Der Traumdeuter

[315] »Edler Herr,« sprach die Favorite zu Bloculocus, »Sie müssen mir noch einen Gefallen erweisen. In der letzten Nacht sind mir eine Menge merkwürdige Dinge durch meinen Kopf gegangen. Es war ein[315] Traum, aber, Gott weiß, welch ein Traum! Man versichert mir, Sie wären der erste Traumdeuter von Congo. Sagen Sie mir also geschwind, was dieser bedeutet!« und sogleich erzählte sie ihren Traum.

»Madam,« antwortete Bloculocus, »ich verstehe mich leider nur schlecht auf die Oneirokritik.«

»O, verschonen Sie mich gefälligst mit allen Kunstworten!« rief die Favorite. »Lassen Sie die Wissenschaft beiseite und reden Sie vernünftig.«

»Wie Ihro Gnaden befehlen,« antwortete Bloculocus. »Ich habe einige sonderbare Vermutungen über die Träume; ihnen allein verdank' ich vielleicht die Ehre, Sie zu unterhalten und den Beinamen ›Sonderbarer Schwärmer‹. Diese Vermutungen will ich Ihro Gnaden so deutlich darzulegen suchen als möglich.

Ihro Gnaden wissen,« fuhr er fort, »was die meisten Philosophen und die Leute, die ihnen nachsprechen, darüber auskramen. ›Die Gegenstände,‹ sagen sie, ›die uns bei Tage besonders aufgefallen sind, beschäftigen[316] unsere Seele auch in der Nacht. Die Spuren, die sie beim Wachen den Fasern unseres Gehirns eindrücken, dauern fort. Die Lebensgeister sind gewohnt, sich an gewisse Orte zu begeben, und folgen der Bahn, die ihnen geläufig ist. Daher entstehen die unwillkürlichen, angenehmen oder unangenehmen Vorstellungen.‹ Diesem System zufolge sollte man glauben, ein begünstigter Liebhaber müsse auch durch seine Träume gut bedient werden. Doch trifft es sich zuweilen, daß eine Person, die im Wachen nicht unmenschlich gegen ihn ist, ihn im Schlafe behandelt wie einen Neger, oder daß er statt eines reizenden Frauenzimmers ein kleines ungestaltes Ungeheuerchen in seinen Armen hält.«

»So ging es mir gerade in vergangener Nacht,« unterbrach ihn Mangogul. »Denn ich träume beinahe jede Nacht. Das ist eine Familienkrankheit; wir träumen alle von Vater auf Sohn, seit dem Sultan Togrul, der ums Jahr 743500000002 zuerst zu träumen anfing. Nun, vergangene Nacht sah ich Sie, Madam,« sprach er zur[317] Favorite. »Es waren Ihre Hand, Ihre Arme, Ihr Busen, Ihr Hals, Ihre Schultern, dieses feste Fleisch, dieser schlanke Wuchs, diese unvergleichliche Rundung, kurz, Sie selbst waren es; nur daß statt des reizenden Gesichts, statt des anbetungswürdigen Kopfes, den ich suchte, ich mit der Nase an die Schnauze eines Möpschens stieß.

Ich fing schrecklich an zu schreien. Kotulk, mein Kammerherr, lief herbei und fragte, was mir fehlte. ›Mirzoza‹, antwortete ich ihm im Halbschlaf, ›hat die scheußlichste Verwandlung erlitten. Sie ist ein Mops geworden.‹ Kotulk fand nicht für gut, mich vollends munter zu machen, ging wieder zurück, und ich schlief wieder ein. Aber das kann ich Ihnen versichern, ich erkannte Sie ganz genau. Sie, Ihren Körper und den Hundskopf. Wird mir nun Bloculocus das Phänomen erklären können?«

»Daran zweifle ich nicht,« antwortete Bloculocus, »wenn mir Ihre Hoheit ein sehr einfaches Prinzip zugeben. Alle Wesen, behaupt' ich, stehen in unendlich[318] mannigfacher Beziehung zueinander durch die Eigenschaften, die sie gemeinschaftlich besitzen: und die Vereinigung gewisser Eigenschaften ist das bestimmende und unterscheidende Kennzeichen des einzelnen.«

