XLIV. Brief

An Fanny

[101] Dank, Millionen Dank, meine Wertheste, für den Trost, den Du mir in deinem leztern Brief mittheiltest. – Du wälztest mir durch deine vortrefliche Moral den Stein der drükkenden Schwermuth vom Herzen. Wie künstlich Du mir in meinem verstokten Zustand des Schmerzens Thränen abzulokken wußtest! – Wie Du hineindrangst in die schwache empörende Natur, wie Du sie hervorsuchtest, die wankende Tugend aus dem gefährlich kranken Körper! Gott lohne deine Mühe, deine Güte! – Laß nicht ab, Freundin, mich von den Abgründen zurükzurufen, denen mich mein tirannisches Schiksal Preis giebt. – Dort in jenen ruhigen Gefilden wirst Du den Lohn deiner Bemühungen einärndten. O, Freundschaft! Gütige Wohlthäterin der Menschheit! – Dein Besiz ist Götterseligkeit für den Unglüklichen! – Mit einem Herzen voll unaussprechlicher Güte, mit einem Kopf voll Sorge und Wachsamkeit über den innerlichen Zustand des der Freundschaft anvertrauten Guts, hängst du dich fest an die Seite des jammernden Freundes, ruhst nicht eher, als bis der Friede wieder in seine Seele zurükkehrt, woraus ihn namenlose Leiden verbannten. Dieser unendliche Hang des beiderseitigen Wohls, dieses Zittern bei irgend einer Gefahr seines Freundes, diese unersättliche gegenseitige Gutheit, diese lautschreiende, nachsichtsvolle Stimme im bekümmerten Herzen gegen die Schwachheit eines Freundes, dieses Echo der unauflößlichen Harmonie, ist Uebereinstimmung der Seele, ist Freundschaft, ist Wohlthat, die der Schöpfer nur Wenigen ertheilte. – Kein Alter, kein Stand ist von dieser festen Vereinigung ausgeschloßen; es braucht nur ein[101] unverdorbenes Herz, gleiche Grundsäzze dazu, und geknüpft ist der Knoten der unzertrennlichen Freundschaft. So gar Lasterhafte fühlen eine Art von Entzükken in ihren Verbindungen, und wie weit seliger müßen die Reize seyn, wenn Rechtschaffenheit, wenn Religion, wenn Streben nach dem Zwekke unserer Bestimmung, wenn standhaftes Dulden, wenn Menschenpflichten dieses Band unauflößlich durcheinander schlingen, bis der Tod zur ewigen Dauer es auf wenige Zeit von einander reißt, um es sodann vor dem gütigen Schöpfer desto fester auf ewig zu binden! Die Menschen sind blind, daß sie mehr nach dem Taumel der sinnlichen fieberhaften Liebe greifen, als nach der zweklosen, unveränderlichen Freundschaft. – Die Menschen sind rasend unbesonnen, daß sie so kalt, so wenig aneinander gekettet, so freudenlos, ohne Freundschaft ihr Leben verschlummern. Die Freundschaft hat ihren Wohnsiz im Heiligthum des Herzens, die meiste Liebe klebt am Körper und stirbt ohne Freundschaft für alle Menschen nach der Sättigung. – Nur Freundschaft kann sie zur Beständigkeit anfeuern. Der Kopf des Liebenden muß in dem Gegenstand seiner Liebe, durch Betrachtung seiner moralischen Vorzüge, Beschäftigung finden; seine Verehrung muß für diesen Gegenstand zunehmen, so wie die Neuheit der Sinnlichkeit sich verliert; die Reize der Seele müßen die Wollust zu neuen Entzükkungen auffodern; es muß nach dem Genuß der Liebe eine ausgedähnte Freundschaft daraus entspringen, sonst scheitert die Standhaftigkeit mit dem Rausche der Liebe, und das Ende davon ist tolle abscheuliche Flatterhaftigkeit von beiden Seiten. Doch, meine Freundin, rede ich hier nur von denkenden Menschen, denn die übrigen gehören unters Vieh und werden wie Mißethäter von dem Tempel der Freundschaft ausgeschloßen. So viel sagt mir meine natürliche Vernunft, so viel sagt mir mein Herz, das zur freundschaftlichen Liebe ein unstreitiges Recht behaupten[102] will. – Wenn also je ein Glük in der Welt noch auf mich harret, so will ich es in der Freundschaft erwarten. Doch wie kann ich vom Warten sprechen? Fand ich dieses Glük nicht schon überschwenglich in Dir? – Bist Du nicht meine Führerin, meine Wohlthäterin, meine Freude, mein Alles? – Sind wir beide nicht blos eine Seele, blos ein Gedanke? – Gießt sich nicht mein ganzes Daseyn mit dem schröklichsten Gewebe seiner Leiden in deinen für mich offnen Busen? – Laß uns dieses Ineinandergießen mit dem feurigsten Kuß versiegeln; laß uns einander unaufhörlich auch in den Stunden unserer Verirrungen mit der offenherzigsten Aufrichtigkeit begegnen, und die Wirkung dieses Betragens wird mächtiger auf unsere schwachen sündhaften Anlagen zur Besserung wirken, als das donnernde Gebrumm im Beichtstuhl eines gewalthätigen, unduldsamen, halsstarrigen Priesters, der von der schwachen Menschheit oft ohne Einsicht, ohne Ueberlegung, ohne in die Natur der Dinge zu dringen, mit Feuer und Schwerd, als strenger Theolog, mehr fodert, als er selbst in der nemlichen Lage zu vollbringen im Stande wäre. Auch im Beichtstuhl, so wie am Krankenbette, meine Freundin, gehört tiefe Menschenkenntnis und viele, sehr viele Unterscheidungskraft den Schwachen von dem Boshaften, den Bigotten von dem wahren Andächtigen, den vernünftigen Mann von dem leichtgläubigen, phantastischen Bürger zu unterscheiden. – Auf das Herz, auf den guten Willen des Menschen, auf seine Begriffe von der Sünde muß der einsichtsvolle Priester einen Blik werfen, da muß er hineindringen, und das Laster nach dem Grade von Zutrauen seines Beichtkindes zu vertilgen wissen. Er muß nicht Einen wie den Andern mit der nemlichen feuerspeienden Moral behandeln: Der Pöbel will sklavisch sein Urtheil hören, der Vernünftige will überzeugte Beruhigung haben. Aendert doch so oft bei dem weltlichen Richter der kleinste[103] Umstand, der zur Entschuldigung des armen Sünders angeführt werden kann, das Todesurtheil; warum denn nicht im Beichtstuhl, wenn die Fehler aus der Natur der Dinge in etwas können entschuldigt werden? – Die Protestanten beichten freiwillig und öffentlich ihre Fehler, und diese Fehler werden von ihnen keinem schwachen, gebrechlichen Nebenmenschen dem Detail nach zur Schau aufgetischt. – Und doch dringt wahre Reue dieser Christen sowohl und oft viel besser zum Schöpfer, als wenn die Reue blos aus Furcht der Höllenstrafe bei den Katholiken von ihren Priestern erpreßt wird. Man lasse dem katholischen Pöbel die Ohrenbeicht, weil es einmal heißt, daß die Gewohnheit hie oder dort einige Schamhafte von der Sünde abhält; – doch gehört diese mechanische, diese von der Politik erzwungne Tugend in die Reihe jenes pöbelhaften Verdienstes, das nicht aus freiwilliger Pflicht das Böse unterläßt. Wenn der Priester in der Beicht nicht künstlich in das menschliche Herz zu schleichen weis, wenn er den Grund desselben nicht zu erforschen sucht, wenn er nicht hartnäkkige Laster von Schwachheit, Gleisnerei und Mechanismus von der wahren innigen Zerknirschung des Sünders zu unterscheiden weis, was nüzt denn dem Lasterhaften und dem Schwachen ein solches einförmiges Geschwäz von Zuspruch, das an dem Erstern aus Gewohnheit abglitscht und den Leztern gar nicht rührt? – Ueberhaupt, meine Freundin, ich könnte Dir über diesen Punkt noch vieles sagen, was meinem Verstand unbegreiflich ist, wenn ich nicht dächte, daß dergleichen Spekulationen für andere Köpfe als die unsrigen gemacht sind. – Und nun zu einer Neuigkeit: – Mein lieber Oheim in K*** hat sich entschloßen mich bei einem anverwandten Landgeistlichen zu Besorgung seines Hauswesens unterzubringen. – Eine Aussicht zu deren Ergreifung mich die Nothwendigkeit zwingt, auch weil mir der hiesige Aufenthalt beim[104] jungen B*** täglich saurer gemacht wird. Du weist ja, daß mein Oheim keine eigne Wirthschaft führt, sondern am geistlichen Hofe lebt und mich nicht zu sich nehmen kann. – Von dem Karakter dieses Landgeistlichen weis ich Dir nichts zu sagen, aber so viel weis ich, daß sich mein Oheim sehr lange bedachte, eh er sich entschloß, mich ihm zu übergeben. Er hätte gewis nicht darein gewilligt, wenn ich ihn nicht so dringend um die Abänderung meiner verdrüßlichen Lage gebeten hätte. – Der junge B*** taumelt jezt blind fort in den Armen seiner Buhlerin. Glük der Liebe kann es für diesen Jungen nicht seyn, denn sie stekt sein Herz zur Verderbnis an. Ich bedaure ihn herzlich und wünschte, daß ihn ein würdigeres Geschöpf von dieser garstigen Leidenschaft heilte, die ihm diese künstliche Kokette einzuflößen wußte. Für heute genug des Geschwäzzes; und nun lebe wohl, Beßte, Einzige, Liebe aller Lieben!


Deine Amalie.

Quelle:
Marianne Ehrmann: Amalie. Band 1–2, [Bern] 1788, S. 101-105.
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