LXXV. Brief

[150] Rosenthal, den 10ten November.


Ha! – Mein inniggeliebter Gatte! – Was ich gestern und heute wieder litte, daß der Postwagen nicht kam, das ist gewiß allen Menschen unbegreiflich! – So ist denn meine Ruhe auf ewig dahin! – So ist denn mein Gemüth unheilbar vom Gift der Schwermuth angestekt? – – Nimm mir es nicht übel, theurer, angebeteter Mann, aber nimmermehr glaube ich, daß ich Deine Ankunft erleben werde! –[150]

O rette mich bald, um Gottes Barmherzigkeit willen! – Wenn Du wüßtest, wenn Du fühltest das Schrökliche, das in mir vorgeht!!! – – Ha, bin ich nicht eine elende Winslerinn! – Warum stürme ich denn so auf Dein Mitleiden los? – – Mich dünkt, Du bist jezt mein Gott, mein Schuz, meine Zuflucht, mein Trost, mein Alles! – Ich bin abgerißen von der ganzen Menschheit, hingeworfen ganz allein in's unendliche Kaos der Schiksale! –

Friz, es gilt jezt Leben oder Tod! – Merk Dir's und sage es Deinem Bruder auch, es gilt jezt Leben oder Tod, – nachdem es sich mit Dir entwikkelt! – – Ich muß also weiter reisen? – Muß Dich zurüklaßen? – O, und wenn mich in der volkreichen Stadt V... alle Reichthümer erwarteten, wenn man mich dort vergötterte, so würde ich mich doch ohne Dich abhärmen! – Tödtendes Gift wird diese Entfernung für meine Liebe werden, das mich hinraffen wird in's Tollhaus!!! –

Warum brennt es mich heute wieder so schröklich im Gehirne? – Warum spannt mich der Kopf wieder so? – Warum treibt es mir meine Adern wieder so in die Höhe? – O Friz! Friz! Warum wektest Du mich zur Liebe auf, zu einer Liebe, die Dir ihrer Heftigkeit wegen zur Last seyn muß! – – Immer schreit Deine kalte Vernunft von Ueberspannung; freilich erreicht mein hoher Grad von Einbildungskraft niemand so leicht. – Du liebst zwar beßer als Millionen Andere, aber Du fühlst doch nicht so anhaltend, wie ich fühle. Auch hierinnen empfindt das Weib ihren Fluch, ich bin es überzeugt! – –

Könnte Dich das Schiksal unwillkührlich von mir trennen, sollte sie einst anlangen diese schauervolle Nachricht dann beim Himmel, bei den Elementen, geschehen soll es seyn um mein Leben mit lachendem Munde, und mein lezter[151] Fluch donnere Dem in die Ohren, der mich zu einem Schritt brachte, wovor jezt meine ganze Natur zittert!!! – –

Schreie mir nicht schon wieder entgegen: Hast Du Mißtrauen in mich? – Ich habe keines in Dich, aber in Dein Schiksal, in Deine Ohrenbläser. –

Jezt wirst Du alle meine Briefe haben, und ich habe von Dir noch keine Zeile. – Die verdammte Post! – – Nun so quält mich denn alles, alles! – Weist Du auch, daß es gut ist, daß ich den hiesigen Ort bald verlaße? – So einsam er auch immer ist, so müßen mich doch städtische Lotterbuben ausgespäht haben, sie schmieden jezt untereinander Entwürfe, um zu erfahren, wer ich bin? – Die Wirthinn selbst hat mich davon benachrichtigt, und dein gutes Weib sizt da, ringt die Hände, verflucht die Menschen, die ihr in der abgelegensten Einsidelei nicht einmal Ruhe laßen! –

Aber wie ich Dir schon einmal schrieb, was ist ein Weib ohne Mann? Jeder Hauch stößt sie zu Boden! – Wer bürgt mir in dieser Verfaßung für Verrätherei? – Wer bürgt mir für mich selbst, daß mich der allgewaltige Gram nicht zu Erzeßen verleitet? – – Friz, der Tag in dieser einsamen Höle ist lang, der Stunden sind viele zum kränken, und die Einsamkeit ist das wahre Gift für eine schwermüthige Seele! – Denke, lezthin bin ich dem Mädchen entlaufen, sie hat mich suchen müßen. O ich kann, ich kann nicht mehr ohne Dich leben! – Melde mir den Tag meiner Abreise, wenn Du nicht selbst kömmst. –


Des andern Tags.


Schon wieder eine kummervolle Nacht verseufzt! – Meine Schwermuth kümmert sich wenig um den Zusammensturz meines Körpers, ich glaube auch, daß er nicht zusammen stürzen kann, dieser elende schwache Bau, sonst müßte er schon längst dahin seyn. – Sey nicht böse, daß ich der[152] Melankolie wieder so sehr nachhänge, ich kann Dich nicht mehr schonen, so sehr mein gutes Herz sich dagegen sträubt, ich muß, ich muß Dir sagen, was mit mir vorgeht. – Du wirst selbst entdekken, wie anhaltend dermalen meine Gemüthskrankheit ist ... Lies seit meiner Abwesenheit alle meine Briefe durch, keine heitere Stelle wirst Du darinnen finden. – Du bist unglüklich durch mich, unglüklich auf ewig! – All Dein Trost prellt an Deinem kranken Weibe ab, nur Du ... oder Tod steht mir bevor! – Du kennst meine schrankenlose Ungedult, Du müßtest Bösewicht seyn, wenn Du nicht alles anwendetest, um mich bald dieser martervollen Sehnsucht zu entreißen. – – Diesen Augenblik erwarte ich Röschen mit Briefen von Dir. – Was wird wohl darinnen stehen? Freude, Kummer, Angst, Furcht, laßen mich das Siegel nie anders als zitternd erbrechen. – In der Liebe bin ich das kummervollste Weib, und in der Ehre und in feurigen Entschlüßen so sehr Mann. O ich möchte mich selbst anklagen, daß ich so ein unglüklich gestimmtes Weib seyn muß! – – Es steht nicht mehr in meiner Gewalt es zu ändern, das Fieber hat Seele und Kopf angegriffen, da muß Gott helfen, sonst ist wohl jede Beßerung für mich verloren! – –

Du wolltest lezthin wißen, was ich den ganzen Tag durchmachte? – Sehr wenig, das einer gesunden Vernunft ähnlich sieht, herumlaufen, weinen, rasen, dichten, das ist meine größte Beschäftigung. Denke nur, was mir lezthin einfiel, ich hätte mich bald entschloßen, Dir durch eine dritte Person eine tüchtige Falschheit von mir in die Ohren blasen zu laßen, um Dich dann zu beobachten, wie Du Dich dabei betragen würdest? – Eine solche Probe dünkte mich Sicherheit, wenn Du sie standhaft, mit Zutrauen ausgehalten hättest, falls Dein Bruder neue Lügen wider mich Dir hinterbringen würde. – Vergieb mein Gatte, vergieb meinem[153] Kummer, Du kennst ja die Ursache, Du mußt wohl recht viel mit mir leiden, laße es Dir aber von nun an zur Warnung dienen, behandle mich vorsichtiger, sage mir nichts mehr von Deinem Bruder. – Ich will gar nichts mehr von ihm hören, die bloße Erinnerung verwirrt mich schon! – –

Friz, wenn Du meine Seele retten willst, so komme an meine Seite, beruhige mich durch Deine Grundsäzze. Wieder eine Ursache mehr, die Dich an mich hinreißen muß! – Die arme, bedaurungswürdige Nina ist ohne Dich verloren, ist hin, ist weg, ihre Vernunft hintersinnt sich! – Der Schöpfer wird Dir fluchen, wenn Du mich nicht bald auf den ruhigen Pfad der Religion zurükweisest, mein Blut würde über Dich um Rache schreien, Du mußt mich heilen von einer Seelen-Krankheit, die Deine Liebe in mir aufwekte. – Ha! – Wenn Du mich tröstest, dann will ich Dir in der Todes-Stunde, beim Gericht Gottes Segenswünsche zurükschikken! – Für jezt Amen! – Ich fühle, daß es mich wieder drükt ...........

Ich habe versucht im Grünen herum zu laufen, aber es will mich dort auch nicht dulden. Zehn Uhr vorbei, und Röschen ist noch mit keinem Briefe da? – Großer Gott! – Was ist die Erwartung für Unglükliche eine namenlose Marter! – Erwartung ist für den Fühlenden mehr Folter, als dem Alltags-Bösewicht Schande und Henkers-Hand ist! – Es ist kein Geschenk um eine fühlende Seele, kein Geschenk um einen denkenden Kopf. –

Laß ihn kommen, Deinen Bruder, und meine heiße Angst betrachten, er soll die Augen öffnen, und der Menschheit Gehör geben, er soll sehen wie es mich herumtreibt, er soll fühlen, wie es mich durch und durch meßert, er soll barmherzig seyn gegen Liebende, wenn er Mensch ist!!! –

Röschen kam eben, und ich erhielt wieder alle Briefe auf einmal. – Also kömmst Du diese Woche schon wieder[154] nicht? – – Thue was Du willst, ich halte es ohne Dich nicht mehr länger aus, ich komme in die Stadt, und gerathe ich Deinem Bruder in die Hände, so sprechen wir uns! – Ich kann, ich will, ich mag diese tödtende Ungewißheit nicht mehr länger dulden! – wenn Du nicht selbst kömmst, so komme ich so gewiß als ich Dein Weib vor den Augen Gottes bin! –

Nina.

Quelle:
Marianne Ehrmann: Nina’s Briefe an ihren Geliebten, [o. O. ] 1788, S. 150-155.
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