LXIX. Brief

[126] Rosenthal, den 1sten December.


Nicht wahr, theurer Friz, ich war gestern beim Abschiede ein sehr schwaches Geschöpf? – – Gebeugt bis zur Erde, grausam bis zur Sträflichkeit, gegen einen liebevollen, fühlenden Gatten. – Aber wahrhaftig wenn die Welt zu meiner Strafe Einsturz gedrohet hätte, meine Thränen würden doch nicht aufgehört haben zu fließen, so schröklich tobte der Gram in meiner Seele! – Nie weinte ich sonst bei einem Abschiede, aber bei dem Deinigen war ich so schwach,[126] so traurig, daß mich eine Fliege hätte über den Haufen stoßen können. – Glaubst Du denn, daß ich mich vor den umherstehenden Leuten auch nur im geringsten schämte? – Als ich Deinen Wagen aus den Augen verlor, dann weinte ich laut über die Stiege hinauf, Röschen und die Wirthinn weinten mit. – Du hast den Jammer nicht bemerkt, den Du beim Abschiede allen diesen guten Leuten verursachtest, man liebt und schäzt Dich hier äußerst, o Du reißest durch Dein edles Betragen die Herzen so hin, daß sie an Dir hangen bleiben mußten! – Innigen Dank diesen guten Leuten für ihre Liebe gegen Dich, ich möchte sie alle dafür küßen, aber das alles macht mich noch mehr für Dich fühlen, wenn gleichgültige Menschen so an Dir hangen, wo giebt es denn eine Liebe, die Dir entspräche? – – Ueber diesen Gedanken sann ich sehr lange nach, und fand ... daß nur mein Tod hinlänglicher Dank für Dich Edler wäre! – O könntest Du Dich über einen Verlust trösten, könnte es Dir noch in einer Welt gefallen, wo keine Nina mehr lebte, wie feurig, wie unbeschreiblich geschwind, wollte ich Dir dieses Opfer bringen! – Ein Opfer, wozu kein anderes Weib so leicht Muth besäße, ein Opfer, wofür kein anderes Weib hinlängliche Liebe im Busen trüge, ein Opfer, das die Welt von meiner heftigen Liebe überzeugte, ein Opfer, das allen Denen, die meine Einsicht in deine Verdienste kennen, sagen würde, es muß ein göttlicher Jüngling gewesen seyn, denn Nina starb nicht um etwas Geringes! – –

Denke, Friz, so würden die wenigen Empfindsamen sprechen, die mir gut sind und mich von Person kennen, Eitle würden darüber spotten, weil sie nie ein solches Opfer zu erwarten hätten, Sinnliche würden sich nach Deiner Figur erkundigen, Thoren würden es mir zur Narrheit anrechnen, Bösewichter für Sünde, und Niederträchtige für Unersättlichkeit des Lasters, dessen Ausübung mir durch Deine Abwesenheit[127] nach ihrer Denkungsart versagt wäre. – Gott! – So würde man urtheilen, wenn mich nicht Religion und unerklärbare Liebe zurükhielte den Weg zu wandeln, den gemeiniglich nur gute Seelen aus zu großer Empfind samkeit wandeln.

Lies diese Stelle der M... vor und sie wird mit mir ausrufen, für Friz G... ist selbst vergoßnes Blut noch zu wenig! – Dank dir Allgütiger, daß du Frizzens erstem Mädchen Dummheit statt Einsicht in seine Verdienste gabst, sonst hätte ich ihn gewiß verloren, wenn das Mädchen Menschenverstand und nicht Stroh im Kopfe getragen hätte. – Auch Dir danke ich, Vorsicht, daß du mir bei meinen übrigen Bekanntschaften, Stolz und Kraft gabst mein Herz zu bändigen. – –

Nicht wahr, Friz, in der Liebe bin ich äußerst kritisch, äußerst heftig, mein Liebhaber darf mich mit keinem unbefriedigten Wunsche zu Bette gehen laßen, den meine Menschenkenntniß von ihm fodert, sonst erscheint mir der Betrüger in seiner wahren Gestalt, und wenn ich mich dann bei einer solchen Wahl verbluten sollte, so wüßte ich mir über kurz oder lang aus edlem Stolze Richtung zu geben, meine Leidenschaft müßte da schweigen, wo ich Niederträchtigkeit zu entdekken glaubte. – Ist meine Epoche mit K... nicht der Beweis davon? – – Er sezte mir schwärmerisch zu, aber Dank seiner Familie, daß sie ihn in's Kinderseßelchen zurükrief. –

Nun auch wieder zu unserer Liebe zurük: Als Du fort warst, kam die Wirthinn auf mein Zimmer, weil sie mich krank glaubte. Meine Augen waren angeschwollen, mein Herz vollgepreßt vom Kummer über Deine Rükreise. – – Die Gutherzigkeit der Wirthinn rührte Anfangs meinen wilden Gram gar nicht, aber als sie mit einer Art Entzükken von Dir zu sprechen anfieng, o da wurde ich weich wie ein Kind[128] und stimmte in ihrem Ton mit ein, daß das Weib die Hände über dem Kopf zusammen schlug und laut rief: Nein, so eine Liebe, wie unter diesen Leuten herrscht, haben wir noch nicht erlebt! – –

»Aber, Madame, das ist alles recht« (fuhr die Wirthinn fort) »das ist alles recht, Sie können immer lieben, aber nur ein wenig moderat zu Werke gegangen. Bedenken Sie einmal die Feinheit ihres Körpers, Sie sind wahrhaftig von keinen gemeinen Leuten da, nein, nein, das laße ich mir nicht weis machen. – Man darf ja nur Ihre Glieder ansehen und ihre Lebensart, es ist alles so etwas Hohes darinnen« ... Stille, mein liebes Weib, ich gehöre zur Menschheit wie sie, und komme einstens, wenn der Gram mein Herz abgestoßen hat, in eine finstere Grube wie sie. Hier floßen sie wieder über meine Wangen die Kennzeichen meiner weichen Seele. –

»Aber du lieber Himmel!« – (Fieng das Weib wieder an) »aber du lieber Himmel, so trösten Sie sich doch, sehen Sie, Ihr Schaz liebt Sie ja wie seine eigne Seele, wäre er sonst in diesem Schandwetter gekommen? – – Und für Verfolgungen von seiner Familie dürfen Sie auch nicht sorgen, ich will Den sehen, der sich in Ihr Zimmer drängt!« –

O das Weib war so beredt! – Daß Du sie ja mit einer Kleinigkeit beschenkst, damit sie es zu meiner Freude immerfort bleibt! – Du kennst ja die eigennüzzige Seele des Pöbels, ob mich das Weib gleichwohl von einer guten Art Pöbel dünkt. – Röschen hatte nach diesem Auftritt wieder an mir zu schleppen, denn ich war matt, und sie brachte mich aufs Bette, dann schlief ich bis gegen Abend, wo das Mädchen auf meinen Hauch horchte, ob ich denn auch noch lebte; denn die Wirthinn hatte ihr in Kopf gesezt, ich könnte aus Gram gähling sterben. –[129]

»Ja, ja, (sagte die Wirthinn ganz leise) ja, ja, die Frau hat alles innwendig und ist nicht wie unser eins, daß sie so vieles ertragen kann.« – –

Nun stund ich endlich, müde über dieses Geschwäz, auf und lief nach dem Burschen, der Dich begleitet hatte, er mußte mir sagen, wie Du fort gekommen seyst. – O recht gut, recht gut! – Tausend Rüße schikt er Ihnen zurük, sagte der Kerl, und ich ward etwas ruhiger.

Endlich wurde zu Nacht gespeißt; um 8 Uhr lag ich schon wieder im Bette und überdachte die festen Bündniße unserer Zärtlichkeit, die wir uns vor dem Angesicht des Ewigen, unter dem äußersten Gefühl, dessen die Menschheit nur fähig ist, wieder erneuert hatten; dachte, mein Friz müßte die Liebe und ihre Seligkeiten haßen, wenn er jezt nicht feurig an unserer baldigen Vereinigung arbeitete. – Dann fielen mir auch die glüklichen mit Dir verlebten Stunden wieder ein; ich bin doch eine unbegreifliche Schwärmerinn, weis mir aus jeder Kleinigkeit im häuslichen Leben eine Seligkeit zu schaffen. – –

Wie lebhaft sah ich Dich jezt wieder, mit Deinem blassen Gesichte, mit offenem Halskragen, zufrieden wie ein König an meiner Seite sizzen, wie Du dann meine Hand fest hieltest, mich zuweilen feurig küßtest, während daß Deine Seelenbildenden Gespräche mir Thränen ablokten. – Wäre ich bis zu Deiner Bekanntschaft eine Sünderinn gewesen, Du würdest mich mit Engelsgüte von der Verdammniß zurük gebracht haben. – Aber nicht wahr Friz, das war ich doch nie? – – O wie mich die Menschen und Dein Bruder vor Deiner Bekanntschaft so sehr verkannten! – Ich war doch blos feurig, lebhaft, ein Bischen eitel, wegen dem vielen Weihrauch, der meinen Talenten gestreut wurde, aber nicht ausschweifend, wie es Dir Dein liebloser Bruder weis machen wollte. –[130]

Ich hatte gegen die Männer Haß im Herzen und wandte meinen Kopf dazu an, um mich durch Koketterie an ihnen zu rächen, mich vor den Betrug schadlos zu halten, den ich auf Unkosten meines empfindsamen Herzens durch sie erleben mußte. – Aber erst jezt sehe ich ein, wohin mich dieser unglükliche Entschluß hätte leiten können. – –

Mein Herz wäre in der großen Welt nach und nach der Liebe abgestorben und endlich gewiß auch der Tugend. – Zur Menschenfeindinn würde ich zwar nie geworden seyn, dazu war ich zu eitel; zur stoïschen Maschine auch nicht, dazu war mein Temperament zu lebhaft; zur wahren Philosophinn auch nicht, dazu waren meine Grundsäzze noch zu unreif; aus mir wäre ein falsches Unding geworden, die am Ende von den Sinnen hingerißen der Raub von mehrern Bösewichtern hätte werden können. – –

Friz, ich will es Dir noch in der Ewigkeit danken, ich will es der ganzen Welt sagen, daß Du mich in Deine Arme zurükriefst, daß Du mich zu einer Liebe auffodertest, die meine Seele verbeßerte. – Sich es als ein Werk der Barmherzigkeit an, das Dir Lohn sammeln wird vor dem Throne des Ewigen, Du hast nun Seele und Leib von mir in Deiner Gewalt, kannst sie aufrecht halten, oder zernichten. – O ich Undankbare, wie ich nur so etwas aussprechen kann! – Gegen einen so moralisch denkenden Engel aussprechen, der auch ohne Liebe doch ewig, ewig für mein beiderseitiges Wohl sorgen würde. – Nimm hin den feurigsten Dank, guter, sorgfältiger Gatte! – Die Gottheit schuf Dich um mir den lezten Athem zu segnen zum ewigen Wohl. – Ja gewiß, Friz, überlebst Du mich, ich weis es so gewiß, als ich Deine Liebe kenne. – Urtheile von der Heftigkeit meiner Empfindungen, und wenn nun diese Empfindungen alle Tage nur einen Hauch von meinem Leben abrizzen, so eile ich wohl in wenig Jahren meiner Auflösung zu, aber nicht ohne Dich, o nur[131] dies nicht! – Wo wäre mehr auf dieser Welt ein Geschöpf, das Deine Seele ausfüllte? – Das so mit unaussprechlicher Güte an Dir hienge, Dich liebkoste, Dich verehrte, Dich schäzte. – O vergieb, holder Engel, vergieb meiner trüben Laune, kümmere Dich nicht, sie schadet meiner Gesundheit nichts, und wenn es auch wäre, Deine gutherzige Sorgfalt würde mich ja noch am Rande des Grabes retten, und dann flehe ich ja täglich den Schöpfer um Gesundheit an, zum Troste meines Frizzen. –


Abends.


Gutherzige Seele was magst Du wohl von meiner äußersten Schwärmerei denken? – – Ist sie bei Deiner gränzenlosen Liebe nicht sehr natürlich, da ich noch nie so geliebt worden bin? – – Und kann ich dafür, daß Schwermuth mir Glükseligkeit ist, wenn ich aus Liebe leide? – – Kann ich dafür, wenn mich außer Dir niemand kennen will? – Kann ich dafür, wenn meine Gefühle auf einen solchen Grad gestimmt sind? – – O mein Gatte, entweder habe ich Dir einstens völlige Gesundheit und gelaßnere Richtung zu danken, oder der Gram reibt mich auf, noch eh Du an meinem Busen liegst, wenn Du anders noch lange nicht kommen solltest. – Laß dies für keinen Vorwurf gelten, ich wäre ein Ungeheuer, wenn ich an Deiner Thätigkeit zweifelte, aber es liegt so schwer auf meinem Herzen, es ist mir immer als zwängst Du Dein Schiksal nicht. – Schon wieder rükt meine verwünschte Zagheit heran, o Friz, zanke mich armes, jammerndes Weibchen doch tüchtig; sey schärfer gegen meine Kleinmuth, heile mein Fieber, das freilich in meinem Nerven-Bau liegt, aber Dich so barbarisch zusammenschlägt! – – – –

Gott! – Wie wirst Du Dich wieder über meine Melankolie grämen! – Sey gelaßen, Du kennst mich ja, meine Empfindsamkeit, Deine Trennung und dann meine äußerste Anlage zur Schwermuth sind Gegenstände, die mich bei Dir[132] entschuldigen müßen. Der Allgütige ist mein Zeuge, daß ich es nicht aushalten könnte, wenn ich Dir nicht vorweinen dürfte; trage gedultig mein Gatte, es kommen Entzükkungen, die Dich schadlos halten werden. – – O dann wirst Du die Freuden der Liebe auch ungestört genießen, wenn ich einstens wieder in Deinen Armen bin! –


Tages darnach in der Dämmerung.


Guten Abend, mein inniggeliebter Gatte! – Guten Abend! – Hier sizze ich nun in der Dämmerung bei einer Grabes-Stille, unter den melankolischen Schatten der herannahenden Nacht und denke an Dich, ob es Dir wohl auch so wehmuthsvoll um's Herz ist, wie mir. – Ob Du auch so oft unsere Liebe in Gedanken durchläufst, die trüben Stunden zusammen rechnest, die wir schon mit einander durchlebt haben.

Ja wohl Friz, waren es der trüben mehr als unsere Herzen verdienten. – Weist Du noch die schröklichen Auftritte wegen beiderseitiger Eifersucht? – – O sage mir, was Du willst, man kann eifersüchtig seyn ohne Mißtrauen; aber unmöglich kann man so heftig lieben, ohne daß sich nicht ein wenig Furcht einander zu verlieren einmischt. Weist Du noch, wie oft Du bei jedem gefälligen Worte, das in Gesellschaften an mich addressirt wurde, toll werden konntest? – Wie sehr Dich die Schmeichler ärgerten, wenn sie so um mich herum sumsten? – O Du lieber Grillenfänger! – Um ein ganzes Jahrhundert haben dergleichen Auftritte Deine Liebe noch mehr befestigt. – Du wolltest ja nur Deine Vorrechte behaupten, die ich Dir, Herzens-Mann, mit voller Liebe eingeräumt hatte. – – –

O die abscheulichen Stuzzer, die blos um mich herum krochen, weil mein Bischen Verstand Aufsehen machte und[133] ihrer Eitelkeit schmeichelte, die Affen, die sich nichts weiter um mein Herz kümmerten und nur den bloßen Ruf in mir genoßen! Ich kann K... noch in Gedanken verachten; wenn ich denke, wenn ich mich erinnere, wie er sich denselbigen Abend Dir zum Troz so läppisch stellte. – Aber tüchtig spottete ich auch seiner, ich war gewiß grob genug gegen die stuzzerischen Maulaffen, hätte es doch nur der Wohlstand erlaubt, ich wollte ihnen gesagt haben: Seht ihr Thoren, seht ihn dort sizzen, den biederen, teutschen Jüngling, für den mein Herz fühlt? Er lehrte mich euch verabscheuen, denn sein Herz ist rein, es ist weder vom Eigennuz, noch von der Sinnlichkeit geschwärzt. Er windbeutelt freilich nicht mit seinen Vorzügen wie ihr, er erhebt seine schöne Seele wie ein Heiliger in der Stille über euch Budenkrämer der politischen Laster. –

Denke Friz, wie ich mich bei dergleichen Beobachtungen wieder aufs neue Deiner Liebe freuen mußte, wie ich an Deiner Seite so stolz daherschlenderte. – – In Gesellschaften hatte ich oft um Deinetwillen drolligte Auftritte! – Einstens sagte ich einem elenden Geschöpfe ins Gesicht: Um diesen Jüngling zu kennen und zu schäzzen, muß man selbst ein reines, unbefangenes Herz im Busen tragen. – –

Ich bin recht froh, daß in B... Deine Liebe meine Seligkeit ausmachte, ich hätte sonst mit Höllen-Haß eine Stadt verlaßen, wo unter den Männern außer Dir keiner nach meinem Herzen war. –

O Gott! – Du bist doch ein guter Gott, daß Du mir meinen Friz schiktest! – Was wäre ich jezt ohne ihn? – Noch in dem Umgange eines Sträflichen, der mich am Ende mitverdorben hätte. – Das Weiber-Herz ist doch ein närrisches Ding, so unbesonnen gut, so leichtgläubig, selbst gegen Unwürdige. – Aber nun sey mir willkommen glüklicher Anlaß, wo ich dieses Herz mit seiner Empfind samkeit an den[134] Busen eines tugendhaften Gatten drükken kann! – Tausendmal noch werde ich dem Schöpfer für diesen Anlaß danken, durch den ich meinen rechtschaffenen Friz erhielt!!! –


Nach Tisch.


Ich und Röschen aßen recht munter zusammen, Du warst der einzige Gegenstand unsers Gesprächs. – – O wie die lose Schäkkerinn mir so fleißig, so beredt von Dir zu erzählen wußte! –

Denke, Friz, das Mädchen hat ein recht gutes Herz, und wird jezt so brav, so arbeitsam; wir haben den ganzen Tag zusammen gestrikt, und vieles, recht vieles von Deiner Liebe geschwäzt. – Leben wir nicht wie die leibhaften Einsiedlerinnen? – – So eingezogen, so entfernt von den Menschen. –

O Du Ebenbild meiner Wünsche, was gäbe ich nicht um einen Nachkömmling von Dir, der mir in meiner Einsamkeit Gesellschaft leisten könnte! – Ha! – Dieses Glük überstiege wohl alle Leiden meines Lebens!!! – Jezt mein Herzens-Gatte will ich mich mit Deinem Andenken zur Ruhe legen, und erst morgen diesen ziemlich langen Brief an Dich abschikken. – – Gute Racht theurer Friz! – –


Morgens.


Theuerster, liebster Gatte! – Ich hatte einen gräßlichen Traum! – Die Thränen rollten so häufig auf mein Kopf-Küßen, daß es wie gewaschen naß wurde! – – Es träumte mir, Du hättest mich verlaßen, ohne mir die Ursache anzugeben, darüber verlor ich den Verstand, und war so bedaurungswürdig glüklich in meinem Wahnsinn, daß sich ein Stein erbarmt haben würde! – Du kamst dazu und jammertest um meinen Verstand, riefst laut; »O ich Ungeheuer! – Du armes, armes Weib, Du hast Deinen so schönen Verstand durch mich verloren! – –[135]

Nicht doch, (antwortete ich) mein Verstand ist ja nur spazieren gegangen, weißt Du, auf jenes grüne Pläzchen, und ins grüne Zimmer zu B..., überall hin, wo ich einst mit Dir glüklich war, ist mein Verstand gegangen. – Am Ende fieng ich gar an, Dich laut auszulachen, daß Du mich für unglüklich hieltst, und mir war doch so wohl, ich fühlte es ordentlich, daß alle Begriffe von Liebe und Ehre, von Beleidigungen und andern Leidenschaften, nicht mehr in meinem Kopfe wohnten. – Ich war blos thierische Maschine mit einer zerrütteten Seele, Kind ohne Kraft, und doch zuweilen so rasend stark, daß man mich in Spithal trug, und an die Ketten legen mußte, die Schwere dieser Ketten drükte meine feinen Knochen schröklich! – – –

Aber Gott sey ewiger Dank gesagt, es war nur ein Traum! Ich bin gesund, besizze Deine Liebe und meinen gesunden Verstand. – – Tausend Küße von Deiner beßten Gattinn. –

Nina.

Quelle:
Marianne Ehrmann: Nina’s Briefe an ihren Geliebten, [o. O. ] 1788, S. 126-136.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Chamisso, Adelbert von

Peter Schlemihls wundersame Geschichte

Peter Schlemihls wundersame Geschichte

In elf Briefen erzählt Peter Schlemihl die wundersame Geschichte wie er einem Mann begegnet, der ihm für viel Geld seinen Schatten abkauft. Erst als es zu spät ist, bemerkt Peter wie wichtig ihm der nutzlos geglaubte Schatten in der Gesellschaft ist. Er verliert sein Ansehen und seine Liebe trotz seines vielen Geldes. Doch Fortuna wendet sich ihm wieder zu.

56 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon