LXVII. Brief

[118] Rosenthal, den 26ten Oktober.


Theurer, unendlich theurer Gatte! – O wie kurz war der Augenblik unserer Umarmung! – Wie geschwind eilte er vorbei, der seligste Traum unserer Wiedervereinigung nach so vielen überstandenen Leiden. – Ich hatte ja kaum Zeit Dich anzustaunen, in den wenigen Minuten Deines Aufenthalts konnte ich nichts thun, als küßen und weinen. – Trug ich nicht ein volles Herz im Busen, das in meiner Einsamkeit auf Deine Theilnahme wartete? – – Einsamkeit nährt die Liebe, nährt die Schwermuth, und dann keine fühlende Seele um mich herum zu haben, die mich verstünde ... O Gott! – Braucht ein so warmes Herz, wie das meinige, wohl diese Reize in der Liebe zu seiner völligen Prüfung? – Ist es nicht ohnehin glühend, feurig und schwärmerisch genug gestimmt? – Hast Du es nicht gefühlt, Friz, das lebhafte Weib an Deinem Halse? – Hast Du ihr leidenschaftliches Zittern nicht gemerkt? – Bei Gott! – Wenn ich auch keine Gegenliebe von Dir verdiente, so verdiente ich doch das wärmste Mitleid! – Wer kann sich Mensch dünken, ohne daß er wahren Antheil an den Leiden eines Liebenden nimmt? – –

Ich will in meinem jezigen Zustande vor dem Allmächtigen schwören, alle Liebenden, die mir einst aufstoßen werden, zu pflegen, zu trösten, zu laben, denn ich weis, wie wohl es mir thut, wenn die Menschen nur von weitem Mitleid gegen mich zeigen. – –

Als Du mich verließest, durfte ich nicht weinen, traurig sah ich Dir nach, und wenn Röschen mich nicht mit Gewalt von dem grünen Pläzchen gerißen hätte, ich glaube, die Nacht hätte mich auf dieser Heide unvermerkt überfallen. – –[118]

Unwillig ließ ich mich nach Hause schleppen, dachte dann einsam wieder alles durch, was Du mir sagtest, und sah izt Deine Vorzüge millionenfach, weil ich Dich vermißte. – Nur Kummer und Sorge unterbrachen zuweilen die nachgekauten Freuden meiner genoßenen Liebe. –

Mehr trübe als heiter wollte ich die Treppe hinauf steigen, als mich die Wirthinn zu sich in die Küche bat, ich gieng, und dann berührte das gute Weib gerade die gespannte Saite eines von Liebe angeschwollenen Herzens. Sie versicherte mich mit innigster Freude, daß Du meine Stiege zu zwei Stufen auf einmal athemlos hinauf gesprungen seyest. – Was mich diese Entdekkung wieder aufs neue erfreute, wie ich mir das Nemliche wohl zehenmal von dem Weibe wiederholen ließ, wie Röschen mich heimlich stoßen mußte, um meinem Taumel vor dem umherstehenden Gesinde ein Ende zu machen, o mein Friz, das hättest Du alles sehen sollen! – Doch was wäre dies gegen Deine Liebe, Du übertriffst mich ja tausendmal in der Zärtlichkeit. – Und ich glüklich und doch unglükliches Weibchen kann Dir mit nichts hinlänglich danken. – Freilich habe ich ein Herz, das lieben muß, ein ewiges Loos hat es über mich verhängt, und doch war ich so unglüklich, an Elende zu gerathen, die dieses Herz mit all seiner Liebe so unbarmherzig zerfleischten! – Beleidigt, in Staub getreten, betrogen, hintangesezt, verlaßen, und hintergangen! – Siehst Du, wie dies Andenken wieder in mir tobt? Das Gift der Schwermuth hat Wurzeln gefaßt, sie würden wieder aufkeimen, wenn ich sie nicht um meines Frizens willen in diesem Augenblikke erstikte. –

Deine Liebe sey nun mein Himmel auf dieser und jener Welt, Deine Liebe sey der einzige Gedanke zur Vergeltung meines überlebten Elendes, sie sey mir Alles in Allem, aber auch gute Nacht Licht der Sonne ... Hier bei dem ehrwürdigen Namen der Natur sey es geschworen. – Gute Nacht[119] Licht der Sonne, wenn mir das Schiksal und böse Menschen Deine Liebe raubten! –

Weg nun vom Altar des Schwures, dieses heilige feierliche Gelübde komme nie zur Ausführung. – Du hast mir geschworen, daß Dich tausend Schiksale nicht abhalten sollen von mir zu laßen. – Du bist Mann, denkender Mann, dem sich jedes Mädchen an vertrauen dürfte. – Aber für Deine Standhaftigkeit will ich Dich auch so pflegen, daß Du im grauen Alter noch sagen sollst, es lebe doch nur eine Nina! – Zeige mir eine von meinem Geschlechte, die Dich mehr schäzt, und ich will ihr mit Verlust meiner ganzen zeitlichen Glükseligkeit, auf Unkosten meiner Verzweiflung Deinen Besiz abtreten! – Ja das will ich! – Aber Du findest keine, ich darf es mit kühnem Stolz behaupten, die so innig überzeugt von Deinen moralischen Vorzügen ist, so fest an Dich gekettet, so unzertrennlich an Dir hängt, und so sehr an Dich gewöhnt ist. – – Ja Friz, das ist Deine Nina, die sich alles dies mit Liebe in ihr Herz schrieb, und es soll darinnen stehen bleiben, bis Du mir die Augen zudrükst. – – O mein Gatte! – Mein Friz! – Könnte Nina Dich mehr lieben? – – Engel, Theuerster, Liebster, lebe wohl bis Morgen ....

Dein liebendes Weib.


Nina's Empfindungen, an dem Tage da keine Post war

Traurige, bittere Tage, wie qualvoll seyd ihr für mein Herz, das seine Glükseligkeit in eine Nachricht sezt! – Fürchterlich einsam schleicht ihr dahin und macht mir meine Einsamkeit zur unerträglichsten Marter! – Jesus Christus! – Was litte ich heute, was werde ich erst morgen leiden, wenn sich die Sehn sucht nach einem Briefe noch vergrößert? Sonst[120] sah ich meinen Gatten täglich, und nun so lange Zeit weder ihn, noch seine Zuschrift. – Die ganze Natur hat sich wider mich verschworen, denn sie versagt mir den Schlaf und ruft mit Barbarei die Stunden in mein Andenken zurük, wo ich sonst so ruhig an seinem Busen lag! – O Gott! – Sey milde, nimm weg von mir den Drang, der gewiß meiner Gesundheit mit ihrem Sturz drohet! –

Du liebst mich, holder Gatte, aber fühlst Du auch in der großen Welt mein Elend? – Hebt Dir der Kummer Deinen Busen auch so hoch? – – Stokt der finsterste Gram Deinen Athem auch so geschwind? – – Komm liebes Bildniß meines Gatten, laß Dich an dies ängstliche Herz drükken, bis Du zu leben anfängst! – O Du abscheuliche, häßliche, eiskalte Materie!!! – Warum lebst Du denn nicht auf? – Warum bist Du eben so undankbar, als es die Menschen sind? – Küßte ich Dich nicht warm genug? – Vergoß ich nicht Thränen auf Dich? – Drükte ich Dich nicht wie ein Heiligthum an dies jammernde Herz? – Und doch leblos, und doch unbeweglich? – Kann Dich denn mein Gefühl nicht bewegen? – Bist Du so grausam, mich laut weinen zu laßen? – Ha! – Wohl mir! – Es wird leichter! – Sie rollen herunter über meine Wangen, die Zeugniße meiner Schwermuth. – Den ganzen Tag über fühlte ich schon unterdrükte Leiden, die Thränen brechen jezt wider meinen Willen los, und wer mich hierüber tadelt, ist ein Elender, deßen Gefühl gescheitert hat. – Wer denkt auf seine Gesundheit, wenn er liebt? – Wer denkt auf seine Selbst-Erhaltung, wenn süße Schwermuth das Herz überwältigt? – – Wer kann jezt meinen Zustand begreifen? –
[121]

Frühe um fünf Uhr.


Das war eine Nacht! – So schröklich habe ich noch keine erlebt! Hier liegen sie auf diesem Papier die Tropfen der innigsten Wehmuth, die ich diese Nacht aus Liebe weinte! – Schlaf kam keiner in meine Augen, aber ein dumpfer Zustand war mein Loos, in dem man Alles und auch Nichts fühlt! – Süße Wollust hatte sich meiner bemeistert, ich schwärmte in meiner Phantasie bis zur äußersten Mattigkeit in den Armen der Liebe herum! – Aber auch nur wenige Minuten übertäubte dieses Gefühl den Gram, der an meiner Seele nagte, und als sich meine Sinnen plözlich zur neuen Denkkraft erholten, Gott im Himmel, da fühlte ich wieder alle Leiden der Einsamkeit und der Trennung!!! – Ich überdachte die mir bevorstehende schrökliche Länge des heutigen Tages, zitterte vor mir selbst und fluchte meiner Hizze, die mich zur Mörderinn meiner Ruhe macht! –

Heilige Mutter Gottes! was wird das werden? – Friz, um Gotteswillen, Friz, Du verlierst Deine Nina! – Die Liebe wird ihr Grab, sey doch mitleidig, komm ihr nicht mit kalten Trostgründen entgegen. Ist sie nicht ohnehin Dulderinn genug? – Kämpft sie nicht mit Trieben, die sie außer Dir nicht ein einzigesmal in ihrem Leben empfand? – O Barmherzigkeit, Vater im Himmel, Barmherzigkeit! – Ich kenne mich nicht mehr! – So werden denn sogar meine Sinnen die mithelfenden Tirannen, die mich ganz zu Boden drükken! – Ha! – Ich Elende, wo ist meine Ruhe? – Wo das sanfte Gefühl der Liebe, das mich ehdeßen zu keiner Wildheit verleitete? – Friz, Du bist an Allem Schuld, Du hast mich hingerißen zur wunschvollen Liebe, und Du bist Der, bei dem alle meine Wünsche stehen bleiben. – Bei andern Bekanntschaften schwärmte nur mein Geist, das Blut blieb kalt, aber jezt ist Alles wider[122] mich, Alles kocht, Alles vereinigt sich, mich in Staub zu werfen, wohin unglükliche Liebe gehört! – –

O meine Ruhe, o meine Gesundheit! Wäre es auch nicht um Dich Friz, möchte immer diese leztere schwinden. – Wäre Gesundheit dahin, Alles würde dann schweigen; was könnte dann ein Gerippe wohl mehr fühlen? – Todesschauer machte dann den siedenden Wallungen Luft, die jezt so glühend durch meine Adern kreuzen! – – Lieber Gott im Himmel, sag, warum hört mich denn mein Friz nicht? – Komm wieder, Du Bildniß, so kalt du auch immer bist, so will ich mich doch an dir satt küßen, vollends will ich mich vergiften zu namenlosen Leiden!!!


Sonntags nach Tisch.


Ich bin zurük, mein Geliebter, von einer großen Strekke Wegs, die ein schwächeres Weib gewiß nicht zurük gelegt haben würde. – Ich mußte hinaus in Gottes frische Luft, es litt mich nicht mehr im Zimmer, da irrte ich denn und irrte, ohne zu wißen wohin? – Wälder, Wiesen und Weinberge habe ich der Menge nach durchgelaufen. – Du hättest mich sehen sollen, wie es mich herum trieb, gerade wie das böse Gewißen eine Sünderinn herum treibt. – Trübe war das Wetter, so trübe wie mein Inneres! – Ich lief B... zu, ohne es zu wißen. – Bald hätte ich Gefahr und alles vergeßen und wäre schnurstraks zu Dir geloffen, kaum konnte ich noch meine widerspenstigen Wünsche bezähmen, sie tobten wütend nach Dir, nach Dir!!! –

Mit aller Macht meiner Vernunft mußte ich die feurigste Sehnsucht bändigen und ich kehrte dann wieder, wie eine Verirrte, wie eine Wahnsinnige, zurük. Drei Stunden waren schon zurükgelegt, eh ich nur die Gegend wieder erkannte. – Bedenke einmal, wenn mich in diesem Zustande[123] die Nacht überfallen hätte. – Doch was wäre denn auch ein hartes naßes Lager gegen die Leiden der Liebe gewesen? – Der Himmel zu meiner Dekke, wilde Thiere zu meiner Gesellschaft, Thränen zu meiner Labung. – Friz! – Gatte! – Mann! – Du weißt gewiß nicht was und wie viel ich bei dieser Trennung leide? – O meine verstorbene Mutter sagtest Du nicht oft: Liebe, Liebe, bringt Dich um!!! –

Quelle:
Marianne Ehrmann: Nina’s Briefe an ihren Geliebten, [o. O. ] 1788, S. 118-124.
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