4

[661] Schon am nächsten Morgen brachte die Staatszeitung folgende Notiz: »Wir erhalten soeben die Bestätigung unserer an dieser Stelle bereits ausgesprochenen Vermutung, daß der geachtete Beamte, Herr Andreas Muth, der Verfasser der letzten Novität unseres Hoftheaters, des Schauspiels Marc Aurel, sei. Der sittliche Gehalt des Stückes dürfte ihm trotz eines gewissen Mangels an dramatischem Leben und an theatralischer Wirkung noch einige Zeit hindurch die Teilnahme des Publikums erhalten.

Das liberale Herrenhausmitglied, das gestern allgemein als der Urheber des in Rede stehenden Schauspiels genannt wurde, ist somit von dem Verdachte losgesprochen, eine neue Probe der Vielseitigkeit, die er so oft auf politischem Felde gab, auch auf poetischem Gebiete abgelegt zu haben.«

»Unserer ausgesprochenen Vermutung«, sagte Seydelmann, nachdem er seinen Beamten diese Notiz vorgelesen hatte. »Sehen Sie den Schalk! Gestern vermutete er etwas ganz anderes. Aber das leugnet er heute rundweg ab.«

»Natürlich!« rief der Sekretär – »und er muß es tun. Das fordert seine journalistische Ehre.«[661]

»Wieso?« fragte Seydelmann und sah den Untergebenen scharf über die Achsel an, worauf dieser ein wenig verlegen schwieg.

»Mir ist es fürchterlich«, sprach Andreas, »daß Herr Salmeyer diese Gelegenheit zu einem neuen Ausfall gegen den Grafen von Auwald benützte.«

»Gegen solche Ausfälle wird der wohl gepanzert sein«, spottete der Rat – er hatte heute seinen widerspruchslustigen Tag. – »Was liegt einem Manne, wie er ist, an dergleichen Plänkeleien? – Übrigens – was kümmert Sie der Graf?«

»Was?...« Andreas geriet in Verwirrung.

»Oder kümmert er Sie?« fuhr Seydelmann fort und achtete nicht der angstvoll ablehnenden Gebärde des Angeredeten. - »Nun, wenn Sie in Verbindung mit ihm stehen, werden Sie wohl wissen, ob er genug großer Herr ist, um solche Angriffe zu ignorieren, oder genug kleiner Dichter, um Notiz von ihnen zu nehmen.«

Sein Blick ruhte forschend und unerbittlich auf dem Unglücklichen, der aussah wie ein Bild der Bestürzung und der ertappten Schuld.

»Ich stehe in keiner Verbindung mit dem Herrn Grafen«, sprach Andreas endlich.

»Nicht? – Dann ist jedenfalls der Anteil, den Sie an ihm nehmen, sehr merkwürdig. Gehen Sie gefälligst an Ihre Arbeit.«

Einige Kollegen Muths besuchten die nächste Aufführung des »Marc Aurel« und erklärten, das Schauspiel sei »recht gut gemacht« und hätte »eine schöne Sprache«. Nur zwei alte kleine Beamte schüttelten den Kopf und fanden es denn doch – man möge über seine vorgebliche Tendenzlosigkeit sagen, was man wolle – gar zu radikal.

Eine Woche lang unterhielt man sich im Büro damit, vor Andreas den Namen »Auwald« bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit auszusprechen, und ergötzte sich an der Verlegenheit, in die er jedesmal kam. Doch auch dieser Scherz verlor allmählich seine Wirkung auf die Lachlust der Beamten und geriet endlich in Vergessenheit.

In Andreas hatte sich seit der Aufführung seines Stückes eine[662] große Wandlung vollzogen. Wenn er jetzt sein Stübchen betrat, begrüßte ihn der Frieden nicht mehr, den er sonst dort gefunden hatte. Unruhig ging er auf und ab, blieb vor dem Bilde der Gräfin von Auwald stehen und sah es wehmütig an. Seine Schaffenslust war dahin, denn der Glaube an sein Talent war dahin. Er täuschte sich darüber nicht – ein Mißverständnis hatte sein Werk auf die Bühne gebracht, und als er es dort erblickte, schien es nur ein Schatten seines eigenen Gebildes. Die Umrisse fand er wieder, aber wo blieb die Farbe und das Leben?

Das Können macht den Künstler, nicht das Wollen, und sein Können war weit zurückgeblieben hinter seinem Wollen. In seinem Herzen wallten die Feuerwogen der heißen Empfindung, sein Auge war allem Schönen geöffnet, sein Geist geadelt durch den Umgang mit den edelsten Geistern der Vergangenheit, an ihnen hatte sein Geschmack sich geläutert und herangebildet, aber ihm fehlte die Macht zu sagen, was er fühlte.

