5

[667] Draußen auf dem Gange ließen sich Stimmen vernehmen. »Tür Nr. 19?« fragte die eine. »Ja, ja«, antwortete die andere. Ein rasches Klopfen, ein rasches Öffnen der Tür, und hereintrat, den Hut auf dem Kopfe, den Spazierstock geschultert – Herr Moritz Salmeyer.

»Ich überfalle Sie«, sprach er zu dem über diesen unerwarteten Besuch verblüfften Andreas. »Ah! Ah!... Sie wohnen hier recht hübsch. Aussicht ein Dach, ein paar Schornsteine, zwischendurch ein bißchen Himmel.«

Er nahm den Hut ab und setzte sich in den Lehnstuhl, den ihm Andreas mit den Worten zurechtrückte: »Ich weiß nicht, was mir die Ehre verschafft ...«

»Der Wunsch, Ihnen nützlich zu sein. – Eine Art von Reue!« sagte Salmeyer. Er schlug ein Bein über das andere, stützte den Ellbogen auf die Sessellehne, das Gesicht auf die Hand und sah den Poeten mit gescheiten Augen an, in denen ein Strahl von wirklichem Wohlwollen glänzte.

»Ich will Ihnen einen Rat geben und einen Vorschlag machen. Ich interessiere mich für Sie und bin bereit, Ihre Bestrebungen zu fördern.«

»Sie, mein Herr?«

»Zur Sache! – Haben Sie alle Rezensionen gelesen, die über Ihr Stück geschrieben wurden?«

»Nein, doch höre ich, daß sie fast ausnahmslos abfällig lauteten.«

»Nun denn! Daraus mögen Sie ersehen, daß sich heutzutage in der Literatur nichts machen läßt, wenn man nicht wenigstens einen Teil der Kritik für sich hat. Ein Buch, ein Stück hinausschicken in die Welt und denen, die ihm die Wege bahnen, einen Ruf machen sollen, nicht sagen: Nehmt euch meiner Arbeit an, das ist so kühn, daß man es schwerlich klug nennen darf.«

»Aber ...« wollte Andreas einwenden.

»Erlauben Sie!« fiel ihm Salmeyer ins Wort. »Jeder Schaffende bedarf der Gunst der Kritik. Ein Tor, der sie verschmähte, wenn sie ihm angeboten wird.« Er machte eine kleine Pause und sprach dann mit einer komisch huldvollen Bewegung: »Sie bietet[667] sich Ihnen an. Noch mehr, die Kritik nimmt Sie auf in ihre Genossenschaft ... Erlauben Sie!« wiederholte er, da sich Andreas von neuem anschickte, ihn zu unterbrechen. »Ich bin Redakteur des Feuilletons der Staatszeitung, ich öffne Ihnen die Spalten unseres Blattes.«

»Mir?!« rief Andreas.

»Warum nicht?«

»Weil ich ein langsamer Arbeiter, weil ich nicht schlagfertig bin.«

»Das ist im Anfange keiner – und dann, ich dränge Sie nicht. Liefern Sie mir nur jeden Monat einen Aufsatz über dies und das ... Historische Essays, ästhetische Aperçus, verwerten Sie Ihre Lesefrüchte. Sie können auch Kritiken bringen über neue Erscheinungen in der Literatur. Versuchen Sie sich einmal als Humorist; wer weiß, ob Sie nicht, Ihnen selbst unbewußt, Talent zur Satire haben? Es findet sich oft bei solchen zurückgezogenen, melancholischen Naturen wie die Ihre.«

»Spotten Sie meiner?« fragte Andreas.

