2.

[147] Jüngstens ist im Hoftheater

Unsrem lieben Landesvater

Folgendes Malheur passiert,

Wie die Chronik referiert.


Durch die fürstliche Lorgnette

Blickend von gewohnter Stätte,

Fand der adlersicht'ge HErr

Einen Fremdling im Parterr.


War kein Kerl wie andre Fremde,

Trug ein blaugestreiftes Hemde

Und ein tricolores Tuch, –

Gründe zum Verdacht genug!


Sein Gesicht von roter Farbe

Zeigte eine breite Narbe,

Und der rundgezogne Bart

Schien verpönter Hambachs-Art.
[148]

Auf der Stirne böse Falten,

Aber doch zurückgehalten,

Fragt der HErr den Kammerherr,

Wer der Fremdling im Parterr?


Und der Kammerherr schickt's weiter

An des Fürsten Leibbereiter,

An den Rat und Adjutant –

Keiner hat den Kerl gekannt.


In den Logen ersten Ranges

Hob darauf ein leises, banges,

Scheues Flistern ringsum an,

Alles für den fremden Mann.


»Durchlaucht spricht von Propagande,

Fort mit ihm aus unsrem Lande,

Weh ihm, wenn in Tagesfrist

Er noch hier zu finden ist!«


So ein Polizei-Beamte,

Welchen heil'ger Zorn entflammte,

Aber Durchlaucht winkte still,

Daß er's selber ordnen will.


Seiner Diener schickt er einen,

Vor dem Fremdling zu erscheinen

Und zu fragen frank und frei,

Wer, woher und was er sei?


Nach minutenlangem Harren,

Ängstlichem Hinunterstarren,

Kommt mit klug verschwiegnem Blick

Der Lakai zum HErrn zurück.


»Durchlaucht! dieser Fremdling,« spricht er,

»Nennt sich Johann Jacob Richter,

Macht in Senf für eignes Haus« – –

– »Stille!« – Und der Spuk war aus!

Quelle:
Franz von Dingelstedt: Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters, Tübingen 1978, S. 147-149.
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Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
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