Sechstes Kapitel

[44] Oliver rafft sich, durch Noah gereizt, zu tatkräftigem Handeln auf.


Als der übliche Probemonat vorüber war, wurde Oliver in aller Form als Lehrling ins Geschäft eingestellt. Es war gerade sozusagen Sterbesaison, und nach Särgen herrschte rege Nachfrage. Die ältesten Einwohner der Stadt konnten sich nicht erinnern, daß jemals die Masern so gewütet hätten, wie es gerade der Fall war. Da Oliver von jetzt an auch bei den meisten Begräbnissen erwachsener Personen im Zuge mitzugehen hatte, um die nötige Gleichgültigkeit in Haltung und Gebärden zu lernen, die einem richtigen Leichenbestatter unbedingt nötig sind, so fand er gar oft Gelegenheit, die bemerkenswerte Standhaftigkeit zu bewundern, mit der gewisse Leute, die sich eines starken Gemüts erfreuten, Verluste an Bekannten, Freunden und Verwandten zu tragen wußten.

Befremdlicherweise wirkten solche Beispiele von Resignation nicht ansteckend auf Oliver Twist; er kam vielmehr nicht aus der Verwunderung heraus. Trotzdem ertrug er geduldig monatelang die schlechte Behandlung von seiten Noah Claypoles, der immer gehässiger gegen ihn wurde, da er sich zurückgesetzt fühlte und kaum mitansehen konnte, wie Oliver, der jüngere Lehrling, tagaus tagein im schwarzen Rock und Flor ausrücken durfte, während er, der Senior, sich mit Pelzkappe und Lederhose begnügen mußte. Charlotte behandelte Oliver schlecht, weil Noah ihn schlecht behandelte, und Mrs. Sowerberry war seine ausgesprochene Feindin, weil Mr. Sowerberry eher dazu neigte, ihn freundlich als unfreundlich zu behandeln.

Eines Tages nun zur gewöhnlichen Mittagsstunde waren Oliver und Noah in die Küche hinabgeklettert, um sich an einer knappen Ration Hammelfleisch vom schlechtesten Nackenstück gütlich zu tun, da wurde Charlotte[44] hinaufgerufen und Noah Claypole, hungrig und verbittert, glaubte ihre Abwesenheit nicht besser benützen zu können, als seinen jungen Kollegen zu hänseln.

Als Einleitung legte er die Füße auf das Tischtuch, zupfte Oliver an den Haaren, zwickte ihn in die Ohren und gab der Ansicht Ausdruck, Oliver sei ein »Kriecher«. Des weiteren gab er der Hoffnung Ausdruck, Oliver noch einmal am Galgen baumeln zu sehen, und daß es ihm auch auf den weitesten Weg nicht ankommen werde, falls einmal dieses ersehnte Ereignis eintreten sollte. Da aber alle diese hämischen Versuche, Oliver zum Weinen zu bringen, fehlschlugen, fing Noah Claypole an, immer dicker und dicker aufzutragen.

»Zuchthäusler!« rief er endlich. »Was macht übrigens deine Mutter?«

»Sie ist tot,« sagte Oliver, »sprich nicht von ihr.«

Das Blut stieg ihm in die Wangen, und seine Lippen zuckten seltsam. Noah Claypole hielt das für ein Vorzeichen, daß Oliver gleich in Tränen ausbrechen würde, und machte eine neue Attacke.

»Woran ist sie denn gestorben, Zuchthäusler?« fragte er.

»An gebrochenem Herzen, hörte ich die alte Wärterin sagen,« murmelte Oliver, mehr zu sich selbst sprechend als zu seinem Kollegen. »Ich glaube, ich verstehe, was das heißt.«

»A was, dummes Zeug, Zuchthäusler,« sagte Noah, während eine Träne Oliver über die Wange lief. »Was hat dich denn so plötzlich zum Flennen gebracht?«

»Ach nichts,« erwiderte Oliver, sich schnell die Augen trocknend. »Du brauchst dir nichts darauf einzubilden. Aber schweig jetzt, das rat ich dir.«

»Was? Raten tust du's mir?« rief Noah. »Ist das eine Frechheit! Na, und deine Mutter, das war auch so die Rechte.« Dabei nickte er hämisch mit dem Kopf und rümpfte seine kleine rote Stülpnase.

»Du tust mir ja leid, du Armenhäusler,« fuhr er, durch Olivers Schweigen kühn gemacht, höhnisch mit erheucheltem Mitleid fort. »Aber es läßt sich mal nicht mehr ändern. Du kannst ja auch nichts dafür und dauerst mich ja von Herzen. Aber deine Mutter war halt – na, du weißt schon was.«[45]

»Was sagst du da!« fuhr Oliver auf.

»Na ja, so eine ganz Schlechte,« erwiderte Noah kaltblütig. »Für dich war es wohl das beste, du Armenhäusler, daß sie rechtzeitig ins Grab gebissen hat, sonst wär sie jetzt im Zuchthaus oder am Galgen. Oder vielleicht nicht?«

Purpurrot vor Wut sprang Oliver auf, packte Noah an der Gurgel und schüttelte ihn, daß ihm die Zähne im Munde klapperten. Dann schlug er ihn mit einem einzigen geschickten Hieb zu Boden.

Noch eine Minute vorher war Oliver das ruhigste sanfteste Geschöpf der Welt gewesen. Aber jetzt hatte die scheußliche Beschimpfung seiner Mutter sein Blut zum Wallen gebracht. Seine Augen blitzten, und er war völlig umgewandelt, wie er auf den feigen Quälgeist, der vor ihm auf dem Boden lag, niederblickte.

»Er will mich ermorden,« heulte Noah. »Charlotte! Mrs. Sowerberry! – Er schlägt mich tot – Hilfe – zu Hilfe! Oliver ist verrückt geworden. Char – lotte!«

Ein lautes Gekreisch aus Charlottens und ein noch lauteres aus Mrs. Sowerberrys Mund war die Antwort, und gleich darauf kam das Dienstmädchen in die Küche hereingestürzt, während die Meisterin wohlweislich auf der Treppe oben stehen blieb, bis sie sich vergewissert, daß nichts für sie auf dem Spiele stände, wenn sie ganz die Treppe herunterkäme.

»O du elendes Ungeheuer,« kreischte Charlotte und packte Oliver mit aller Kraft an der Brust. »Du – klei – ner – mord – gieriger – Schuft.« Und bei jeder Silbe versetzte sie dem armen Oliver zum Ergötzen der Anwesenden einen Hieb.

Ihre Faust war ziemlich gewichtig und hätte Olivers Mordlust, wenn eine solche vorhanden gewesen wäre, sicher gedämpft. So aber kam auch noch Mrs. Sowerberry dazu, stürzte in die Küche, hielt ihn mit einer Hand fest und zerkratzte ihm mit der andern das Gesicht. Das gab natürlich Noah seinen Mut wieder zurück, er stand auf und begann von rückwärts auf Oliver einzuhauen.

Dieser überstürzte Angriff war doch etwas zu heftig, als daß er hätte lange dauern können. Als sich die[46] drei müde geprügelt hatten und nicht mehr weiter konnten, schleppten sie Oliver, der sich immer noch aus Leibeskräften wehrte und aus vollem Halse schrie, in den Kohlenkeller, wo sie ihn einsperrten. Dann sank Mrs. Sowerberry in einen Stuhl und brach in Tränen aus.

»O Gott, sie stirbt,« jammerte Charlotte. »Ein Glas Wasser, Noah! Wasser! Schnell, schnell!«

»Ach, Charlotte, wir können Gott danken, daß wir nicht längst alle in unsern Betten ermordet worden sind.«

»Ja, ja, es ist eine Gnade des Himmels, Madame,« erwiderte das Dienstmädchen. »Der arme Noah, er war schon halb tot, als ich hereinkam.«

»Der arme, arme Junge,« rief Mrs. Sowerberry mitleidig. Und auch Noah war ganz ergriffen und heuchelte ein paar Tränen.

»Was sollen wir nur tun?« riet Mrs. Sowerberry. »Mein Mann ist nicht zu Hause, niemand ist da, und die Tür wird uns der Mordbube in ein paar Minuten eingetreten haben.« Olivers energische Attacken gegen die Bretterwand des Kohlenkellers ließen ein solches Ereignis allerdings als höchst wahrscheinlich annehmen.

»O Gott, o Gott, ich weiß auch nicht, was wir tun sollen, Mrs. Sowerberry,« jammerte Charlotte. »Sollen wir nicht vielleicht nach der Polizei schicken?«

»Oder nach dem Mülidär,« rief Mr. Claypole.

»Nein, nein,« widersprach Mrs. Sowerberry, sich in diesem Augenblick an Olivers alten Freund erinnernd. »Lauf zu Mr. Bumble, Noah, und sage ihm, er solle doch gleich herkommen. Such erst nicht lang nach deiner Mütze, sondern eil dich. Halt dir beim Laufen eine Messerklinge an deine Beule, da vergeht die Geschwulst am schnellsten.«

Noah ließ sich nicht erst lange Zeit, eine Antwort zu geben, sondern rannte so schnell er konnte, ein Messer an seine Stirn drückend, durch die Straßen ins Gemeindearbeitshaus.[47]

Quelle:
Dickens, Charles: Oliver Twist. München 1914, S. 44-48.
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