Die Wette

[229] Seit Mangogul Cucufas Zaubergeschenk erhalten hatte, waren die Lächerlichkeiten und Laster der Weiber der ewige Gegenstand seines Spottes. Darin konnte er sich gar nicht genug tun, und das langweilte die Favorite oftmals. Aber Langeweile brachte bei der Sultanin, sowie bei sehr vielen andern Damen zwei grausame Wirkungen hervor: sie ward verdrießlich und mischte Bitterkeit in ihre Reden. Dann wehe denen, die ihr zu nahe kamen; sie machte keinen Unterschied und verschonte selbst den Sultan nicht.

»Gnädigster Herr,« sagte sie eines Tages in solch einem Anfall von Verdruß, »Sie wissen so vieles, aber vielleicht wissen Sie nicht die Neuigkeit des Tages.« – »Was wäre das?« fragte der Sultan. – »Man sagt, Ihre Hoheit lernten alle Morgen drei[229] Seiten Histörchen aus Brantôme oder Quville: denn noch ist man nicht einig, welches klassische Werk bei Ihnen den Vorzug hat.« – »Man irrt sich, Madam,« sagte Mangogul, »ich lese meinen Crébillon ...« – »O Sie dürfen sich jener Leserei nicht schämen,« unterbrach ihn die Favorite. »Die neuen Bosheiten, die man über uns schreibt, sind so geschmacklos, daß man weit besser tut, die alten aufzuwärmen. Es stehn wahrlich sehr hübsche Sachen in diesem Brantôme: verbinden Sie mit diesen Geschichten drei oder vier Kapitel aus Bayle, und Sie werden sich augenblicklich ebensowitzig finden, als den Marquis D .... und den Chevalier de Mouhi. Das würde eine erstaunliche Mannigfaltigkeit in Ihre Unterhaltung bringen. Wenn Sie die armen Weiber ganz in die Pfanne gehauen hätten, so würden Sie auf die Pagoden verfallen, von den Pagoden kämen Sie auf die Weiber zurück. Wahrlich, Ihnen fehlt nichts als eine kleine Sammlung Gotteslästerungen, um ein vollkommen guter Gesellschafter zu sein.«[230]

»Sie haben ganz recht, Madame,« antwortete Mangogul, »und ich werde sie mir kommen lassen. Wer in dieser und jener Welt nicht betrogen sein will, kann gegen die Macht der Pagoden, die Rechtschaffenheit der Männer und die Sittsamkeit der Weiber nicht genug auf seiner Hut bleiben.«

»Diese Sittsamkeit,« versetzte Mirzoza, »ist nach Ihrer Meinung also wohl etwas Zweideutiges?« »Weit mehr, als Sie glauben,« antwortete Mangogul.

»Fürst,« erwiderte Mirzoza, »Sie haben mir Ihre Minister hundertmal als die rechtschaffensten Männer von Congo angepriesen. Ich habe die Lobreden auf Ihren Seneschall, auf die Statthalter Ihrer Provinzen, auf Ihre Geheimschreiber, auf Ihren Schatzmeister, kurz auf alle Ihre Staatsdiener, so oft anhören müssen, daß ich sie Ihnen Wort für Wort wiederholen kann. Es ist sonderbar, daß der Gegenstand Ihrer Zuneigung, unter allen, die die Ehre haben, sich Ihnen zu nähern, allein von Ihrer guten Meinung ausgeschlossen sein soll.«[231]

»Wer hat Ihnen das gesagt?« versetzte der Sultan. »Bedenken Sie doch, Madame, daß alles, was ich Wahres oder Falsches von den Weibern behaupte, Sie nichts angeht; Sie müßten sich denn einfallen lassen, Ihr ganzes Geschlecht darzustellen.«

»Das wollt' ich der gnädigen Frau nicht raten,« sagte Selim, der bei dem Gespräch zugegen war, »dabei könnte sie nichts gewinnen als Fehler.«

»Ich nehme keine Schmeichelei an,« erwiderte Mirzoza, »die man auf Kosten meines Geschlechts macht. Wer mich loben will, muß keine andre deswegen herabsetzen. Die meisten schönen Worte, die man an uns verschwendet, gleichen den kostbaren Festen, die Ihrer Hoheit Paschas Ihnen geben: das Publikum muß sie immer bezahlen.«

»Reden wir nicht davon,« sprach Mangogul. »Aber gestehen Sie aufrichtig, sind Sie noch nicht überzeugt, daß die weibliche Tugend in Congo ein Hirngespinst sei? Sehn Sie nur, Wonne meines Lebens, auf die heutige Erziehung, auf das[232] Beispiel, das die jungen Mädchen von ihren Müttern erhalten, auf das Vorurteil, das man einer hübschen Frau beibringt, als führe sie ein trauriges Leben, als sterbe sie vor Langeweile und begrabe sich lebendig, wenn sie sich fein zu Hause hält, um die Wirtschaft bekümmert und nur für ihren Mann da ist. Und dann sind wir Männer so unternehmend, und ein junges Kind ohne Erfahrung ist außer sich vor Freuden, daß ihr jemand nachstellt. Ich habe behauptet, sittsame Weiber wären selten, außerordentlich selten: und so weit bin ich entfernt, das zurückzunehmen, daß ich gern hinzusetze, es ist zu verwundern, daß sie nicht noch seltener sind. Fragen Sie Selim, was er davon denkt.«

