Einundvierzigstes Kapitel

[299] Neuerliche Enthüllungen, die den Beweis erbringen, daß Überraschungen wie Unglücksfälle selten allein kommen.


Rose Maylie befand sich in einer schwierigen Lage: einesteils brannte sie darauf, Olivers Geheimnis zu lüften, andrerseits hatte sie Nancy versprochen, es zu wahren. Ihre Tante sowohl wie sie hatten in London, bevor sie einige Wochen an die Küste zu reisen gedachten, nur drei Tage bleiben wollen. Es war jetzt Mitternacht des ersten Tages. Wozu sollte sie sich entschließen, da sie doch in achtundvierzig Stunden London verlassen mußte? Was ließ sich in so kurzer Zeit mit Aussicht auf Erfolg beginnen? Wie konnte sie andrerseits, ohne Argwohn zu verursachen, die Tante bitten, ihre Abreise hinauszuschieben?

Mr. Losberne wohnte bei ihnen und wollte auch die beiden nächsten Tage bleiben. Aber Rose kannte nur zu gut die ungestüme Art des alten Herrn und getraute sich nicht, ihn so ohne weiteres zum Mitwisser ihres Geheimnisses zu machen. Das würde nur dann gehen, sagte sie sich, wenn jemand, der mehr Lebenserfahrung hätte als sie, ein Wort für Nancy einlegen könnte. Sie beschloß daher, vorsichtig zu sein, selbst für den Fall, daß es nötig wäre, Mrs. Maylie mit ins Geheimnis zu ziehen, denn es war vorauszusehen, daß der erste Gedanke der alten Tante sein würde, sich mit dem würdigen Herrn Doktor Losberne über den Fall zu besprechen. Flüchtig kam ihr der Gedanke, Harry zum Beistand zu rufen; aber die Erinnerung an den letzten Abschied bei ihr ließ es ihr unwürdig erscheinen, sich an ihn zu wenden.[299]

Rose verbrachte eine schlaflose unruhige Nacht. Bald faßte sie einen Entschluß, dann verwarf sie ihn wieder; und erst, nachdem sie noch den ganzen folgenden Tag mit sich zu Rate gegangen, wurde es ihr klar, daß nichts andres übrig bliebe, als doch Harrys Rat in Anspruch zu nehmen.

›Wenn es für ihn schmerzlich sein muß,‹ dachte sie, ›zu uns zurückzukommen, wie schmerzlich wird es erst für mich sein. Aber vielleicht kommt er gar nicht, sondern schreibt. Oder er kommt und geht einer Begegnung mit mir aus dem Weg, wie er es ja auch gemacht hat, als er abreiste.‹ Rose ließ die Feder fallen, die sie zur Hand genommen, und der Gedanke schoß ihr durch den Kopf: ›Freilich hatte ich mir damals kaum gedacht, daß er so handeln würde –‹

Sie hatte die Feder wieder zur Hand genommen und ein paarmal angesetzt, da kam Oliver in atemloser Hast und so erregt zu ihr ins Zimmer gestürzt, daß sie sofort von neuem in Angst und Unruhe verfiel.

»Warum kommst du so erregt herein?« fragte sie und sprang auf.

»Ich weiß nicht, was es ist, aber es ist, als müßte ich ersticken,« keuchte Oliver. »O Gott im Himmel, der Gedanke, ihnen endlich alles erzählen zu dürfen, damit sie erfahren, daß ich immer nur die Wahrheit gesprochen habe, dieser Gedanke benimmt mir fast den Atem.«

»Es ist mir niemals in den Sinn gekommen anzunehmen, du seist jemals von der Wahrheit abgewichen,« sagte Rose und beruhigte ihn. »Aber was meinst du eigentlich? Von wem sprichst du denn?«

»Ich habe den Herrn gesehen,« erwiderte Oliver, kaum imstande, deutlich zu reden, »den Herrn, der so gütig zu mir war: Mr. Brownlow, von dem ich Ihnen so oft erzählt hatte.«

»Wo?«

»Er ist aus einem Wagen gestiegen,« erklärte Oliver, und die Freudentränen drängten sich ihm in die Augen, »und ist in ein Haus hineingegangen. Ich habe nicht mit ihm gesprochen – ich konnte nicht, er hat mich nicht gesehen, und ich habe so gezittert, daß ich gar nicht bis zu ihm gekommen wäre. Aber Mr. Giles[300] hat für mich gefragt, ob der Herr in dem Hause wohne, und die Leute haben ihm gesagt, es sei der Fall. Hier sehen Sie,« sagte Oliver und entfaltete einen kleinen Zettel, »hier stehts; hier steht die Adresse – ich muß auf der Stelle hin. O Gott, was werd' ich bloß sagen, wenn ich ihn wiedersehe!«

Sich zur Ruhe zwingend, las Rose die Adresse, die Craven Street Strand lautete, und sofort schoß ihr der Gedanke durch den Kopf, diesen Zufall zu ihrem Vorteil auszunützen.

»Geschwind,« rief sie, »bestelle unten, man solle einen Wagen holen, und halte dich bereit, mitzufahren. Ich werde dich selbst, ohne eine Minute zu verlieren, hinführen. Nur muß ich meiner Tante zuvor sagen, daß wir eine Stunde ausfahren; dann aber heißts eilen.«

In weniger als fünf Minuten befanden sie sich auf der Fahrt unterwegs nach Craven Street. Rose ließ Oliver in der Kutsche zurück, um den alten Herrn auf seinen Besuch vorzubereiten, schickte durch den Diener ihre Karte hinauf und ließ Mr. Brownlow bitten, ihr in einer dringenden Angelegenheit sogleich für ein paar Minuten Gehör zu schenken.

Der Diener kam mit der Meldung zurück, Mr. Brownlow lasse bitten.

Miß Maylie folgte ihm in den ersten Stock und wurde dort von einem ältern wohlwollenden Herrn empfangen, der einen Rock aus flaschengrünem Stoff trug. Unweit von ihm saß ein andrer alter Herr in Nankinghosen und Gamaschen, der weniger wohlwollend aussah und die Hände auf den Griff eines dicken Stockes stützte und darauf das Kinn.

»Oh, oh,« rief der alte Herr im flaschengrünen Anzug und sprang höflich auf, »bitte vielmals um Verzeihung, gnädiges Fräulein, ich habe geglaubt, es sei ein ganz belangloser Besuch, – bitte vielmals um Entschuldigung, bitte, so setzen Sie sich doch, gnädiges Fräulein.«

»Mr. Brownlow, wenn ich recht gehört habe?« fragte Rose und sah von dem einen alten Herrn zum andern.

»Ja, so heiße ich,« sagte der erste alte Herr. »Der[301] Herr dort ist mein Freund, Mr. Grimwig – ach, Grimwig, du bist wohl so freundlich und läßt uns ein paar Augenblicke allein.«

»Ich glaube,« fiel ihm Miß Maylie ins Wort, »der Herr hier braucht sich die Mühe nicht erst zu nehmen, wegzugehen, denn, wenn ich nicht irre, kennt er bereits die Angelegenheit, über die ich mit Ihnen zu reden gedenke.«

Mr. Brownlow verneigte sich – Mr. Grimwig, der sich bereits einmal sehr stark verbeugt und dann von seinem Stuhl erhoben hatte, machte eine steife Verbeugung und setzte sich wieder.

»Die Angelegenheit wird Sie, wenn ich nicht irre, ein wenig verwundern,« begann Rose errötend, »aber Sie haben vor längerer Zeit einem lieben jungen Freund von mir eine außerordentliche Güte erwiesen, und es interessiert Sie deshalb vielleicht, wieder von ihm zu hören.«

»Was Sie sagen!« rief Mr. Brownlow.

»Sie haben meinen jungen Freund unter dem Namen Oliver Twist gekannt,« fuhr Rose fort.

Kaum aber waren diese Worte über ihre Lippen gekommen, als Mr. Grimwig, der so getan hatte, als sei er in ein großes Buch vertieft, das auf dem Tisch lag, das Buch mit einem Krach zusammenschlug und in seinen Sessel zurücksank. Außer maßlosem Erstaunen war nichts in seinem Gesicht zu lesen. Aber auch dieser Ausdruck löste sich schließlich zu einem starren Blick auf, der die höchste Verblüffung verriet. Als schäme er sich, sich so weit haben gehen lassen, raffte er sich, so weit er konnte, auf, um seine frühere Miene wieder aufzusetzen, und blickte gerade aus, brummte und summte vor sich hin, aber die Töne schienen nicht ihren Weg zu finden, sondern erklangen wie im Innersten seines Magens.

Mr. Brownlow war nicht weniger erstaunt, wenn die Überraschung sich auch nicht in solch exzentrischer Weise auf seinem Gesicht malte. Er rückte seinen Stuhl näher zu dem Miß Maylies und sagte:

»Bitte, reden Sie nicht, gnädiges Fräulein, von Güte oder Wohltat, zumal niemand davon etwas weiß. Wenn es in Ihrer Macht steht, die ungünstige Meinung,[302] die ich mir von dem armen Jungen bilden mußte, zu beheben, so bitte ich Sie um Gottes willen, lassen Sie mich nicht länger darauf warten.«

»Ein netter Bursche das, wahrhaftig! Meinen Kopf will ich auf der Stelle aufessen, wenn er etwas andres war als das,« brummte Mr. Grimwig im Tone eines Bauchredners, ohne eine Miene dabei zu verziehen.

»Oliver ist ein Kind von vornehmer Natur und von wärmstem Herzen,« fuhr Rose auf, und das Blut stieg ihr ins Gesicht, »und jene Macht über uns, die ihn ausersehen hat zu Prüfungen, die weit über die Kraft seiner Jahre hinausreichten, hat Empfindungen in seinem Herzen geweckt, die so manchem zur Ehre gereichen würden, der am Abend der Lebenstage steht und sechsmal so alt ist.«

»Ich bin erst einundsechzig Jahre,« sagte Mr. Grimwig, immer noch mit demselben gedankenleeren Ausdruck wie vorhin, »und es müßte schon mit dem Donnerwetter zugehen, wenn der junge Oliver nicht wenigstens zwölf Jahre alt wäre. Ich verstehe daher Ihre Anspielung nicht und kann sie nicht auf mich beziehen.«

»Bitte, achten Sie nicht auf meinen Freund, gnädiges Fräulein,« mischte sich Mr. Brownlow ein, »er weiß nicht, was er spricht, und will nie, was er meint.«

»O doch, er weiß ganz gut, was er spricht, und meint immer, was er will,« widersprach Mr. Grimwig.

»Nein, er meint es nicht und weiß es nicht,« beharrte Mr. Brownlow auf seiner Ansicht und erhob sich mit schlecht verhehltem Zorn aus seinem Stuhl.

»Seinen Kopf will er auf der Stelle aufessen, wenns nicht so ist,« brummte Mr. Grimwig.

»Wenn er jetzt wüßte, was er spricht, und wollte, was er meint, so verdiente er, daß man ihm wirklich den Kopf abschlüge, damit er ihn aufessen könnte,« sagte Mr. Brownlow ernst. Bei diesem Punkt der Auseinandersetzung angelangt, nahmen beide alte Herren eine Prise und schüttelten sich, wie stets in solchen Fällen, dann die Hände.

»Kommen wir aber jetzt, Miß Maylie,« fuhr Mr. Brownlow fort, »auf das Thema zurück. Wollen Sie[303] mir freundlichst sagen, was Sie von dem armen Jungen erfahren haben? Ich selbst habe, wie ich vorausschicken möchte, nichts unversucht gelassen, was in meinen Kräften stand, ihn wieder ausfindig zu machen, und seitdem ich fern von England gelebt habe, ist meine frühere Ansicht, daß mich der Junge hinters Licht geführt und von seinen ehemaligen Kumpanen zu einem Diebstahl hat überreden lassen, sehr erschüttert worden.«

Rose hatte inzwischen ihre Gedanken gesammelt und erzählte ohne Säumen in kurzen Worten alles, was Oliver zugestoßen war, seit er Mr. Brownlows Haus verlassen. Was Nancy ihr mitgeteilt hatte, behielt sie jedoch für sich, um es dem Herrn allein unter vier Augen anzuvertrauen. Sie schloß mit der Versicherung, Olivers einziger Kummer seit Monaten sei gewesen, seinen einstigen Wohltäter und väterlichen Freund wiederzufinden.

»Gott sei dank!« rief der alte Herr. »Das ist ein großes Glück für mich! Wahrhaftig ein großes Glück! Aber, Miß Maylie, Sie haben mir nicht gesagt, wo sich der kleine Oliver jetzt befindet. Verzeihen Sie, daß ich Ihnen einen Vorwurf mache, aber warum haben Sie Oliver nicht mitgebracht?«

»Er wartet unten in meinem Wagen,« antwortete Rose.

»Unten vor dem Haus?« rief der alte Herr, und schon war er aus dem Zimmer draußen, die Treppe hinunter, trat auf den Wagentritt und sprang in die Kutsche, ohne ein Wort zu sprechen.

