Fünfter Auftritt.

[43] Gertrud rechts vorn. Anna hinter dem Tisch mit dem Zauberbuch, Heiling zu ihrer Linken.


HEILING heftig.

Unselige! Unselige! Was hast du gethan?

Welch toller Vorwitz trieb dich an?

Hinweg! Vermessene!


[43] Er stößt Annas Hand von sich und schlägt das Buch zu.

Anna sinkt in Gertruds Arme.


GERTRUD.

Was ist dir,

O mein Kind?

ANNA.

Wehe mir!

HEILING eilt sich besinnend zu Anna.

Verzeihe mir!

GERTRUD.

Ach, mein Kind!

HEILING.

Erhole dich, laß deine Angst mich stillen.


Er will sie liebkosend in den Arm nehmen.


ANNA eilt, sich losreißend, an ihm vorüber nach links.

Nein, um aller Heil'gen willen,

Um aller Heil'gen willen,

Vernichtet das Buch, vernichtet das Buch,

Schafft mir Ruh!

HEILING.

Anna, was verlangest du!

ANNA.

Fort das Buch, hört auf mein Flehn,

Wollt Ihr mich je heiter sehn!

HEILING.

Anna, was verlangest du?

ANNA.

Hört auf mein Flehn,

Wollt Ihr mich wieder heiter sehn!

Hat mein Bitten keine Kraft,

Ist Eure Liebe schon dahin?

Aus Erbarmen willigt ein,

Ich vergeh' vor Pein!

HEILING vor sich hin.

Meine hohe Wissenschaft,

Meinen Stolz und meine Kraft

Gäb' ich dahin?

Soll ich die Geister ganz befrein,

Fürder machtlos sein?

ANNA in Herzensangst seinen Arm umklammernd.

Fort das Buch, hört auf mein Flehn,

Wollt Ihr mich je heiter sehn!

Hat mein Bitten keine Kraft?

Ist Eure Liebe schon dahin?

Aus Erbarmen, willigt ein,[44]

Ich vergeh' vor Pein!


Sie schmiegt sich an Heilings Brust.


HEILING sieht tief bewegt auf Anna.

Alles, alles muß ich dir gewähren!


Er faßt das Buch mit beiden Händen.


Mag die Flamme dich verzehren!


Er schleudert das Buch auf den Herd links.

Eine lohe Flamme schlägt auf und verschlingt das Buch.

Blitz und dumpfer Donner.


HEILING tritt zu Anna.

Machtlos, machtlos, arm steh' ich nun hier,

All' mein Glück, all' mein Glück liegt nun in dir!

GERTRUD.

Den Heil'gen Dank!

HEILING zu Anna.

Sei nicht mehr bang!

ANNA.

O tausend, tausend Dank!

GERTRUD.

Den Heil'gen Dank!

HEILING.

Sei nicht mehr bang!

Sei nicht mehr bang!

O mein ganzes Leben

Muß ich dir ja geben,

Nichts ist mir für dich zu teuer.

GERTRUD.

Den Heil'gen Dank!

Er hat nachgegeben,

Kann nicht widerstreben,

Das ist ein gefäll'ger Freier.

ANNA.

O tausend Dank!

Ihr habt neues Leben

Mir zurückgegeben!

O tausend Dank!

Nun atm' ich wieder freier!

O tausend, tausend Dank!

HEILING. Nichts! – Nichts!

GERTRUD spricht. Nun, das ist recht, Meister Heiling, daß Ihr Annchens Bitten nachgegeben.

HEILING bedenklich. War es recht von mir? Ich habe viel, viel hingegeben![45]

ANNA. Ich weiß ja, Heiling, daß Ihr mich lieb habt.

HEILING sie an seine Brust ziehend. Weißt du es! O so vergiß es nie! Du kannst ja reich vergelten.

ANNA bemerkt in seiner Umarmung die Kette, welche er um den Hals trägt. Was habt Ihr denn da, Heiling?

HEILING. Fast hätt' ich es vergessen. Es ist eine Kette, die du zum Angedenken dieser Stunde tragen sollst. Er hängt sie ihr um.

GERTRUD. Ach, wie prächtig! Annchen, Annchen! Du siehst ja wie ein Edelfräulein aus!

ANNA. Wie Ihr doch immer bedacht seid, mir Freude zu machen! Gewiß, ich erkenne das recht tief im Herzen und es thut mir weh, daß Ihr mich wohl gar für undankbar haltet, weil ich Euch meine Dankbarkeit nicht zeigen kann. Ich weiß nicht, warum ich es nicht kann, aber undankbar bin ich wahrhaftig nicht.

HEILING. Du bist es nicht, doch nenn' es auch nicht so. Wenn du mich liebst, was gilt dann unter uns Dank und Erkenntlichkeit?

Nr. 3. Arie.


HEILING.

An jenem Tag, da du mir Treue versprochen,

Als ich in Wonn' und Schmerz zu deinen Füßen rang,

Da, ja da, da ist in meiner Brust der Morgen angebrochen,

Gestillt, gestillt zum erstenmal war meiner Seele Drang.

Aus trüber freudenloser Nacht

Bin ich zum hellen Leben da erwacht,

Du, ja du hast überschwenglich selig mich gemacht.


Innig, doch mit heimlicher Drohung.


O laß die Treue niemals wanken,

Halt fest die Liebe in deinem Herzen,

In dir nur lebe ich.


Heftiger.


Ich liebe dich so ohne Schranken,

Ich liebe dich mit tausend Schmerzen,

Mit Höllenqualen lieb' ich dich!


Argwöhnisch und immer heftiger.


Könntest du je von mir lassen,[46]

Könnte je dein Herz erkalten,

Weh uns beiden dann! Weh! –

Schon bei dem Gedanken fassen

Mich die finsteren Gewalten,

Treiben zu gräßlicher Rache mich an. –

Ich liebe dich

Mit blutendem Herzen!

Ich liebe dich

Mit endlosen Schmerzen!

Ich liebe dich

Mit blutendem Herzen,

Mit endlosen Schmerzen,

Mit Argwohn und Bangen,

Mit rasendem Verlangen!

Ich liebe dich

Mit Argwohn und Bangen,

Mit rasendem Verlangen!

Ich liebe dich

Mit blutendem Herzen,

Mit endlosen Schmerzen,

Mit Argwohn und Bangen,

Mit rasendem, mit rasendem Verlangen!

So lieb ich dich!

So, ja, so lieb ich dich!


Er stürzt zu Annas Füßen nieder, das Gesicht in ihren Schoß bergend.


ANNA richtet ihn auf und fängt noch unter der Musik im neunten Takt zu sprechen an. Seid doch nur nicht so wild, Ihr richtet Euch noch zu Grunde. Steht doch auf! Sie hebt ihn auf. Bin ich nicht Eure Braut, und in drei Tagen Eure Hausfrau? Dann aber müßt Ihr auch froh und heiter werden und Euer stetes Studieren und Grübeln lassen.

GERTRUD. Annchen hat wohl recht. Ihr müßt die Menschen nicht scheuen und eine Lustbarkeit gern mitmachen.


Die Musik endet.


GERTRUD. Seht, heut gerade feiern sie im Dorfe das Fest unsres lieben heiligen Florian.[47]

ANNA. Ja, laßt uns zusammen hingehn, gewiß, es wird Euch gefallen.

HEILING. Wohl weniger mir als dir.

GERTRUD. Nun, soll denn Anna an solchem Tage nicht einen Tanz mitmachen?

HEILING heftig. Tanzen? Wie, tanzen wollte sie, und weiß, wie es durchs Herz mir schneidet, wenn ich am Arme eines andern sie erblicke? Ich gab es einmal zu, nie mehr! Der wüsten Burschen Keckheit macht mich wild.

ANNA. Nicht doch, Heiling, ich will ja nicht tanzen, wenn es Euch so zuwider ist. Laßt uns nur hingehn, und unter heitern Menschen heiter sein.

HEILING. Kannst du das nicht bei mir allein?

ANNA. O ja, das wohl. Ihr werdet mich aber doch nicht wie eine Klosterfrau halten wollen? Halblaut, schmollend. Wozu schenkt Ihr mir denn so schöne Sachen, wenn sie kein Mensch sehen soll?

HEILING. So zieht der eitle Hochmut dich dahin?

ANNA. Wie Ihr nun das gleich nehmt!

GERTRUD. Ei, Meister, gönnt dem jungen Blut ein Vergnügen und geht mit hinüber.

ANNA schmeichelnd. Ach, thut es, Heiling, ich bitte Euch gar zu sehr. Thut mir's zuliebe.

HEILING nach kleiner Pause. Und tanzen willst du nicht?

ANNA sieht nieder, kleinlaut. Wenn Ihr's nicht wollt –

HEILING schnell. Gewiß nicht?

ANNA ihn offen ansehend. Gewiß nicht!

Nr. 4. Terzett.


HEILING.

Wohlan! Wohlan! So laß uns gehen!

ANNA geht freudig tanzend in den Hintergrund, kommt wieder vor und tritt zwischen beide.

O herrlich, o prächtig! das ist schön!

GERTRUD.

Seht, Meister Heiling, das ist schön!

ANNA.

O herrlich, das ist schön!

GERTRUD.

Das ist schön!

ANNA.

Daß wir nun doch –

GERTRUD.

Daß Ihr sie laßt –[48]

GERTRUD UND ANNA.

Zum Feste gehn!

ANNA.

O herrlich, prächtig, das ist schön,

Daß wir nun doch zum Feste gehn! –


Mit der Kette spielend, springt sie bald zu Heiling, bald zu Gertrud.


Nun macht das Geschmeide

Mir erst rechte Freude, mir erst rechte Freude!

Denn heimlich und allein

Kann mich nichts erfreun.

Nein, nein, nein, heimlich und allein

Kann mich nichts erfreun!

Die Mädchen und Frauen,

Wie werden sie schauen!

Manche wird freundlicher grüßen,

Manche auch wird es verdrießen,

Haha! hahahaha!

Welchen Spaß, welchen Spaß giebt es da!


Sie geht freudig tanzend wieder nach dem Hintergrund, kommt vor und nimmt die linke Ecke.


GERTRUD zu Heiling.

Seht nur das närrisch junge Blut,

Wie es so kindisch thut!

ANNA.

Ach, Heiling, ach, Heiling, wie bin ich Euch so gut,

Wie bin ich Euch so gut,

Daß Ihr mir den Gefallen thut!

GERTRUD.

Seht nur das närrisch junge Blut,

O seht, seht nur, wie es so kindisch thut!

O seht das närrisch junge Blut,

O seht wie es so kindisch thut!

HEILING im Anschauen Annas.

Auch der thörichte Übermut,

Wie steht er Euch so gut!

GERTRUD zu Heiling.

So laßt uns fort!

ANNA ebenso.

So laßt uns fort!

HEILING.

Mit Widerstreben

Hab ich der Bitte nachgegeben!

ANNA.

So laßt uns gehn!

HEILING.

Doch gilt es dir ein Liebeszeichen,[49]

So muß mein Widerwille weichen!

ANNA kindlich bittend.

O laßt, o laßt das Wort Euch nicht gereun!

GERTRUD.

O laßt das Wort Euch nicht gereun,

Gewiß, das Fest wird Euch erfreun!

ANNA.

Gewiß, gewiß, das Fest wird Euch erfreun!

HEILING.

Wirst du mir stets zur Seite sein,

So soll es nimmer mich gereun!

GERTRUD.

O laßt das Wort Euch nicht gereun,

Gewiß, das Fest wird Euch erfreun!

ANNA.

O laßt, o laßt das Wort Euch nicht gereun!

GERTRUD.

O laßt das Wort Euch nicht gereun,

Gewiß, gewiß, das Fest wird Euch erfreun!

ANNA.

Gewiß, gewiß, gewiß,

Das Fest wird Euch erfreun!

HEILING.

Wirst du mir stets zur Seite sein,

So soll es nimmer mich gereun!

ANNA.

O laßt das Wort Euch nicht gereun,

Gewiß, das Fest wird Euch erfreun,

Gewiß, das Fest –

Gewiß, das Fest, das Fest wird Euch erfreun!

O laßt das Wort Euch nicht gereun,

Das Fest wird Euch erfreun!

GERTRUD.

O laßt das Wort Euch nicht gereun,

Das Fest wird Euch erfreun!

HEILING.

Wirst du mir stets zur Seite sein,

So soll es nimmer mich gereun!

Alle drei gehen ab nach rechts.

[50] Verwandlung.

Freie Gebirgsgegend.

Es ist heller Tag.

Nr. 5. Bauernchor.

Der Vorhang hebt sich im achtundzwanzigsten Takt.
[51]


Quelle:
Heinrich Marschner: Hans Heiling. Leipzig [1895], S. 43-52.
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