Erste Szene

[880] Zimmer im Hause des Gärtners. Flora, als Offizier verkleidet, sitzt auf einem Stuhl, Marie kniet vor ihr und schnallt ihr die Sporen an.


FLORA.

Aber, Mühmchen, hast du auch recht vernommen?

MARIE.

Ich saß ja dicht hinter einem Strauch.

Sie wollen alle zur Laube kommen,

Graf Flitt und Schlender und Fleder auch,

Sie bilden wahrhaftig sich ein, die Narren,

Die Gräfin würd ihrer dort abends harren.

Pfui, das war ein Strecken und Blähn und Geschniegel –

Nichts langweil'ger, als ein zärtlicher Mann!

FLORA.

Ei nun, das kommt noch gar sehr drauf an,

Verliebte Augen sind lustige Spiegel,

Man sieht doch noch drin, daß man jung und schön.

MARIE.

Hm – da brauch ich bloß in den Brunnen zu sehn.

FLORA.

Aber hör, mit dem Victor – wie war das doch?

MARIE.

Mit dem? – Nun ich saß in dem Strauche noch,

Da schlich er durch den Garten ganz leise, leise

Und lacht in sich und blickt im Kreise,

Und ein Bündel trug er unter dem Arm,

Hauben und Bänder und Mäntel von Seiden,

Als wollt er seine Braut zur Hochzeit kleiden,

Alles zerknüllt, daß Gott erbarm! –

FLORA rasch aufspringend.

Es ist aber auch hier unausstehlich schwül![880]

MARIE.

Ei, 's ist gleich Nacht ja, es wird schon hübsch kühl.

FLORA an das offene Fenster tretend.

Ich bitt dich, Herzensmühmchen, so mach nur geschwind,

Und putze mich aus aufs allerbeste –

Draußen rührt schon der Abendwind

Vor dem Fenster die dunkeln Äste –

Der Springbrunnen rauscht, und die Sterne scheinen –

Was mag er nur mit dem Brautstaat meinen? –

MARIE mit Floras Anzug beschäftigt.

Der Victor? – Das blitzt wie von Edelsteinen!

Ein Offizier müßt's sein, wenn ich einmal freite,

All' andern sehn aus wie gemeine Leute.

FLORA.

Ich weiß doch ein Mühmchen, die auch Jäger gern mag.

MARIE.

Nein, die schmauchen mir gar zuviel Tabak!

FLORA.

So wendst du das Näschen und reichst ihm die Wange.

MARIE.

Wenn's der Victor just wär – ich besönn mich nicht lange,

Er hat einen recht hübschen Schnitt um den Mund.

Aber sein Schnurrbart spielt alle Farben,

Das zeigt auf Falschheit im Herzensgrund,

Ich möcht ihn nicht zum Liebhaber haben.

FLORA.

Nun weiß ich doch, wo seine Feinde zu sprechen.

Weil er kein Narrengesicht kann sehn

Ohne eine Nase daran zu drehn,

So möchten sie ihn nun alle mit den Nasen erstechen –

Oh, die ärgsten sind die Stillen im Lande,

Die schleppen so schwer an ihrem Verstande,

Daß sie nicht kommen zu Lust und Witz,

Sie möchten gern donnern, aber es fehlt der Blitz –

MARIE in Lachen ausbrechend.

Gefangen! Zisch aus! – Du wirst ja ganz wilde. –

FLORA.

Ach! was nur führst du da wieder im Schilde!

MARIE.

Hm ich denke nur so was mir eben gefällt. –

FLORA.

Du bist recht kindisch. –


Sie schnallt den Degen um, und setzt den Hut auf.


Nun frisch ins Feld,

Ich bin jetzt gerade im rechten Humor!

MARIE.

Aber was hast du denn eigentlich da draußen vor?

FLORA.

Rettung, Entlarvung, List, Händel, Rumor. –

Erst stell ich mich heimlich hinter die Laube,[881]

Bis sich die Bande versammelt zum Raube,

Dann brech ich als weitläuftiger Vetter vom Haus,

Der eben von Reisen kommt, plötzlich heraus,

Staun, frage, drück in die Augen den Hut,

Und wenn alles konfus recht, ruf ich voll Wut

Diener und Fackeln – und spieße verwegen

In der Luft so die Haube mit meinem Degen,

Die über dem Scheitel der Gräfin tut zücken.

Komm auch mit, lieb Mühmchen.

MARIE.

Das möchte sich schicken!

So unter Männern – in dem Gewirr!

FLORA.

Hüt dich! kluge Vögel werden am ersten kirr.


Beide ab.


Quelle:
Joseph von Eichendorff: Werke., Bd. 1, München 1970 ff., S. 880-882.
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