Fünfundvierzigstes Kapitel

[335] Noah Claypole wird von Fagin als Spion verwendet.


Im nächsten Morgen zeitig auf den Beinen, wartete er ungeduldig auf das Erscheinen seines neuen Genossen, der sich denn auch endlich einfand und mit Gier über das Frühstück herfiel.

»Bolter,« sagte der Jude und rückte seinen Stuhl näher an ihn heran.[335]

»Ja ja, reden Sie nur,« sagte Noah und schnitt sich eine riesige Scheibe Brot ab. »Wo steckt Charlotte?«

»Ausgegangen is sie,« sagte Fagin, »mit die andern jungen Frauenzimmer. Ich hab gewollt, daß sie zusammen sind.«

»Mir wär's lieber, sie hätten noch mehr Frühstück vorbereitet,« unterbrach ihn Noah.

»Sie haben gestern e schenes Stück Arbeit geliefert, mei Freind, schen, sehr schen, sechs Schillinge und eine Halfpence am ersten Tag, das laß ich mir gefallen. Das Kinderberauben wird Ihnen noch ein Vermögen einbringen.«

»Übrigens brauch ich Sie jetzt, Bolter,« setzte er ungeduldig hinzu und beugte sich über den Tisch. »Sie sollen mir e großen Gefallen tun, mei Freind. E Arbeit, die große Achtsamkeit erfordert und große Vorsicht.«

»Schicken Sie mich nur nicht wieder auf die Polizei,« fuhr Bolter auf, »das paßte mir nicht, das sag' ich Ihnen gleich.«

»Es ist nicht die geringste Gefahr dabei. Es handelt sich um weiter nix, als: em Weibsbild sollen Sie nachspionieren.«

»Einem alten?« fragte Mr. Bolter.

»Im Gegenteil.«

»Das kann ich ziemlich gut,« versicherte Bolter. »Schon als ich noch zur Schule ging, hab' ich den Mädels fleißig nachgestellt. Aber zu welchem Zweck soll ich spionieren? Doch nicht, um –«

»Zu tun ist gar nichts,« unterbrach ihn der Jude. »Bloß berichten sollen Sie mir, wohin sie gegangen ist, mit wem sie redet und womöglich: was sie redet. Und dann sollen Sie sich merken die Straße, wenns e Straße is, oder das Haus, und mir alles berichten.«

»Und was geben Sie mir dafür?« fragte Noah, setzte seine Teetasse nieder und blickte dem Alten scharf ins Gesicht.

»Wenn Sie Ihre Sache gut machen, mei Freind, – e Pfund, e ganzes volles Pfund, in der Tat e Stick Geld! So viel hab' ich noch niemals in meinem Leben gegeben für dergleichen.«

»Und wer ist die Person?«[336]

»Eine von unsre Leit.«

»Donnerwetter,« rief Noah und schnüffelte in der Luft. »Sie trauen ihr also nicht?«

»Sie hat e paar neie Freinde gefunden, und ich muß wissen, wer sie sind,« erklärte Fagin.

»Ich verstehe,« brummte Noah und kopierte des Juden Redeweise. »Bloß, um zu haben das Vergnigen, sie kennen zu lernen, ob es auch sind anständige Leinte. Ja, ich bin ihr Mann.«

»Hab' ich doch gewußt, daß Sie das sind,« rief Fagin erfreut.

»Ja ja, schon gut,« knurrte Noah. »Wo ist sie? Wer ist sie? Wo soll ich auf sie warten, und wohin soll ich gehen?«

»Alles, mei Freind, werden Sie zur rechten Zeit von mir hören. Halten Sie sich bereit,« sagte Fagin »und überlassen Sie mir alles weitere.«

Am selben und am nächsten Abend und abends darauf saß der Spion in seinem Fuhrmannskittel zu Hause und wartete auf Fagin. Nacht um Nacht verstrichen, fast eine Woche, und jedesmal kam Fagin mit enttäuschtem Gesicht nach Hause und sagte, die Zeit sei immer noch nicht da. Endlich, eines Sonntags, kam er früher nach Hause als sonst und mit einem Frohlocken, das er kaum verbergen konnte.

»Sie geht heinte abend aus,« jubelte er, »denn der Mann, vor dem sie sich fürchtet, wird nicht vor morgen frih zu Hause sein. Kommen Se jetzt schnell mit.«

Ohne ein Wort zu sprechen, sprang Noah auf, und sie verließen verstohlen das Haus, um endlich vor einer Schenke zu landen, die Noah als »Die drei Krüppel« erkannte. Es war elf Uhr vorüber und die Türe verschlossen. Geräuschlos öffnete sie sich, als Fagin einen leisen Pfiff ausstieß. Sie traten lautlos ein, und ebenso schloß sich die Türe wieder hinter ihnen. In stummer Gebärdensprache, um keinen Lärm zu machen, zeigten Fagin und der junge Jude, der sie hereingelassen, Noah eine Fensterscheibe und bedeuteten ihm hinaufzuklettern und sich die Person in dem dahinterliegenden Wohnraum anzusehen.

»Ist sie das?« fragte Noah kaum hörbar.[337]

Fagin nickte.

»ich kann ihr Gesicht nicht recht sehen, das Licht steht hinter ihr.«

»Bleiben Sie oben,« flüsterte Fagin und gab Barney einen Wink. Im nächsten Augenblick trat dieser in das Zimmer und rückte unter dem Vorwand, die Kerze zu schneuzen, das Licht zurecht, und fing sodann mit dem Mädchen zu sprechen an, um sie zu veranlassen, ihr Gesicht zu zeigen.

»Jetzt seh ich sie,« sagte Noah.

»Deintlich?«

»Unter Tausenden würd' ich sie wiedererkennen.«

Er stieg eilends wieder herunter, und gleich darauf öffnete sich die Türe, und das Mädchen trat ein.

Fagin zog Noah rasch hinter einen Vorhang und hielt ihn dort zurück, bis sie verschwunden war.

Dann wechselte Noah einen Blick mit Fagin und schoß hinaus.

»Auf der andren Seinte der Stroßen gehen,« flüsterte ihm der Jude zu.

Noah gehorchte. Beim Schein der Laterne erblickte er die vorauseilende Gestalt Nancys vor sich. Er hielt sich in möglichster Nähe und blieb auf der andern Seite der Straße, um sie besser im Auge zu behalten. Nervös blickte sie sich ein paarmal um und blieb auch zuweilen stehn, um Leute vorüberzulassen, die ihr folgten. Allmählich schien sie Mut zu bekommen und schritt fest und sicher dahin. Noah folgte ihr, ohne sie auch nur eine Sekunde aus dem Auge zu verlieren.[338]

Quelle:
Dickens, Charles: Oliver Twist. München 1914, S. 335-339.
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