»Das ist klar,« antwortete die Favorite. »Ipsifile hat Füße, Hände und einen Mund wie eine geistvolle Frau.« »Und Phararmome,« setzte Mangogul hinzu, »trägt seinen Degen wie ein tapfrer Mann.«

»Ist man nicht hinlänglich unterrichtet, welche Eigenschaften sich vereinigen müssen, um diese oder jene Gattung zu bilden, oder schließt man zu voreilig, eine solche Verbindung finde bei diesem oder jenem einzelnen Wesen statt oder nicht statt, so läuft man Gefahr, Kupfer für Gold zu halten, geschliffenes Glas für Edelsteine, einen Kalkulator für einen Geometer, einen Wortkrämer für einen Schöngeist, Citron für einen anständigen Menschen ...« »Und Fatime für eine hübsche Frau,« setzte die Sultanin hinzu.

»Wissen Ihro Gnaden,« fragte Bloculocus,[319] »was man den Leuten vorwerfen könnte, die solche Urteile fällen?«

»Daß sie im Wachen träumen,« antwortete Mirzoza. »Sehr wohl, gnädige Frau; und bei tausend Vorfällen gibt es keinen philosophischeren, logisch richtigeren Ausdruck, als die gewöhnliche Redensart: ich glaube, Sie träumen. Denn nichts ist so gewöhnlich, als daß Menschen sich einbilden, Vernunftschlüsse aufzubauen, die doch nichts tun, als mit offenen Augen zu träumen.«

»Bei denen trifft es wohl buchstäblich ein,« unterbrach ihn die Favorite, »daß dies ganze Leben nur ein Traum ist.«

»Ich kann nicht genug bewundern,« versetzte Bloculocus, »mit welcher Leichtigkeit Ihro Gnaden die abstraktesten Begriffe erfassen. Unsre Träume sind nichts als übereilte Schlüsse, die unglaublich rasch aufeinander folgen, Dinge vereinigen, welche nur in sehr fernen Beziehungen zueinander stehen und dadurch ein abenteuerliches Ganze zusammensetzen.«

»O, wie gut ich Sie verstehe,« sagte Mirzoza.[320] »Das gibt denn so eine Art Mosaikarbeit, deren zusammen gebrachte Stücke mehr oder weniger zahlreich, mehr oder weniger regelmäßig sind, je lebhafter der Geist, je rascher die Einbildungskraft, je treuer das Gedächtnis ist. Sollte die Verrücktheit nicht die nämliche Ursache haben? Und wenn ein Bewohner des Irrenhauses schreit, daß er Blitze sieht, daß er den Donner rollen hört, daß sich Abgründe unter seinem Fuß eröffnen; oder wenn eine alte Jungfer, vor ihrem Spiegel sitzend, sich selber Beifall zulächelt, ihre Augen lebhaft, ihre Gesichtsfarbe blühend, ihre Zähne blendend weiß und den Mund klein findet: betrachten dann nicht beide gestörten und durch entfernte Beziehungen getäuschte Hirne eingebildete Dinge für wahr und wirklich?«

»Ja, gnädige Frau,« antwortete Bloculocus, »das ist der Fall. Wer einen Narren genau beobachtet, der findet, daß sein Zustand nur ein fortdauernder Traum ist.«

»Ich selbst habe einige Erfahrungen gemacht,« sagte Selim und wandte sich gegen[321] Bloculocus, »auf die Ihre Grundsätze sich wunderbar anwenden lassen, und das bestimmt mich, sie anzunehmen. Einmal träumte mir, ich hörte wiehern und sähe aus der großen Moschee zwei Reihen sonderbarer Tiere nebeneinander herausgehen: sie stolzierten sehr gewichtig auf den Hinterpfoten; ihre Schnauzen waren in Kappen gehüllt, aus deren Löchern oben ein Paar langer, beweglicher, haariger Ohren heraussahen, und lange Ärmel umhüllten ihre Vorderfüße. Damals quält' ich mich sehr, einige Bedeutung dieser Erscheinung beizumessen; jetzt erinnere ich mich, daß ich den Abend vorher auf Montmartre gewesen war.

Ein andermal befand ich mich im Felde, wo der Großsultan Erguebzed in Person das Heer anführte. Ich schlief, ermüdet nach einem anstrengenden Marsche, in meinem Zelt, als es mir vorkam, ich habe beim Diwan die Entscheidung eines wichtigen Rechtsstreites zu betreiben. Eben wollt' ich mich dem Rate der Regentschaft vorstellen, aber denken Sie, wie ich erschrak.[322] Ich fand den Saal voller Raufen, Krippen, Freßtröge und Hühnerbauer. Im Lehnstuhl des Groß-Seneschalls saß ein wiederkäuender Ochse; auf dem Platze des Seraskiers ein Hammel aus der Barbarei; auf der Bank des Teftesdar ein Geier mit krummem Schnabel und langen Klauen; an der Stelle des Kiaja und Kadilesker zwei große Eulen im Pelzmantel und statt der Wesire Gänse mit Pfauenschweifen. Ich überreichte mein Gesuch und hörte in dem Augenblick ein verzweifeltes Gekrächze, wodurch ich erwachte.«

»Der Traum ist wohl recht schwer zu entziffern?« sagte Mangogul. »Sie hatten gerade damals dem Diwan etwas vorzutragen und gingen, ehe Sie sich dahin begaben, durch das Tierhaus. Aber ich, Herr Bloculocus, wie steht's mit meinem Hundekopf?«

»Es ist hundert gegen eins zu wetten,« sagte Bloculocus, »daß Sie an der gnädigen Frau oder an einer Dame, die Ihre Augen auf sich zog, einen Kragen mit Zobelschwänzen bemerkt hatten, und daß Ihnen[323] die Möpse zum erstenmal aufgefallen waren. Beide Gegenstände sind einander zehnmal näher verwandt, als nötig ist, um die Seele zur Nachtzeit zu beschäftigen. Die Ähnlichkeit der Farbe verwandelte bei Ihnen einen Pelzkragen in einen Tierhals, und sogleich setzten Sie eine häßliche Hundeschnauze an die Stelle eines sehr schönen Damenkopfes.«

»Ihr System scheint mir begründet,« antwortete Mangogul, »warum lassen Sie es nicht drucken? Es könnte zur Beförderung der Traumkunde beitragen, einer wichtigen Wissenschaft, die man vor zweitausend Jahren sehr pflegte und seitdem zu sehr vernachlässigt hat. Ein andrer Vorzug Ihrer Lehre ist der, daß sie über viele alte und neuere Werke Licht verbreiten würde, die nichts als ein Traumgewebe sind: z.B. über Platos Abhandlung von den Ideen, über die Fragmente des Hermes Trismegistos, über die literarischen Parodoxen des Paters N ..., über den Newton, über die Optik der Farben und über die Universalmathematik eines[324] gewissen Brahminen. Könnten Sie uns zum Exempel nicht sagen, Herr Seher, was Guallonorone an jenem Tage gesehen hatte, als er seine Hypothese erträumte? was dem Pater C ... geträumt hatte, als er sich anschickte, seine Farbenlehre zu fabrizieren, und was Cleobul für einen Traum gehabt hatte, als er seine Tragödie verfaßte?«

»Dahin hoffe ich es durch Nachsinnen zu bringen, gnädigster Herr,« antwortete Bloculocus. »Aber ich erspare diese heiklen Phänomene bis auf die Zeit, wo ich dem Publikum meine Übersetzung des Philoxenus vorlegen werde, deren Privileg ich mir von Eurer Hoheit erbitte.«

»Sehr gern,« sagte Mangogul, »aber wer ist der Philoxenus?« – »Fürst,« antwortete Bloculocus, »es ist ein griechischer Schriftsteller, der sich ungemein wohl auf Träume verstand.« – »Sie verstehn also Griechisch?« – »Keineswegs, gnädigster Herr.« – »Sie übersetzen doch den Philoxenus, der griechisch geschrieben hat?« – »Ja, gnädigster Herr, aber was braucht[325] man eine Sprache zu verstehn, um sie zu übersetzen? Man übersetzt ja nur für Leute, die sie nicht verstehn.«

»Das ist vortrefflich,« sagte der Sultan. »Also, Herr Bloculocus, fahren Sie fleißig fort, aus dem Griechischen zu übersetzen, das Sie nicht verstehn. Ich verspreche Ihnen, ich will es niemand wiedersagen und Sie deswegen nicht minder hochschätzen.«

Quelle:
Denis Diderot: Die geschwätzigen Kleinode. München 1921, S. 315-326.
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