Zweite Szene

[874] Anderer Teil des gräflichen Gartens. Flitt und Schlender sitzen an einem Tisch, auf welchem Weinflaschen und Gläser stehen.


FLITT. Nunc est bibendum, nunc pede libero pulsanda tellus! – Aber du verstehst nichts von der klassischen Literatur, als bibendum.

SCHLENDER. Was heißt das andere zu deutsch?

FLITT. Das heißt: wir sind bei Hofe hier, so müssen wir denn auch die Hofetikette beobachten und uns einen Haarbeutel anhängen. Er trinkt.

SCHLENDER trinkend. Die sind hier wohlfeil. – Aber höre, Flitt, wenn du so früh anfängst, siehst du nachher den ganzen Tag aus wie ein feuriges Gewitter.

FLITT. Desto besser! du bist mein Blitzableiter, in den alle Witze einschlagen. – Trinkt. Hol der Teufel das vornehme Leben, die Langeweile trocknet aus und macht durstig; ich glaube, mir wachsen schon schnöde Pilze auf meinem guten Humor.

SCHLENDER. Ja, war das heut früh nicht ein Gekicher und Spektakel unter den Damen, als ich mein Kompliment machte und mir ein paar lumpige Federn im Haar und Rock hingen, weil ich mich gestern abend aus Versehen im Frack zu Bett gelegt hatte!

FLITT. Ja, und ist es nicht gescheuter, wenn dir ein Bauer mit allen fünf Fingern durch den Schopf fährt und dir den Rock am Leibe ausklopft, ohne sich erst lange nach einem Trinkgeld dafür umzusehen?

SCHLENDER. Ach, was Bauer! So ein Mensch ist ein Esel wie ich, da geht alles natürlich zu, aber so eine Dame –

FLITT. Die sich schämt, ein Mensch zu sein. – Er trinkt. Hol's der Teufel! Nichts als Finten und Schwermut in der Welt!


[874] Er singt.


Einstens, da ich Lust bekam,

Mir zu freien eine Dam –

Wie geht es doch weiter? Stimme mit an, Schlender!

SCHLENDER. Ja, ja, das Lied von des guten Kerls Freierei! So ein Rundgesang muß recht vornehm klingen hier in dem Park.


Beide singen.


Einstens, da ich Lust bekam,

Mir zu freien eine Dam,

Und sie freundlich fragte,

Ob ich ihr auch wohlgefiel;

»Wahrlich nicht besonders viel!«

Sie gar spöttisch sagte.

FRIEDMANN eilig eintretend. Aber um Gottes willen, meine Herren, wo denken Sie hin? So ein Spektakel, hier im Garten, bei hellem lichtem Tage!

FLITT. Ei, ei, ei, Friedmann, das hätt ich nicht geglaubt von Euch. – Bei hellem Tage? – Wann soll man denn singen? – O nein, guter Gärtner, das Nachtschwärmen ist nicht für moralische junge Leute, laßt solche liederliche Gedanken, geht in Euch, alter Mann, geht in Euch!

SCHLENDER. Ja, geht!

FRIEDMANN. Wahrhaftig, ein ehrbarer Lebenswandel würde Sie besser kleiden.

FLITT. Kleiden! Seht Ihr wohl, schon wieder! –

SCHLENDER. Ja in der Tat, schon wieder!

FRIEDMANN rasch und empfindlich zu Schlender. Was denn schon wieder, Herr Musikant?

SCHLENDER zusammenfahrend. Na, was weiß ich denn! – Erschreckt einen doch nicht so, unvernünftiger Mensch!

FLITT. Ruhe, Ruhe da! – Besser kleiden, sagtet Ihr, Friedmann? Schämt Euch, eitler Greis! Ein Philosoph gibt nichts auf Kleider, große Männer haben große Blößen.

FRIEDMANN. Nun, ich will nicht prophezein – aber wenn die Gräfin erfährt – sie könnte sich wohl besinnen –

FLITT. Oho! Er singt.


Daß im Wald finster ist,

Das machen die Birken,

Daß mich mein Schatz nicht mag,

Das kann ich nicht merken.[875]

SCHLENDER singt.

Nein, das kann ich nicht merken!

FRIEDMANN. Das wird nun eine gute Geschichte, da kommt sie selbst dazu.

ADELE rasch auftretend. Sie, Herr Flitt! – Ich dürfte wenigstens bei Ihnen mehr gute Lebensart voraussetzen.

FLITT. Gute Lebensart? Wir leben hier ganz gut.


Er singt, während Schlender wieder mit einstimmt.


Ich sprach wieder: »Bin ich nicht

Ein gut' Kerle, gebt Bericht!«

Drauf fragt sie mich wieder:

Was denn ein gut' Kerle wär?

Ich sprach: »Setzt Euch unbeschwert

Etwas zu mir nieder.«

ADELE. Ich mich noch zu Euch hinsetzen? Nein, wahrhaftig, ich weiß nun genau, was so ein guter Kerle ist, ich will ein Loblied auf ihn singen.

FLITT. Ja, tunk da erst dein Schnäbelchen mit ein, dann singe.

SCHLENDER. Ja, tunke Sie!

ADELE zu Friedmann. Was fangen wir mit ihnen an?

FRIEDMANN. Ich habe die Herren schon gebeten, sich zu moderieren, aber –

ADELE. Oh, ich möchte lachen, wenn ich vor Ärger könnte! Zu Flitt: Nun, das ist wahrlich der Anfang vom Ende, es soll rasch alles klarwerden! Ab, während Friedmann achselzuckend an ein Beet tritt und sich mit den Blumen beschäftigt.

FLITT und SCHLENDER singen.

»Wollt Ihr nun, so ist es klar,

Und wir werden bald ein Paar«,

Drauf spricht sie gar sachte:

»Ihr mögt mir nach allem Schein

Gar ein guter Kerle sein«;

Schmunzelt drauf und lachte.

FLITT plötzlich aufspringend. Silentium! dort kommt wahrhaftig die Gräfin her! – Geschwind, decke die Batterie, Schlender, unterhalte die Gräfin, bis die Flaschen unter den Tisch gebracht sind!

SCHLENDER. Laß du mich nur machen.


Er geht ab, während Flitt den Tisch abräumt, und kehrt dann mit Flora im Gespräch zurück.


FLORA. In der Tat, ich verstehe nicht recht was Sie meinen –[876]

SCHLENDER. Ha, ich verstehe, ich verstehe! – Dort nahen kalte Menschen – o niemals soll das zudringliche Maul des Tages belauschen, was das plauderhafte, gefühlvolle Ohr der Nacht –

FLORA. Wie? –

FLEDER tritt von der andern Seite auf. Guten Morgen, meine Gnädigste! Geheimnisvoll mit zärtlichem Nachdruck. O könnt ich guten Abend sagen schon!

FLORA. Guten Abend schon? da fingen wir ja den Tag von hinten an.

FLEDER. Gleichviel, schöne Gräfin, gleichviel – es gibt keine Zeit, wo ein glückliches Herz schlägt.

SCHLENDER. Ja, da fängt die unsterbliche Ewigkeit an!

FLORA welche beide verwundert angesehen, den Flitt bemerkend. O bester Herr Flitt, warum stellen Sie sich dort unter den Scheffel der Bescheidenheit? Ich bitte Sie, helfen Sie mir die beiden Herren hier aufhalten, sie nehmen eben einen Anlauf, über diesen Tag hinwegzusetzen.

FLITT. So plumpen sie jenseits in die Nacht. – Ich für meine Person begnüge mich, nur den Saum der Nacht leise umzuschlagen, wie ein Karbonaro seinen Mantel, wenn er auf heimliche Verbindungen ausgeht. –

FLORA. Wie, auch Sie? Aber weshalb sind Sie denn alle gegen diesen Tag so erbost?

SCHLENDER in Ekstase. Tag? – O der Tag, der zerstreuungsvolle Tag – er fährt –

FLITT dicht vor ihn tretend, leise. Du bekommst wieder deinen poetischen Stich, schweig, oder ich trete dir die große Zehe platt.

SCHLENDER wie oben. Laß mich! – Der verschwenderische Tag, er fährt mit seinem balsamischen Staubmantel über die tränenduftende Stirne der Nacht und läßt das Veilchen unzerknickt, weil noch das Lämpchen glüht, und wandle auf Tuberosen und Vergißmeinnichts! –

FLORA. Vortrefflich, wollen Sie sich nicht mit der Violine dazu akkompagnieren? Das ist ja wie aus einem Stammbuch, das der Wind durcheinanderblättert, von jedem Blatt eine Zeile.

FLITT leise zu Flora. Lassen Sie ihn schwatzen – ich puppe mich unterdes in einen Schleier, bis mich der Mondschein ausbrütet, wie einen Nachtfalter.

FLORA. Schleier? – was denn?[877]

FLEDER heimlich zu Flora. Ich lege die Hand aufs Herz und sage nichts, als – Nelke! –

FLORA. Nelke? – Für sich. Träume ich denn, oder sind sie alle hier vor lauter Müßiggang toll geworden?

SCHLENDER leise zu Flora. Ha meine Gedanken – alle stehn in jenem grünen Holz!

FLORA ihm furchtsam ausweichend. So lassen Sie sie nur stehen! Mit einer leichten Verbeugung gegen alle. Der Herr behüte Sie auf Ihren Holzwegen! Ab.

VICTOR zwischen dem Gebüsch hervorsehend. Ho, ho! hier ist, wie mir scheint, die Konfusion soeben im besten Humor. Laß sehen, ob ich sie aneinanderbringen kann. Er tritt vor. Was ist hier geschehen, meine Herren? Soeben eilte die Gräfin fort und prustete und nieste, blickte in die Sonne und nieste noch einmal.

SCHLENDER. Ja, Gott helf ihr! es gibt nächtliche Tageszeiten, wo keine Sonne scheint, und im Finstern geht der tugendhafteste Mensch darauf los, wie blind!

FLITT. Aber, Schlenderchen, Schlenderchen, du bist wahrhaftig zu voll, die Gedanken laufen dir schon über.

SCHLENDER. Was! ich mach mir nicht so viel aus ein paar lumpigen Gedanken! – O meine Wege sind nicht die deinigen!

FLITT. Nein, also geh du nur jetzt deiner Wege.

VICTOR leise zu Schlender. Wollen Sie das leiden? Er zeigt Ihnen –

SCHLENDER. Was zeigt er mir? Das sagen Sie mir einmal!-– Seht doch – ob ich leide oder nicht leide – und das geht Sie gar nichts an!


Er schreitet zornig über die Bühne auf und nieder.


FLITT sich vornehm zu Fleder wendend. Apropos, mein Lieber, werden Sie uns nicht einmal auf Ihrer Flöte etwas zum besten geben? Ich bin ein großer Gönner der Musik.

FLEDER. Ja, ich hoffe nächstens einen Ton anzugeben, der Sie in Erstaunen setzen dürfte. –

VICTOR leise zu Fleder. Besser, stärker angesetzt! blasen Sie die Backen auf wie auf der Drommete! –

FRIEDMANN sich von seiner Arbeit aufrichtend, zu Victor. Was ist denn das, wie sprechen denn die heute alle so verwirrt?

VICTOR auf die Stirn deutend. Hier – wißt Ihr noch nicht? – manchmal Anfälle –[878]

FRIEDMANN. Wie! eines unglücklichen Deliriums? –

SCHLENDER plötzlich vor Flitt stehenbleibend. Und nun fängt es mich erst recht an zu wurmen – und wenn ich einmal in die Courage hineinkomme –

FLITT. Hör Schlender, bei der Gelegenheit muß es endlich heraus. Ja, dieser gemeine Ton – diese gewisse Familiarität zwischen uns, das muß künftig ganz aufhören.

SCHLENDER. Was?

FLITT. Es gibt Lagen in menschlichen Verhältnissen – wo man aus gebührender Rücksicht auf seine Familie –

SCHLENDER. Ih herrje! lauter Bärenführer und Puppenspieler! – O ja, ich gehe, wer in Pech tritt, läßt leicht den Absatz drin stecken. Ich empfehle mich, Herr Don Tragödio dellas Comedias! Ab.

FLITT. Ich habe es lange prophezeit, er wird so lange schnapsen, bis er überschnappt. – Zu Fleder. Wie gesagt, wenn ich Ihnen vielleicht dienen kann – es geschieht nichts weniger als gern – meine Reisen – bedeutende Konnexionen – nun, wir sprechen weiter davon.

FLEDER. O ja, ich bitte, wenn es beliebt, so spät und weit als möglich. Für sich. Ich fürchte mich vor ihm – ganz der gläserne Blick des stillen Wahnsinns –

FLITT. Adieu, Gärtner! Ab.

FRIEDMANN mit einer tiefen Verbeugung. Untertänigsten guten Morgen! – Bei alledem doch ein recht humaner, herablassender Herr –

FLEDER erstaunt. Wie ist Ihnen denn, mein Guter? warum erweisen Sie diesem Manne so unverhoffte Ehrerbietung?

FRIEDMANN. Ich – diesem Herren? Schauspieler, wollt ich sagen. – In der Tat: man kann bei solchen Schauspielern niemals aus dem ersten Auftritt ihren letzten Abtritt voraussehen – heute mitten unter uns, morgen über uns. –

FLEDER. Abtritt? über uns? Zu Victor leise. Was ist denn das? – Sie müssen den Mann ja genau kennen – ich hoffe doch nicht? –

VICTOR ebenso. Wahrhaftig, ich kann nicht leugnen – sein Verstand fuselt bisweilen.

FLEDER zu Friedmann. Nun, nun, beruhigen Sie sich, schon gut, schon gut, es kann hier bald, ja über Nacht, manches anders werden, man wird gern Rücksicht nehmen – ich werde nie aufhören, Mensch zu sein.[879]

FRIEDMANN für sich. O Gott, er hat wahrhaftig soeben seinen Anfall! Laut. Möchten Sie nicht Ihre Flöte ein wenig vornehmen, vielleicht wird Ihnen besser? –

FLEDER. Besser? – Armer Mann!

FRIEDMANN. Ih! – Schade um den feinen Verstand!


Beide, sich voreinander scheuend, von verschiedenen Seiten ab.


VICTOR ihnen mit dem Hute nachschwenkend. Hetzoh, Hallali! das ist ein herrliches Jagdwetter heut! Und ist noch irgend Wahrheit in der Wahrscheinlichkeit, so erleben wir heut abend die kostbarste Prügelei, wenn die drei bei der Laube unversehens zusammenstoßen! Ab.

Quelle:
Joseph von Eichendorff: Werke., Bd. 1, München 1970 ff., S. 874-880.
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