Als die Zimmertüre hinter ihm ins Schloß gefallen war, richtete Mr. Grimwig sein Haupt auf, balancierte auf den Hinterbeinen seines Stuhls, beschrieb damit eine scharfe Kurve und wiederholte das einige Male. Nachdem er dieses Kunststück zu Ende gebracht, stand er auf und hinkte, so geschwind es ging, in der Stube auf und ab, blieb dann plötzlich vor Rose stehen und drückte ihr ohne weiteres Federlesen einen Kuß auf die Stirn.

»Pst,« sagt er begütigend, als die junge Dame, in Furcht versetzt durch sein ungewöhnliches Vorgehen, aufspringen wollte. »Fürchten Sie sich nicht; ich bin alt genug, Ihr Großvater zu sein. Sie sind ein herzallerliebstes, liebes Mädel. Ich habe Sie gern. Übrigens, da kommen die beiden andern.«[304]

Mr. Grimwig konnte kaum mit einem geschickten Sprung auf seinen früheren Sitz zurückkehren, da traten bereits Mr. Brownlow und Oliver ins Zimmer. Mr. Grimwig begrüßte Oliver äußerst huldvoll, und wäre die Freude dieses Augenblicks ihr einziger Lohn gewesen für all die Mühe, die sie dem armen Jungen gewidmet, würde sich Rose schon reichlich damit bedankt gehalten haben.

»Wir dürfen übrigens noch jemand nicht vergessen,« sagte Mr. Brownlow und klingelte. »Ich lasse Mrs. Bedwin bitten.«

Die alte Haushälterin kam, so geschwind es ihr nur irgend möglich war, herauf, blieb an der Türe stehen und wartete auf den Befehl, den ihr Mr. Brownlow geben würde.

»Nun, Bedwin, mit Ihren Augen wird es wirklich von Tag zu Tag schlechter,« begann Mr. Brownlow in einem Ton, der nicht frei von Arger zu sein schien.

»Das stimmt freilich, Sir,« versetzte die alte Dame. »Bei Leuten in meinem Alter werden die Augen eben nicht besser, Sir.«

»Das hätte ich Ihnen auch sagen können,« versetzte Mr. Brownlow. »Aber setzen Sie sich, bitte, die Brille mal auf und sehen Sie selbst her und überzeugen Sie sich, weshalb wir Sie haben bitten lassen, nicht wahr, Mrs. Bedwin.«

Die alte Dame kramte in ihrer Tasche lange nach einer Brille, aber Olivers Geduld war gegen eine solche Prüfung nicht gefeit. Er folgte dem Drang seines Herzens und flog ihr in die Arme.

»Ach du lieber Himmel,« rief Mrs. Bedwin und umarmte und küßte Oliver, »das ist ja mein lieber armer unschuldiger Junge.«

»Meine liebe, liebe alte Pflegerin,« schluchzte Oliver unter Tränen.

»Ich wußte es doch, daß er wiederkommen würde,« sagte die alte Dame und hielt ihn fest in ihren Armen. »Und wie gut er aussieht, und gekleidet ist er, wie das Kind vornehmer Leute. Wo hast du denn nur die ganze lange Zeit über gesteckt? Und immer noch das liebe Gesicht, nur nicht mehr so blaß, und dieselben sanften[305] Augen, nur nicht mehr so traurig. Ich habe sie nie vergessen und auch dein ruhiges Lächeln nicht. Tagtäglich hat es mir vor Augen gestanden wie das meiner eignen lieben Kinder, die jetzt tot und begraben sind.«

Und so schwatzte die alte brave Dame und hielt Oliver bald ein Stück vor sich hin, um ihn anzusehen, bald zog sie ihn wieder an sich und strich ihm mit den Fingern durchs Haar und lachte und weinte in einem Atem.

Mr. Brownlow ließ sie mit Oliver allein, damit sie sich nach Herzenslust ausplaudern könnten, und begab sich mit Rose in ein andres Zimmer. Dort hörte er aus ihrem Mund die Unterredung mit an, die sie mit Nancy gehabt und die ihn in nicht geringes Erstaunen, ja sogar in Schrecken versetzte. Der alte Herr lobte Rose und sagte, es sei klug von ihr gewesen, daß sie bisher noch niemand andern ins Vertrauen gezogen, und erklärte sich bereit, mit dem wackern Mr. Losberne selbst über den Fall in ernster Weise zu sprechen. Um bald Gelegenheit zur Ausführung dieser Ansicht zu bekommen, verabredeten sie, Mr. Brownlow solle abends gegen acht im Hotel vorsprechen und Rose ihre Tante vorsichtig in allem unterrichten, was sich zugetragen habe. Sodann kehrte Rose mit Oliver wieder nach Hause zurück.

Rose hatte das Temperament des Doktors nicht im Geringsten überschätzt: Nancys Erzählung war ihm kaum bekannt geworden, da stieß er einen Hagel von Drohungen und Verwünschungen aus, wollte die arme Nancy als erstes Opfer seiner Rache dem zwiefachen Scharfsinn der Firma Blathers & Duff überantworten und stülpte bereits den Hut auf den Kopf, um spornstreichs das würdige Häscherpaar zu holen. Zweifellos hätte er seinen Plan auch ausgeführt, wenn er nicht zum Teil durch Mr. Brownlow, zum Teil durch Gründe und Vorstellungen zurückgehalten worden wäre, die ihn am schnellsten und besten zur Raison brachten.

»Was aber zum Teufel soll denn geschehen!« rief er ungestüm, als sie sich wieder zu den beiden Damen gesellten. »Sollen wir diesen Strolchen vielleicht eine Dankadresse überreichen mit der Bitte, ein paar hundert[306] Pfund pro Kopf als Zeichen unsrer Hochachtung entgegenzunehmen?«

»Das gerade nicht,« versetzte Mr. Brownlow lachend; »aber vorsichtig müssen wir vorgehen, vorsichtig und behutsam.«

»Jawohl, vorsichtig und behutsam,« schimpfte der Doktor. »Am liebsten möcht' ich die ganze Bande gleich –«

»Überlegen wir erst,« fiel ihm Mr. Brownlow in die Rede, »obs unsern Zweck fördert, wenn wir sogleich gegen sie vorgehen.«

»Welchen Zweck?« fragte der Doktor.

»Nun den: Olivers Eltern ausfindig zu machen, das Erbe für ihn wiederzuerlangen, um das er, wenn die Geschichte wahr ist, schmählich betrogen wurde.«

»Ach so,« rief Mr. Losberne und fächelte sich mit seinem Taschentuch Kühlung zu, »daran habe ich allerdings nicht gedacht.«

»Nun also,« fuhr Mr. Brownlow fort, »selbst wenn wir das arme Mädchen außer Betracht lassen und annehmen, wir könnten wirklich die Verbrecher der Polizei überantworten, ohne ihre Sicherheit zu gefährden, – was würden wir erreichen?«

»Ein paar von der Bande an den Galgen bringen,« rief der Doktor; »den übrigen zur Deportation verhelfen!«

»Sehr gut,« versetzte Mr. Brownlow lächelnd, »aber ich glaube, die Zeit wird das alles von selber tun. Wir dürfen nicht vorgreifen, wenn wir nicht Olivers Interesse gefährden wollen.«

»Wieso?«

»Es ist doch klar, daß wir dem Geheimnis nur mit großer Mühe auf die Spur kommen können und erst dann, wenn wir diesen gewissen Monks dingfest machen, – und das können wir bloß durch List. Wir müssen ihn zu fassen suchen, wenn er nicht inmitten des Diebsgesindels weilt. Wenn wir ihn ohne weiteres festnehmen lassen, so haben wir schließlich keinen Beweis gegen ihn. Er ist unsres Wissens nach mit der Bande nicht einmal in irgendwelchem Zusammenhang, was ihre Räubereien und Einbrüche anbelangt. Wenn er überhaupt nicht ganz freigesprochen wird, so ist es doch höchst wahrscheinlich,[307] daß er im schlimmsten Fall ein paar Wochen Arrest kriegt; aber zum Sprechen würden wir ihn dann nicht bringen können; sein Mund wäre uns für immer verschlossen.«

»Gut,« gab der Doktor zu, »aber halten Sie es vielleicht für vernünftig, das dem Mädchen gegebene Versprechen zu halten? Es ist ja vielleicht in bester Absicht gegeben worden, in Wirklichkeit aber –«