Sein Schauspiel war dreimal aufgeführt und dann zu den Toten geworfen worden. Als er es nicht mehr auf dem Repertoire angesetzt fand, atmete er erleichtert auf und dachte: Es ist überstanden!

In seinem Dienste war er eifriger denn je, erfinderisch in Aufmerksamkeiten gegen seine Kollegen, der erste und der letzte in der Kanzlei. Ihm schien, als hätte er etwas gutzumachen, als müsse er beweisen, daß, wenn er auch getan, was sich eigentlich für einen Beamten nicht schickt, er dennoch sein Amt mit Eifer versehe und das Brot des Staates nicht umsonst esse.

»Sie reiben sich auf«, sprach eines Tages der Rat zu ihm.

»Es ist mir ein Vergnügen, Euer Hochwohlgeboren«, erwiderte Andreas.

»Dabei sehen Sie aber sehr übel aus«, meinte Seydelmann und ließ die Einwendung, daß Andreas sich vollkommen wohlfühle, nicht gelten.

»Eine kleine Erholung täte Ihnen not, und die können Sie sich gönnen. Gehen Sie aufs Land, Sie haben die Mittel dazu. Die Hoftheaterdirektion hat Ihre Tantieme, da man dort Ihre Adresse nicht kennt, auf das Büro geschickt. Sie beträgt dreihundert Gulden. Quittieren Sie.«

Andreas traute seinen Ohren nicht. Eine solche Summe sein?[663] ... Sein eigen dreihundert Gulden! ... Ein Reichtum, von dem er nie geträumt, der ihm vom Himmel fiel. –

»Dreihundert Gulden!!«

»Was überrascht Sie denn so sehr?« fragte der Rat, »ich glaube wahrhaftig, Sie haben an die Tantieme gar nicht gedacht.«

»Ich muß gestehen, nein«, antwortete der Poet ganz beschämt.


Es ist doch eine eigene Empfindung, mit einem kleinen Vermögen in der Tasche das Büro zu verlassen, das man betreten hat so arm wie eine Kirchenmaus!

Aufs Land soll er gehen? – Warum nicht? – Er nimmt seinen Täufling mit, den kleinen Jungen Zieglers. Das Kind kränkelt ohnehin beständig, es wird sich in guter Luft erholen und kräftigen. Sie können die Osterferien zusammen in den Bergen zubringen, in den schönen Bergen, von denen Andreas soviel gehört, gelesen, die er aber niemals gesehen hat.

Und dann: im Haushalte des Freundes ist so manches der Erneuerung bedürftig – und im eigenen erst!... Was stände dem alten Lehnsessel wohl besser als ein neuer Überzug? Ein brauner oder vielleicht – ein grüner? Braun ist gediegen und paßt im Grunde besser zu dem schwerfälligen Charakter des biederen Ruhespenders. Freilich macht sich grün gar so freundlich, und wer weiß? – Nun, man kann's ja überlegen.

Was sich Andreas jedenfalls gönnen wird, das ist eine Auffrischung seiner kleinen Bibliothek. Einen neuen Horaz vor allem, in dem seinen kann er, weil das Papier so grau und der Druck so schlecht ist, bei Lampenlicht nicht mehr lesen.

Neben diesen soliden Wünschen taucht plötzlich ein frivoler auf. Sein Winterüberzieher, der Kastor, der ist doch schon sehr gebraucht, und die Nähte nehmen sich in dem dunkelhaarigen Grund wie regulierte Flüsse aus mit flachgetretenen Ufern.

Ein neuer Überrock täte not. Es war Andreas recht peinlich, daß er seinen Kastor angehabt hatte, als er der Gräfin zum letztenmal begegnete. Als ein Mann in beschränkten Lebensverhältnissen mag er ihr erscheinen, aber nicht notleidend und bettelhaft.[664]

Ach, schon der Gedanke an alle die kleinen Behaglichkeiten, mit denen er sich umgeben wird, ist ein Glück. Er steht im Begriffe kennenzulernen, was ihm fremd geblieben war von Jugend auf: – den Wohlstand! – Wohlstand, trauliches Wort!... Wie viele kleine Freuden bedeutet es – wie stellt der Wohlstand seinen Mann so frei und unabhängig hin, mehr als unabhängig, der Wohlstand heißt nicht nur: Ich brauche nichts, sondern auch: Ich kann geben!

Mehrere Tage hindurch beschäftigte sich Andreas mit dem Vorgenusse seiner künftigen Erwerbungen, und die Sehnsucht nach Erfüllung der Wünsche, die er noch vor kurzer Zeit als unerreichbar belächelt hatte, wurde brennend und unwiderstehlich. Voll Ungeduld erwartete er jetzt das Ende der Kanzleistunden und sagte beim Fortgehen mit wichtiger Miene zum Amtsdiener: »Ich eile, ich habe einige Einkäufe zu besorgen.«

Er hatte einmal wieder mehrere Läden besucht, da er sich aber vornahm, nichts zu übereilen, noch keinen Kauf geschlossen, als er, ein kleines Liedchen munter vor sich pfeifend, an einen jungen Menschen anrannte, der ihn zuerst derb anfuhr, dann aber, höflich um Entschuldigung bittend, die Kappe zog.

