Überall und Nirgends

[167] Keine Romanze.


Ein Königreich hab' ich gesehen,

So eins gibt's auf der Welt nicht mehr:

Mit offnem Munde blieb ich stehen,

Und sah und staunte rings umher.


Das war ein Wohlsein allerwegen

In Haus und Hof, zu Stadt und Land,

Ein rechter reicher Gottes-Segen,

Wie ihn mein Auge nirgends fand.


Die Straßen statt von Kriegsmilizen

Waren von Bürgern reich belebt,

Der Hafen hat von Mastenspitzen,

Von Rädern die Chaussée gebebt.


Von Polizei- und Amts-Verboten,

Von Maut-Tarif und Brückengeld,[168]

Schlagbaum und andren Schwerenoten

War auch nicht eine ausgestellt.


Und drinnen? – O da hat ein Glaube

Ganz ohne Pfaff und Priesterstand

Leuchtend, wie einst des Geistes Taube,

Geschwebt ob dem beglückten Land.


Und keine Spur von Mystizismus,

Von Dunkelmänner-Muckerei,

Selbst Luthertum, Katholizismus

Und Gar-Nichts galt für einerlei!


Und Schrift und Wort war freigegeben,

Die Presse seufzte Tag und Nacht,

Jedwede Kraft und jedes Streben,

Wenn echt, ward wirksam auch gemacht.


Vom König war nicht viel zu sehen,

Und doch schien er an jedem Ort,

Und wollt' er wo zu Fuße gehen,

Trug man ihr auf den Händen fort.


Die Stände zeigten so viel Dummheit,

Als guten Ständen nötig tut,

Mehr Rührigkeit und minder Stummheit

Und just den rechten Redemut.


Mätressen gab es und Spione

Als Rarität ein Paar im Land,

Und für die Zeitung der Barone

Im Tollhaus einen Pränumerant.


Und Freiheit lag und grüner Friede

Und Überfluß und Lebenslust

Wie eine blitzende Ägide

Gar herrlich ob des Reiches Brust.


Die Dichter sangen wie sie wollten,

Der eine hart, der andre weich,

Und keiner ward darum gescholten,

War er nicht einer Schule gleich.
[169]

Noch hatt' ich, ganz in Schaun verloren,

Des Besten Laute still gelauscht,

Als plötzlich, dicht vor meinen Ohren,

Ein fremder Klang vernehmlich rauscht.


Ich – wachte auf – .. Wo? – Im Gefängnis,

Vom Klirrn der Kett' an meinem Fuß ...

O unglückseliges Verhängnis!

Daß man auch stets erwachen muß!


Vor meinem Fenster stund das Gitter

So fest wie früher in der Mauer,

Und über mir sang – ohne Zither! –

Ein Strauchdieb seinen Gassenhauer.

Quelle:
Franz von Dingelstedt: Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters, Tübingen 1978, S. 167-170.
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Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters (Deutsche Texte)

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