Erster Auftritt.

[31] Die Königin der Erdgeister. Hans Heiling. Gnomen. Erdweibchen. Zwerge.

Heiling ist von bleicher Gesichtsfarbe, dunklem Haar und Bart; er ist schwermütig und verschlossen, von glühend ungestümer Zärtlichkeit, gemessen im Reden und Benehmen, die Äußerung des Zorns bemeisternd, bis die Wut ihn übermannt. Er geht ganz schwarz gekleidet, der Rock reicht bis zum Knie, ein reicher langer Mantel umwallt ihn, eine blitzende Krone schmückt sein Haupt, er hält gedankenvoll ein goldenes Stäbchen in der Hand. Er sitzt auf dem erhöhten Felsenthron.

Königin in schwarzem Gewande sitzt ihm zur Rechten.

Zwerge, Gnomen und Erdweibchen klettern an den zackigen Wänden umher, putzen die Erzadern, tragen geschäftig Stufen und Juwelen herbei, welche sie knieend der Königin und Heiling vorzeigen.

Gnomen wälzen Felsblöcke, tragen Lasten, reinigen kleine Erzstücke, wälzen Erzquadern heraus, holen kleine Wagen, auf welche sie die Erzstufen laden, um sie nach rechts und links vorn abzufahren.

Zwerge sind mit Hämmern am Gestein beschäftigt, trippeln meistenteils und halten bei jedem Erscheinen und beim Abgang den sogenannten Gänsemarsch ein.

Lebhaftes bewegtes Bild.
[31]

CHOR DER ERDGEISTER.

Rastlos geschafft,

Mit stetiger Kraft!

Die Wasser der Tiefen,

Gewältigt mit Macht,

Treulich bewacht!

Die Schätze, die schliefen

In ewiger Nacht,

Herauf in den Schacht!

Ohne Ruh,

Immer zu,

Hin und wieder,

Auf und nieder,

Wirken wir munter

Reicher und bunter,

Wonach die Menschen ringen und werben,

Zum Nutzen und Schaden, zum Heil und Verderben! –

HEILING steht auf, legt die Krone und das goldene Stäbchen auf dem Thron nieder und kommt herab.

Genug, beendet euer emsig Treiben! –


Chor der Erdgeister hört auf zu arbeiten.


HEILING.

Es treibt mich fort, ich kann nicht länger bleiben,

Hinauf zur liebeblühnden Erde wieder!

KÖNIGIN folgt ihm.

So willst du heut' auf immer von uns scheiden?

Dein goldnes Reich, die Mutter willst du meiden,

Entsagen der Gemeinschaft deiner Brüder?


Chor der Erdgeister tritt näher, sich allmählich von allen Seiten her sammelnd.


HEILING.

Ich muß es ja! Denn will ich eure Krone tragen,

Muß ich der Erdenlieb' entsagen,

Der Lieb' entsagen!

Und das, das kann ich nicht! (Innig.)

Seitdem ich Anna gefunden,

Seit unsre Seelen verbunden,

Acht' ich Kron' und Scepter nicht![32]

CHOR DER ERDGEISTER.

Zu der Menschen falschem Geschlecht

Willst du dich schlagen,

Nimmer unsre Krone tragen?

König, ist das recht?


Sie knieen zu beiden Seiten vor Heiling nieder und halten beide Arme hoch.


Ist das recht? Ist das recht?

KÖNIGIN.

O bleibe hier! O bleibe hier! O bleibe hier!

CHOR DER ERDGEISTER demütig bittend.

O bleibe hier,

Die Geister dienen


Die Hände auf der Brust.


Auf Wink und Mienen

Willig dir!

HEILING.

Fort! Ersparet dies Beteuern!


Chor der Erdgeister zuckt zusammen.


HEILING.

Los will ich mich von euch zählen,

Nicht mehr mich von Anna stehlen,

Euren Sabbath hier zu feiern.

CHOR DER ERDGEISTER erhebt sich schnell und tritt zurück; unter sich.

Oho! – Hohohohohoho wie stutzig!

Oho, wie stutzig!

Seht, wie stolz und trutzig!

Wie stolz und trutzig, wie stutzig!

Wie stolz und trutzig!


Sie gehen näher zu ihm.


Willst dich überheben,

Auf der Erde leben?

Gemach, die Reu' kommt nach!

Oho, hoho!

Wie stutzig, seht, wie trutzig!

Oho! Hohohoho!

Willst dich überheben,

Auf der Erde leben, wie?


Drohend.


Nur gemach, nur gemach!

Die Reue folget nach![33]

Gemach, gemach!

Die Reue folget nach!

Nur gemach, nur gemach,

Die Reu' folgt nach! –


Sie wenden sich zurück, wo sie Gruppen bilden, teils kauernd, teils stehend.

Königin und Heiling sind allein im Vordergrund.


KÖNIGIN.

So hat der Mutter Wahn sich dir vererbt,

Der mich noch heut mit bittrer Reue quält.

Du weißt es, daß dir das Leben

Die Liebe eines Menschen hat gegeben,

Daß du darum, ein unglückselig Doppelwesen,

Zu ew'gem Zwiespalt bist erlesen –

HEILING einfallend.

Ich weiß es, weiß es; drum laß mich fort,

Damit ich auf der blühnden Erde,

In Annas Armen ganz zum Menschen werde.

KÖNIGIN tritt ihm näher.

Das wirst du nimmermehr!

Fremd wirst du den Menschen bleiben

Und ihr enges Treiben

Scheint dir widrig bald und leer. –

Bald wird dich die Reue finden

Und du sehnest dich zurück.


Heimlich und hastig.


Darum bewahre die magische Kraft,

Die Geister zu binden,

Bewahre das Pfand deiner Wissenschaft –

HEILING unwillig einfallend.

Was soll mir jenes Buch?

Was soll sein Zauberspruch,

Der mir noch keinen Segen trug? –


Mit tiefem Gefühl.


In Annas Busen wohnt ein selig Leben,

Der Liebe Zauberweben,

Dem, dem hab ich mich allein ergeben!

KÖNIGIN bedeutend.

Und bist du sicher, daß die Oberwelt

Mit ihren Zaubern Treue hält?[34]

HEILING finster.

Still, Mutter, still! Laß meine Zweifel schlafen,

Ich muß vertrauen, wenn ich leben soll. –

Gieb mir den Brautschmuck, denn es drängt die Zeit.

KÖNIGIN.

Der Mutter letzte Gabe ist bereit.


Sie winkt nach rechts.

Vier Zwerge bringen ihr von dort ein schön verziertes Kästchen und gehen wieder ab nach rechts.

Chor der Erdgeister tritt langsam wieder näher.


KÖNIGIN öffnet das Kästchen.

Schimmernde Demanten,

Wie glühend hell ihr scheint!

Ihr seid der Mutter Abschiedszähren,

Die sie dem ungetreuen Kinde weint.

So nimm denn meine heißen Thränen

Zum Brautschmuck, meine Feindin zu verschönen.

Mit meinem Jammer schmückest du dein Glück,

Und ganz verlassen bleibe ich zurück.


Chor der Erdgeister wird lebhafter.


HEILING ist vor der Königin niedergesunken; ihre Hand heftig an Lippen und Augen drückend, nimmt er den Schmuck.

Laß ab, laß ab! Mißgönnst du mir mein Glück?

Warum erschwerst du mir den letzten Augenblick.


Er erhebt sich, will fort.


CHOR DER ERDGEISTER umgiebt ihn in geschlossener Gruppe; trotzig.

Du sollst nicht entweichen,

Gedenk deiner Pflicht!

Du bist unsresgleichen,

Wir lassen dich nicht!

KÖNIGIN.

O laß dich erweichen,

Verlasse uns nicht!

CHOR DER ERDGEISTER.

Du sollst nicht entweichen,

Gedenk deiner Pflicht;

Du bist unsresgleichen,

Wir lassen dich nicht!

HEILING.

Wagt ihr zu drohn?[35]

CHOR DER ERDGEISTER Heiling mit drohender Bewegung enger umkreisend.

Wir lassen dich nicht! Wir lassen dich nicht!

HEILING.

Ihr haltet mich nicht!

CHOR DER ERDGEISTER wie oben.

Wir lassen dich nicht!

Wir lassen dich nicht! Wir lassen dich nicht!


Sie erheben die Hände drohend gegen ihn.


HEILING drängt zurück, eilt hinauf, nimmt das goldene Stäbchen vom Throne, winkt gebietend damit.

Gebt Raum! Euer König befiehlt!

CHOR DER ERDGEISTER zu beiden Seiten zurückweichend, vernichtet niederstürzend.

Weh uns, wehe! Wehe uns!


Königin geht mit einigen Schritten nach links vorn.


HEILING legt das Stäbchen wieder auf den Thron, tritt zu ihrer Rechten vor und beugt sich knieend über ihre Hand.

Leb wohl, du arme kinderlose Mutter!


Er steht auf, im Abgehen zu den Erdgeistern gewandt.


Fahrt wohl! Fahrt wohl –


Er tritt zurück.


Ihr trüben freudenlosen Brüder!

KÖNIGIN ihm die Arme nachstreckend.

Mein Sohn!

HEILING.

Leb wohl!

KÖNIGIN.

Mein Sohn, mein Sohn! Kehrst du mir niemals wieder, nie?

HEILING wendet sich um. Pause. Er tritt ihr wieder ganz nahe.

Wenn mein Kranz verblüht –

Wenn das Herz mir bricht –

Dann, Mutter, dann vielleicht.

O wünsch es nicht! O wünsch es nicht!

Das, Mutter, wünsche nicht!


Er eilt hinweg, man sieht ihn den seitlichen Felsweg hinaufsteigen; er reißt oben den Mantel von der Schulter, wirft ihn hinab und verschwindet durch den Ausgang.

Königin geht ihm bis zum Throne nach.
[36]


Quelle:
Heinrich Marschner: Hans Heiling. Leipzig [1895], S. 31-37.
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