»Fällt mir nicht ein!« erwiderte Salmeyer ungeduldig. »Ich sagte schon, daß ich mich Ihnen hilfreich erweisen will ... Mein Handwerk ist, die Leute zu unterhalten oder zu plagen ... Ihnen will ich Gutes tun. Schlagen Sie Kapital aus dieser Velleität. – Ein rascher Entschluß! Nehmen Sie meinen Antrag an. Wenn Sie Fuß fassen in der Kritik, ist Ihre Schriftstellerlaufbahn gesichert. Ihr Drama wird in allen Zeitschriften, die mit uns in Verbindung stehen, besprochen, an vielen Bühnen angenommen werden und auf einigen vielleicht Erfolg haben.«

»Und dann?« fragte Andreas. »Daß mein Stück keinen Erfolg hatte, das ist es ja nicht, was mich niederdrückt. Was – Erfolg!... Den machen die anderen. Aber die Leistung ist mein, für die habe ich einzustehen; die habe ich gerichtet und den Stab gebrochen über mein Talent.«

»Lächerlich«, entgegnete Salmeyer. »Sie haben soviel und mehr Talent als hundert andere, die damit Glück machen ... Bei Ihnen ist nur ein Umstand bedenklich ...« Er hielt inne, zwinkerte mit den Augen und fuhr dann lebhaft fort: »Sie sind zu spät geboren! Vor dreißig oder fünfzig Jahren wäre man Ihnen verständnisvoll entgegengekommen, Ihre Stimme[668] hätte einen lauten Widerhall erweckt. Aber heute!... Die Menschen, für welche Sie schreiben, sind tot.«

»Damit ist alles gesagt«, sprach Andreas schmerzlich. »Ich bin nur ein Pfuscher. Der rechte Dichter schreibt für solche, die noch nicht geboren sind.«

»Das ist eine Phrase!« erklärte Salmeyer. »Welchen Maßstab legen Sie an?«

»Den höchsten natürlich«, antwortete Andreas leuchtenden Auges, »den einzig berechtigten in der Kunst, der zeitlichen Offenbarung des Ewigschönen und des Ewigguten.«

Der Literat lachte. »Also auch Sie beten dieses hohle Schlagwort nach. Ich hätte mir's denken können. Wann werdet ihr endlich einsehen, ihr Träumer, daß nichts bleibend ist als die Veränderung, nichts schön, als was dafür gilt, nichts gut, als was Nutzen bringt.«

Andreas erhob sich. Ihm schwindelte. Alles, woran er geglaubt, woran er sich begeistert, was ihm den festen Halt geboten hatte, konnte das weggeleugnet und schwankend genannt werden? – Und wenn – warum hatte er's nicht selbst, nicht früher erkannt?

»Ich bitte Sie«, hub Salmeyer von neuem an, »verzichten Sie auf Ihre Ideale. Stimmen Sie sich herab. Sinken Sie, sinken Sie! herunter – bis zum jetzigen Geschmack! Je mehr Sie sich verfeinern, desto unverständlicher, ungenießbarer werden Sie, und werden es endlich mit Recht. Ein hohes Streben, das immer unbelohnt bleibt, beschädigt zuletzt den reinsten Charakter, weil es ihn verbittert. Glauben Sie mir: tragen Sie den Anforderungen des Tages Rechnung! Unser heutiges Publikum will nicht Erhebung, es will Unterhaltung, und den, der sie ihm gewährt, belohnt es nach Verdienst, sehr oft über Verdienst ... Zum Beispiel – mich!... Meinen Sie, daß ich mich täusche über den Wert der Produktionen, denen ich meine Popularität verdanke?... Doch genug! Sie sind nicht ohne Talent, machen Sie nur davon den richtigen Gebrauch.«

Er hatte, während er sprach, die Banknoten vom Tische genommen und rollte sie zu Tüten zusammen, faltete sie zu dreieckigen Hütchen. Jetzt hielt er sie in die Höhe.

»Ihre Tantieme, nicht wahr?«[669]

Andreas nickte bejahend.

