Alfane

[237] Der Sultan wußte gar wohl, daß jeder junge Herr an seinem Hofe ein kleines[237] Häuschen habe; aber man berichtete ihm, daß auch einige Senatoren sich solcher Absteigequartiere bedienten, und das setzte ihn in Erstaunen. »Was machen sie da?« fragte er bei sich. Denn er wird in diesem Bande die Gewohnheit, mit sich selbst zu sprechen beibehalten, die er im ersten Bande angenommen hat. »Es scheint mir, ein Mann, dem ich die Ruhe, das Glück, die Freiheit und das Leben meines Volks vertraue, sollte kein geheimes Häuschen haben. Aber vielleicht ist das Häuschen eines Senators ein ganz ander Ding, als das eines Stutzers. Eine obrigkeitliche Person, die meiner Untertanen wichtigste Angelegenheiten in ihrer Obhut hat, die über das Los der Witwen und Waisen entscheidet, sollte der Würde ihres Standes und der Wichtigkeit ihres Amts vergessen? Und sollte sie, während ein redlicher Sachverwalter umsonst das Geschrei der Unterdrückten an ihre Ohren bringen läßt, unterdessen über den Ankauf wollüstiger Gemälde nachdenken, um die geheime Zuflucht ihrer Ausschweifungen damit auszuschmücken?[238] Das kann nicht sein! Doch muß ich mich überzeugen.«

So sprach er und stand in Alcanto. Dort lag das Häuschen des Senators Hippomanes. Er tritt hinein, durchläuft die Gemächer, prüft die Einrichtung. Alles scheint ihm wollustatmend. Agesilas, der weichlichste, sinnlichste seiner Hofleute, trieb die Üppigkeit nicht weiter. Schon wollt' er wieder gehen, unschlüssig, was er denken sollte; denn am Ende waren die Ruhebetten, die Spiegelzimmer, die Sofas mit Sprungfedern, die Ambradüfte wohlriechender Wasser und alles übrige doch nur stumme Zeugen dessen, was er gern erfahren möchte; als er eine dicke Person, auf ein Sofa gestreckt, in tiefem Schlummer liegen sah. Gegen die drehte er seinen Ring und erfuhr von ihrem Kleinod folgende Nachrichten:

»Alfane ist die Tochter eines Rechtsgelehrten. Wäre ihre Mutter früher gestorben, so befände ich mich nicht hier. Die unermeßlichen Reichtümer ihrer Familie sind der alten Närrin durch die Finger gegangen[239] und sie hat ihren vier Kindern beinahe nichts nachgelassen: dreien Söhnen und einer Tochter, deren Kleinod ich bin. Ach! das bin ich wohl zur Strafe für meine Sünden. Wie viel Schmach ich schon ausgestanden habe! Wie viel ich noch werde erdulden müssen! Die Welt sagt, ein Kloster schicke sich am besten für meiner Herrin Vermögen und Gestalt; aber ich fühlte sehr gut, es schickt sich nicht für mich. Ich zog die Kriegskunst dem Klosterleben vor, und ich machte meinen ersten Feldzug unter dem Emir Asalaf mit. Unter dem großen Nangasaki vervollkommnete ich mich. Aber ich ward des undankbaren Handwerkes überdrüssig, und vertauschte den Degen gegen das Richtergewand. Jetzt werd' ich also einem Schuft von Senator gehören, der sich seiner Verdienste rühmt, seines Witzes, seines Aussehens, seines Postzuges und seiner Ahnen. Ich erwarte ihn seit länger als einer Stunde. Er kommt wahrscheinlich noch, denn sein Kammerdiener hat mir gesteckt, es sei eine Grille von ihm, immer lange auf sich warten zu lassen.«[240]

So weit war Alfanens Kleinod, als Hippomanes hereintrat. Vom Geräusch seines Wagens und dem Gebell eines Windspiels, das sein Liebling war, erwachte Alfane. »Endlich finde ich Sie, meine Königin!« sagte der kleine Präsident. »Es kostet viel Mühe Ihrer habhaft zu werden. Sagen Sie doch, wie gefällt Ihnen mein Häuschen? Nicht wahr, es darf sich sehen lassen?«

»Alfane spielte die einfältige, die furchtsame, die verzweifelte, als hätten wir nie ein heimliches Häuschen gesehn,« sagte ihr Kleinod, »und als hätt' ich nie eine Rolle bei ihren Abenteuern gespielt.« Sie rief mit Tränen: »Herr Präsident, für Sie setz' ich alles aufs Spiel! Meine Leidenschaft muß mich schrecklich verblenden, daß ich die Gefahr nicht sehe, worin ich mich stürze. Was würde die Welt von mir sagen, wenn sie mich hier wüßte?«

»Sie haben recht,« antwortete Hippomanes. »Dies ist ein zweideutiger Schritt. Aber verlassen Sie sich auf meine Verschwiegenheit.«[241]

»Ich verlasse mich auch auf Ihre Bescheidenheit,« versetzte Alfane.

»Allerdings,« sagte Hippomanes grinsend, »werd' ich mich sehr bescheiden aufführen. Wer wird denn in einem heimlichen Häuschen sein und sich nicht fromm betragen? Straf mich Gott! Sie haben einen vollen Busen ...«

»Seien Sie doch artig,« antwortete Alfane, »Sie halten schon nicht Wort.«

»Ich will Wort halten,« erwiderte der Präsident, »aber Sie müssen mir auch Antwort geben. Wie gefällt Ihnen meine Einrichtung?« Dann wandte er sich gegen sein Windspiel: »Komm her, Favorite! Pfötchen, mein Liebling! Favorite ist ein gutes Tier. Wollen das Fräulein meinen Garten besehn? Die Aussicht von der Terrasse ist allerliebst. Es können mir zwar einige Nachbarn hineinsehn, aber denen sind Sie vielleicht nicht bekannt ...«

»Ich bin nicht neugierig, Herr Präsident,« antwortete Alfane empfindlich. »Mich deucht, wir sind hier besser.«

»Wie Sie befehlen,« versetzte Hippomanes.[242] »Sind Sie müde, so ist da ein Bett. Wenn Sie irgend Lust haben, so rate ich Ihnen, es zu versuchen. Die junge Asteria, die kleine Fenisse, verstehn sich auf dergleichen und versichern, es sei gut.« In diesem unverschämten Ton sprach Hippomanes zu Alfane, zog ihr das Gewand über die Schultern, schnürte ihr das Mieder auf, löste die Bänder von ihren Röcken und streifte von zwei dicken Füßen zwei kleine Pantoffel ab.

Alfane war beinahe nackend, als sie bemerkte, daß Hippomanes sie entkleide. »Was tun Sie da?« rief sie erschrocken. »Was fällt Ihnen ein, Präsident? Ich werde im Ernst böse.«

»O! meine Königin,« sagte Hippomanes, »wie könnten Sie gegen einen Mann böse werden, der Sie so liebt wie ich? So wunderlich können Sie nicht denken. Darf ich Sie bitten, sich in dieses Bett zu legen?«

»In dieses Bett?« versetzte Alfane. »Ach! Herr Präsident, Sie mißbrauchen meine Zärtlichkeit. Ich soll mich in ein Bett legen? Ich? in ein Bett?«[243]

»Nun, nun, meine Königin,« antwortete Hippomanes, »Sie sollen sich auch nicht von selbst hineinlegen; aber Sie erlauben schon, daß ich Sie hinführen darf, denn Sie begreifen wohl, daß ich bei Ihrer Figur keine Lust habe, Sie hinzutragen ...« Dennoch faßte er sie um den Leib und machte einen kleinen Versuch – »O, die wiegt!« sagte er. »Mein liebes Kind, wenn du dich nicht etwas leichter machst, so kommen wir nicht vorwärts!«

Alfane fühlte die Wahrheit dieser Worte, machte sich so leicht, wie sie konnte, und so gelang es ihr endlich, sich zu erheben und dem Bette, vor dem sie sich so sehr gefürchtet hatte, halb freiwillig, halb durch Hippomanes gezogen, näher zu treten. Dabei stammelte sie geziert: »Wahrhaftig! ich war wohl nicht gescheit, hierher zu kommen. Ich rechnete auf Ihre Bescheidenheit, und Sie sind so unerhört ausgelassen.«

»Keineswegs,« antwortete der Präsident, »keineswegs! Sie sehn wohl, ich beobachte stets den Anstand, strengsten Anstand.«[244]

Vielleicht sagten sie sich noch tausend artige Sächelchen. Aber der Sultan hielt nicht für ratsam, ihrem Gespräch länger zuzuhören, und so ging es für die Nachwelt verloren. Das ist schade!

Quelle:
Denis Diderot: Die geschwätzigen Kleinode. München 1921, S. 237-245.
Lizenz:

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Unsühnbar

Unsühnbar

Der 1890 erschienene Roman erzählt die Geschichte der Maria Wolfsberg, deren Vater sie nötigt, einen anderen Mann als den, den sie liebt, zu heiraten. Liebe, Schuld und Wahrheit in Wien gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

140 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon