Laß das Trauern

[99] Laß, mein Herz, das bange Trauern

Um vergangnes Erdenglück,

Ach, von diesen Felsenmauern

Schweifet nur umsonst der Blick.


Sind denn alle fortgegangen:

Jugend, Sang und Frühlingslust?

Lassen, scheidend, nur Verlangen

Einsam mir in meiner Brust?


Vöglein hoch in Lüften reisen,

Schiffe fahren auf der See,

Ihre Segel, ihre Weisen

Mehren nur des Herzens Weh.[99]


Ist vorbei das bunte Ziehen,

Lustig über Berg und Kluft,

Wenn die Bilder wechselnd fliehen,

Waldhorn immer weiterruft?


Soll die Lieb auf sonn'gen Matten

Nicht mehr baun ihr prächtig Zelt,

Übergolden Wald und Schatten

Und die weite, schöne Welt? –


Laß das Bangen, laß das Trauern,

Helle wieder nur den Blick!

Fern von dieser Felsen Mauern

Blüht dir noch gar manches Glück!


Quelle:
Joseph von Eichendorff: Werke., Bd. 1, München 1970 ff., S. 99-100.
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