Zehntes Kapitel

[67] Oliver gewinnt Einblick in die Charaktereigenschaften seiner neuen Kollegen, bezahlt aber seine Erfahrung sehr teuer.


Für viele Tage lang blieb Oliver bei dem Juden und zupfte die Monogramme aus Taschentüchern, die in großer Zahl einliefen, und nahm auch zuweilen an dem bereits erwähnten sonderbaren Spiel, das die beiden Jungen und der Jude Tag für Tag wiederholten, teil. Endlich aber konnte er es vor Sehnsucht nach frischer Luft nicht mehr aushalten und bat den menschenfreundlichen alten Gentleman, ihn doch einmal mit den beiden Jungen ausgehen zu lassen.

Eines Morgens wurde ihm die Erlaubnis dazu erteilt, vermutlich weil keine Taschentücher mehr da waren, an denen er hätte arbeiten können. Überdies waren der Baldowerer und Charley Bates bereits des öfteren abends mit leeren Händen nach Hause gekommen, und das hatte jedesmal den alten Herrn veranlaßt, ihnen mit großem Nachdruck das Verwerfliche eines müßigen Lebenswandels vor Augen zu halten. Gelegentlich ging[67] der Jude sogar so weit, die beiden so lange durchzuprügeln, bis sie wieder die Treppe hinunterflohen.

Oliver machte sich also mit seinen beiden Gefährten auf den Weg. Der Baldowerer hatte die Rockärmel wieder aufgekrempelt und balancierte, wie es seine Gewohnheit war, seinen Hut auf dem Kopf, während Charley Bates, die Hände in den Taschen, langsam mitschlenderte, so daß Oliver zu der Ansicht neigte, die beiden müßten den gütigen alten Herrn offenbar hintergehen und sich von der Arbeit drücken. Überdies hatte der Baldowerer die garstige Angewohnheit, kleinen Jungen die Mützen vom Kopf zu reißen oder sie in den Rinnstein zu stoßen, und auch Charley Bates benahm sich sehr sonderbar und schien besonders sehr eigentümliche Begriffe von Mein und Dein zu haben, denn wo er nur konnte, stibitzte er Äpfel und Zwiebeln in den Höchlerbuden und ließ sie in seinen geräumigen Taschen verschwinden. Das alles mißfiel Oliver derart, daß er den beiden schon sagen wollte, es wäre wohl das beste, er ginge wieder allein nach Hause, als er in seinem Vorhaben durch eine plötzliche geheimnisvolle Wandlung, die im Benehmen des Baldowerers vor sich ging, abgelenkt wurde.

Sie traten eben aus einem sehr engen Hof in Clerkenwell, der noch heutzutage seltsamerweise die grüne Wiese heißt, als der Baldowerer plötzlich stehen blieb, den Finger auf die Lippen legte und seine beiden Gefährten vorsichtig zurückdrängte.

»Was gibt es denn?« fragte Oliver.

»Still,« flüsterte der Baldowerer. »Siehst du den alten Schöpfen drüben an der Bücherbude, Charley?«

»Den alten Herrn drüben?« fragte Oliver. »Ja, den sehe ich.«

»Das ist was für uns,« sagte der Baldowerer.

»Das ist der Richtige, prima primissima,« rief Master Charley Bates.

Oliver machte ein verwundertes Gesicht, konnte aber nicht weiter fragen, denn die beiden anderen huschten über die Straße und schlichen sich hinter den alten Herrn. Oliver ging unschlüssig ebenfalls hinüber, blieb dann stehen und sah ihnen stumm und verwundert zu.[68]

Der alte Herr sah ungemein ehrwürdig aus, trug eine Perücke, goldene Brille, einen flaschengrünen Rock mit schwarzem Samtkragen, weiße Hosen und ein schickes Bambusstäbchen unter dem Arm. Er hatte gerade ein Buch zur Hand genommen und las eifrig darin. Er schien für nichts anderes einen Blick zu haben und blätterte vertieft in dem Buch. Entsetzt bemerkte Oliver plötzlich, daß der Baldowerer seine Hand in der Tasche des alten Herrn verschwinden ließ und sie gleich darauf mit einem Taschentuch wieder herauszog, das er dann Charley übergab, worauf beide um die Ecke herum Reißaus nahmen. Im Nu war ihm das Geheimnis klar, von wo die Taschentücher, Uhren und Pretiosen des Juden kamen. Eine Sekundelang stand er wie gelähmt da. Dann lief er erschreckt davon, so schnell ihn seine Füße tragen wollten. Das alles dauerte kaum eine Minute. Im selben Augenblick, als Oliver zu laufen anfing, griff der alte Herr in seine Tasche und drehte sich, da er sein Schnupftuch vermißte, um. Er sah Oliver davonlaufen, hielt ihn natürlich für den Dieb und schrie: »Haltet den Dieb« und lief ihm mit dem Buch in der Hand nach. Kaum hörten der Baldowerer und Charley Bates seinen Ruf, als auch sie aus ihrer Ecke wieder hervorkamen und, um den Verdacht von sich abzulenken, laut in das bereits allgemein werdende Geschrei der Straße: »Haltet den Dieb« einstimmten. So ein Ruf »Haltet den Dieb, haltet den Dieb« hat eine magische Wirkung. Der Kaufmann springt hinter dem Ladentisch hervor, der Fuhrmann vom Wagen herunter, der Fleischer wirft seine Mulde weg und der Bäcker seinen Brotkorb, der Milchmann läßt seinen Eimer stehen, der Laufbursche verliert sein Paket. Jeder wirft weg, was ihn am Laufen hindert. Der Schuljunge seine Marmeln, der Maurer seine Kelle, das Kind seinen Gummiball, und tobend, kreischend und brüllend geht die wilde Jagd um die Ecke. Die Hunde bellen und jagen einher und verscheuchen die Hühner, und Straßen und Plätze und Höfe widerhallen von dem Ruf: »Haltet den Dieb, haltet den Dieb.« Bei jeder Straßenbiegung wächst die Menge an. Dahin laufen sie und patschen durch Pfützen und Rinnsteine. Fenster fliegen auf, und vorwärts, immer[69] vorwärts stürzt der Knäuel. Alles kreischt vor Freude: »Haltet den Dieb.« Wenn sie den Armen endlich haben, zu Boden geworfen liegt er da, und die Menge umdrängt ihn. Und jeder trachtet, ihm noch einen Hieb zu versetzen. Weg da, Platz da! Wo ist der Herr? Da kommt er jetzt die Straße herunter, Platz für den Herrn. »Ist das der Dieb, Sir?«

»Ja.«

Von Schmutz bedeckt und blutüberströmt lag Oliver da und starrte in den Haufen der ihn umringenden Gesichter. Da drängte man den alten Herrn vor ihn hin.

»Ja,« sagte der Herr, »ich fürchte, es ist der Junge.«

»Warum denn – fürchten,« murmelten einige. »Um den ist nicht schade.«

»Armer Junge,« sagte der Herr, »er hat sich wohl weh getan?«

»Ich hab' ihm eine versetzt,« meldete sich ein baumlanger Strolch, »i bin ihm mit der Faust übers Maul g'fahren; i war's, der wo ihn aufg'halten hat, Herr.«

Und grinsend griff der Lümmel an seinen Hut, ein Trinkgeld erwartend. Aber der alte Herr warf ihm nur einen bitterbösen Blick zu und sah sich ängstlich um, als liefe er selbst am liebsten davon, und er würde es wahrscheinlich auch getan und dadurch eine neue Hetzjagd veranlaßt haben, wenn sich nicht ein Polizeimann – wie immer in solchen Fällen – als allerletzter eingefunden und Oliver am Kragen gepackt hätte.

»Heda, aufgestanden,« sagte der Polizist grob.

»Ich bin es doch nicht gewesen, Sir; wirklich, ich war es nicht. Es waren zwei andere Jungens,« rief Oliver entsetzt, die Hände faltend und verstört um sich blickend. »Irgendwo hier herum müssen sie sich versteckt haben.«

»Na, hier herum g'wiß nicht,« sagte der Polizeimann, und wenn er seine Worte auch ironisch meinte, so hatte er doch im allgemeinen recht, denn der Baldowerer sowie Charley Bates hatten sich längst absentiert. »Aufgestanden jetzt!«

»Tun Sie ihm nichts zu leide,« sagte der alte Herr mitleidig.

»Na na, davon kann ka Red sein,« antwortete der[70] Polizeimann und riß Oliver fast die Jacke vom Leib. »Marsch vorwärts, dich kenn' ich schon. Wirst gleich aufstehen, Diebslümmel.«

Mühsam erhob sich Oliver vom Boden und wurde am Kragen im schnellsten Tempo durch die Straße geschleift. Der alte Herr ging neben dem Polizisten her, und jubelnd begleitete sie die Gassenjugend zum Kommissariat.

Quelle:
Dickens, Charles: Oliver Twist. München 1914, S. 67-71.
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