CXXXIII. Brief

An Amalie

[161] Theure, gute Seele! –


Wie war es Dir möglich, mich auch nur einen Augenblik zu verkennen? – Wenn ich Dir die Beschwerlichkeiten des Theater-Lebens schilderte, so geschah es blos um Dich aufmerksamer zu machen, aber nicht um Dich zu zanken, da Du es bis izt noch nicht verlassen konntest. – Ich sehe recht gut ein, daß es Dir annoch unmöglich ist, weil Dich das Schiksal daran kettet. – Meine Bitte zielte nur dahin, um Dich[161] aufzumuntern, Dich um eine andere Aussicht thätiger zu bemühen. – Ich bin versichert, daß deine Leidenschaft nicht unheilbar ist, im Falle Dir das Verhängnis eine annehmungswürdige gönnet. Bis dahin tadle ich deinen Hang nicht – er ist Dir in deiner jezzigen Lage sehr nöthig. – Wenn Dich aber der Beifall des Publikums bethören könnte, wie sehr wärest Du zu beklagen, weil eben dieser Beifall oft so schief, so ungerecht, und so vielem Wechsel unterworfen ist. – Jedes Publikum hat seine Laune, und nur zu oft wird es durch Unwissenheit und Kabale gestimmt. –

In Teutschland haben wir nur wenig aufgeklärte Publikums, die im Stande sind Schauspielerkunst und Schauspieler selbst zu schäzzen. Der beßte Schauspieler ist doch immer der Sklave des Publikums, von dessen Willkühr er immer abhängt, er mag eine Bühne betretten, welche er will. – Oft ist ein halb Duzzend herumschwärmender, prahlender Dummköpfe fähig das Vorurtheil wider ihn anzuhezzen; – und ein Künstler wird an einigen Orten eben so leicht ausgepfiffen, als dem größten Esel geklatscht wird. –

O meine Freundin, möchten sich doch deine heftigen Affekten bald wieder in den sanften Busen eines Gatten ergießen können! – Möchtest Du da wieder deine innerlich tobenden Leidenschaften himmlisch verschwärmen können! – Nein, ich höre nicht auf diesen feurigen Wunsch zum Himmel zu senden, bis der Allmächtige ihn erhört und erfüllt. – Ich weis recht gut, daß die Nahrung deiner Gefühle, die Du in schwermüthigen Rollen genießest, deiner Gesundheit schädlich ist. – Sie unterhält deinen Hang zur Melankolie, sie ergözt deine Einbildungskraft, aber sie schwächt deine Seelenstärke. – Untersuche Dich selbst, und Du wirst finden, daß ich wahr rede. – Allzu traurige Menschen sind für Alles, was außer ihrer Lieblings-Leidenschaft ist, unthätig. – So viel zu deiner Anleitung über diesen Punkt! –[162]

Jene Art von Damen, wie die eine war, mit welcher Du nach F... reistest, ist mir nicht fremde. – Ich kenne mehrere dergleichen Närrinnen, die mit ihrer bissigen Zunge alles anpakken, was ihrem stolzen Hochmuth nicht behagt. – Auch der stolze Direktor in F.... hat nicht so sehr Dich beleidigt, als denjenigen, der Dich ihm empfohlen hat. – Laß Dich seinen Stolz nicht anfechten; es ist Schwachheit, die ihm Jedermann zur Last legt. – Uebrigens soll dieser Mann die strengste Obsicht über seine Leute halten; – ein Verdienst, das dein jezziger Direktor nicht besizt. – So viel ich aus deiner Schilderung sah, ist Herr M.... ein Weichling, der bei seiner wenigen Selbstbeherrschung seine Untergebenen gewis nicht in der gehörigen Ordnung erhalten kann. – Das Schiksal der Madame M.... ist unter den Schauspielerinnen allgemein. Die meisten taugen besser fürs Niedrig-Komische, als zum Erhaben-Wizzigen; denn die wenigsten Schauspielerinnen haben Erziehung genug genossen, um jenen würdigen Anstand, jenes bescheidene Wesen auf der Bühne zu behaupten, das in solchen Rollen selbst die Lebhaftigkeit erhöht, wenn es einer wohlgezogenen Schauspielerin eigen ist. – Es ist zum Erbarmen, wenn man die frechen, unverschämten Dirnen spielen sieht, die ihre pöbelhafte, häßliche Lebensart vor dem Publikum nicht verbergen können.

Auch Madame K.... hat viele Mitschwestern bei der Bühne, welche die gefühlvollsten Rollen leichtsinnig, sinnlos, ohne Fleiß, unbestimmt, eintönig wie's Vater unser wegplappern. – Die natürliche Empfindung allein thut bei einer Schauspielerin nicht viel Wirkung, wenn sie nicht durch hinlängliche Kenntnisse unterstüzt wird. Eine gute Schauspielerin muß die Worte des Schriftstellers verstehen, sie muß bei ihrem Spiel denken und ihre Empfindungen nach dem Sinne desselben lebhaft auszudrükken wissen. – Gar zu wenig Schauspielerinnen verstehen, was sie sprechen. Sie gewöhnen[163] sich durch diese Uebung an eine Art selbsterfundenen Schlendrian in ihrer Deklamazion, und spielen alle Rollen nach der nemlichen Form. Diese hirnlosen Maschinen stehlen hier oder da von einer andern guten Schauspielerin einen guten Zug aus ihrem Spiel, einen leidenschaftlichen Uebergang, eine überraschende Stellung oder so etwas dergl., und täuschen dann damit das gutherzige Publikum, troz ihren leeren Köpfen, die gar keine Originalität in sich haben. – Sobald aber der Kenner dieses grundlose Gebäude durchsucht, stürzt es vor seinem Blikke zusammen, weil es nach keinen Regeln der Kunst gebaut ist. – Das ist leider der Zustand so vieler unserer nichtdenkenden Schauspielerinnen. –

Zu einer guten tragischen Schauspielerin gehört unumgänglich Kopf, Lektur, Erziehung, Gefühl, heftige Leidenschaften, sanfte Organen, starke Einbildungskraft, eine weiche empfängliche Seele, eine schöne teutsche Sprache, gute Brust, Enthusiasmus für Tugend, Hang zur Schwermuth, ein gutes Gedächtnis, Fleis, viel Beurtheilungskraft sich mit Lebhaftigkeit in die nemliche Lage hineinzudenken! – Sobald nur eine dieser Triebfedern fehlt, so ist sie keine gute Schauspielerin.

Siehst Du, meine Freundin, so sehr ich an Dir treibe, diesen Stand zu verlassen, so sehr schäzze und verehre ich doch die Schauspielerkunst, und habe in etwas ihre Regeln studiert, ohne jemals Gebrauch davon gemacht zu haben.

Madame L...g würde auch besser thun, wenn sie bei ihrem Strikbeutel sizzen bliebe, als daß sie das Publikum nöthigte des Aergers wegen Temperirpulver einzunehmen. – Gerade ihre Dreistigkeit beweist, daß sie an Spott und Schande gewöhnt ist, sonst würde sie sich wohl hüten, sich der Gefahr auszusezzen, überall ausgepfiffen zu werden. Vor einem Jahre widerfuhr ihr dasselbe in Leipzig. – Leider streifen noch eine Menge solcher unfähigen Kunstmörderinnen[164] zu Thaliens Schande, blos aus Nebenabsichten, von einer Bühne zur andern. – Ihr glattes Lärvchen, ihr Bischen Wuchs dünkt ihnen hinlänglich Verdienst; sie verlassen sich auf die Stimme der Wollust, und kümmern sich wenig darum, ob auch Vernunft und Kenntnis Nahrung an ihrem Spiel finden. Selbst einige dumme Direktörs bestärken diese unverschämten Weibspersonen in ihrer hohen Meinung von sich selbst, indem sie würdigern Schauspielerinnen, denen es an einem schönen Gesicht, an einer glatten Haut fehlt, Rollen entziehen und sie diesen Stümperinnen zum verhunzen überlassen. – Eine Schauspielerin braucht keine glänzende Schönheit zu seyn; wenn sie einen regelmäßigen Wuchs hat, so kann ihr Gesicht vermittelst der Schminke für den Vernünftigen Täuschung genug zuwegebringen. Wer mit dem nicht zufrieden ist, sucht gewis bei ihr Privat-Interesse. –

Madame J.... hat auch meine ganze Achtung, weil sie die deinige hat. Ich kenne ihr Herz; es ist keines Neides fähig. – Aber nicht wahr, Malchen, heute hab ich Dich gewis für die etlichen Antworten entschädigt, die ich Dir lezthin schuldig blieb? –

Mein Karl ist wieder ganz gesund; er küßt Dich mit mir. –

Deine Fanny.

Quelle:
Marianne Ehrmann: Amalie. Band 1–2, [Bern] 1788, S. 161-165.
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