Andreas erhob das Haupt und erkannte in dem vor ihm Stehenden den Studenten Otto Klein, der bei seinem Freunde Ziegler zur Miete wohnte.

»Sie, lieber Ottone?« rief Andreas, »Gott zum Gruße! – Wie geht's zu Hause? Was macht mein Täufling? Ich wollte längst Ihren Burgherrn besuchen, wurde aber immer davon abgehalten. Heut indessen komme ich gewiß!«

»Kommen Sie, Herr Muth«, erwiderte der Student, »es wird ihn freuen, den armen Mann. Helfen können Sie ihm freilich auch nicht, aber gleichviel, besuchen Sie ihn.«

»Nicht helfen? – Wovon?«

»Der kleine Andreas ist gestorben.«

»Gestorben?!« rief Muth in tiefster Bestürzung. »Gestorben?

... Und ich weiß nichts ... Und man hat mir nichts sagen, mich nicht rufen lassen?...«

»Herr Ziegler ist halb verrückt, hat den Kopf verloren«, fuhr Otto betrübt fort. »Sie kennen sein verschlossenes Wesen. Selbst[665] seine Frau erfuhr erst heut, daß der Unglückliche einen Wechsel unterschrieben hat für ihren leichtsinnigen Bruder. – Nun haben die Leute die Leiche des Kindes im Hause und die Pfändung vor der Tür.«

»Und ich weiß nichts! Und man sagt mir nichts!« wiederholte Andreas.

»Wozu auch, lieber Herr Muth?« sprach der Student. »Damit Sie sich mit ihm kränken? – Das trifft er schon allein.«

»Um wieviel handelt es sich?« fragte Andreas und fuhr mit beiden Händen in seine Rocktaschen.

»Um viel, gewiß um dreihundert Gulden.«

»So – so.«

Ein tiefer Seufzer entrang sich der Brust des Poeten.

»Und wann müßten die beschafft werden?«

»Spätestens bis morgen nachmittag. Ich bin, sehen Sie, auf dem Wege nach dem Versatzamte.« Er schlug seinen dünnen Mantel auseinander und zeigte ein Bündel mit verschiedenen Habseligkeiten vor, das er unter demselben verborgen hatte. »Aber wenn ich auch meinen letzten Stiefel hintrage, ich bringe kaum den zehnten Teil der Summe zusammen, die wir brauchen.«

Damit empfahl er sich.

Andreas hielt ihn zurück.

»Sie sind brav«, sagte er, »aber behalten Sie Ihre Stiefel. Lassen Sie den Ziegler nicht verzweifeln. Vielleicht ist Hilfe näher, als Sie glauben.«

Andreas sah sich nach keinem Laden mehr um, er eilte seiner Wohnung zu. Dort angelangt, öffnete er die Lade seines Tisches, nahm seine drei schönen Banknoten heraus und legte sie in einer Pyramide vor sich hin. Er bewunderte die zierliche Schrift, die Zeichnung, das Papier. Endlich beugte er sich traurig zurück in seinen Armsessel und strich liebevoll über die Seitenlehnen des getreuen Dieners.

Keinen neuen Überzug also, alter, guter Kerl. Tröste dich, auch dein Herr bekommt keinen.

Dann trat er an den Kleiderschrank, nahm den Kastor heraus, bürstete ihn sorgfältig und sagte vor sich hin: »So ganz schlecht ist er eigentlich doch nicht.«[666]

Quelle:
Marie von Ebner-Eschenbach: [Gesammelte Werke in drei Bänden.] [Bd. 1:] Das Gemeindekind. Novellen, Aphorismen, München 1956–1958, S. 661-667.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Die Elixiere des Teufels

Die Elixiere des Teufels

Dem Mönch Medardus ist ein Elixier des Teufels als Reliquie anvertraut worden. Als er davon trinkt wird aus dem löblichen Mönch ein leidenschaftlicher Abenteurer, der in verzehrendem Begehren sein Gelübde bricht und schließlich einem wahnsinnigen Mönch begegnet, in dem er seinen Doppelgänger erkennt. E.T.A. Hoffmann hat seinen ersten Roman konzeptionell an den Schauerroman »The Monk« von Matthew Lewis angelehnt, erhebt sich aber mit seiner schwarzen Romantik deutlich über die Niederungen reiner Unterhaltungsliteratur.

248 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon