LXX. Brief

[136] Rosenthal den 3ten November.


Lieber, holder Gatte! – Tausend Küße für Deine Nachricht! O ich bin so froh, daß Du so glüklich zu Hause anlangtest! – Zwar habe ich heute wieder einen finstern Tag verlebt, aber Gott Lob er ist zu Ende. –

Was hat wohl heute mein Liebchen gethan? – – O Du Armer, daß meine Entfernung Dir auch so schwer auf's Herz fällt, wie mir. – Um meiner Seelen Heil willen, beschleunige unsere Vereinigung, wenn Du nicht haben willst daß wir beide zu Grunde gehen? – Lange hier aushalten,[136] werde ich beim herannahenden Winter ohnehin nicht können, sonst würde Schwermuth, durch den Aufenthalt in dieser abscheulichen Einöde verdoppelt, meiner Gesundheit allzu schädlich seyn. –

Ich nahm mir heute vor, ein Bischen spazieren zu gehen, aber die morastige Straße hielt mich zurük, dann saß ich zu Hause in meinem Stübchen und Röschen erzählte mir, daß der Erzschurke Holbaur sie einstens zur Kupplerinn hätte bestechen wollen. – Siehst Du nun, daß ich mich in dem Buben nicht geirrt habe? – Dem Himmel sey Dank gesagt, daß ich allen diesen Nachstellungen entwischte! – Meine Einsamkeit schüzt mich jezt vor dergleichen Kabalen. – Kopfschmerzen hindern mich jezt mehr mit Dir zu sprechen. – –


In der Frühe.


Guten Tag, beßter Gatte! So kann ich denn gar keine Nacht mehr schlafen? – Der düstere Zustand meines Gemüths muß daran Schuld seyn, und doch treibe ich zu meiner Zerstreuung alle nur mögliche Beschäftigung, damit ich Dir den Kummer über meine Gesundheit erspare. –

Weil aber das Nachdenken jezt meine einzige Gesellschaft ist, so kannst Du leicht errathen, wie sehr es mir in der stillen Nacht zusezt. – Da denke ich, und denke so acht, neun Stunden durch, aber dabei doch so wenig Zusammenhängendes, daß ich mich über mein Denken schon oft ärgerte. – Willkommen wäre mir jezt ein Bischen Leichtsinn und ein wenig minder Aengstlichkeit, – Weist Du auch, wo das alles herkömmt? – – Von den vielen überstandenen Schiksalen, die mir in gräßlichen Bildern in dieser Einsamkeit wieder aufs neue erscheinen und Furcht für die Zukunft einjagen. – –

Dein lezter Brief, Theuerster, war nicht kalt, wie ich Dich beschuldigte, aber etwas zerstreut geschrieben! Und könnte[137] er in einer Lage wohl anders seyn, wo Glük und Kummer alle Minuten mit einander abwechseln, in einer Lage die nur wenige Stunden so reizend bleibt, und dann bei der geschwinden Trennung schnell wieder alle Leiden der Menschheit zusammenruft, um Dich und mich zu foltern! – Könnte ich Dir doch Riesenkraft wünschen, damit Du in wenig Wochen Alles ändertest! – – Aber der Kampf, der Kampf, eh Du abkommen kannst, wird Dich noch vieles kosten! –

Sey vorsichtig, lieber Friz, sonst bringst Du mich um, wenn ich erfahre, daß man Dich bei Deiner Abreise mit Gewalt zurükhalten will! – – Die Unmenschen würden auf unsere Liebe nicht achten, sie würden mich für eine Verführerinn ausschreien, Gott! verdiente dies wohl Deine Nina? – – Deine Nina, die so ganz von allen Nebenabsichten entfernt, nur Dich allein liebt. – Wie lange soll denn mein Herz noch miskannt werden? Sind denn meine Gefühle zu fein, um Andern begreiflich zu werden? – Und doch ließen mir einige von Denen die mich mißhandelten, zuweilen Gerechtigkeit wiederfahren, lobten die Güte meines Herzens. –

Löse mir doch dies Näthsel auf, von Denjenigen mißhandelt werden, die bei kälterm Blute meine Denkungsart nicht mißkannten. – Pfui, wie die Menschen so schwach sind, und immer nach ihren Leidenschaften auf das Wohl ihrer Nebenmenschen hin sündigen. Mich dünkt mein Herz ist zu gut für eine Welt, wo außer Dir so viele Bosheit herrscht, zu gut für Men schen, die nicht wie Du ein gutes unverdorbenes Herz zu vergelten wißen. –

Dachte ich doch immer, Gutheit und Großmuth sey Adel der Seele, der jedem guterzogenen Frauenzimmer eigen seyn müße? – Aber warum verstehen denn diese Tugenden so Wenige? – Warum knikte man denn mein Herz nur um desto gräßlicher zusammen, je mehr es seine Güte blikken ließ? – O noch viele Warum könnte ich über diesen Punkt hersezzen! –[138]

Ich bin eitel genug, es Deiner Einsicht in meinen moralischen Karakter zuzutrauen, daß, wenn Du mich auch nicht lieben dürftest, Du dennoch mit enthusiastischer Freundschaft für mein Wohl sorgen würdest. – Die übrigen Menschen sahen bei mir immer auf meine Außenseite, die ihrer Eitelkeit Genüge leistete, und nie auf meinen innern Seelen-Werth, auf meine Begriffe von Liebe, von Großmuth, von edlem Stolz, von Uneigennüzigkeit; darnach fragte die Welt nicht. – – Das gebeugte Wesen, das mich bei allem Schein meines Leichtsinns doch oft genug überfiel, hielt man für Heuchelei und Affektazion; meine Schwermuth vom Schiksal in's Herz gedrükt, für Ziererei; meine Gutheit, für Unbesonnenheit; meine Sanftmuth für Empfindelei; alles, was mir Pflicht schien, wurde mir für Thorheit angerechnet; der bloße Schein für wirkliches Laster. – –

Ich bekam eine Gemüths-Krankheit, und es gefiel mir nicht mehr in einer Welt, wo man mich so sehr mißkannte, nur zuweilen überlies ich mich aus Verdruß einer Lebhaftigkeit, die mir den Schein einer Welt-Puppe gab, und doch ächzte mein Herz im Stillen nach Liebe, nach Tugend. –

Hier hast Du wieder einen Theil von einem aufrichtigen Geständniß, deßen sich so viele Weiber mit ihren zur Reue unfähigen Herzen schämen würden. – Wenn der Allmächtige einst nur den bösen Willen des Menschen straft, dann wohl mir, ich darf mit allen meinen Schwachheiten vor ihm erscheinen! – – Nun muß ich Röschen entgegen eilen, um zu erfahren, ob sie mir keine Nachrichten, oder sonst etwas von Dir bringt? – – – –


Nach Tisch.


Ja wohl, Friz, ist Etwas von Dir angekommen! – Etwas daß meine ganze Seele zerreißt!!! – Ich will Dir demungeachtet, wenn es anders möglich ist, ohne Leidenschaft[139] antworten. – Will nicht alle Stükke ahnden, mit denen Dein argwöhnischer Bruder mein Herz zerreißt; will nicht ahnden, daß er Dich für einen Dummkopf hält, der in drei Vierteljahren Umgang kein Herz zu studieren im Stande ist; will nicht ahnden, daß er selbst ein Teufel in der Verstellung seyn muß, weil er Andere dafür hält! – Kurz, mit diesem Klatschmaul, will ich durchaus nichts zu thun haben, weil er mich Deiner unwürdig hält. – – Traut er mir nicht, so traue ich ihm nicht. – – Dein Bruder muß eine Frazze seyn, sonst würde er nicht Deine fünf Sinnen für närrisch halten, und meine Rechtschaffenheit aus bloßen Vermuthungen anfeinden. –

Was will denn der elende für fernere Beweise von meiner Redlichkeit? – Heirathest Du oder Er mich? – – Gott gieb mir Mäßigung, oder Tod! – Was kümmerte sich das alte Weib um meinen jezzigen Aufenthalt? – Warum ließ er mich auskundschaften? Hat er mich endlich in meiner Einöde ausspioniert? – Ha! – Wenn er .... Dann soll mich Dein Bruder kennen lernen!!! – –

O meine Ahndung wegen Deinem gewißenlosen Bruder ist jezt erfüllt, erfüllt, um mich unglüklich zu machen! – Wie kann denn dieser von Dir so hoch gepriesene Bruder so feindselig von einem Weibe denken, die er nicht einmal kennt? – Sind das die menschenfreundlichen Pflichten eines Freimaurers? – – So schmeichlend er auch immer mit Dir zu Werke geht, so werde ich ihm doch nie trauen. Nimm Dich in Acht, Friz, er legt Dir süße Fallstrikke, um Dich von mir zu reißen! – Sogar bis in meine Einöde dringt dieser Menschenfeind, wo ich aus Liebe und gewiß nicht aus Eigennuz wie eine Selbst-Mörderin meine Gesundheit abhärme! –

Wenn er Dir wieder von meiner Heuchelei spricht, so frag ihn doch, aus welcher Ursache sollte sie denn heucheln? – Aus Eigennuz, aus Begierden, aus Hofnung künftiger[140] Vortheile? – – O bei Gott nicht! – – Ich sage Dir, Friz, Du mußt fort, sonst schmiedet man noch ein Paar Intriken wider mich zusammen und dann ist und bleibt die arme Nina verlaßen im Elend! – Siehst Du denn nicht, daß man eben auf dies anträgt? – Du mußt mich weiter reisen laßen, damit ich den Verfolgungen entwische. – Sage Deinem Bruder, daß ich lieber wie eine Rasende im Walde herumirren will, als ferner seinen Verdacht leiden! – Sage ihm, daß ich mehr Ehre im Busen trage, als er Menschheit, sag ihm ... nein, sag ihm nichts, sonst wird er gar noch mein Henker! –

Da ist er nun erfüllt mein Traum! – Wenn Du nicht mehr anders kannst, wirst Du schon an der Klippe hängen bleiben müßen, die Dir durch meine Bekanntschaft ist zubereitet worden! – Lies Deinem Bruder diesen Brief nicht vor, er ist zu fühllos um ihn zu begreifen, er würde mich für unsinnig halten und meiner spotten! – Kränkt er nicht durch seinen Verdacht meine Ehre? – Bald wird er wohl auch noch meine Seligkeit angreifen! –

Röschen weint über diesen neuen Streich wie rasend! – Ist das nicht eine gutherzige Närrinn, lachen sollte sie über die harten, ehrenkränkenden Ausdrükke, die Dein Bruder gegen mich ausstieß! – Nicht wahr, Friz, eine Heuchlerinn fühlt auch so tief bei einer solchen Kränkung? – – Wie konntest Du nur dieser verläumderischen Schlange trauen? – – Friz, sie wollen Dich durch Lokkungen um Dein Weib bringen! – – Sey auf Deiner Huth! – – Höre ich noch das mindeste von Deinem Bruder, so kehre ich zurük, und Verzweiflung werde dann mein Loos! – Wenigstens soll dieser Ruhestörer kennen lernen, was ein leidenschaftliches Weib zu thun im Stande ist! – Ein Weib, die Ehre im Busen trägt und sich nicht unschuldiger Weise zur Heuchlerinn machen läßt! –[141]

Da nimm diesen Kuß! – Schmekt er Dir? – Um Gotteswillen laß Deinen Bruder nichts davon wißen! Du weist ja, er hält ihn für giftig! – – Jesus! – Jesus! – Wohin verleitet mich der Gram! Du dringst gewiß nicht durch dieses Gewebe der Bosheit durch, weil man troz unserer Klugheit doch meinen Aufenthalt entdekte. – –

Sie wollen Dich an Ketten legen, Deine Verwandten? – O Du armer Sklave, ich sehe Dich gewiß nicht so leicht wieder! – – In Deiner Lage spränge ich zum Fenster hinaus! – Die Liebe mag Dich jezt schlau machen, ich will niederknieen und Gott um Deinen und meinen Verstand bitten! –

Weh! – Weh, deinem Bruder! – Er hat keine gemeine Seele zu Grunde gerichtet! – Lebe wohl, sey ruhiger, als Dein trostloses Weib. –

Quelle:
Marianne Ehrmann: Nina’s Briefe an ihren Geliebten, [o. O. ] 1788, S. 136-142.
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