»Soviel«, sprach Salmeyer leichthin, »bezahlt die Staatszeitung für drei meiner Feuilletons. Ich schreibe sie meistens im Kaffeehause, auf dem Billard, zwischen zwei Kegelpartien. – Nun, was beschließen Sie?«

»Mir selbst treu zu bleiben, meinem alten Selbst, von dem ich doch nicht mehr lassen kann«, erwiderte Andreas und glättete die Banknoten, die Salmeyer wieder auf den Tisch gelegt hatte, sorgfältig mit beiden Händen.

»Nach Ihrem Belieben denn!« sagte der Journalist gereizt. »Sie gehören zu den Leuten, denen nicht zu helfen ist.«

Er stand auf, wendete sich und bemerkte das Bild der Gräfin von Auwald über der Bücherstelle.

»Ha!« rief er aus, »die schöne Auwald! – Wie kommen Sie zu ihrem Porträt?«

»Ich habe es gekauft«, stotterte Andreas erblassend, wie im Vorgefühle eines Unglücks.

Der Literat drohte ihm mit dem Finger: »So – so – gekauft?... Ei, Sie stiller Sünder!... Deshalb also Ihre Parteinahme für den Gemahl?...«

»Was meinen Sie?« fragte Andreas in peinvoller Bestürzung.

»O die böse, böse Welt – o diese vornehmen Damen!« seufzte Salmeyer mit drolligem Pathos. Er schlug eines der Manuskripte auf und blätterte darin.

»Das sind wohl Ihre Werke?... Und wie schön geschrieben, wie prächtig! – zehn – fünfzehn – wahrhaftig, fünfzehn sorgfältig ausgearbeitete Theaterstücke! In jedem, ich bin's überzeugt, so viel Gutes, daß man, wär's von einem Freunde und Mitarbeiter, leicht ein Lorbeerreislein für den Dichter daraus entsprießen lassen könnte. Aber Sie wollen nichts von uns, und alle diese Buchstaben bleiben tot.«

Andreas blickte zu dem Sprechenden empor. Ein eigentümlicher Ausdruck feiner Selbstironie belebte seine Züge: »Tot diese Buchstaben, von denen ich jeden mit soviel Liebe hingemalt habe? – Das doch nicht«, sagte er. »Jeder davon ist ein Teilchen einer Gedankenseele; sie fügen sich zu Worten zusammen, und Worte bilden den Körper des Gedankens.«

Der Literat hörte ihm mit lächelnder Aufmerksamkeit zu und[670] rief plötzlich: »Ich war blind! Ich war blind!... Nein, Sie sind nicht angetan, mitzuwirken in unserer heißen Werkstätte, in unserer großen stoffzermalmenden Maschine! Sie werden niemals ein Rädchen, nicht einmal eine Speiche an einem Rädchen sein.«

Er klopfte mit keckem Humor Andreas auf die Schulter: »Sie selbst sind Stoff und sollen verarbeitet werden. Und damit grüße ich Sie!«

Salmeyer sah aufmerksam im Zimmer umher, als wollte er sich dessen Bild fest einprägen, und ging.

Andreas wartete, bis er sicher sein konnte, ihn auf der Treppe nicht mehr einzuholen, und schlug dann hastigen Schrittes den Weg nach Zieglers Wohnung ein.

Es dunkelte schon, als Andreas vor dem Hause anlangte, und er zögerte einzutreten und vielleicht die Ruhe des Freundes zu stören. Im Hofe brannte eine Gasflamme und warf ihren flackernden Schein auf das Fenster des von Ziegler bewohnten Zimmers im Erdgeschosse. Andreas konnte nicht wahrnehmen, ob sich noch Licht darin befand, denn der Vorhang war herabgelassen.

Er trat an die Tür der kleinen Küche, die den Eingang zur Stube des Lehrers bildete. Die Klinke gab seinem leisen Drucke nach, man hatte vergessen abzusperren. Im angrenzenden Gemache herrschte tiefe Stille; ein schwacher Schimmer fiel durch die Risse der geborstenen Türe. Andreas näherte sich und pochte.

Nach einer Weile antwortete eine Frauenstimme zögernd: »Herein.«

Die Eheleute saßen am Tische einander gegenüber. Das Weib nähte an einem Knabenhemde, der Mann hielt die Hände über den Knien verschränkt und starrte regungslos vor sich hin auf den Boden. Er erwachte nicht aus seinem Sinnen, als Andreas eintrat und der Frau die Hand reichte, die sie weinend ergriff.

Erst nachdem der Freund ihn angeredet hatte, erhob er den Kopf.

»Ei, ei!« sprach er und betrachtete Muth mit verwirrtem Blicke, dann, als besänne er sich plötzlich, fügte er hinzu: »Vorlesen? ganz recht, ein neues Drama?... Ich bin begierig.«

»Nein, nein«, antwortete Andreas und sah nach der Ecke des[671] Zimmers hin. Dort ruhte, mit einem Linnen bedeckt, auf dem Lager der Eltern die Leiche des Kindes. Ihr zu Häupten brannte eine Wachskerze, mit einem Kränzlein künstlicher Blumen umwunden, daneben stand ein Kruzifix aus schwarzem Holze.

Als die Frau die Richtung bemerkte, die das Auge des Besuchers genommen, machte sie eine abwehrende Bewegung.

»Sehen Sie ihn jetzt nicht an«, bat sie. »Morgen bahren wir ihn erst auf. Ich bin noch nicht zustande gekommen mit seinem Sterbehemde. Mein Gott, in der langen Krankheit wurde soviel gebraucht ...«

»Not im Hause«, sagte der Mann. »Ehrlicher Name dahin. Mein Wort gegeben – es nicht gehalten. Nicht halten können.«

»Du wirst Wort halten, du kannst es!« rief Andreas, zog ein Päckchen aus der Tasche und legte es vor Ziegler hin.

»Das ist dein, dein Eigentum.«

Der Lehrer sah ihn fragend an, faltete die Banknoten auseinander, und stumm vor Erstaunen schob er sie seiner Frau hin. Die stieß bei dem unerwarteten Anblick einen Freudenschrei aus, der jedoch in einem schmerzlichen Schluchzen endigte. Sie legte die Stirn auf den Rand des Tisches, und ihre Tränen flossen unaufhaltsam.

»Woher kommt das?« fragte Ziegler, auf das Geld deutend.

Andreas legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Marc Aurel schickt es, dem du auf die Bühne geholfen hast.« – Er sprach zu seinem alten Freunde wie zu einem Kind. - »Du allein, mit deinem Rate: Einreichen! – weißt du noch? – Sonst hätte ich mich ja niemals getraut ...«

Ziegler lehnte weder ab, noch sagte er ein Wort des Dankes. Er reichte Andreas nicht einmal die Hand. Er sah seinen Retter nur an, lange, fest. Und dem war dabei zumute, als wüchse und erstarke er unter diesem Blicke, als erlöse dieses ehrliche Auge, das ihm das Glück verdankte, sich wieder frei erheben zu können, ihn, ihn selbst von allem Leid, von aller Pein. Als stände er in der Schuld des Mannes, durch den ihm gegönnt worden zu erfahren, was es heißt, einem guten Menschen wohlzutun.

Ziegler erhob sich lautlos wie einst beim Schlusse der Vorlesungen und trat an das Fenster. Dort stand er unbeweglich.[672] Angstvoll betrachteten ihn Andreas und die Frau. Sie wagten kaum zu atmen.

Endlich kam er zu ihnen zurück; die peinliche Spannung war aus seinem Gesichte verschwunden. Sein Weib stürzte sich an seine Brust.

Andreas aber benützte diesen Augenblick, um hinwegzueilen. Er fürchtete, sich von seiner Rührung übermannen zu lassen.

Quelle:
Marie von Ebner-Eschenbach: [Gesammelte Werke in drei Bänden.] [Bd. 1:] Das Gemeindekind. Novellen, Aphorismen, München 1956–1958, S. 667-673.
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