Dritte Szene

[830] Gebirg und Wald. Gertrud und Elsbeth treten auf.


ELSBETH.

Tretet nur hierher auf das weiche Moos,

Wir können nicht mehr weit zum Kloster haben.

GERTRUD.

Sind wir so nahe schon?

ELSBETH.

Was zittert Ihr?

GERTRUD.

Ich? nein Ich kenne ja die Priorin.

Wir ritten einst an einem Sommerabend

Noch mit dem Vater dort vorbei und hielten

Am Pförtchen plaudernd unter hohen Linden.

Das ist schon lange her der Abend glänzte

So seltsam in den Hof, und vor den Fenstern

Bewegten rauschend sich die alten Bäume.

Da ritt der Wirsberg fern am Saum des Waldes,

Vom Jagdgeschmeide blitzend, uns vorüber

Und winkt' mir zu. Der Vater sah ihn nicht,

Ich aber blickte weg und wurde rot.

Wenn er so einmal wiederkäme.

ELSBETH.

Wer?

GERTRUD.

Ach Elsbeth sieh, mein Kopf ist mir jetzt so schwach

Komm, laß uns gehn.


Sie steigen den Berg hinan.


ELSBETH.

Wenn du im Kloster bist,

Will ich durchs Land mit Grüßen hin und her gehen

Zu allen Freunden und geliebten Plätzen,

Wo wir sonst froh gewesen, und erzähle

Dir von der Welt dann, wenn es ringsum stille,

Und wir beim Abendschein im Klostergarten

Was weinst du denn?

GERTRUD von der Höhe herabblickend.

Ach!

ELSBETH.

Schaut, da liegt das Kloster

Im tiefen kühlen Grund, von Fichtenwäldern

Umgeben rings und stillen Höhn die Glocken

Erklingen aus der Einsamkeit herauf.

GERTRUD ihr um den Hals fallend und in heftiges Weinen ausbrechend.

Ach Els', das ist ja wie ein Grab ich kann,

Ich kann nicht Nonne werden!

ELSBETH.

Weint nur nicht[831]

So schmerzlich! Seht, ich will ja mit Euch gehen

Ans End der Welt!

GERTRUD lebhaft.

Wir wollen Männerkleider

Im Dorf uns kaufen, und dann fort, weit, weit,

Wohin du willst nur dort hinunter nicht!

Wir suchen ihn in Weilern, Städten, Schlössern,

Als Zitherbuben vor den Fenstern singend.

Er kennt mich gleich an meiner Stimme wieder,

Und unter Tausenden blick ich ihn raus!

Komm nur, er kann mich nicht verlassen haben,

Er war mir ja so herzlich gut!

ELSBETH.

Besinnt Euch!

Ihr seid erhitzt vom weiten Wandern setzt Euch.

GERTRUD nach einer kurzen Pause.

Ach Gott, ich bin so müde.


Sie setzt sich.


Ruhn wir aus.

Was würd die Priorin auch dazu sagen,

Wenn sie mich so verweint jetzt wiedersah.

Wie da die Vöglein singen durch den Wald!

Sing noch einmal das traurige Lied Du kennst's ja

Nur noch ein einz'ges Mal!

ELSBETH.

Denkt nicht daran!

GERTRUD leise vor sich hinsingend.

Mein Schatz hat mich betrogen,

Hat sich von mir gewandt,

Ist fort von hier gezogen,

Fort in ein fremdes Land.


O Ritter, laßt mich gehen

Auf diesen Felsen groß,

Ich will noch einmal sehen

Nach meines Liebsten Schloß.


Ich will noch einmal sehen


Man hört in der Ferne Trompetenklang.


GERTRUD aufspringend.

Dort sieh! es blitzen Reiter durch das Grün,

Die Rosse schnauben und die Helme funkeln

Belogen habt ihr mich, er ist nicht tot!

Sieh wie sein Helmbusch hoch im Winde flattert,

Sie lenken hier herauf was hältst du mich?

Es ruft und jauchzt den grünen Wald hinunter,

Der auf dem dunkeln Rosse dort ist mein![832]

Mein Herz wird mir so munter,

Der muß mein Liebster sein!


Sie reißt sich von Elsbeth los, und stürzt in den Abgrund.


ELSBETH.

O Gott! Hülft niemand mir in diesem Jammer?


Sie eilt hinab.

Graf von Kyburg, Hermann Gans, Johann von Schönfeld, König und Zenger treten auf.


GRAF KYBURG.

Verdammtes Bauervolk, das sich wie Unkraut

Um Sporn und Bein schlingt und am Mantel zerrt,

Man kann nicht schreiten ohn es zu zertreten!

SCHÖNFELD.

Ei, ei.

HERMANN GANS.

Hier haben wir dem flücht'gen Landvolk

Den Vorsprung abgewonnen nun berichte

Umständlich, Zenger, wie's im Lande steht.

ZENGER.

Es steht fast gar nichts mehr, mein alter Herr.

Denn kaum erscholl nach Polen hin die Kunde,

Daß Plau'n das Schwert gelegt aus seiner Hand,

So brach der König Jagjel, wie ein Tiger,

Aus seinem Hinterhalt, wo's keiner dachte,

Und würgt' durchs Land hin bis gen Marienwerder.

Vor mir, so weit das Auge reicht', bedeckte

Verworrne Flucht das Feld, und hinter mir

Sah ich vom Wald Rauchsäulen zahllos steigen.

HERMANN GANS.

Die ganze alte Konfusion schon wieder!

Was nun, ihr Brüder? Sprecht, was nun?

SCHÖNFELD.

Ei, ei

KÖNIG.

Ich eil nach Hause, für den schlimmsten Fall

Zu retten dort, was noch zu retten ist.

GRAF KYBURG.

Was wär denn hier zu retten, außerm Haupthaus!

KÖNIG.

Leicht vornehm tun! was hast du zu verlieren?

GRAF KYBURG.

Was du vielleicht nicht hast: die Ritterehre,

Die auf der Spitze ruht von diesem Schwert!

Schon einmal blitzt' es die Polacken nieder,

Und fegt sie wohl auch diesmal wieder heim!

SCHÖNFELD.

Ei, ei!

GRAF KYBURG.

Was hast du heut mit deinem Ei und Ei?

Ich schlag's entzwei, laß sehn, was da herauskriecht!

SCHÖNFELD.

Zerschlagen? He? 's kriecht mehr aus diesem Ei,

Als schlüg ich dir den blonden Dotter da

Von Kopf entzwei!


Er zieht.[833]


Komm her! Hab Lust dazu!

Den großen Meister umhaun, und zehntausend

Kleinmeisterlein gleich schießen aus der Wurzel

Und Krieg und Pestilenz! Ei, seht mir doch!


Er geht mit Graf Kyburg fechtend ab.


He, Friede, Ruh! Da kommen die Bauern schon wieder!

Das schnappt und kreischt und stößt nach uns wie Krähen

Was! sind wir Eulen denn? Seid doch gescheut!


Alle ab.

Mehrere Bauern kommen von der andern Seite.


ERSTER BAUER.

Da seht der Polack hat uns all beim Schopf,

Und die indes da raufen eins das andre!

ZWEITER.

Das lauft und stürzt! 'ne rechte Herrenkunst,

Wenn man vier Beine unterm Leibe hat!

Nach! Reißt herab sie!

ERSTER.

Still! dort kommt der neue

Hochmeister. Halt ihn an, der muß uns helfen!


Küchmeister mit mehreren Rittern tritt auf.


KÜCHMEISTER.

Es schlagen immer neue Flammen auf

Aus allen Wäldern rings, und donnernd bricht

Der morsche Boden hinter uns zusammen!

MEHRERE BAUERN.

Herr! rette, hilf uns!

KÜCHMEISTER zu einem von den Rittern.

Dort am Fuß des Hügels

Versammle, was im Walde flüchtig irrt,

Ich selbst reit mit dem Banner vor.


Zu den Bauern.


Zurück da!

ERSTER BAUER.

Du sollst nicht fort!

MEHRERE.

Du bist der Meister, schütz uns!

ERSTER.

Die Dörfer brennen und das Feld ist leer,

Das Leben gilt's nun, seht euch vor! der Hunger

Packt selbst den Wolf an und zerreißt ihn rasend!

KÜCHMEISTER.

Es geht die Not wild über alle weg

Und tritt den Knecht so wie den Herren nieder.

Wie soll ich helfen da! daß Volk und Orden

Zu einem Mann sich eisern fügt, das hilft!


Zu den Rittern.


Treibt die Unsinn'gen zu den Fahnen fort!

Sie sollen fechten, wenn sie leben wollen!


Die Bauern werden fortgedrängt. Währenddes tritt Walther von Merheim auf.


MERHEIM.

Herr, unheilvolle grauenhafte Botschaft![834]

KÜCHMEISTER.

Noch mehr? Was ist's?

MERHEIM.

Marienwerder brennt

Und aus den Lohen schwang der weiße Adler

Sich gen Marienburg auf.

KÜCHMEISTER.

Sie wagen's doch?

MERHEIM.

Schwarzburg mit seinen zweifelhaften Scharen,

Den sie umgangen an des Landes Mark

Er bleibt noch immer aus und keiner weiß,

Wohin er sich gewandt und was er sinne.

KÜCHMEISTER.

Sitz auf! reit Tag und Nacht bis du ihn triffst!

Ich, jetzt sein Herr und Meister, ließ' ihm sagen:

Es gölt Marienburg! Was er auch sinne,

Er soll den Todfeind rasch im Rücken fassen,

Ich dräng vom Haupthaus auf den König los!


Merheim ab.


KÜCHMEISTER zu den Rittern.

Fort, fort ins Tal nun laßt die Banner wehen!


Die Ritter von verschiedenen Seiten ab.


KÜCHMEISTER.

Brichst du schon jetzt herein, furchtbar Gericht,

Im finstern Wetterzug die Welt verdunkelnd?

O ständ ich ohne Schuld in diesem Graun!


Ab.


Quelle:
Joseph von Eichendorff: Werke., Bd. 1, München 1970 ff., S. 830-835.
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