CXI. Brief

An Fanny

[108] Theuerste! –


Wenn mir doch nur der Himmel kein so weiches Herz gegeben hätte! denn es ist die Quelle unendlicher Leiden. –[108]

Lustrini weinte wie ein Kind beim Abschiede – ich weinte ganz natürlich auch mit! – Gott segne den braven Dulder, der glüklicher zu seyn verdiente, als er ist! – Traurig schlich er vom Ufer hinweg, als meine Gondel seinen Blikken entfloh. – Ich kann meinem damaligen Zustand noch keinen Namen geben. Ohnehin zur Schwermuth geneigt, kränkten mich die Leiden des Hinterlassenen bis zur tiefsten Melankolie! – Warum mußte ich denn die lezten Tage meines Aufenthalts noch diese gute Seele kennen lernen? – Ohne ihn würde ich Venedig gleichgültig verlassen haben; – und durch ihn wird mir doch das Andenken an diese Stadt theuer. – Bald wird er mir schreiben, ich werde ihm mit Vergnügen antworten. Dies ist doch alles, was ich in dieser Lage für ihn thun kann! –

Unter solchen finstern Phantasieen langte ich in Padua an. Aus Zerstreuung eilte ich ins Schauspiel, und fand es eben so schlecht bestellt, als in Venedig. – Da der Wagen erst des andern Morgens spät abfuhr, so trieb mich die Langeweile in die Kirche des heiligen Antonius. Das Gebäude ist majestätisch schön, groß, aber etwas düster. – Das Grabmal des ebengemeldten Heiligen bietet sich dem Auge dar, sobald man eintritt. – Meine Kenntniße in der Baukunst sind zu gering, um dessen Werth beurtheilen zu können. – Die heilige Stille, die in dieser Kirche herrschte, riß mich zur andächtigsten Empfindung hin! – Ich würde sie mit einer tief gefühlten Seelenruhe verlassen haben, wenn mich nicht an der Kirchenthüre die Bettelweiber, Kupplerinnen und andere lüderliche Waare durch ihre unverschämte Zudringlichkeit verstimmt hätten. Dieses Ungeziefer trieb zuvor allerhand ausgelassenes Gespötte, sobald es mich aber über der Schwelle erblikte, so mußte ihm der Namen Gottes zum Mittel dienen, um durch Bettelei meine Ungeduld zu reizen. –

Der italienische Pöbel ist äußerst eigennüzzig; ums Geld ist er zu jeder Niederträchtigkeit fähig. – Die Armuth mag[109] wohl die stärkste Triebfeder dazu seyn; denn mich dünkt, es sind in diesem Lande zu wenig gute Anstalten, um dem Hunger vorzubeugen. – Unter dergleichen und mehr Gedanken kam ich mit Gretchen zu dem Postwagen. – Keine andere Seele saß darinne, ich hatte bis Verona Muße genug meinen Grillen nachzuhängen. – Der alte Kaufmann war von meiner Ankunft unterrichtet, und empfieng mich sehr artig. – Ich bat ihn, mich in die sogenannte Recca zu begleiten. Ein großes Thor führte uns an den Ort, wo die Alten ehedessen ihre öffentlichen Thierhezzen hielten. Der Anblik dieses großen runden Plazzes durchschauderte meine Seele! – Lebhaft zeigte mir da meine Einbildungskraft die von Christenblut gefärbte Erde! (Denn man sagt, daß hier die Christen mit den wilden Thieren kämpfen mußten.) Mitten darinn ist ein tiefer Brunnen, und rings umher sind stufenweise gebaute Mauern, worauf die Zuschauer saßen, und deren Gewölber die tiefsten Kerker in sich schließen. Ich wagte es mit einem Blik diese fürchterlichen Gefängniße zu übersehen. – Aber Entsezzen überfiel mich bei dem Andenken jener Unglüklichen, die vorzeiten als Märtirer da büßen mußten! – Von da giengen wir auf die Akademie, die bei ihrem kleinen Umfange doch sehr artige Alterthümer enthält. Am Ende sah ich dann in einem Bürgershause ein prächtiges Naturalien-Kabinet, dessen Sammlung ausnehmend schön, und wie mich dünkt, so ziemlich vollständig ist. – Da es aber anfängt spät zu werden, so muß ich wohl meine Reisebeschreibung für heute beschließen. –


Am folgenden Tage.

Diesmal war der Postwagen dicht angefüllt. – Einige Kaufleute, eine italienische Dame, nebst einem barmherzigen Bruder aus M.... waren meine Gesellschafter. Die Dame war jung, schön und feurig, schien aber nicht in den beßten ökonomischen Umständen zu seyn. – Sie saß an meiner[110] Seite und schmiegte sich nahe an mich hin. – Die muß eine große Liebhaberin von teutschen Milchbärten seyn: fiel mir dabei ein, und ich lies sie bei ihrer Täuschung. – Einige aus der Gesellschaft erriethen unerachtet meiner Verkleidung bald mein Geschlecht; nur die Dame und der barmherzige Bruder schienen mich für einen Jüngling zu halten. – So oft wir ausstiegen, hieng mir das Weib am Arme. – In jedem Gasthause fieng ich an mit den Aufwärterinnen zu schäkkern, um der Verlegenheit zu entgehen, in die mich ihre Zudringlichkeit sezte. Aber auf einmal überhäufte mich die eifersüchtige Italienerin mit Vorwürfen.

Sie sprach: Wenn alle Teutschen so grob sind, gemeine Dirnen Damen von Stande vorzuziehen, dann wünsche ich mir lieber einen italienischen Handwerkspurschen an die Seite! –

Ich

Madame! – Meinen Sie mich? –


Dame

Wen sonst, als Sie? – Sie zeigen sehr wenig Erziehung. –


Ich

Madame! – Ich bin frei geboren, philosophisch erzogen, und halte nur dasjenige für grob, wozu keine Zudringlichkeit uns zwingt; da ich nicht das Glük habe mit Ihnen in einiger Verbindung zu stehen, so kann ich auch leicht der Ehre entbehren, der Vorgänger eines italienischen Handwerkspurschen zu werden. –


Dame

Höflichkeit steht aber einer jeden Nazion gut; Sie sollten sich schämen, das für Zudringlichkeit zu halten, was vielleicht ein anderer für sein größtes Glük schäzzen würde. –


Ich

Was Andere thun, geht mich nichts an; auch hat das Glük bei Frauenzimmern gar verschiedene Farben. Uebrigens glaube ich gerne, daß Madame Verdienste besizzen,[111] die meine blöden Einsichten überwägen. – Schieben Sie mein Betragen auf die Kälte meines Temperaments, das den meisten Teutschen angeboren ist. – – Was? den Teutschen angeboren? – schrie ein junger Gek aus vollem Halse aus einer Ekke der Stube hervor, und lies dabei auf die Dame einen feurigen Blik schießen. – Da irren Sie sich sehr, mein Herr! – Es giebt Teutsche, denen es nicht am Feuer fehlt. – – – Dreissig, vierzig, fünfzig, sechszig Zekini und meiner Margreth einen Unterrok, wenn wir des Handels einig werden wollen! – So träumte izt ein schlafender Kaufmann. – Ein allgemeines Gelächter unterbrach nun unsern Streit, und die Dame kneipte mich zum Zeichen der Aussöhnung in die Bakke. Sie schien mein Feuer durchaus nicht bezweifeln zu wollen. – Die Neigung dieses Weibes fieng an mir zur Last zu werden; ich zitterte vor ihrer Rache, und hatte doch nicht den Muth ihr mein Geschlecht zu entdekken; ich dachte hin und her, wie ich mich, ohne öffentliches Aufsehen zu erregen, aus der Schlinge ziehen möchte, als sich auf einmal jener junge Gek, der zuvor das teutsche Feuer vertheidigt hatte, zu ihr hinschlich, und ihr etwas ins Ohr flüsterte. Es muß meine Verkleidung betroffen haben, denn sie warf mir einen grimmigen Blik zu, und eilte an seinem Arm schnell in ein Seitenzimmer. In wie weit sie da ihren Streit über die Kälte des teutschen Temperaments entschieden haben, kann ich nun nicht mehr erfahren, denn ich nehme Extrapost, schikke mein Gretchen seitwärts, und eile zu Dir. – Du erhältst diesen Brief noch ehe ich ankomme. Lebe indessen wohl, meine Theuerste, und liebe


Deine Amalie.[112]

Quelle:
Marianne Ehrmann: Amalie. Band 1–2, [Bern] 1788, S. 108-113.
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