Adam Müller. Steffens. Görres

[783] Wenn Friedrich Schlegel, wie wir soeben gesehen, die göttliche Offenbarung im Leben in ihrer Gesamtheit zu erfassen strebte, so hatte dagegen Adam Müller auf diesem unermeßlichen Gebiete eine eigentümliche Domäne, ein spezielles Tagewerk sich abgegrenzt: gleichsam die Anwendung der Romantik auf die geselligen und politischen Verhältnisse des Lebens. Er sagt daher in seinen Vorlesungen über deutsche Wissenschaft und Literatur: »Die kritische Revolution in Deutschland, in der absolut wissenschaftlichen Einseitigkeit, in der sie sich bisher fast ausschließend gezeigt hat, konnte überhaupt deshalb keine große unmittelbare Wirkung auf die deutsche[783] Nationalität hervorbringen, weil sie in das Wesen der gleichzeitigen Bewegungen der Gesellschaft sowohl in ihren öffentlichen als in ihren Privatbeziehungen tätig und fortgesetzt einzugehen aus einem gewissen ganz unziemlichen Stolze verschmähte. Den Staat und seine gegenwärtige, keineswegs mit Verachtung zu übersehende Gestalt setzte sie mit idealistischer Selbstgenügsamkeit über die Seite. Natürlich mußte sie, anstatt ihre eigne Bedeutung zu erhöhen, durch den unmittelbaren Drang der gesellschaftlichen Not unserer Zeit überwältigt und dem absoluten Bewußtsein ihres eigenen Daseins überlassen werden.« Und wenn er dann weiterhin sagt: »Das ehrwürdige Wort Messe, in seinem deutschen Doppelsinn, deutet auf den uralten Bund des Handels und der Kirche, auf die noch ältere, auf die ewige Einheit des äußeren und inneren Daseins«, so hat er dadurch in der Tat Tiefe und Umfang seines ganzen Unternehmens scharf bezeichnet: eine wissenschaftliche Darstellung des Staats nämlich in seinem ewigen Bunde mit Religion, Poesie und Leben.

Wie er diese Aufgabe im einzelnen gelöst, können wir, ohne unsere eigene Aufgabe ins Unendliche zu erweitern und zu verwirren, nicht genauer nachweisen; wir wollten hiermit nur seinen Standpunkt und sein Verhältnis zur Romantik im allgemeinen andeuten. Ebenso müssen wir uns begnügen, zwei andere Koryphäen unserer Literatur, da sie nicht eigentlich Dichter sind, hier nur kürzlich zu bezeichnen, wir meinen: Steffens und Görres.

Steffens hängt mit den Romantikern nur in seiner begeisterten Jugend durch seine naturphilosophischen Forschungen zusammen, deren nicht so beiläufig abzufertigende Würdigung, wie die der Naturphilosophie überhaupt, einer anderen Ausführung vorbehalten bleiben muß. Er ist zwar später auch als Dichter aufgetreten, allein seine Dichtungen gehören nicht mehr der Romantik, ja kaum der Poesie an, sie sind im Grunde nur in poetische Form gekleidete Philosopheme und aphoristische Lebensansichten, wie Tiecks neueste Novellen. In seinen maßlos projektierten Erzählungen (die Familie Walseth und Leith, die vier Norweger usw.), die alles zugleich umfassen wollen, hat er niemals das philosophische Element zu lebendig poetischer Erscheinung, zu einem künstlerischen Ganzen zu bewältigen vermocht. Seine Aufgabe hier ist allerdings gleichfalls die Versöhnung von Religion und Leben;[784] aber nicht mehr auf der katholisch romantischen Grundlage. Denn wenn auch das positive Christentum überall die Basis bildet, so ist die Auffassung und Behandlung doch rein ins Subjektive hinübergesiedelt, in einen Pietismus, der teils spekulativ, teils als bloßes Gefühl sich kundgibt.

Bei weitem belebender und großartiger, als Steffens, hat Görres eingewirkt, und zwar durch eine in allen seinen Schriften ausgeprägte übermächtige Persönlichkeit, die das Grundprinzip der Romantik, die Vermittelung aller höheren Geisteskräfte mit der Kirche, in sich selbst darstellt. Eine oft divinatorische Phantasie neben wissenschaftlicher Tiefe, gründliches Wissen neben schneidendem Witz, eine unerschöpfliche Fülle von Poesie endlich, womit ein Dutzend Dichter von Profession sich überreich schätzen dürften – und das alles, wie es auch durcheinanderringt und sich zu kreuzen scheint, durch einen unwandelbaren Verstand, gleich den Gestirnen eines Planetensystems, um die ewige Zentralsonne wunderbar gruppiert und geordnet. Es ist die durch alle Geschichte der neueren Zeit gehende, rechte, wahre Romantik selbst, die hier, anstatt in bloßem Bild und Klang zu luxurieren, sich unmittelbar an den Tatsachen reflektiert. Überall daher, wo die nationale Entwicklung kulminiert, sehen wir Görres auf den Zinnen der Zeit, weckend, warnend, mahnend, züchtigend und weissagend, und – weil das eben nicht erlernt oder gemacht werden kann, sondern erlebt sein muß – auch, wie Friedrich Schlegel, in rastlos wachsendem Fortschritt begriffen.

So begrüßt er in der damaligen allgemeinen Verdumpfung der sozialen Verhältnisse, und zwar gleichfalls wie Fr. Schlegel von einem dem Ausgange scheinbar entgegengesetzten Punkte anfangend, die erste französische Revolution mit allem Zornesmut eines zwanzigjährigen Jünglings als das blutige Morgenrot einer größeren Zeit und schreibt in diesem Sinne sein »rotes Blatt«. Kaum aber hat er in Paris (wohin er gegangen, um sich über die Bedrückungen der französischen Beamten zu beschweren) hinter der Fahne der sogenannten neuen Freiheit den Verrat, die Habgier und den schamlosesten Egoismus lauern gesehen, als er mit derselben ethischen Entrüstung den trügerischen Nebel zerreißt und, der erste unter den Deutschen, in einer kleinen Schrift (»Resultate meiner Sendung nach Paris«) seine Landsleute aus ihren philantropisch-kosmopolitischen Träumen aufrüttelt. Später, da Napoleon sein[785] Schwert über Gutes und Schlechtes gelegt, strebt er, mit andern edlen Geistern, die Nation durch Mahnung an die große Vorzeit wach und kampfbereit zu erhalten, schreibt mit Arnim die »Einsiedlerzeitung« und läßt in seinen »Volksbüchern« die alten frommen Sagen und nationalen Heldengestalten, wie in einem wunderbaren Zauberspiegel, an der trostlosen Gegenwart vorübergehen. In und unmittelbar nach dem Befreiungskriege dagegen sehen wir ihn endlich in seiner vollen, feurigen Rüstung sich plötzlich wieder emporrichten, mit seinem »Rheinischen Merkur« durch eine bisher noch nicht erhörte Gewalt der Gesinnung und Sprache ganz Deutschland erschütternd.

So ist es überall das Ringen einer hohen, allem Gemeinen durchaus unzugänglichen Natur nach Freiheit. Schon hier aber und fortan immer tiefer begründet sich in ihm die Überzeugung, daß die Freiheit nur bei der Wahrheit, die unerschütterliche, weil von Gott selbst beglaubigte Wahrheit aber in der Kirche und mithin geistige wie politische Freiheit mit der Freiheit der Kirche identisch sei. Am vollständigsten hat er diese Gedanken niedergelegt in »Europa und die Revolution«, wo die wesentlich kirchliche Bedeutung aller Geschichte und der gesunde, volkstümliche Staat, in seiner Mission das Irdische und Göttliche zu vermitteln, als eine notwendig hierarchisch-monarchische Gliederung nachgewiesen wird. – Und von jetzt ab, nachdem er so Grund und Boden gesäubert und abgemarkt, stellt er zu Schutz und Trutz als geharnischter Hüter sich an die Grenzen. Während er in der Schrift: »die heilige Allianz und die Völker auf dem Kongreß von Verona« zunächst die von beiden Seiten wider jene feste Burg anprallenden Parteiwogen, die Gegensätze des demokratischen und monarchisch absolutistischen Prinzips siegreich gegeneinander aufreibt, verteidigt er andrerseits unmittelbar die Freiheit der Kirche – im »Athanasius« gegen die falschen Prätentionen des Staats, der die primäre Kirche als ein, gleich ihm, aus den sozialen Verhältnissen Entstandenes betrachten und folglich als ein Sekundäres sich unterordnen möchte – und in der »Wallfahrt nach Trier« gegen die alles unterwaschenden Gewässer des altklugen Rationalismus.

Kein neuer Schriftsteller hat die bedeutungsvolle Aufgabe unserer Zeit, die trügerische, blumenreiche Moosdecke über den faulen Sümpfen endlich zu durchbrechen und in religiösen[786] Dingen zwischen Ja und Nein sich resolut zu entscheiden, so tief erkannt und gefördert als Görres, ein nicht hoch genug anzuschlagendes Verdienst, das seinen Namen, mit jener geistigen Krise selbst, welthistorisch machen wird.

Quelle:
Joseph von Eichendorff: Werke. Bd. 3, München 1970 ff., S. 783-787.
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