»Fürst,« antwortete Mirzoza, »Selim ist unserem Geschlecht zu viel Dank schuldig, um es ohne Erbarmen zu verlästern.«

»Gnädige Frau,« sagte Selim, »Seine Hoheit konnte unmöglich eine Dame unerbittlich finden, und muß also natürlicherweise so von den Weibern denken, wie er denkt. Sie aber haben die Güte, andre[233] nach sich zu beurteilen, und können also keine andre Meinung haben, als die Sie verteidigen. Ich muß indessen gestehn, ich bin geneigt zu glauben, daß es verständige Frauenzimmer gibt, denen die Vorzüge der Tugend aus Erfahrung bekannt sind, und denen ihr Nachdenken die unangenehmen Folgen eines Fehltritts gezeigt hat. Sicherlich finden sich Frauenzimmer, glücklich organisiert und wohlerzogen, die ein Gefühl für ihre Pflicht haben, zu lieben, und nie von ihr ablassen werden.« »Was brauchen wir uns in Abstraktionen zu verlieren?« setzte die Favorite hinzu, »ist nicht die lebhafte, liebenswürdige, reizende Aglae gleichzeitig ein Muster von Sittsamkeit? Fürst, daran können Sie nicht zweifeln, ganz Banza weiß es aus Ihrem Munde. Gibt es aber eine sittsame Frau, so mag es ihrer tausend geben.«

»O!« sagte Mangogul, »gegen die Möglichkeit hab' ich nichts einzuwenden.«

»Gestehn Sie diese Möglichkeit ein,« versetzte Mirzoza, »wer offenbart Ihnen dann, daß sie nicht wirklich vorhanden sind?«[234]

»Niemand als ihr Kleinod,« antwortete der Sultan. »Ich gebe allerdings zu, dieses Zeugnis ist minder stark als Ihr Beweisgrund. Ich will zum Maulwurf werden, wenn Sie den nicht einem Brahminen ablernten! Lassen Sie den Kaplan der Manimonbonda rufen, und er wird Ihnen sagen, daß Sie mir das Dasein der sittsamen Frau ungefähr ebenso bewiesen haben, wie die Brahminologie das Dasein Brahmas beweist. Wurden Sie vielleicht in dieser erhabnen Schule erzogen, ehe Sie in den Harem kamen?«

»Bitte, keine schlechten Scherze,« erwiderte Mirzoza. »Ich berufe mich ja nicht bloß auf die Möglichkeit, sondern auf eine Tatsache der Erfahrung.«

»Ja,« fuhr Mangogul fort, »auf eine verstümmelte Tatsache, auf eine Erfahrung, die einzeln dasteht. Und ich habe eine Menge Versuche für mich, die Ihnen bekannt sind. Aber ich will Ihren Unwillen durch langen Widerspruch nicht vermehren.«

»Es ist ein Glück,« sagte Mirzoza verdrießlich,[235] »daß Sie nach Verlauf von zwei Stunden müde werden, mich zu verfolgen.«

»Hab' ich diesen Fehler begangen,« antwortete Mangogul, »so will ich versuchen, ihn wieder gut zu machen. Ich begebe mich aller meiner vergangenen Siege, Madame, und findet sich in der Reihe der Prüfungen, die ich noch anstellen werde, eine einzige Frau, die wahrhaftig und anhaltend sittsam ist ...« – »Was wollen Sie dann tun?« unterbrach ihn Mirzoza hastig.

»So werde ich, wenn Sie wollen, öffentlich bekanntmachen, daß mich Ihr Beweis über die Möglichkeit sittsamer Weiber entzückt; so unterstütz' ich Ihre Logik mit aller Macht; so schenk ich Ihnen mein Lustschloß Amana nebst allem sächsischen Porzellan, womit es geziert ist, ohne den emaillierten Wickelschwanzaffen auszunehmen und all den übrigen Kram dazu, den ich von Madame de Véru gekauft habe.«

»Fürst, ich werde mich mit dem Porzellan des Schlosses und dem kleinen Wickelschwanzaffen begnügen.«

»Es gilt,« sagte Mangogul, »Selim sei[236] Schiedsrichter. Ich verlange nur einige Zeit, um selbst Aglaens Kleinod zu befragen. Man muß doch der Hofluft und der Eifersucht des Mannes etwas Zeit lassen zu wirken.«

Mirzoza gestand dem Sultan einen Monat zu; er hatte nur halb so viel begehrt, und beide schieden voller Hoffnung voneinander. Ganz Banza hätte für und wider sie gewettet, wenn des Sultans Versprechen ruchbar geworden wäre. Aber Selim schwieg, und Mangogul schickte sich heimlich an, zu gewinnen oder zu verlieren. Er verließ eben das Gemach der Favorite, als sie ihm aus dem Zimmer nachrief: »Fürst ...! Und den kleinen Wickelschwanzaffen!« »Und den kleinen Wickelschwanzaffen,« antwortete Mangogul, indem er sich entfernte. Er begab sich von da in das kleine Haus eines Senators, wohin wir ihm folgen.

Quelle:
Denis Diderot: Die geschwätzigen Kleinode. München 1921, S. 229-237.
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