Siebentes Kapitel

[48] Oliver bleibt verstockt.


Noah Claypole hielt nicht einen Augenblick im Laufen inne und kam atemlos vor dem Tor des Gemeindearbeitshauses an. Einen Augenblick blieb er stehen, um eine möglichst klägliche Miene anzunehmen, klopfte dann laut und zeigte dem alten Armenhäusler, der ihm öffnete, ein so jammervolles Gesicht, daß dieser vor Erstaunen zurückprallte und fragte: »Um Gottes willen, was hast du denn, Junge?«

»Mr. Bumble, Mr. Bumble,« schrie Noah in gut geheuchelter Angst und so laut und gellend, daß Mr. Bumble, der ihn sofort hörte, augenblicklich ohne seinen Dreispitz in die Flur gestürzt kam – ein deutlicher Beweis, daß unter Umständen sogar ein Kirchspieldiener die Besinnung verlieren und alle Würde außer acht lassen kann.

»Mr. Bumble, Mr. Bumble,« keuchte Noah, »Oliver, Mr. Bumble, – Oliver – Oliver ist –«

»Was denn, was ist er denn?« fragte Mr. Bumble, und ein Strahl von Freude leuchtete aus seinen gläsernen Augen. »Doch nicht davongelaufen? So sprich doch, Noah!«

»Nein, Sir, nein, fortgelaufen ist er nicht, Sir. Aber mich, Charlotte und Mrs. Sowerberry hat er ermorden wollen. O Gott, o Gott, Sir, – mein Hals, mein Kopf, meine Brust – ich halts nicht aus vor Schmerzen.«

Sein Jammergeheul lockte den Gentleman mit der weißen Weste herbei.

»Sir!« schrie Bumble. »Hören Sie! Hier ist ein Junge aus dem Waisenstift, der von Oliver Twist beinahe ermordet worden wäre.«

»Sehen Sie, sehen Sie,« rief der Gentleman mit der weißen Weste und blieb erstarrt stehen. »Hab ichs[48] nicht gleich gesagt! Ich habe immer prophezeit: der Bursche wird noch einmal am Galgen enden.«

»Und das Dienstmädchen hat er auch ermorden wollen,« stotterte Mr. Bumble mit aschfahlem Gesicht.

»Und Mrs. Sowerberry auch,« setzte Mr. Claypole hinzu.

»Und seinen Herrn ebenfalls, nicht wahr, Noah?«

»Nein, der war ausgegangen,« erklärte Noah, »sonst hätt er ihn sicher auch ermordet.«

»So? Hat er das angedroht?« fragte der Gentleman in der weißen Weste.

»Ja, Sir,« antwortete Noah. »Und eine Empfehlung von Mrs. Sowerberry, und Sie läßt fragen, ob Mr. Bumble nicht Zeit hat, gleich mitzukommen und ihn durchzuprügeln, da der Herr Meister nicht zu Hause ist.«

»Gewiß, mein Junge, gewiß,« versicherte der Gentleman mit der weißen Weste und lächelte gütig. »Du bist ein braver Junge – ein braver Junge. Hier hast du einen Penny. Bumble, nehmen Sie mal gleich Ihren Stock und gehen Sie hinüber und tun Sie, was Sie können. Schonen Sie den Burschen nicht, Bumble!«

»Nein, gewiß nicht, Sir,« versprach der Kirchspieldiener und rieb das Ende seines Stockes mit Wachs ein, wie es im Kirchspiel üblich war, wenn eine Prügelstrafe vollstreckt werden sollte.

»Sagen Sie auch Sowerberry, daß er ihn ja nicht schont. Ohne Striemen und Beulen tuts der Lausbengel nicht,« ermahnte der Gentleman mit der weißen Weste.

»Ich werde die Sache schon besorgen, Sir,« versprach der Kirchspieldiener und machte sich mit Noah eiligst auf den Weg zum Laden des Sargtischlers.

Hier hatten die Dinge inzwischen keine wesentliche Änderung erfahren. Mr. Sowerberry war noch immer nicht zurück, immer noch schlug und stieß Oliver aus Leibeskräften gegen die Bretterwand. Die Schilderungen, die Mrs. Sowerberry und Charlotte von seiner Wildheit gaben, waren so verblüffender Art, daß Mr. Bumble es für angebracht hielt, vorerst einmal zu parlamentieren, ehe er die Kellertüre aufsperrte. Er legte zu diesem[49] Zweck seinen Mund an das Schlüsselloch und rief mit Baßstimme hinein:

»Oliver.«

»Lassen Sie mich hinaus,« antwortete Oliver von innen.

»Kennst du meine Stimme, Oliver?« forschte Mr. Bumble.

»Ja.«

»Und du fürchtest dich nicht vor mir? Du zitterst nicht?«

»Nein,« versetzte Oliver kühn.

Mr. Bumble war sprachlos vor Erstaunen. »Er muß verrückt geworden sein,« bemerkte Mrs. Sowerberry.

»Nein, das ist nicht Verrücktheit, Madame,« sagte Mr. Bumble, »das macht das Fleisch.«

»Was?« rief Mrs. Sowerberry.

»Ja, ja, das kommt vom Fleischessen, Mrs. Sowerberry. Da haben Sies. Überfüttert haben Sie ihn. Sie haben seinen rebellischen Sinn geweckt. Und das war unrecht gehandelt, wie Ihnen auch die Herren Amtsvorstände, die gewiß erfahrene Männer sind, bestätigen werden. Hätten Sie ihm weiter seinen Haferschleim gegeben, wäre so etwas nie passiert.«

»O Gott im Himmel, Gott im Himmel,« jammerte Mrs. Sowerberry, die Augen fromm zur Decke erhebend. »Das hat man davon, wenn man liberal denkt.«

Wieder fing Oliver an, gegen die Bretterwand zu hämmern, da ging die Türe unten und Mr. Sowerberry kam nach Hause. Nachdem ihm Olivers Missetat haarklein geschildert worden, wobei es an Übertreibungen natürlich nicht fehlte, riegelte er unverzüglich die Kellertüre auf und zog seinen rebellischen Lehrjungen am Kragen heraus.

Olivers Kleider waren infolge der Prügelei total zerrißen. Sein Gesicht war zerkratzt und mit Beulen bedeckt, und das Haar hing ihm wild über die Stirn. Aber immer noch lag die Zornesröte auf seinen Wangen, und wie er herausgezerrt wurde, schoß er einen grimmigen Blick auf Noah.

»Du bist mir ja ein netter Bursche,« schrie Mr. Sowerberry, schüttelte ihn tüchtig durch und gab ihm eine Ohrfeige.[50]

»Er hat meine Mutter beschimpft,« antwortete Oliver.

»Na, was ist denn da weiter dabei, du undankbarer Taugenichts,« gellte Mrs. Sowerberry. »Hat er damit vielleicht nicht recht gehabt.«

»Nein, er hat nicht recht gehabt,« rief Oliver.

»Sie hat es verdient,« schrie Mrs. Sowerberry.

»Das ist eine Lüge,« erklärte Oliver kühn.

Sofort brach Mrs. Sowerberry in eine Flut von Tränen aus, die ihrem Gatten keine Wahl mehr weiter ließ. Wollte er wirklich einen Augenblick zögern, Oliver streng zu bestrafen, so gab es für ihn jetzt keine Entschuldigung mehr; seine Ehehälfte würde ihm die schrecklichsten Predigten gehalten haben. Er züchtigte Oliver daher in einer Weise, die Mr. Bumbles Eingreifen mehr als überflüssig machte. Dann wurde der kleine Missetäter bei Wasser und Brot wieder eingesperrt, und lange noch verhänselten und beschimpften ihn Noah, Charlotte und Mrs. Sowerberry durch die Türe durch, bis auch sie sich endlich schlafen legten.

Erst als es ganz still geworden, konnte Oliver sich seinen Gefühlen überlassen. Allen ihren Sticheleien hatte er nur ein verstocktes Schweigen entgegengesetzt, und ohne ein einziges Mal zu schreien, hatte er die Züchtigung seines Meisters hingenommen. Jetzt aber, wo niemand da war, der ihn sehen konnte, kniete er nieder, verbarg sein Gesicht in den Händen und weinte – weinte, wie wohl wenige Kinder vor ihm geweint haben mögen.

Es dauerte lange, bis er sich wieder erhob, und die Kerze brannte schon tief im Leuchter, als er aufstand. Vorsichtig spähte er umher und lauschte gespannt. Dann mühte er sich ab, den Riegel zurückzuschieben, was ihm endlich gelang, und lugte hinaus.

Es war eine kalte finstere Nacht, und die Sterne schienen in viel größerer Entfernung von der Erde, als Oliver sie jemals gesehen zu haben sich erinnerte. Kein Lufthauch regte sich. Leise schloß er die Türe wieder, und nachdem er bei dem erlöschenden Kerzenlicht die wenigen Kleidungsstücke, die er sein eigen nannte, in ein Bündel geschnürt, setzte er sich auf eine Bank, um den Anbruch des Morgens zu erwarten.[51]

Mit dem ersten Lichtstrahl, der durch die Ritzen des Ladens schien, erhob er sich, – ein Schauerblick nach rückwärts, ein Moment der Unentschlossenheit, – dann hatte er die Türe hinter sich geschlossen und stand draußen auf der Straße. Er blickte nach rechts und links, ungewiß, wohin er sich wenden solle. Es fiel ihm ein, einmal gesehen zu haben, daß alle Wagen, wenn sie nach der Stadt fuhren, den Hügel hinaufwankten. Er schlug denselben Weg ein. Und als er auf der Landstraße anlangte, schritt er rüstig weiter. Er kam am Arbeitshaus vorüber. Nichts verriet, daß seine Insassen zu so früher Stunde schon auf sein könnten. Oliver blieb stehen und spähte in den Garten. Ein Kind jätete mit dem Spaten in einem kleinen Beet, hob sein blaßes Gesicht, und Oliver erkannte die Züge eines früheren Leidensgefährten. Er freute sich, daß er den kleinen Jungen vor seinem Fortgehen noch einmal sah, denn er war ihm, wenn er auch jünger als er war, ein lieber Freund und Spielkamerad gewesen. Sie hatten zusammen gelitten, waren zusammen eingesperrt worden und hatten immer miteinander hungern müssen.

»Heda, Dick,« sagte Oliver, als der Junge zum Geländer gelaufen kam und ihm seinen dünnen Arm zum Willkommen durch die Stäbe reichte. »Ist schon jemand auf?«

»Nur ich.«

»Sag nicht, daß du mich gesehen hast, Dick,« flüsterte Oliver, »ich bin geflohen. Man hat mich geschlagen und mißhandelt. Ich gehe und such mir mein Glück wo anders. Wo, weiß ich noch nicht. Wie blaß du aussiehst.«

»Der Doktor hat gesagt, ich muß sterben – ich habs gehört,« antwortete der Kleine mit einem schwachen Lächeln. »Ich freue mich, daß ich dich noch einmal sehe, lieber Oliver. Aber halt dich nicht auf, geh rasch fort.«

»Ich will dir nur Lebewohl sagen,« antwortete Oliver. »Ich werde dich schon noch wiedersehen, Dick. Ich weiß es bestimmt, Dick. Es wird dir noch einmal gut gehen und du wirst glücklich werden.«

»Ich will es hoffen,« erwiderte der Kleine. »Aber erst, wenn ich mal gestorben bin; vorher kann's nicht[52] sein. Der Doktor wird schon recht haben, Oliver; und ich träume soviel vom Himmel und von Engeln mit milden Gesichtern, wie sie hier auf Erden nicht sind. Komm, gib mir einen Kuß,« – der Kleine kletterte auf das niedrige Gittertor und schlang seine Hände um Olivers Hals. »Leb wohl, lieber Freund, und Gottes Segen.«

Der Segenswunsch kam von den Lippen eines kleinen Jungens, aber es war der erste Segen, den Oliver zu hören bekam. In allen Kämpfen, in allen Mühsalen und Leiden, die ihn betrafen, vergaß er ihn nie.

Quelle:
Dickens, Charles: Oliver Twist. München 1914, S. 48-53.
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