Einundfünfzigstes Kapitel

[380] Mehr als ein Geheimnis wird aufgedeckt und ein Heiratsantrag wird gemacht, bei dem von Mitgift nicht die Rede ist.


Zwei Tage später fuhren Mrs. Maylie und Rose, Oliver und der alte Doktor, sowie Mr. Brownlow und Mrs. Bedwin und noch jemand nach Olivers Geburtsstadt.

»Sehen Sie dort, dort,« rief Oliver und erfaßte eifrig Roses Hand und wies aus dem Wagenfenster, »dort ist der Fußweg, über den ich gekommen bin. Und dort sind die Hecken, hinter denen ich mich versteckt habe aus Furcht, man könne mich erwischen, und drüben liegt das alte Haus, in dem ich als kleines Kind gewesen bin. O, Gott, der arme Dick! Wenn ich ihn jetzt nur sehen könnte.«

»Das wirst du bald,« tröstete ihn Rose und nahm freundlich seine Hand in die ihre. »Und wirst ihm erzählen, wie glücklich du bist und wie reich mit einem Mal, und daß du an nichts andres gedacht hast seitdem, als wie du bald wieder zurückkehren und ihn glücklich machen könntest.«

»Ja, ja,« jubelte Oliver, »und wir wollen ihn fort aus dem Haus dort nehmen und ihn kleiden und unterrichten lassen und ihn irgendwo in einen friedlichen Ort aufs Land bringen, wo er wieder gesund werden kann, nicht wahr?«

Als sie sich der Stadt näherten und endlich durch die engen Gassen fuhren, war Oliver kaum mehr zurückzuhalten. Überall sah er Erinnerungen: dort den Laden Mr. Sowerberrys, dann des Schornsteinfeger Camfields Karren, genau wie damals an der Türe der alten Schenke, und dort drüben das Arbeitshaus, – das Gefängnis seiner Jugendzeit mit seinen finstern unheimlichen Fenstern. Alles war fast genau so, als hätte er es erst gestern verlassen. Sie fuhren vor dem besten Gasthof des Ortes vor, den Oliver als Kind stets mit ehrfürchtiger Scheu betrachtet hatte, der ihm aber jetzt[380] vorkam, als habe er merklich an Pracht und Größe eingebüßt. Mr. Grimwig stand dort, derselbe Herr, der ihm einst nicht geglaubt und der jetzt der jungen Dame einen Kuß gab und der alten Dame auch, ganz so, als wäre er der Großvater der ganzen Gesellschaft, und über und über strahlend vor Glückseligkeit; und mit keinem Wort erwähnte er mehr, er wolle seinen Kopf aufessen, falls.., und so weiter.

Als sich die Aufregung der ersten halben Stunde gelegt hatte, stellte sich wieder dasselbe Schweigen und dieselbe Beklommenheit ein, die schon früher zuweilen während der ganzen Fahrt geherrscht hatten. Mr. Brownlow hatte sich in ein Zimmer zurückgezogen, und auch die beiden andern Herren eilten mit besorgten Gesichtern ein und aus und nahmen nicht an der Unterhaltung teil. Einmal wurde auch Mrs. Maylie hinausgerufen und kam eine Stunde darauf mit verweinten Augen wieder zurück. Alles das bewirkte, daß Rose und Oliver, die von keinem neuen Geheimnis wußten und ahnten, in eine unbehagliche ängstliche Stimmung gerieten. Still und verstimmt saßen sie da, wechselten nur hie und da ein paar Worte und auch dann nur im Flüsterton.

Endlich, um neun Uhr, traten Mr. Losberne und Mr. Grimwig ins Zimmer, gefolgt von Mr. Brownlow und einem Mann, bei dessen Anblick Oliver vor Staunen und Schreck beinahe aufgeschrien hätte. Gar, als sie ihm sagten, es sei sein Bruder. Er erinnerte sich genau an ihn, war es doch derselbe Mann, den er vor langer Zeit auf dem Marktflecken getroffen hatte und der mit Fagin ins Fenster seines Stübchens hereingespäht hatte. Monks warf einen haßerfüllten Blick auf den erstaunten Oliver und nahm dann einen Sessel dicht bei der Türe. Mit Schreibpapier in der Hand trat Mr. Brownlow ein und wendete sich an Rose und Oliver.

»Wir haben eine peinliche Aufgabe zu erfüllen,« begann er, »aber die in London unterzeichneten Akten müssen hier nochmals vorgelesen werden. Ich hätte euch gern alles das erspart, aber das Gesetz verlangt es so.«[381]

Und Mr. Brownlow begann: »Dieses Kind hier« – dabei zog er Oliver zu sich und legte ihm die Hand auf den Kopf, sich dabei an Monks wendend – »dieses Kind ist Ihr Halbbruder, der illegitime Sohn Ihres Vaters, meines lieben alten Freundes, Edwin Leeford. Seine Mutter war die arme junge Agnes Fleming, die bei seiner Geburt starb.«

»Ja,« sagte Monks, den zitternden Oliver, dem das Herz vor Erregung bis zum Halse schlug, finster musternd, »ja, das ist der Bankert.«

»Der Ausdruck, dessen Sie sich bedienen,« verwies Mr. Brownlow streng, »enthält einen Vorwurf gegen eine Verstorbene, die über den Richterspruch der Welt längst hinaus ist. Er besudelt niemanden außer Sie selbst. Lassen wir das jetzt. – Oliver wurde hier in dieser Stadt geboren.«

»Im Armen- und Arbeitshaus der Stadt,« stieß Monks wütend hervor. Er wies dabei auf die Papiere.

»Berichten Sie also selbst,« sagte Mr. Brownlow herrisch.

»Gut, hören Sie,« nahm Monks das Wort. »Als sein Vater in Rom krank wurde, reiste seine Frau – meine Mutter – zu ihm. Sie waren lange voneinander getrennt gewesen. Sie kam nach Rom aus Paris und nahm mich mit, wahrscheinlich, um das Geld an sich zu nehmen, denn Zuneigung empfand sie zu ihm nicht. Er erkannte uns nicht mehr, denn er war besinnungslos geworden, und starb am nächsten Tage. Unter seinen Papieren auf dem Schreibtisch befanden sich zwei, die das gleiche Datum desselben Abends trugen und die an Mr. Brownlow gerichtet waren. Einer der Briefe war an Agnes Fleming adressiert, der andre enthielt ein Testament.«

»Was wissen Sie von dem Brief?« fragte Mr. Brownlow.

»Von dem Brief? Er war eine Bekenntnis. Mein Vater hatte dem Mädchen weißgemacht, irgendetwas – was weiß ich nicht mehr – hätte ihn gehindert, sie zur Frau zu nehmen. Sie hatte es ihm geglaubt, bis sie schließlich zu weit gegangen war und etwas verloren hatte, was ihr niemand wiedergeben konnte. Es waren[382] nur noch wenige Monate bis zu ihrer Entbindung. Er flehte sie an, falls er sterben sollte, möge sie seinem Andenken nicht fluchen, wenn auch alle Schuld auf ihm allein laste. Er bat sie weiter, einen Ring und ein Medaillon zu behalten und am Herzen zu tragen, wie früher, und dann schrieb er kreuz und quer durcheinander mit wirren Worten etwas Unverständliches, so daß es den Eindruck machte, als sei er wahnsinnig geworden. Was übrigens, glaube ich, auch der Fall war.«

»Und von dem Testament wissen Sie –?« fragte Mr. Brownlow weiter, während Oliver die Tränen über die Wangen liefen.

Monks schwieg.

»Das Testament,« fuhr Mr. Brownlow an Stelle Monks' fort, »hinterließ Ihnen und Ihrer Mutter ein Jahreseinkommen von je achthundert Pfund. Sein Hauptvermögen teilte Leeford in zwei gleiche Teile: die eine Hälfte für Agnes Fleming, die andre für ihr Kind, wenn es am Leben bleiben und heranwachsen sollte. Sollte das Kind ein Mädchen sein, würde das Geld bedingungslos diesem gehören. Wäre es indessen ein Knabe, so sollte es dieser bloß bekommen, wenn er während seiner Minderjährigkeit keine ehrlose niedrige Handlung oder gar ein Verbrechen begangen haben würde. Sollte der Knabe diese Erwartung täuschen, dann hätte das Geld vollends an Sie zu fallen.«

»Meine Mutter,« unterbrach Monks scharf, »hat getan, was eine Gattin tun mußte: sie hat das Testament verbrannt. Der Brief hat seinen Bestimmungsort nie erreicht. Sie hat ihn aber aufgehoben nebst anderen Beweisen, um, falls es nötig sein sollte, auf die Schande der Agnes Fleming hinzuweisen. Der Vater der Agnes Fleming vernahm von meiner Mutter selbst den Sachverhalt, – und ich danke ihr heute noch dafür. Beladen mit Schmach und Schande verkroch sich der Vater in irgendeinen abgelegenen Winkel von Wales und wurde dort eines Tages tot in seinem Bett gefunden. Ein paar Wochen früher hatte seine Tochter die Heimat verlassen. Er spürte ihr überall in England nach, und eines Tages, als ihm die Hoffnung schwand, sie lebend je wieder zu sehen, brach dem alten Mann das Herz.«[383]

»Jahrelang nach diesem Ereignis,« nahm Mr. Brownlow nach einer Weile tiefen Schweigens das Wort, »stahl dieser Mann hier seiner Mutter, was sie an Juwelen und flüssigem Gelde besaß. Er floh nach London und verkehrte dort mit dem ärgsten Auswurf der Menschheit. Seine Mutter litt an einer unheilbaren, schmerzhaften Krankheit und wollte ihn vor ihrem Tod noch einmal sehen. Wir stellten Nachforschungen an und erreichten endlich den Zweck. Der Sohn reiste mit der Mutter zurück nach Frankreich.«

»Dort starb sie,« sagte Monks, »und vererbte mir auf ihrem Totenbett diese Geheimnisse. Sie tat es in glühendem Haß und vererbte mir auch ihren Haß. Sie wollte und konnte nicht glauben, daß Agnes Fleming sich und ihrem Kinde das Leben genommen habe, sondern nahm als bestimmt an, ein Knabe sei geboren und lebe. Ich schwor ihr, wenn er mir jemals in den Weg treten sollte, ihn zu Tode zu hetzen, ihm weder Ruhe noch Rast zu gönnen und den ganzen Haß meines Herzens auf ihn auszugießen. Er kam mir endlich in den Weg, und es wäre mir auch gelungen, den Burschen so weit zu bringen, daß er Aussicht auf den Galgen gehabt hätte, aber allerhand sentimentales Weibsvolk ist mir dazwischen gekommen.«

Und knirschend vor Wut schlug sich Monks mit der Faust vor die Stirn und verwünschte sich selbst.

Mr. Brownlow wandte sich zu der schreckensbleichen Gruppe, die ihn umgab, und erklärte ihnen, daß der Jude Fagin, der Monks' alter Helfershelfer gewesen sei, eine große Belohnung von ihm in Aussicht gestellt bekommen habe, falls es ihm gelungen wäre, Oliver zu verderben.

»Und was haben Sie über das Medaillon und den Ring zu sagen?« wendete er sich wieder an Monks.

»Ich habe beides dem Ehepaar abgekauft, von dem ich Ihnen erzählte,« erwiderte Monks mürrisch. »Sie wissen ja, was daraus geworden ist.«

Mr. Brownlow winkte Mr. Grimwig, der daraufhin eilig entfernte und bald darauf mit Mrs. Bumble wieder erschien, die ihren Gatten hinter sich her zog.[384]

»Was sehe ich! Das ist ja der liebe kleine Oliver,« rief Mr. Bumble, Begeisterung heuchelnd, sofort aus. »Ach, mein lieber guter Oliver, wenn du wüßtest, wie ich mich deinetwegen gegrämt habe.«

»Halt den Mund, Schafskopf,« flüsterte ihm Mrs. Bumble zu.

»Ich kann doch meine Gefühle nicht bekämpfen, meine Liebe,« entgegnete der Armenhausvogt. »Ich habe den Knaben doch immer so lieb gehabt, als wenn er mein – eigener Großvater gewesen wäre,« stotterte er in der Verlegenheit heraus.

»Halten Sie den Mund,« rief Mr. Grimwig grob. »Verschonen Sie uns mit Ihren Gefühlen.«

»Ich will mein Möglichstes tun, Sir,« versprach Mr. Bumble und wandte sich zu Mr. Brownlow mit der Frage: »Und wie geht's Ihnen, Sir? Hoffentlich doch wohl?«

Mr. Brownlow beachtete die Frage nicht, deutete auf Monks und fragte: »Kennen Sie diesen Mann, Mrs. Bumble?«

»Nein,« antwortete die Gefragte keck.

»Und kennen Sie ihn, Mr. Bumble?«

»In meinem Lebtag hab' ich ihn nie gesehen.«

»Ihm auch nichts verkauft?«

»Nein,« sagte Mrs. Bumble.

»Hatten Sie nicht einmal ein goldenes Medaillon und einen Ring?«

»Wir? Nein,« antwortete die Gnädige. »Haben Sie uns vielleicht deswegen hergeholt, damit wir auf dummes Zeug antworten sollen?«

Abermals nickte Mr. Brownlow seinem Freunde Grimwig zu, und wieder ging dieser hinaus und wieder kehrte er zurück: diesmal mit zwei alten gichtischen Weibern, die am ganzen Leibe zitterten.

»Sie hat damals die Tür verschlossen, als die alte Sally g'storb'n is,« fing die eine gleich an, »aber die Ritzen hat's nöt verstopfen kinna.«

Die zweite Greisin nickte bestätigend.

»Und Sie haben gesehen,« wendete sich Mr. Brownlow an die Greisinnen, »daß die Sterbende ein Medaillon und einen Ring hier dieser Frau gab?«[385]

Beide bejahten.

»Wollen Sie vielleicht auch noch den Pfandleiher sehen?« fragte Mr. Grimwig spöttisch und wandte sich wieder zur Türe.

»Nein,« lehnte Mrs. Bumble ab. »Wenn der da« – sie zeigte auf Monks – »schon alles ausgeschwätzt hat – also meinetwegen: die beiden Sachen hab' ich verkauft, aber finden werden Sie sie nicht mehr. Wünschen Sie sonst noch etwas?«

»Nein,« versetzte Mr. Brownlow. »Im übrigen werden wir Sorge tragen, daß von Ihnen beiden niemand mehr eine Amtsstelle bekleiden wird.«

»Sie wollen mich doch einer solchen Kleinigkeit wegen nicht unglücklich machen?« jammerte Mr. Bumble.

»Allerdings dürfte das der Fall sein,« sagte Mr. Brownlow. »Seien Sie froh, daß Sie so glimpflich davonkommen.«

»Aber meine Frau hat doch die ganze Schuld,« beteuerte Mr. Bumble, nachdem er sich mehrmals umgesehen, um sich zu überzeugen, daß die Gattin auch nicht mehr im Zimmer sei.

»Mein Fräulein,« wandte sich Mr. Brownlow an Rose, den Kirchspieldiener, der sich unter Kratzfüßen entfernte, nicht weiter beachtend, »geben Sie mir jetzt Ihre Hand und fürchten Sie sich nicht. Wir haben nur noch wenige Worte zu reden.«

»Wenn diese Worte Bezug auf mich haben sollten,« sagte Rose leise und bebend, »bitte, dann sagen Sie mir sie nicht jetzt. Ich glaube, ich habe nicht die Kraft dazu.«

»Sie sind stärker, als Sie glauben,« entgegnete Mr. Brownlow. »Ich weiß es. – Kennen Sie diese junge Dame, Sir?«

Monks bejahte.

»Ich habe Sie doch nie gesehen?« rief Rose erstaunt.

»Ich Sie aber oft,« versetzte Monks.

»Der Vater der unglücklichen Agnes Fleming hatte nämlich zwei Töchter,« fiel Mr. Brownlow ein. »Was war das Schicksal der jüngsten?«

»Der Vater starb,« berichtete Monks. »Er hatte[386] sich in einem abgelegenen Orte von Wales niedergelassen, einen falschen Namen angenommen, war gestorben, ohne das geringste Schriftstück zu hinterlassen, der Schande seiner ersten Tochter wegen und damit niemand von Verwandten oder Freunden von ihm erführe. Seine jüngste Tochter wurde von armen Leuten in Pflege genommen und später wie ihr eigenes Kind erzogen.«

»Erzählen Sie weiter,« forderte Mr. Brownlow Monks auf und gab Mrs. Maylie ein Zeichen näher zu treten.

»Haß spürt nicht selten auf, was der treusten Liebe oft mißglückt, und so kam es, daß meine Mutter den Ort auffand – nach langem Suchen – und nicht nur den Ort, sondern auch das Kind.«

»Und sie nahm das Kind zu sich, nicht wahr?«

»Nein. Die Leute, die das Kind zu sich genommen hatten, waren arm und fingen bereits an, ihren Edelmut zu bereuen. Meine Mutter ließ ihnen das Mädchen, gab ihnen ein wenig Geld und versprach, ihnen mehr zu schicken, was sie aber natürlich nie tat, denn die Armut und Unzufriedenheit der Leute verbürgten, daß das Kind unglücklich werden mußte. Meine Mutter empfand dies als süße Rache. Und um dem Kind das Leben noch bittrer zu machen, erzählte sie den beiden Bauersleuten von einer Schande der Schwester und befahl ihnen, nur ja recht acht auf das Kind zu geben, denn es stamme aus schlechtem Blut. Sie sagte ihnen auch, es sei ein uneheliches Kind und werde dieselben Wege wandeln wie seine Mutter und seine Schwester. Die Leute schenkten ihr Glauben, und das Kind führte demgemäß ein Leben, wie es meine Mutter in ihrer Rachsucht nur wünschen konnte. Da sah eine Witwe, die damals in Chester wohnte, das Kind, fühlte Mitleid mit ihm und nahm es zu sich. – Als ob der Teufel seine Pfoten im Spiel gehabt hätte, – allen unsern Bemühungen zum Trotz, blieb das Kind bei der Witwe und wurde glücklich. Ich habe es später aus den Augen verloren und erst vor wenigen Monaten als Erwachsene wiedergesehn.«

»Und wo ist die Betreffende?«

»Hier. Es ist diese junge Dame hier.«[387]

Rose fiel beinahe in Ohnmacht. Mrs. Maylie umarmte sie und rief aus: »Du bist und bleibst doch meine liebe, liebe Nichte, mein heißgeliebtes Kind. Nicht um alle Schätze der Welt würde ich dich hergeben.«

»Wie soll ich das alles nur ertragen!« schluchzte Rose und hängte sich an Mrs. Maylie. »Du bist mir stets die liebreichste Mutter gewesen.«

Mrs. Maylie küßte sie und deutete auf Oliver. »Sieh lieber hierher, Rose, der arme Junge, er will dich in seine Arme schließen.«

»Meine liebe, liebe Schwester,« jubelte Oliver und schlang seine Arme um Rose Maylie. »Von Anfang an, als ich dich gesehen, hat mir etwas im Herzen gesagt, es müsse ein Grund da sein, weshalb ich dich so innig liebe.«

Ein leises Klopfen an der Türe meldete, daß jemand draußen sei. Oliver öffnete, schlüpfte hinaus und machte Harry Maylie Platz.

»Ich weiß alles,« sagte dieser leise und setzte sich neben das errötende Mädchen. »Liebe Rose, ich weiß alles. Ich bin nicht zufällig hier,« setzte er nach langem Schweigen hinzu. »Ich habe auch nicht erst heute alles erfahren. Errätst du nicht, daß ich komme, dich an ein Versprechen zu erinnern?«

»Still,« sagte Rose. »Weißt du alles?«

»Ja, alles. Und ich komme, dich heute an ein Versprechen zu erinnern, das du mir gegeben hast. Nicht um deinen Entschluß zum Wanken zu bringen, sondern um diesen Entschluß noch einmal aus deinem Munde zu hören. Ich wollte dir alles zu Füßen legen, was ich mir an Stellung erringen könnte, und ich habe mir gelobt, auch nicht durch ein Wort deinen Entschluß zu ändern zu versuchen, wenn du darauf beharren würdest – – – willst du auch heute nichts mehr von mir wissen, Rose?« stieß er plötzlich hervor.

