchwörtern, Onkel, ich kenne eines, das sich heut sehr falsch erwiesen, es heißt: »Das Glück hilft nur dem Wagenden.«

LANDRATH. Denn diesmal half es dem Verzagenden!


Der Vorhang fällt.


Quelle:
Eduard Devrient: Dramatische und dramaturgische Schriften, Leipzig 1846, S. 249-254.
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