Fünfter Auftritt.

[72] Anna auf dem Stuhl, Konrad und Gertrud zu ihrer Linken. Dann Hans Heiling.

Der Wind wird immer schwächer und hört bis zum Beginn des Finale ganz auf.


GERTRUD erschreckt. All ihr Heiligen, was ist denn geschehn?

KONRAD. Erschreckt nicht, Mutter Gertrud, es ist ihr kein Leid geschehn.

GERTRUD tritt an Konrad vorüber zu Anna. So sprich doch, Kind, was ist dir widerfahren? Wie kalt du bist, komm her zum Feuer, wärme dich, der Wind geht gar zu kalt. Sie eilt nach dem Kamin links vorn und schürt das Feuer. Nun, sage doch, was ist dir denn begegnet?

ANNA. Fragt mich nicht, erinnert mich nicht dran, ich komme noch von Sinnen!

KONRAD halblaut zu Gertrud. Gönnt ihr Ruhe, Mutter Gertrud, und höret freundlich auf mein Wort. Um Euretwillen komme ich heut schon wieder heraus. Ich wollte Euch noch einmal recht ins Gewissen reden, daß Ihr doch Euer wunderholdes Kind dem Heiling nicht geben möchtet, denn ich habe es gestern beim Feste wohl abgemerkt, daß Anna ihn nicht liebt und auch nimmermehr mit ihm glücklich sein kann.

GERTRUD empfindlich. Wie meint Ihr das, Herr Leibschütz?

KONRAD. O hört mich gütig an! Mir hat es heute Anna selbst gesagt, daß sie eher sterben, als sein Weib werden will.

GERTRUD. Wie, Anna, übermorgen soll deine Hochzeit sein und nun –

ANNA heftig, springt auf und nimmt die Mitte. Nein! nein! um Gottes willen, sprecht nicht mehr von ihm.

Nr. 13. Finale.


KONRAD zu Gertrud.

Ihr hört es! Schon sein Nam' ist ihr ein Abscheu

Und Ihr wollt sie zu solchem Bündnis zwingen?


Zärtlich zu Anna.


O sagt mir, Anna, wird in Eurem Herzen

Für keinen andern eine Stimme laut?[72]

Und könntet Ihr, und könntet Ihr ein Herz,

Ein Herz voll unbegrenzter Treu und Zärtlichkeit

Verwerfen?

ANNA.

Konrad, ach, schonet mein!

Ich bin ein armes unglücksel'ges Mädchen!


Sie wankt an Konrad vorüber nach dem Stuhl am Tisch rechts und sinkt dort zusammen.


KONRAD tritt ihr näher.

Gönne mir ein Wort der Liebe,

Ein einzig Wort der Liebe,

Und ewig, ewig bin ich dein,

Ja, ewig, ewig bin ich dein!

Dann soll dir kein Tag mehr trübe,

Keiner, keiner leidvoll sein;

Dann soll dir kein Tag mehr trübe,

Keiner, ja, keiner leidvoll sein!

Sorgsam will ich alle Freuden

Dir auf deinen Pfad vereinen

Und in Leiden

Für dich kämpfen, mit dir weinen!

Nur die Lieb in deinen Blicken

Sei mein Leben, mein Entzücken!

Nur die Freud, die Freud in deinen Blicken

Sei mein Leben, mein Entzücken!


Zu Gertrud.


Lasset Gewährung mich hoffen!


Zu Anna.


Willst du die meine sein?

Anna! Willst du die meine sein?

Willst du die meine sein?


Anna und Gertrud schweigen.


KONRAD dringender.

Lasset Gewährung mich hoffen!

Willst du die meine sein?

Dann ist der Himmel mir offen,

Wonne der Seligen mein!

GERTRUD.

Ei, Kunz, wo denkt Ihr hin!

Was kommt Euch in den Sinn?

Wollt' ich auf Eure Worte hören,

Was würde Meister Heiling sagen?[73]

KONRAD.

O wollt Eurer Kinder Glück gewähren,

Ihr sollt es nimmermehr beklagen!

ANNA aufstehend, schüchtern.

Darf ich wohl freud'ge Hoffnung nähren?

Ich muß an allem Glück verzagen.

KONRAD zu Gertrud.

Wollt Eurer Kinder Glück gewähren!

ANNA.

Ich muß an allem Glück verzagen!

GERTRUD.

Was würde Meister Heiling sagen?

ANNA.

Darf ich wohl freud'ge Hoffnung nähren?

Ich muß an allem Glück verzagen!

KONRAD.

Wollt Eurer Kinder Glück gewähren,

Ihr sollt es nimmermehr bereuen!

GERTRUD.

Wollt ich auf Eure Worte hören,

Was würde Meister Heiling sagen! Was?

Ei, Kunz, wo denkt Ihr hin!

Was kommt Euch in den Sinn?


Heiling wird, das Schmuckkästchen aus dem Vorspiel in der Hand, von linksher am Fenster hinten, durch welches er beobachtend blickt, sichtbar.


GERTRUD.

Wollt ich auf Eure Worte hören,

Was würde Meister Heiling sagen?


Heiling tritt unbemerkt Mitte rechts ein und bleibt aufhorchend im Hintergrunde stehen.


GERTRUD.

Ei, Kunz, was fällt Euch ein!

Was würde Meister Heiling sagen?


Heiling tritt einen Schritt vor.

Lange Pause.


Quelle:
Heinrich Marschner: Hans Heiling. Leipzig [1895], S. 72-74.
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