»Harry, Harry,« rief das junge Mädchen und brach in Tränen aus, »könnt ich mir doch alle diese Qual ersparen.«

»Warum machst du dir denn Qualen?« fragte Harry und ergriff ihre Hand. »Erinnere dich doch, was du heute Abend gehört hast, Rose.«[388]

»Und was habe ich gehört?« unterbrach ihn Rose. »Daß mein Vater im Gefühle der Schmach, die seinen Namen getroffen, sich vor der Welt verkroch –, bitte, rede nicht mehr davon, Harry, es ist genug.«

»Nein, noch nicht, noch nicht,« bat der junge Mann und hielt sie zurück, als sie aufstehen wollte. »Alles in mir, meine Hoffnungen, meine Wünsche, meine Aussichten, alles, alles im Leben hat sich bei mir geändert, bloß meine Liebe zu dir nicht. Ich kann dir nicht eine hohe Stellung mehr inmitten einer uns umtosenden Menge bieten und auch keinen Verkehr mehr mit einer Welt voll Bosheit und Niedertracht. Was ich dir bieten kann, Rose –, ist nur ein Heim – ein Herz und eine Heimat.«

»Was soll das heißen?« fragte Rose mit unsicherer Stimme.

»Nicht viel, Rose. Es soll nicht viel mehr bedeuten, als daß ich dich, mein teuerstes Lieb, damals verließ mit dem festen Entschluß, alle Hindernisse zu beseitigen, die zwischen dir und mir nach deiner Ansicht vorhanden sein könnten. Es war meine Absicht, deine Welt zu meiner Welt zu machen, wenn schon die meinige nicht die deinige sein könnte. Ich konnte nicht länger dulden, daß Geburtshochmut die Nase rümpfen durfte über dich. Ich beschloß, mit dieser törichten Einbildung zu brechen. Und das habe ich getan, Rose. Gewiß, die hohen Persönlichkeiten, einflußreichen Verwandten und dergleichen, die einst freundlich lächelten, wenn sie mich sahen, kennen mich jetzt nicht mehr, aber es gibt ja in England lachende Felder und Wiesen genug, und neben einer Dorfkirche, die ich kenne, steht – mein Eigentum, ein kleines Pfarrhaus, das mich stolzer macht, als hätte ich die größte Stellung erklommen. Das ist jetzt mein Rang und meine Stellung, und ich lege sie dir zu Füßen.«

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»Es ist wirklich eine Geduldsprobe, wenn man mit dem Abendessen auf Verliebte warten muß,« sagte Mr. Grimwig und fächelte sich mit dem Taschentuch die Stirn.

Allerdings ließ das Abendessen ungebührlich lange[389] auf sich warten, und weder Mrs. Maylie, noch Harry, noch Rose konnte ein Wort der Entschuldigung vorbringen.

»Ich habe schon ernstlich erwogen, ob ich nicht wirklich heute abend einmal meinen Kopf auf der Stelle aufessen sollte,« sagte Mr. Grimwig. »Hunger wenigstens hätte ich genug. Wenn Sie übrigens erlauben, nehme ich mir die Freiheit, die künftige Braut mit einem Kuß zu begrüßen.«

Und ohne einen Moment Zeit zu verlieren, folgten Doktor Losberne und Mr. Brownlow seinem Beispiel.

Nur Oliver hatte Tränen in den Augen.

»Warum, lieber Oliver, siehst du so traurig aus?« fragte Rose, als sie es bemerkte. »Wie? Tränen in diesem Augenblick?«

Wir alle leben in einer Welt der Täuschungen, und oft schlagen gerade die Hoffnungen fehl, auf die wir am heißesten bauen, und die unsrer Natur die meiste Ehre machen.

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Der arme kleine Dick war tot.

Quelle:
Dickens, Charles: Oliver Twist. München 1914, S. 380-390.
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