Mr. Brownlow kam Rose, die das Wort ergreifen wollte, zuvor: »Das Versprechen wird gehalten werden,« sagte er. »Mit dem Weg, den wir einzuschlagen haben, kollidiert das nicht im Geringsten. Ehe wir uns aber für etwas Bestimmtes entschließen, wird es vor allem notwendig sein, mit dem Mädchen zu sprechen, um uns zu vergewissern, ob sie uns diesen Monks zeigen will, oder ob es auf andre Weise möglich sein wird, falls sie uns die Bitte abschlägt, seine Person irgendwie festzustellen. Früher als nächsten Sonntag können wir sie nicht treffen. Heute haben wir Dienstag. Ich rate: verhalten wir uns in der Zwischenzeit ganz ruhig und sprechen wir selbst vor Oliver kein Wort über diese Dinge.«

Zwar machte Doktor Losberne ein schiefes Gesicht, aber er konnte keinen bessern Plan in Vorschlag bringen, und so wurde der Mr. Brownlows schließlich einmütig zum Beschluß erhoben.

»Ich möchte gern,« schloß Mr. Brownlow, »meinen alten Freund Grimwig zur Hilfe rufen. Er ist zwar ein sonderbarer Bursche, aber klug und scharfsinnig, und ist uns vielleicht nützlich. Er besitzt, was Sie vielleicht noch nicht wissen, Advokatenbildung, und hat diesen Beruf bloß an den Nagel gehängt, da er binnen zwanzig Jahren nur einen Zivilfall und eine Verteidigung bekommen hatte. Ob das eine Empfehlung für ihn ist oder nicht, darüber bilden Sie sich, bitte, selber ihr Urteil.«

»Ich habe nichts dagegen, daß Sie Ihren Freund mit hineinziehen, wenn ich nur auch einen Freund mit zu Hilfe nehmen darf,« sagte der Doktor.

»Darüber müssen wir abstimmen,« versetzte Mr. Brownlow. »– wer ist Ihr Freund?«[308]

»Der Sohn dieser Dame hier – und ein sehr alter Freund dieser jungen Dame hier,« erklärte der Doktor und zeigte zuerst auf Mrs. Maylie und dann auf ihre Nichte.

Rose wurde rot, erhob aber keine Einwendungen, vielleicht schon deshalb, weil sie fühlte, sie würde sich in Minorität befinden, wenn sie es täte.

»Wir bleiben natürlich in London,« mischte sich Mrs. Maylie ins Gespräch, »so lange nur irgend Aussicht vorhanden ist, daß unsere Nachforschungen von Erfolg gekrönt sein werden. Ich werde weder Mühe noch Ausgaben sparen, um unser Ziel zu erreichen. Ich bleibe gerne hier, solange Sie mir Hoffnungen auf einen günstigen Verlauf machen können.«

»Bravo,« rief Mr. Brownlow. »Da ich aber jetzt auf allen Gesichtern die Frage zu lesen glaube, wie es wohl zuging, daß ich nicht in der Lage war, Oliver ausfindig zu machen, sondern plötzlich England verließ, so müssen Sie mir schon gestatten, daß ich die Sache nicht eher aufkläre, bis ich es selbst an der Zeit halten werde, Ihnen die Geschichte meines eigenen Lebens zu erzählen. Glauben Sie mir, ich habe dazu triftigen Grund, und ich möchte nicht gern Hoffnungen erwecken, die sich vielleicht niemals verwirklichen lassen. Kommen Sie! Es ist jetzt zum Diner gerufen worden, und unser junger Freund sitzt allein drüben einsam in seiner Stube – und wird vielleicht glauben, wir vernachlässigen ihn oder planen gegen ihn eine finstere Verschwörung.«

Damit reichte der alte Herr Mrs. Maylie seinen Arm und führte sie in das Eßzimmer. Doktor Losberne folgte mit Rose, und die Beratung wurde vorläufig abgebrochen.[309]

Quelle:
Dickens, Charles: Oliver Twist. München 1914, S. 299-310.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Chamisso, Adelbert von

Peter Schlemihls wundersame Geschichte

Peter Schlemihls wundersame Geschichte

In elf Briefen erzählt Peter Schlemihl die wundersame Geschichte wie er einem Mann begegnet, der ihm für viel Geld seinen Schatten abkauft. Erst als es zu spät ist, bemerkt Peter wie wichtig ihm der nutzlos geglaubte Schatten in der Gesellschaft ist. Er verliert sein Ansehen und seine Liebe trotz seines vielen Geldes. Doch Fortuna wendet sich ihm wieder zu.

56 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon