Erste Szene

[863] Garten der Gräfin, wie am Ende des ersten Aktes. Leonard ruht, zum Teil von Zweigen verdeckt, schlummernd auf einer Bank, Adele tritt oben auf den Balkon heraus.


ADELE.

Noch ist es einsam rings auf Tal und Höhn,

Und wie ein scheues Reh schweift nur die Dämmrung

Leis durch die tau'ge Stille –

LEONARD erwachend.

Horch, was klang

So lieblich durch die Luft? – Schlief ich so lange?


Adele erblickend.


Wie! geht Aurora heut zo zeitig auf,

Eh noch die Stern am Firmament erblichen? –

Was hat sie vor in dieser Einsamkeit?

Laß sehn – ich tu, als schlief ich.

ADELE ohne ihn zu bemerken.

Wie so anders

Sahn Berg' und Garten aus bei dunkler Nacht!

Ich lag im Fenster lange noch und schaute,

Wie da der Mond durch finstre Wipfel ging,

Die flüsternd sich im leisen Winde neigten.

Da war's als trät ein Fremder aus dem Schloß

Und wandelt' schweigend durch die stillen Gänge,

Gleichwie in Ringen weit das Haus umkreisend.

Mich schauerte und schnell trat ich zurück. –

Doch durch die offnen Fenster rauscht's herauf

Die ganze, schwüle Nacht, es blitzt' von ferne

Und Nachtigallen schlugen – oft dazwischen

War mir's, als hörte ich fernab im Garten

Den fremden Sänger singen – und so träumt ich

Gar wunderbar, ich weiß nicht mehr wovon,

Doch war es wie ein unermeßlich Glück

Im Herzen mir, daß ich vor Lust erwachte. –

Wohl sind die Träume nur ein Widerhall

Von himmlischer Musik, die wir nicht kennen

Und die wie ferner Morgenglockenklang

Im roten Duft zerrinnt. – – Ja, rausch nur wieder

Du morgenfrischer Grund mit allen Wipfeln –

Ich komme! – Wer ist dort? – er scheint zu schlummern –

Der fremde Sänger ist's – ich geh hinein.


[863] Sie bleibt zögernd stehen.


Er schläft – nur einmal möcht ich recht ihn ansehn –

Ich kann es nicht, wenn er die Augen aufschlägt –

Als ruhte träumend unter stillen Bäumen

Der frische Morgen noch –

LEONARD.

O süßes Plaudern!

Wie früher Lerchen Lieder über mir,

Weckst du hell Morgenrot mir in der Seele!

ADELE.

Er spricht im Schlafe – von was mag er träumen? –

Nein, nein, ich weil nicht länger hier allein.


Sie will gehen.


LEONARD rasch aufspringend.

Hör, Mädchen, hör doch! bleib, nur auf ein Wort!

ADELE verwirrt.

Ich? – Ich wollt nur – ich sah nur nach dem Gärtner –

Was trieb so früh ins Freie Sie hinaus?

LEONARD.

Ich schlaf am liebsten unterm Himmelsbette,

Leicht mit dem Sternenmantel zugedeckt.

Es ist so schwül im Schloß. – Komm auch herab!

ADELE.

Hinab? – mich hütet eine strenge Herrin,

Wenn ich auch möcht, die Gräfin möchte schelten. –

LEONARD.

Die Gräfin, Jäger, Laufer, alle schlafen.

Das ist die rechte Zeit just, wenn die Rehe

Noch sorglos grasen in dem stillen Grund

Und alle Wälder, wie in Träumen, rauschen.

ADELE ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckend.

Oh, daß ein Mann so zu mir reden darf! –

LEONARD.

Kind, nimm doch nur die Hände fort! – Die Augen

Sind's gerade, die ich meine. Nur ein Weilchen

Will ich dicht vor dir stehen und hineinsehn. –

Wahrhaftig, dort stehn Leitern an der Hecke –

Bleib nur, ich hol mir eine schnell und steige

Zu dir hinauf!

ADELE.

Eh stürzt ich beide uns

Den Felsenhang hinab – zurück, Verwegner!


Sie wendet sich rasch, bleibt aber plötzlich in der Türe stehen und kehrt dann zurück.


Ich möchte nicht, daß wir im Zorne schieden –

Es ist so meine heft'ge Art nur – ach,

Ich weiß nicht, was ich spreche! –[864]

LEONARD.

Wär die Gräfin

So süß wie du! –

ADELE.

Wie? –

LEONARD.

Nichts. – Nenn mich auch: du!

Willst du? –

ADELE über das Geländer gebeugt, leise.

Leb wohl du unbescheidner Mann!

LEONARD ihr in Gedanken nachsehend, nach einer Pause.

Ich werd doch toll nicht sein und mich verlieben? – –

Dort schleicht der Komödiant, was will die Eule

In diesem Frühlingsglanz? Ich prügelt ihn,

Wär's eben nicht so fröhlich mir im Herzen!


Ab.


FLITT kommt lauernd, mit leisen langen Schritten hervor. Alles wieder still – wie Eidechsen fix entschlüpft in Laub und Ritzen vor dem Sonnenblick.

VICTOR zwischen dem Gebüsch den Kopf vorstreckend. Der schleicht um den Taubenschlag. Mir gerade recht! Ich kann keinen alten Fuchs sehen, ohne daß es mich gleich anficht ihn zu prellen.

FLITT ohne Victorn zu bemerken. Verliebte Kammerjungfern und Musikanten, kuriose Gräfinnen, heimliche Winke; Flüstern und Geheimnisse überall – gib acht, Flitt, gib acht, hier ist was zu machen – wenn ich nur erst wüßte, wo eigentlich Fortunas Haarzopf flattert in dieser Konfusion.

VICTOR. Ich will kein Jäger sein, wenn ich nicht alle diese mausigen Stoßvögel von Freiern an einen Narrenspieß stecke, um sie langsam am Feuer der Liebe zu braten.

FLITT wie oben. Diese falbe, nüchterne Morgenzeit ist mir die liebste für Gedanken, so an den stillen Erkern und Pfeilern hinzustreichen in der mausefarbenen Dämmerung. Er will weitergehen.

VICTOR. Nun frisch ans Werk, sonst geht er mir durch die Lappen! Hervortretend. Herr Flitt! Herr Schauspieldirekteur!

FLITT erschrocken. Was macht Er denn da für einen unverhofften rasenden Lärm! Man könnte den Tod haben vor Schreck so auf nüchternen Magen.

VICTOR. Desto besser, Herr Direkteur, desto besser! Ich bringe eben einen Schnaps, der soll Ihnen wohl bekommen.

FLITT. Schnaps? – Laß Er doch einmal sehen. –

VICTOR sich nach allen Seiten umsehend. Es belauscht uns doch niemand? –

FLITT. Recht so! Er ist ein verständiger Mann, ich möcht nicht,[865] daß uns die Damen dabei erwischten. Mädchen verstehn nichts vom Trinken – so einen Mund voll gemeines Wasser für den Durst, wie das liebe Vieh. –

VICTOR heimlich. Sie haben doch gestern nach Mittag die Gräfin unter dem Balkon gesehen?

FLITT. Schnaps trinken? – Nein, sie zeichnete mit der Reitgerte im Sande –

VICTOR. Aber was zeichnete sie? – Lauter Fl's, und einen Haufen Gedankenstriche dahinter! – Merken Sie etwas, Herr Flitt?

FLITT. Ich glaube wahrhaftig, das soll da der ganze Schnaps sein! –

VICTOR. Ja, und als Sie hinzutraten, verwischte sie alles schnell wieder mit ihren Füßchen.

FLITT. Ah pah! Ich hätte Ihn auch für gescheiter gehalten. Mich deshalb in meinem Nachdenken aufzuhalten! In der Morgenstunde, mein Freund, da rekapitulier ich mir den ganzen kommenden Tag und übe mir ein wenig die Zukunft ein.

VICTOR. Da hören Sie doch nur weiter! Die Gräfin weiß gar wohl, daß Sie alle Abend einsam dort an der letzten Laube des Gartens spazierengehen.

FLITT. Sie weiß? – Fataler Streich! Die Damen im Schloß können den Tabakrauch nicht vertragen, da pflege ich denn dort abends an der Laube meine Pfeife ins Gesicht zu stecken, um die Mücken zu vertreiben.

VICTOR. Aber die Liebesmücken sind gerade wie versessen auf Tabak. Leise. Die Gräfin – es bleibt unter uns – die Gräfin wird heute abend um zehn Uhr, mit einem Schleier über dem Gesicht und einen Nelkenstrauß an der Brust, allein an der selben letzten Laube lustwandeln. – Nun Sie verstehen mich –

FLITT. So? – Mit einem durchdringenden Blick auf Victor, nach einer kurzen Pause. Hör Er, guter Mensch, Er sieht verteufelt pfiffig aus. –

VICTOR. Bitte recht sehr! bloß als Futteral für die Ehrlichkeit, damit sie sich nicht so schnell abnutzt.

FLITT. So? – Aber wie ist Er denn zu allen diesen Neuigkeiten gekommen? –

VICTOR heimlich. Herr Flitt – aber verraten Sie mich nicht, sprechen Sie kein Wort mit ihr darüber – die Kammerjungfer hat mir alles vertraut.[866]

FLITT. Die? – In der Tat, das läßt sich hören. Sie ist eine Jungfer von Erfahrungen, ein vertrauliches Geschöpf. – Nun, mein Freund, Er sucht in den Taschen. Verschwiegenheit – also um zehn Uhr? – schuldige Dankbarkeit – ich werde unvergessen sein. – Er drückt dem Victor ein Geldstück in die Hand.

VICTOR in die Hand blickend, für sich. Bei Gott, ein alter, abgescheuerter Kupferkreuzer! Laut. Nicht doch! was denken Sie von mir, Herr Flitt? nicht um schnöden Lohn –

FLITT. Mache Er doch keine Umstände.

VICTOR. Aber –

FLITT ihn fortdringend. Nur keinen weitläuftigen Dank! behalt Er doch nur, ich geb es gern, in der Freude des Herzens greift man aufs Geradewohl ins Volle und berechnet nicht erst lange. –


Victor ab.


Besser konnte ich den Knopf von meinem alten Rock nicht losschlagen, er wird denken, daß ich mich in der Wut der Großmut vergriffen habe! – Auf und nieder gehend. Hm – Laube, Schleier, Nelkenstrauß – das gibt einen Vers, aber es reimt sich nicht. – Und doch – sie scheinen mich hier für einen andern zu halten; es ist das Los großer Geister, verkannt zu werden! – Und diese Aufmerksamkeit der Gräfin gegen mich, diese heimlichen kurzen Blicke unter den langen Augenwimpern wie Schlagtriller. – Was ist denn das? bin ich denn so schön? Das hat mir doch noch niemand nachgesagt. – Nun, Amor ist blind, so kann ich selbst wohl auch ein Auge zudrücken über meiner roten Nase, und mit dem andern über meine schmalen Beine hinwegsehen, das ist Geschmackssache. – Ja – ich komme zu der angenehmen Laube! – Er will gehen, bleibt aber plötzlich erstaunt stehen. Was hat das zu bedeuten? Da steigt leibhaftig der Knoll auf wie ein Orkan! – Was ist das für ein fruchtbares Jahr, treibt unversehens solche fette Schwämme hier aus dem Boden! ich kann ihm nicht mehr entwischen, eher weicht man einer Windmühle aus. –


Knoll im Sonntagsstaate tritt mit Bücklingen auf.


FLITT. Aber sag mir, Knoll, welches unverhoffte Wiedersehen – das ist ja ein Vergnügen zum Teufelholen!

KNOLL. Ich bitt um Exkommunikation – ich konnte nicht unterlassen, mich nach Ihrer gnädigen Gesundheit zu erkundigen.[867]

FLITT. Gesundheit? – Hm, man muß eben zufrieden sein, schlaflose Nächte, eine gewisse Unlust zum Arbeiten, brennender Durst – das alte Übel. – Aber nun, allerliebstes kleines Spaßvögelchen, nur heraus, was willst du eigentlich hier? brennen dich die Würfel in der Talggrube deiner Faust? bringst du die Kreidetafel im Schubsack? –

KNOLL. Gott behüt mich! Solche Lumperei! Alles in den besten Händen!

FLITT. In der Tat, du bist ein höfliches, ein honettes Ungeheuer.

KNOLL. Oh, ich möchte mich selbst in die Nase beißen, daß ich so ein Esel war, Sie für meinesgleichen zu halten. – Aber das geringe Gefolge, Ihr ganzer Parapluie –

FLITT. In summa, Knoll, du hast heute schon am frühesten Morgen zu schwer geladen, tue mir daher den Gefallen und schieß dich hier bald wieder ab, alte Fleischbombe.

KNOLL. Geruhen Sie sich doch nicht länger mit Verstellung abzustrapazieren, ich weiß es ja doch. – Mein alter Freund, der Gärtner hier, hat mir alles erzählt.

FLITT. So? – von mir? – der Gärtner? – Höre, guter Knoll, sag mir doch einmal aufrichtig, wie hat dir denn der Gärtner eigentlich die ganze Geschichte erzählt? – Es interessiert mich, wie die Leute hier die Sache nehmen. –

KNOLL. Euer hochgräflichen Gnaden wollen untertänigst verzeihen – ich darf nicht so viel aus der Schule schwatzen – Euer Gnaden wissen's ja doch am besten.

FLITT. Ja – leider wahrhaftig. – Vornehm. In der Tat, mein guter Knoll – ich sehe wohl – was soll ich's länger leugnen – meine Stellung hier unter diesen Jungfrauen –

KNOLL. Will's Gott, bald junge Frauen.

FLITT. Ja – die Gräfin liebt mich. –

KNOLL. Der gute Gärtner sagte –

FLITT rasch. Was sagt er? – Sich verbessernd. wollt sagen: inwieweit hat dir der Gärtner auch über diesen Punkt nähere Mitteilung gemacht?

KNOLL. Der Gärtner sagte schon oft: Es ist hier nicht länger mehr auszuhalten so unter uns Mädchen, es fehlt ein Herr, damit endlich auch auf dem Schlosse einmal eine soliderische Wirtschaft an fängt.

FLITT. Man kann das dem Manne nicht verdenken – ja, es wäre eine schöne Wirtschaft! –[868]

KNOLL. Der alte Gärtner kennt seine Gräfin, sie liebt das Rumorantische – er meint, wenn Ew. hochgräflichen Gnaden da schnell zufahren wollten wie der Ochs ins Heubündel – so eine Überraschung, eine kleine Entführung –

FLITT. Wahrhaftig, der Gärtner ist nicht so dumm wie er aussieht! Auf und nieder gehend, für sich. Laube – hochgräfliche Gnaden – Nelkenstrauß – Laut zu Knoll. Hör, Knoll, wir rechnen auf deine Anhänglichkeit –

KNOLL. Wie Pech, gnädiger Herr. – Ich hoffe, Ew. Gnaden werden auch dann den armen ehrlichen Knoll nicht vergessen, wenn einmal –

FLITT. Man wird deine vergangenen Gefälligkeiten nach deinen zukünftigen Diensten zu belohnen wissen. – Gold wie Treue, Knoll, aber vorher: treu wie Gold! –

KNOLL. Gold, Gold!

FLITT. Gut also – kennst du die letzte Laube dort an der Abendseite dieses Parks?

KNOLL. Ja, wo das kleine Pförtchen aus dem Garten in den Wald führt.

FLITT. Ganz recht. Nachdem er sich nach allen Seiten umgesehen hat, leise. Dort wird die Gräfin heut abend um zehn Uhr heimlich mit mir – Du verstehst mich –

KNOLL. Versteh, verstehe, ein heimliches bete a bete.

FLITT. Der Platz ist einsam, abgelegen – auf was soll ich warten? Durch Verschieben kann leicht alles wieder verschoben werden. – Wenn du um zehn Uhr im Walde deine Pferde und Wagen bereithieltest –

KNOLL. Und die Gräfin daraufgesetzt und zickzack mit ihr fort durch die Nacht und den Wald –

FLITT. Nach deinem Hotel, daß sie nicht weiß, wie und wo sie hingekommen! – Nun willst du?

KNOLL. Parasol d'honneur, ich bin dabei! Solche lustige Einfälle und Fasanerien sind mir gerade recht bei Tag und bei Nacht! ich will am Pförtchen zum Signal wie ein Uhu pfeifen, oder wie eine Rohrdommel – das soll einmal ein Jubiläum geben diese Nacht!

FLITT. Still, ums Himmels willen still! – geheimer Anschlag steht auf hohlem Boden, da darf man nicht so massiv drauf herumtrampeln, sonst gibt es eine Resonanz. – Kurz: die Sache ist abgemacht, und nun gehe, sie dürfen uns hier nicht zusammen sehen.[869]

KNOLL. Ich verstehe – Punkt zehn Uhr im Walde – empfehle mich in Ihre hohe Profession. Ab.

FLITT. Das ist die Beutelschneiderei, denk ich; hat allerdings ein hohes Ziel, daß der längste Kerl mit den Fußspitzen den Boden nicht erreicht. – Aber wozu halten sie mich hier gerade für einen Grafen? und wozu will man mit aller Gewalt gerade diesen Grafen heiraten? – Gleichviel! wer viel grübelt, fällt zuletzt selbst in die Grube. Die Grafenkrone sitzt mir verdammt schief und wacklig, ich muß die Zeit benutzen, ehe der Wind umschlägt und sie mir wieder vom Kopfe reißt. – Was kann mir geschehen? Will mich die Gräfin wirklich, so ist es gut. Will sie mich nicht, so – ist es auch gut; so muß ich das geheime Rendezvous samt der Entführung mit dem Mantel der Verschwiegenheit bedecken, wenn ich Lust habe; und dieser Mantel muß, wenn ich dazu Lust haben soll, so reich mit Gold gestickt und so ungeheuer weit sein, daß ich mich und Knolls dicken Bauch bequem dareinwickeln kann. – Aber nur sachte, Flitt, nur vorsichtig! diese vorwitzige, schnippische Kammerjungfer darf nicht in der Nähe sein. Alle das müßige Gesindel, welches hier, wie die Fledermäuse, durch die Dämmerung schwärmt, muß ich um die zehnte Stunde auf die entgegengesetzte Seite dirigieren. – Laß sehen, da kommt gleich einer. –

LEONARD tritt auf.

FLITT. Guten Morgen, Herr Florestin.

LEONARD. Morgen, morgen!

FLITT. Nein, guter Rat darf nie zu morgen verschoben werden; noch ein paar solche Morgen – wie vorhin da vom Balkon – geben sonst wahrhaftig gar bald eine gute Nacht. –

LEONARD. Also: gute Nacht! – wie Sie wollen. Er will gehen.

FLITT ihn zurückhaltend. Nicht doch, mein Bester! ich meine es wahrlich gut mit Ihnen und mein Rang, meine Verhältnisse berechtigen, ja verpflichten mich einigermaßen – doch, was rede ich da in meinem freundschaftlichen Eifer! – mein Herr, ich rechne auf Ihre Diskretion –

LEONARD für sich. Der Kerl ist wahrhaftig imstande, sich selbst für mich zu halten! – Laut: Genieren Sie sich nicht, wenn Ihnen bei Ihrem Inkognito die Haut zu enge wird, fahren Sie immer ein wenig mit dem Ellbogen heraus.

FLITT erschrocken nach seinem Ärmel sehend, für sich. Ellbogen heraus? – dacht ich doch wirklich schon wieder – Laut. Nun,[870] ich wollte nur sagen, daß ich hier im Schlosse, wie Sie wissen, auf ziemlich gutem und festem Fuße stehe.

LEONARD. Ja, vor der Mahlzeit.

FLITT. Wir haben uns da unverhofft ganz aus unserm ursprünglichen Diskurs herauskomplimentiert. – Was war es doch? – Ja – Sie unterhielten sich, wenn ich nicht irre, vorhin mit der Kammerjungfer. Schätzen Sie dieses Frauenzimmer? –

LEONARD. Nein, denn ich will sie nicht kaufen, wenn sie nicht umsonst mein Schatz werden mag.

FLITT. Freundchen, sein Sie auf Ihrer Hut – Freundchen! Sie ist eine falsche Münze – entre nous – auf jeder Seite das Bild eines andern Potentaten. –

LEONARD. Entre nous? – Allerdings, wenn sie zwischen uns beiden steht – und bei dem einen, deucht mir, kommt schon das Kupfer aus der Nase. –

FLITT. Möchten Sie nicht die Güte haben, mich gelassen anzuhören? und, wenn Sie mir nicht glauben, sich heut abend um zehn Uhr gefälligst dort an die Morgenseite des Parks, unter die hohen Linden zu verfügen? –

LEONARD. Nun geschwind, was soll's?

FLITT. Was es nicht sollte. – Ich saß zufällig im Gebüsch – sie merkten mich nicht – da verabredete die Kammerjungfer auf heut abend zehn Uhr ein Stelldichein unter jenen Linden mit dem Flötenspieler Arthur.

LEONARD ihn an der Brust fassend. Das lügst du, feiger Schleicher!

FLITT. Ei was der Tausend! Lassen Sie mich los, lassen Sie mich gleich los! – Und just! ich bleibe dabei, ich schrei es durch den ganzen Garten: sie hat ein gutes Herz, ein großes Herz, wie ein Wirtshaus!

LEONARD. Mensch, ich erwürge dich, wenn du nicht gleich auf deinen Knieen bekennst, daß du ein schimmlichter schäbiger Schuft bist.

FLITT. Auf den Knieen? – Nimmermehr! Stehend – will ich – –

LEONARD. Nun möchtest du wohl die Güte haben? –

FLITT noch immer von Leonard festgehalten, kniet nieder. Ich bekenne, daß ich ein Schuft –

LEONARD. Nein, ein schimmlichter –

FLITT. Ein schimmlichter, schäbiger Schuft bin –

LEONARD ihn loslassend. Amen! denn da kommt eben jemand – ich empfehle mich in Ihr gütiges Andenken! Ab.

FLITT aufspringend und hinter Leonard ein Schnippchen schlagend. Und[871] er geht doch heut abend unter die Linden! – Seht doch! – Ja schüttle nur, droßle nur, du tapferer auf der Gurgel spielender Musikant, du! – O ja, Tapferkeit! eine ochsige, eine stoßige Tugend, wenn's Hirn ins Horn geschossen ist!

ADELE rasch auftretend. Was für ein wüster Lärm! ist alle Zucht denn hier entflohen? Von dem widerwärtigen Schalle werden rings die Echos wach, wie Janhagel, wenn Trunkne durch die Gassen ziehn!

FLITT. Nur zu! nur immer zu, mein muntrer Stier! – laß Sie mich jetzt, Jungfer, und menge Sie sich nicht drein. – O ich will dir einen Popanz vorhalten von roter Liebe und gelber Eifersucht – stoß nur drauf zu, daß dir dein Notenkasten von Schädel wackelt!

ADELE. Aber, bester Herr Flitt, was ist Ihnen denn widerfahren, warum sind Sie auf einmal so wütend geworden? – Und wie Sie aussehn! Der Hut auf der Erde – was gibt es denn? Herr Florestin eilte eben ganz verstört von Ihnen.

FLITT sich sammelnd indem er den Hut aufsetzt. Tat er das? – Ich kann es ihm nicht verdenken, gar nicht, ja das kann eine schlimme Geschichte werden, aber ich frage nichts darnach.

ADELE. So sprechen Sie doch nur.

FLITT. Man spricht nicht gern von so etwas, es ist nicht meine Art, zu prahlen. – Pah, eine Kleinigkeit – Herausforderung –

ADELE. Wie! mit Florestin?

FLITT. Ja, er tut mir leid, aber er wollte es nicht besser haben.

ADELE. Aber was brachte Sie denn so aneinander?

FLITT. Aneinander? – Eine Jungfer darf nicht alles wissen. – Es wird sich abends alles ausweisen, dort unter den hohen Linden – o ich wollte, die zehnte Stunde wäre schon da!

ADELE. Was, ein Duell um zehn Uhr! da ist es ja schon finster.

FLITT. Finster oder nicht, mir alles gleich! Glaubt Sie denn, daß die Tapferkeit sich vor Gespenstern fürchtet? ich brauche nicht mehr Mondschein, als auf meiner Degenspitze Platz hat, um sie meinem Gegner in das Herz zu stoßen. – Es sind noch keine vier Wochen hin, denk ich, da hatte ich auch einen solchen Milchbart vor der Klinge, Locken an den Schläfen wie ein Merino und Ringe in den Ohren. – Auf Ehre, dachte ich, das lohnt nicht, so in Milch und Blut zu stoßen, das hält keinen Stich. – Es war im Walde, er legt sich in die Parade, er fällt aus, sticht rechts und links um sich. Ich lasse das gut sein, vigiliere immerfort auf sein Ohrläppchen,[872] dränge ihn endlich an einen Baum und stoße plötzlich durch seinen Ohrring in den Baum hinein, daß die Degenspitze von der andern Seite des Stammes wieder herauskommt. – So spickte ich ihn an wie einen Schmetterling, und wenn ihn nicht jemand losgemacht hat, so hängt er noch heute.

ADELE für sich. O ich wünschte, er hinge lieber selbst an beiden Ohren! Laut. aber Herr Flitt, das sind gewiß nur kleine Mißverständnisse mit dem Florestin, gibt es denn gar kein anderes Mittel? –

FLITT. Zu spät, gute Jungfer, alles zu spät, auf Ehre, er hat einmal mein Wort! Blut will ich sehn, Blut, sag ich, Blut! – Schade in der Tat um den jungen Menschen, er sähe nicht übel aus, wenn er nicht so einen gewissen sentimentalen, einfältig hängenden Zug am rechten Mundwinkel –

ADELE rasch. Das habe ich nie bemerkt, Herr Flitt, das ist nicht wahr, das – Schlägt, plötzlich abbrechend, die Augen nieder.

FLITT. Nun, es kann auch vielleicht der linke Mundwinkel sein. – Was geht denn aber Sie Herrn Florestins Mund an? Sie wird ja über und über rot. –

ADELE. Ich? – o nein – ich wollte nur – o Gott, ich weiß vor Verwirrung nicht mehr was ich rede! verwünschte Maskerade! Sie eilt fort.

FLITT. Na, die geht auch zu den Linden! Verliebte und Verrückte sind leicht zu betrügen, sie gehen beide geradeaus auf ihre fixierten Ideale los – dem Himmel sei Dank, ich bin niemals sonderlich verliebt gewesen! – Nun muß ich noch den Flötenspieler und den Schlender haranguieren, damit sie mir nicht etwa wie die wilden Gänse in mein Wachtelnetz hineinfliegen und mir die Maschen verwirren. Ab.

VICTOR tritt auf. Aha, da streicht der alte Fuchs hinter seiner spitzigen Nase her ins Garn hinein. – Den Schlender hab ich auch schon um zehn Uhr zur Laube bestellt, und gleich darauf werfe ich die nämliche spanische Fliege dem Schreibesel Fleder hinter die langen Ohren, das zog vortrefflich, lauter philosophische Blasen. Ich sah ihn soeben voller Nachdenken vorüberschreiten. – »Aber der Auftrag, das Vertrauen des Herrn Präsidenten!« sagte er zu sich selbst und blieb mit verschränkten Armen stehn, »wie, und ist es nicht des Mannes höchste, älteste Pflicht, sich Raum zu schaffen in der Welt[873] zu edlem, großem Wirken?« – der kalekutische Hahn im nahen Hühnerhofe gollerte eben dazwischen – da schritt er stolz weiter, stand wieder still und sprach: »Warst du nicht eher Mensch, als Hofrat, Fleder? – Die Liebe kennt Präsidenten nicht, und ist sich selber König!« – – Ja, Ew. Majestät, es werden noch ein paar solche Monarchen im Dunkel eintreffen, und blutige Kronen dürften nicht rar sein. Ab.


Quelle:
Joseph von Eichendorff: Werke., Bd. 1, München 1970 ff., S. 863-874.
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